Kranker Scheiß aus dem Leben einer Physiotherapeutin

Die Highlights einer Karriere zwischen Entspannungsübungen mit Leichen und dysfunktionalen Schließmuskeln.

von Anonym
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15 Juli 2015, 6:41am

Illustration: Fabian Pazem

Für all jene unter uns, die schon mal Rückenschmerzen hatten oder die wegen zuviel Fast-Food Anfang 20 schon Knieprobleme plagen, ist klar, was ein Physiotherapeut macht. Für alle Anderen: Ein Physiotherapeut kann dich Glauben machen, dass Geburtsschmerzen Kleinigkeiten sind im Vergleich zu dem heißen Stechen, was deinen Körper durchfährt, während ich oder meine Kollegen deine Gliedmaßen malträtieren. Damit du irgendwann nicht komplett invalide bist.

Es ist mein Job, Leute zu bewegen und meine Freunde anzumeckern, wenn sie schief laufen. Mein Freundeskreis sieht mich mitunter als Folterknecht und versucht, körperliche Gebrechen vor mir zu verbergen. Aber das ist OK, es ist meine Passion und ich bin wie Sherlock, wenn es um die Wehwehchen meiner Mitmenschen geht.

Wer glaubt, dass Physiotherapeuten nichts anderes sind, als besser entlohnte Masseusen, liegt falsch. Abgesehen davon, dass man alles andere als gut bezahlt wird, geht man drei Jahre auf eine Berufsschule, gibt all sein Geld für teure Bücher mit Bildern von Skeletten drin aus und lernt sich den Arsch ab, um dir am Ende sagen zu können, warum dir deine dämlichen Twerk-Versuche auf Dauer eine Hüftdysplasie bescheren werden.

Was ich allerdings nicht gedacht hätte ist, dass ich während der Ausbildung Dinge zu sehen bekomme, die du sonst wirklich nur in den finsteren Ecken des Internets findest. Oder vielleicht auf Fetisch-Partys. Du hast das Bild von deinem Physiotherapeuten im Kopf ? Der lockere Hippie-Typ mit Birkenstocks, der dir sagt, du sollst einfach mehr Gemüse essen, um deine Härmorrhoiden zu therapieren? Wenn er Pech hatte, hat er mindestens genauso oft und tief in menschliche Körperöffnungen und ihre Ausscheidungen blicken müssen wie ich. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre und Härmorrhoiden meist nur der Wächter an der Pforte zum Bösen.

Ihr braucht mehr Details? Bitte. Dann nehme ich euch eben mit auf eine Safari durch meine bisherigen beruflichen Highlights zwischen Projektil-Durchfall und dem Wunsch nach stärkeren Psychopharmaka.

„Mangelernährung"

Ein 27-jähriger Mann wurde ins Krankenhaus eingeliefert, weil er offensichtlich körperliche Probleme hatte und die letzten drei Jahre seines Lebens so gut wie nur vor dem PC verbracht hat. In der Akte stand, er hätte soziopathische Züge, 180 Kilogramm auf den Rippen und leide an Mangelernährung. Ich habe mir dieselbe Frage gestellt wie du jetzt: Ernsthaft?!

Der Typ hatte jedenfalls keinen Bock, sich zu bewegen, und die einzige Frage, die er mir stellte, war, wann es endlich Essen gibt. Trotzdem konnte ich ihn irgendwie dazu überreden, es mit ein paar Turnübungen im Liegen und an der Bettkante zu versuchen. Stehen konnte er auch, allerdings nur kurz. Nachdem ich ihn in die Stehhilfe bugsiert hatte, hielt er sich genau 20 Sekunden aufrecht und ließ sich dann einfach fallen. Die Stehhilfe lag unter seinem massigen Körper begraben und er stöhnte leise, während Sabber aus seinem Mund lief. Alleine hätte ich ihn nicht bewegen können, also hab ich die Notklingel gedrückt. Die Schwestern wussten bereits, was der Patient für ein Fall war, und haben mir fünf Pfleger und ein Zelttuch geschickt. Mit vereinten Kräften konnten wir den komplett teilnahmslosen Mann dann wieder in sein Bett verfrachten.

Nicht nur einen Stock im Arsch

Ein anderes mal war ich auf der Station für Kiefer und Mundchirurgie. Man glaubt es nicht, aber auch die Menschen hier brauchen Physiotherapeuten, um wieder in Schwung zu kommen. Mein Job war dabei vor allem die Mobilisierung von Älteren, wenn sie sich wegen der Narkose längere Zeit nicht bewegen konnten. Narkosen und Krankenhausaufenthalte sind generell für viele Menschen nicht so leicht zu verkraften. Manche befällt zum Beispiel das so genannte „Durchgangssyndrom"—sie drehen total durch und entwickeln sich für die Zeit ihres Klinikaufenthalts zu totalen Psychopathen. Diesem Syndrom verdanke ich auch die folgende Story: Durch die Patientenakte war ich bereits gewarnt, dass die nächste Patientin zu den „Durchgängigen" zählte und sich in der Nacht zuvor eingestuhlt hatte. Der Anblick, der sich mir beim Öffnen ihrer Zimmertür bot, haute mich trotzdem komplett um.

Der VICE Guide zum Überleben einer tödlichen Krankheit.

Die Frau stand im Halbdunklen mit dem Rücken zu mir, OP-Hemd an und die tiefbraune Windel bis zu den Knöcheln heruntergerutscht. Ein beißender Gestank wehte mir entgegen. Ich sprach die Frau an: „Frau J.? Gehts Ihnen gut?" Sie stöhnte ein „Ja" als Antwort und steckte sich dann—ohne sich umzudrehen—die Faust hinten rein. Die ganze verdammte Faust. Einfach so.

Ich bin dann geflüchtet und habe den Schwestern Bescheid gesagt. In den Tagen danach konnte sich die Dame nicht mehr an unser kleines Intermezzo an ihrer Hintertür erinnern. Die Hand geben wollte ihr trotzdem niemand.

Gespräch mit einer Leiche

Bei sehr alten Menschen (in diesem Falle Jahrgang 1921) kann man manchmal schwer unterscheiden, ob jemand einfach nur unter sehr starken Schmerzmitteln steht oder schon auf dem Weg über den Jordan ist. Wenn Letzteres der Fall ist, wird nicht unbedingt jedem Mitarbeiter eines Krankenhauses mitgeteilt, dass da eine Leiche im Zimmer liegt. Als ich also keine Reaktion eines Patienten bekam, obwohl ich fünf Minuten lang versucht hatte, ihn zu wecken, dachte ich mir erst einmal nichts dabei.

Foto: Frank Lindecke | Flickr | CC BY-ND 2.0

Bei Hitze und alten Menschen bildet sich etwas, das man „Handkäse" nennen könnte, weswegen sie auch im bettlägrigen Stadium bewegt werden müssen. Ich begann also schon mal mit der Behandlung und stabilisierte den Arm des Mannes. „Patienten müssen auch bewegt werden, wenn sie nicht wollen", hörte ich die Stimme des Chefarztes im Hinterkopf. Wie ich kurz darauf feststelle, war der Patient aber nicht mal mehr dazu in der Lage, sein Missfallen an der körperlichen Aktivität dadurch zu äußern, dass er so tat, als würde er schlafen. Er war seit etwa 30 Minuten tot.

Die Fontäne des Grauens

Während der Ausbildung macht man mehrere Praktika, um direkt am Menschen zu lernen. Falls du vorher nicht wusstest, wie jemand aussieht, der im Wachkoma liegt, kann man hier Praxis bekommen und seine Vorgesetzten jederzeit fragen. Hier passiert allerdings auch der ganze kranke Scheiß. Während eines meiner Praktika war ich auf der chirurgischen Station eines Krankenhauses und half Menschen nach Gelenksoperationen dabei zu lernen, sich wieder richtig zu bewegen. So sollte es auch mit einer circa 70-jährigen Dame geschehen, die eine neue Hüfte bekommen hatte und nach fünf Tagen Zwangsliegen endlich wieder aufstehen durfte. Vorher hatten wir schon ein paar Atemtechniken gegen die Schmerzen geübt und sie erzählte mir, dass sie sich freue, „bald wieder die Hüfte schwingen zu können."

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Weil sie ziemlich schlank war, konnte ich sie problemlos auf die Seite drehen und ihr anschließend beim Aufsetzen helfen. Anschließend sollte sie sich auf einen so genannten Gehwagen stützen—so etwas Ähnliches hattest du als Kind wahrscheinlich auch, als du Laufen gelernt hast. Die Dame stand zunächst auch mal wie eine Eins. Das Problem war nur: Nach 5 Tagen liegen und Bettpfanne hatte sie scheinbar jede Kontrolle über ihren Schließmuskel verloren. Ich konnte mich gerade noch mit einem Satz zur Seite retten, als ihr—befeuert durch ihre plötzlich senkrechte Position—sämtliche Darmreste in einem großen braunen Strudel gen Boden schossen und im Umkreis von zwei Metern nahezu alles durchfallfarben tünchten. Die Windel hatte keine Chance.

Kackeschlacht mit Schnabeltassen

Abgesehen davon, dass man mit sehr vielen alten Menschen zu tun hat und diese wirklich sehr dankbar und lieb sind, sind Dinge wie Alzheimer und generell Vergesslichkeit ziemlich anstrengend. Wenn der Chefarzt zum Beispiel fragt, ob die Physiotherapeutin heute schon da war und Hans-Peter unser einstündiges Date mit Lymphdrainage vergessen hat, bekommt man schon richtig Ärger. Sich vergessen hatte auch eine Patientin, als ich wieder auf der Chirurgie arbeiten musste. Sie war ein spezieller Fall, denn sie hatte einen MRSA-Keim im Körper—sprich: Wir als Personal durften ihr Zimmer nur in einem Ganzkörperanzug betreten. Sonst hätten wir in Quarantäne gemusst, wie im Film. Das war grundlegend gar kein Problem und als ich den isolierten Raum betrat, um der Dame etwas Bewegung zu verschaffen, lief auch erst einmal alles wie immer. Die anfängliche Nettigkeit verpuffte allerdings recht schnell, als die alte Dame verstand, dass sie nun ihren bewindelten Hintern aus dem Bett bewegen müsse.

In ihrer Akte stand, dass sie zu aggressiven Ausbrüchen neigte. Als ich ihr mit gewohnt freundlicher Hartnäckigkeit erklärte, dass ein bisschen Bewegung schon sein müsse, schaltete ihr Gehirn plötzlich auf Angriff und ich konnte mich gerade noch hinter das Nachbarbett retten. Sie hatte allen Ernstes mit ihrer Schnabeltasse nach mir geworfen! Als ich wieder hervorlukte, sah ich, wie sie eifrig in ihrer Windel kramte. Nichts gutes ahnend, sprintete ich Richtung Ausgang, schlüpfte raus und schloss gerade noch rechtzeitig Tür, als das braune Wurfgeschoss aus den Tiefen der Rentnerwindel an die Innenseite klatschte. Plötzlich war ich verdammt froh über den Ganzkörperanzug.



Illustration: Fabian Pazem