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Matura-Anekdoten aus der Zeit vor der Zentralmatura

Die Zentralmatura bringt mehr Vergleichbarkeit und genormte Leistungen. Das ist aber nur halb so lustig wie die Zeit, als wir alle Antworten vorher kannten und uns zum „Lernen" nach Amsterdam abgesetzt haben.
08 April 2015, 2:00pm
Foto: Miran Rijavec | flickr | cc by 2.0

2015 gab es in Österreich zum ersten Mal die neue, verpflichtende Zentralmatura für alle AHS-Schüler; HAK-Schüler kommen dann ab 2016 ebenfalls dran.

Das heißt, dass sich für die zirka 45.000 Schüler, die 2015 zur Matura antreten, im Vergleich zu ihren Vorgängern einiges ändern wird—und die Zeiten von geschobenen Prüfungen, abgesprochenen Spezialgebieten und dem lernlosen, aber partyreichen Vorbereitungsmonat endgültig vorbei sind.

Es heißt aber auch, dass alles ein bisschen fairer und vielleicht gerade deshalb ein bisschen fader wird. Zumindest sind die hervorstechendsten Eigenschaften der Zentralmatura—nämlich Regulierung, Gleichschaltung und genormte Beurteilung—nicht unbedingt das, was 18-Jährige unter Spaß verstehen. Auf der anderen Seite war aber auch früher nicht alles besser und die alte Matura oft eine Zeit, in der Chaos und Willkür herrschten.

Die Idee, dass Schüler nach 12 Jahren Unterjochung ausgerechnet in der Zeit ihrer größten hormonellen Verwirrung in die komplette Selbstverantwortung entlassen werden und sich Prüfungsstoffe selbst erarbeiten und die Lernzeit selbst einteilen sollen, war ein bisschen so, wie einen Charakter aus Pink Floyds The Wall direkt in das Finale von Herr der Fliegen zu verpflanzen.

Was davon besser und was schlechter ist, werden wir nie ganz genau wissen, weil kaum irgendwer die neue und die alte Matura durchgemacht hat. Damit aber zumindest ein paar Anekdoten aus der dunklen Vergangenheit (also: der Matura bis vor einem Jahr) überleben, haben wir in der Redaktion unsere eigenen Matura-Erinnerungen zusammengetragen und hier in einer Art Zeitkapsel für euch und die Nachwelt geschaffen.

Die mündliche Matura ist eine einzige Show (Verena)

Foto: U.S. Army | flickr | cc by 2.0

So ziemlich jeder aus meinem Jahrgang hat in Religion maturiert, was sogar den Vorsitzenden gewundert hat. Das lag wahrscheinlich daran, dass Religion bei uns ein Synonym für Freistunde war und wir eigentlich keine Ahnung von Religion hatten, sondern uns einfach den Lernaufwand für ein Fach sparen wollten.

Unser Religionslehrer, der entweder einfach ein netter Mensch ist oder seinen Beruf kläglich verfehlt hat, hat in den Monaten vor der Matura eine Liste mit Themen durchgehen lassen, von denen sich jeder eines aussuchen sollte. Jeder bekam dann die passenden Unterlagen zum ausgewählten Thema von ihm bereitgestellt—drei Seiten zum Auswendiglernen.

Es war also alles abgekartet, von der Frage, die man sich in der Prüfungssituation aussuchen würde, bis zu den Antworten, die man geben sollte—die Matura war dermaßen geschenkt, dass es kaum geschenkter ging. Ich sagte meine auswendig gelernten Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Jesus und Siddharta Gautama auf, erklärte anschließend das Milgram-Experiment auf Englisch und kassierte meinen vorprogrammierten Einser. Ob der Direktor davon wusste oder einfach nur milde darüber hinweg sah und Nachsicht mit uns postpubertären, versoffenen Maturanten hatte, weiß ich nicht. Vielleicht war er auch einfach ein Menschenfreund—eine grauhaarige Mischung aus Jesus und Siddharta, dem kurz vor seiner Pension schon alles wurscht war.

Das Leben geht weiter – auch nach der Matura (Josef)

Bei mir und meinen Kiff-Kumpels aus der Achten herrschte damals so eine komische, fatalistische Stimmung. Das Ende der Schulzeit war kein Neuanfang in einer besseren und endlich für uns offenen Welt, sondern ein Schlussstrich, der unterbewusst mit dem Ende jeglichen Exzesses und Spaßes gleichzusetzen war. Das lag glaube ich daran, dass wir uns das Danach einfach noch nicht vorstellen konnten.

Wir rauchten auch erstmals in meiner Klasse Bong zum Fenster raus.

Wir dachten eben keine drei Tage in die Zukunft und unterhielten uns fast nie über unsere Ziele oder Pläne. Es war wie ein besoffener Zen-Zustand. Wir haben wahrscheinlich nie wieder so dermaßen „im Moment" gelebt wie in den letzten Wochen der mündlichen Matura. Ich hatte gerade Lord of the Rings: The Return of the King fertig gelesen und meinen zweiten spaßigen LSD-Frühling begonnen. „Wenn Frodo diesen ganzen Scheiß hinter sich gebracht hat, schaff ich das auch", war mein verwirrter Gedankengang. Nichts würde uns aufhalten können, die uns damals als allmächtig erscheinende Lebensprüfung hinter uns zu bringen.

Vielleicht fiel uns das auch gerade deshalb so leicht, weil uns danach nur ein endloses Nichts erwartete, oder eben Valinor (fuck you, I'm a nerd). Tatsächlich scherzte ich während der Mündlichen mit der gesamten Kommission bei meiner Psycho-Prüfung und konnte alles ziemlich problemlos hinter mich bringen. Wir rauchten auch erstmals in meiner Klasse Bong zum Fenster raus. Am Tag unserer Maturafeier—komplett mit Ansprache unseres Bürgermeisters und dem ganzen Tamtam—entschieden sich mein Buddy und ich, noch schnell zu mir nach Hause zu düsen und im Keller ein „Hiadl durchzureißen".

Bekifft und zu spät—zwei Umstände, die vielleicht miteinander verwandt waren—joggten wir schlapp ins Volkskundehaus, um vor einem versammelten Saal mit zirka 250 Leuten reinzuplatzen, die uns alle angafften, was keinem High der Welt jemals zuträglich war. Aber wir überlebten die Blicke, das Kopfschütteln des Direktors und sogar das wortlose Fluchen meiner Eltern in der letzten Reihe. Wir haben sogar die Maturareise in Griechenland trotz Glasscherben im Pool und immanenter Hooch-Vergiftung hinter uns gebracht. Aber damit war es nicht vorbei. Wir waren immer noch die gleichen postpubertären Idioten und mussten nun erstmals dieser Gesellschaft etwas besteuern. Das Leben geht weiter nach der Matura—und das ist wohl die schlimmste und eindringlichste Erfahrung, die ich jemals machen musste. Neben dem LSD, natürlich. Prost.

Arroganz gegenüber Lehrern hilft eher nicht so (Adrian)

Meine Englischlehrerin hat mich gehasst, weil ich ohne zu lernen immer Einser geschrieben habe, und ihr auch sehr deutlich und direkt auf die Nase binden musste, dass ich nie lerne und mich auch nicht auf die Matura vorbereiten würde—was in unserer Klasse aber besonders wichtig war, weil alle sehr, sehr schlecht waren und in der 8ten immer noch „it gives" verwendeten, um „es gibt" zu sagen. Alle anderen haben sich während der Vorbereitungszeit über kleine Mini-Referate ihr Maturathema gesichert. Bei der Matura gab es für jeden von ihnen ein „freies Thema" zur Auswahl (Dinge wie Drogen, Body Modifications und Punkmusik) und ein Thema zu einem Buch von der Leseliste.

Ich arroganter Idiot habe ihr natürlich auch gesagt, dass ich die Bücher sowieso nicht lesen würde. Entsprechend wurde mein Verhalten dann auch bei der Prüfung belohnt—und zwar mit zwei Büchern und KEINEM einzigen freien Thema. Und weil ich mir selbst nicht untreu werden wollte, hatte ich dann auch tatsächlich keine Ahnung von den Büchern, bekam einen Dreier auf die Mündliche und einen Zweier als Gesamtnote auf Englisch. Nach der Prüfung kam die Frau Fessa sogar noch extra zu mir und meinte: „Das war aber nicht so toll, oder?" Im Nachhinein hat sie natürlich nicht unrecht—andererseits bin ich jetzt wenigstens nicht Lehrerin und muss meinen Frust nicht auf diese Art an den Schülern auslassen.

Es hilft, wenn ihr bei den Lehrern unbeliebt seid (Stefanie)

Foto: Mark Scott Austin TX | flickr | cc by 2.0

Nachdem ich in der 6. Klasse schon in Mathe sitzengeblieben bin und es meine Lieblingsbeschäftigungen in der 8. Klasse war, mit dem BMW meiner Mama (ich konnte mir natürlich kein eigenes Auto leisten) an den See zu fahren und zu spät zum Unterricht zu erscheinen, war Lernen für mich nicht wirklich ein wichtiger Punkt auf meiner To-Do-Liste. In diesem Alter sind die Prioritäten wahrscheinlich bei den meisten anderweitig verteilt, nämlich: Party, Schlafen, Boys, Schlafen und Party (und Boys). Die Vorbereitungszeit verging, es war ein schöner Frühling und ich habe es irgendwie komplett verdrängt, mich mit dem Stoff für die mündliche Matura zu beschäftigen.

Das Verdrängen funktionierte bis einen Tag vor dem Spektakel ausgezeichnet. Am Tag der Matura allerdings habe ich nach einem kurzen Nervenzusammenbruch beschlossen, nicht hinzugehen. Dank der großartigen Überzeugungskünste meines Vaters schaffte ich es doch noch ins Prüfungszimmer und rechnete mit dem epischsten Fail der Geschichte. Dann kam alles anders. Die Lehrer wollten mich anscheinend wirklich los haben, was dazu führte, dass sie mir mithilfe von Handzeichen nicht ganz unwichtige Tipps zur Beantwortung meiner Prüfungsfragen gaben. Zumindest bei der ersten Prüfung. Danach war meine Nervosität wie weggeblasen und es ging auch so ganz tadellos. Am Ende des Tages war alles wunderbar und ich durfte mich „studienberechtigt" nennen. Was ich daraus fürs Leben gelernt habe, will ich lieber gar nicht erst hinterfragen.

Es hilft, wenn dein Lehrer deinen Musikgeschmack kennt (Anne-Marie)

Ich war noch nie eine Rebellin und versuchte auch während meiner Schulzeit nicht zu verbergen, dass ich Spaß an der ganzen Sache hatte. Auch, wenn ich ein bisschen aussehe wie Enid aus Ghost World , bin ich eigentlich mehr Rebecca. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass ich in der Oberstufe die Wahlpflichtfächer kaum erwarten konnte. Da sich sonst in diesem Lebensabschnitt kein Schwein für Informatik interessiert, reduzierte sich die Gruppe schon nach einem Semester von 10 auf drei Personen. Wie es sich für ein AHS gehört, wurde in Info nicht keine Programmiersprache oder anderes nützliches Zeug gelehrt, sondern wir arbeiteten mit einfachen Grafik- und Animationsprogrammen. Nicht falsch verstehen—das war ziemlich lustig. Ich bin froh, dass außer uns dreien niemand wusste, was wir im Unterricht wirklich machen würden, sonst wäre die Klasse berstend voll mit WordArt-Künstlern gewesen.

Nach einiger Zeit musste aber selbst unseren Info-Lehrern eigentlich auffallen, dass zwei von drei Schülerinnen immer nur Stock-Fotos von Tieren und Blumen verwendet haben, während bei der dritten ausschließlich Bilder von Freddie Mercury, David Bowie und Iggy Pop über den Bildschirm flimmern. Ich war natürlich die dritte (hab ich schon erwähnt, dass ich eine Streberin bin?). Mein hartnäckiges Fandom sollte seine Spuren hinterlassen. Zu meiner Info-Matura musste ich dann nämlich eine Diashow erstellen, für die mein Lehrer mir einen Ordner mit Fotos von Freddie bereitgestellt hatte. Ich glaube, die Lehrer haben noch nie eine Schülerin während der Prüfung (oder während irgendeiner Prüfung) so grinsen sehen.

Auch die Psychologie-Professorin hatte ihre Methode eigene, uns persönliche Aufgaben zu geben. So musste ich bei der Mündlichen zwischen zwei Themen wählen, von denen eins mein Referatsthema war. Ihr könnt euch vielleicht denken, welches ich gewählt habe.

,World of Warcraft' ist wichtiger als die Matura (Raphael)

Foto: Elliott Cable | flickr | cc by 2.0

Ich gehörte zu der Sorte von Schülern, die die Kunst beherrschten, mit ihrer enormen Wurschtigkeit selbst motivierten Lehrern und Lehrerinnen die Wartezeit auf ein Burnout zu verkürzen. Ihren Höhepunkt erreichte mein spätpubertäres Slacker-Dasein blöderweise ziemlich genau zur Matura im Jahr 2005: ich zockte mehrere Stunden täglich World of Warcraft , spielte Bass in einer Band und teilte mir meine—dank Matura-Vorbereitungszeit reichlich vorhandene—Freizeit unter diesen beiden erfüllenden Tätigkeiten auf. Das Resultat: Ich rasselte mit wehenden Fahnen durch die Matura und meine damalige Freundin angelte sich—wenig überraschend—einen Typen, der mehr zu bieten hatte als fettige Haare und MMO-Expertenwissen.

Obwohl es eine in Summe beschissene Zeit war, bin ich rückblickend für diese Real-Life-Breitseite dankbar. Meiner Meinung nach braucht es solche einschneidenden Rückschläge, um sich persönlich weiterentwickeln zu können. Dass ich die Matura schlussendlich doch geschafft habe (und zwar beim zweiten Durchgang im Herbst, als ich mit World of Warcraft abgeschlossen hatte), markiert aus heutiger Sicht eher die Tatsache, dass ich mein Leben endlich wieder im Griff hatte. Klingt vielleicht bescheuert, aber die Lehren, die ich aus meiner _World of Warcraft_-Sucht gezogen habe, waren und sind für mich um einiges relevanter als alles, was ich für die Matura (auswendig) gelernt hatte. Und spätestens bei der ersten fetten Uni-Prüfung merkt man sowieso, was für ein Witz der als unpackbar empfundene Matura-Stoff eigentlich war.

Lest die Aufgabenstellung richtig durch (Jonas)

Ich hatte früher einen Freund, der einige gute Seiten hatte. Leider war er aber auch für gelegentliche geistige Aussetzer bekannt. Zum Beispiel missverstand er, als wir jung waren, den Charakter der Wette in Eiskalte Engel: Er ging davon aus, dass Sarah Michelle Gellar bei Gewinn der Wette nicht Ryan Phillippes „kleinen schwarzen Flitzer" bekommen würde, sondern seinen „kleinen Schwanz in Stücken". Die Angewohnheit, Dinge nicht—oder zumindest nicht richtig—zu verstehen, wurde ihm dann auch bei der wichtigsten schriftlichen Prüfung seines Schülerlebens zum Verhängnis. Nach vier Stunden Prüfung standen wir alle bereits erleichtert in der Raucherecke, als besagter Kumpel fröhlich zu uns stieß. „Das war ja super einfach. Habt ihr auch Aufgabe A gewählt?" – „Das war kein Auswahlaufgabe." Schweigen. Ein kalkweißes Gesicht. Und die Realisierung, dass er selbst nur 50 Prozent der Antworten abgegeben hatte. Zum Glück ging sich dann alles noch irgendwie mit einem Vierer aus. Aber trotzdem: Aufgabenstellungen richtig durchzulesen ist nie ein Fehler.

Eine Spritze in den Arsch hilft bei der Reifeprüfung (Philipp)

Foto: Lindsey Turner | flickr | cc by 2.0

Mein Prüfungstermin für die mündliche Matura war an einem Montag. Bis zum Freitag davor hatte ich kein Wort für meine drei Prüfungen gelernt. Das hatte zwei Gründe: Zum einen war ich der Meinung, dass ich die Themen sicher erraten würde und ich mir daher ruhig Zeit beim Lernen lassen könnte. Ich kannte ja meine Lehrer und dachte, ich würde ihre subtilen Tipps sicher richtig interpretieren. Zum anderen war ich krank, hatte eine Verkühlung, keine Kraft und keinen Kopf zu lernen.

Bis der letzte Freitag kam und der Druck zu groß wurde. Meine Mama hatte mich noch am selben Tag abgeprüft und bestürzt gemerkt, dass ich einfach gar nichts konnte. Während ich das Ganze aber als halb so wild empfand, malte sich meine Mutter diverse Horrorszenarien meiner Zukunft aus. Irgendwann sagte sie: „Kind, es reicht! Wir gehen zum Arzt." Daraufhin hat sie mich eingepackt und im Eiltempo zum Hausarzt geschleppt. Dort schrie sie der Arzthelferin ins Gesicht: "Gott im Himmel, mein Sohn hat in 2 Tagen Matura und kann nix. Machen Sie ihn auf der Stelle gesund."

Als ich als „Notfall-Patient" am Wartezimmer vorbei direkt ins Behandlungszimmer durfte und der Arzt mein absolut gesund aussehendes Ich musterte, erklärte ich ihm, dass der Notfall Matura hieß. Der Arzt drückte mir daraufhin irgendwelche Globuli in die Hand und versprach mir baldige Besserung. Meine Mutter ist grundsätzlich—wie wahrscheinlich alle unsere Mütter—von der homöopathischen Wirkungsweise überzeugt, aber in diesem wirklich sehr, sehr ernsten Fall vertrat auch sie die Auffassung: „Wir brauchen diesmal was, das wirklich hilft!" Die Lösung war schnell gefunden. Da ich ohnehin schon längst nichts mehr mitzureden hatte, zog mir der Arzt einfach die Hose runter, schoss mir eine volle Ladung Kortison mit einer fetten Spritze in den Arsch und meinte, ich solle mich schlafen legen.

Nach zirka 20 Stunden Tiefschlaf wachte ich am nächsten Morgen völlig gesund auf und habe bis zur buchstäblich letzten Sekunde—nämlich bis die Prüfungskommission meinen Namen im Festsaal der Schule aufgerufen hat—durchgelernt. Ich bin so nervös wie noch nie zu den Prüfungen angetreten und habe bestanden. Wahrscheinlich hat mir die Mama meine Zukunft gerettet oder vielleicht habe ich auch nur bestanden, weil ich sämtliche Themen richtig erraten habe. Danke, ihr ängstlichen Lehrer. Und danke, Mama, dass du mir die Spritze in den Arsch jagen lassen hast.

Ihr werdet die Matura so oder so schaffen (Fredi)

Also chillt alle. Ich weiß, das ist leichter gesagt, als getan. Auch ich hatte zu der Zeit selbst extreme Angst. Aber im Endeffekt war es so, dass ich mir bei den Professoren, die mich gern hatten, die Fragen aussuchen durfte. Beziehungsweise habe ich ihnen das ganze Jahr gesagt, was meine Themen wären, bis sie den Wink irgendwann verstanden oder mich einfach nicht mehr ertragen haben. So hatte ich in Deutsch und Englisch genau die Fragen, die ich ihnen vorgekaut habe: „Kafka" in Deutsch, „Salvador Dalí" in BE und „USA" in Englisch. Natürlich habe ich mehr improvisiert als gewusst. Die Matura ist mehr eine Prüfung der rhetorischen Fähigkeiten als eine echte Wissensprüfung. Das weiß ich, weil ich sie habe und trotzdem irgendwie nicht besonders gebildet bin.

Wenn ihr eine gute Klassengemeinschaft habt, dann könnt ihr euch bei der Schriftlichen ja irgendwie zusammenreden. In Englisch hat ein Klassenkollege mit der Professorin einfach eine Grundsatzdiskussion angefangen—und uns so mehr Zeit beschert. In Mathe hatten wir einen Klassen-Schummelzettel am Klo. Wir sind dann, nacheinander aufs Klo gegangen und haben am Zettel unsere Fragen notiert und die von anderen Klassenkollegen beantwortet—oder es zumindest versucht. Wir waren so erfasst von unserer Genialität und der Idee des Schummelzettels, dass im Endeffekt kaum Antworten auf dem Zettel waren und nur Fragen. Wir sind kollektiv durchgeflogen. Aber naja. Am Ende konnten wir uns halt mündlich beweisen. Immer Schmäh und Sympathie behalten, dann geht das schon.

Früher war auch nicht alles cool (Markus)

Foto: Sonya | flickr | cc by 2.0

Die Zeit kurz vor der Matura ist eine Zeit voller Mysterien. Zum einen beginnt man, die Schule aus der Vogelperspektive zu sehen—wie ein Sterbender, der langsam seinen Körper verlässt—und stellt sich Matrix-mäßige Sinnfragen wie zum Beispiel: Warum muss man seine Oberstufenlehrer eigentlich „Professoren" nennen? Zum anderen entdeckt man Tausend Dinge, die spannender sind als schlecht riechende Schulbücher und der noch schlechter riechende „Herr Fessa". Diese Dinge haben oft zur Folge, dass man vergisst, zwischen den Schultagen zu schlafen und irgendwann selbst schlechter riecht als alle Schulbücher und Herr Fessas zusammen.

Ich selber war mit 17 auf jeden Fall mein ungewaschenstes Selbst und nahe an der hormonellen Verwahrlosung. Da war einerseits meine erste richtige Freundin, die meinen Penis im Takt von Beethovens 5. Sinfonie malträtierte, und andererseits die Entdeckung von Wein, Acid und allem, was auf der Rausch-Palette dazwischen liegt. Die Details will ich euch ersparen (ja, es geht noch detaillierter), aber mein Punkt ist: Viele Dinge, die zufällig in denselben Lebensabschnitt wie eure Matura fallen, sind aufregend und neu, aber das sind sie oft erst rückblickend betrachtet. Während sie passieren, sind sie manchmal ziemlich schrecklich. Genau wie die Matura selbst.

Auch, wenn die Prüfung bei mir inzwischen so lange her ist, dass man damals noch Schilling und Euro als Zahlungsmittel akzeptiert wurden, weigere ich mich bis heute, meine Maturazeit durch die rosarote, fettfingerbeschmierte Brille der Vergangenheitsverklärung zu sehen. Ganz ehrlich: Meine Englisch-Lehrerin hat mich gehasst, weil ich sie gehasst habe, meine Geografie-und-Wirtschaftskunde-Lehrerin war so unfähig, dass sie mich zu genau den 2 Seiten im Schulbuch befragt hat, die wir vorher extra gestrichen hatten, und meine Mathematik-Lehrerin war von meiner Attitüde so angefuckt, dass sie mich gleich zwei Mal antreten lassen hat.

Seit ich selbst mit Müh und Not eine AHS und ein Studium absolviert habe, bin ich umso mehr der Meinung, dass die Jugend definitiv die schlechteste Zeit für Bildung ist. Stattdessen sollten Menschen die ersten 10 Jahre nach der Kindheit mit harter körperlicher Arbeit verbringen und erst danach, quasi zur Entspannung, eine Ausbildung machen. Das Konzept, Jugendliche zum Zeitpunkt ihrer größtmöglichen Verwirrung in die Eigenverantwortung zu entlassen, ist mit Abstand das denkbar Dümmste, was unser Oberstufen-Schulsystem hervorgebracht hat. Sobald ich nicht mehr in die Schule „musste", begann ich innerhalb weniger Tage, Bücher als Kopfbedeckung zu tragen und die Vormittage mit einer Bierflasche auf den Abzugsgittern diverser Shops zu verbringen. Im Sommer direkt vor der Matura sagte ich meinen Eltern, ich würde mich für eine Woche Intensiv-Lernkurs zurückziehen—und kletterte aus dem Fenster, um eine Woche in Amsterdam zu kiffen. Es war, als ob mir jemand die Augen geöffnet hätte, nur um mir direkt in die Pupillen zu kacken.

Es stimmt, was man sagt: Schule bereitet dich zirka so gut aufs Leben vor, wie Torture Porn dich fit für ein gesundes Sexleben macht. Aber tut mir trotzdem einen Gefallen: Wenn ihr schon alles vergesst, was ihr in den 12 Jahren vor eurer Matura gelernt habt, dann merkt euch wenigstens, wie die Schule selbst war. Und kommt mir später nicht mit der besten Zeit eures Lebens, ihr Heuchler.


Titelbild: Miran Rijavec | flickr | cc by 2.0