Der Nahe Osten in Zeiten des Friedens

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Fotos

Der Nahe Osten in Zeiten des Friedens

Diese Fotos beweisen, dass das Leben im Nahen Osten nicht unbedingt von Krieg und Gewalt geprägt sein muss.
12.2.15

2010 reiste Jade Cantwell zusammen mit einer Freundin für mehrere Monate durch Syrien, Israel, Ägypten und den Libanon. In der Zeit vor dem Arabischen Frühling lernten sie die Sprachen und versuchten, sich so viel in die dortige Politik und Kultur einzubringen, wie es für zwei weiße Frauen möglich ist. Während dieses ruhigen und friedlichen Trips dokumentierte die australische Fotografin außerdem noch das Alltagsleben der Leute, die sie dort kennenlernte.

Nachdem Cantwell wieder nach Hause geflogen war, brach im Nahen Osten die Hölle los und es ist auch heute noch kein Ende der Gewalt in Sicht. Letztendlich wurden ihre dort geschossenen Bilder zu der Fotoreihe Peace Times zusammengefasst. Rückblickend bekommen die ruhigen und friedlichen Fotos einen ganz neuen Kontext und man sieht sie mit komplett anderen Augen. So werden sie zu Erinnerungen an die Menschen hinter den ganzen Nachrichtenbeiträgen und an die Zeit, als dieser Teil der Erde noch nicht von Unruhen und Gewalt heimgesucht wurde.

VICE: Die Bilder für die Fotoreihe wurde 2010 im Nahen Osten geschossen und sie fangen das ruhige und normale Leben der dortigen Menschen ein. Habt ihr bei eurem damaligen Aufenthalt schon irgendwelche Spannungen merken können?
Jade Cantwell: Schwer zu sagen. Es ist nicht einfach, die Dinge in einer für dich unbekannten Umgebung richtig einzuschätzen. In Ägypten konnten wir die Spannungen definitiv miterleben. Dort fühlten wir uns am wenigsten sicher, denn es gab mehrere Zwischenfälle, bei denen Ausländer angegriffen wurden. Syrien machte auf uns zum Beispiel aber einen total sicheren—oder immerhin total normalen—Eindruck.

Diesen Eindruck spiegeln auch die Fotos wider. Sie zeigen dazu noch, wie beruhigend das Alltägliche sein kann.
Genau. Es geht vor allem um den dortigen Alltag im Kontrast zu der Vorstellung, die wir von dieser Gegend haben. Wir bekommen nur etwas von den Unruhen mit, also Krieg, Anschläge und Gewalt. So sah das Leben dort aber nicht aus. Natürlich hat sich das inzwischen auch verändert, aber damals war es richtig interessant zu sehen, wie ruhig und schön die von uns besuchten Orte waren. Die Leute wollten dort einfach nur in Ruhe ihr Leben leben.

Hattest du damals schon die Idee für die Fotoreihe? Oder kam das erst, als in den darauffolgenden Monaten die Spirale der Gewalt begann?
Ja, das kam erst danach. Wenn ich Fotos mache, dann konzentriere ich mich auf die Dinge, die mir gefallen, und die Orte, an denen ich mich aufhalte. Ich versuche, die Stimmung dieser Orte einzufangen. Ich kam auf die Idee, weil die Bilder der darauffolgenden Monate so viel Gewalt zeigten.

Ich habe darüber nachgedacht, wie viele Bilder wir aus dem Nahen Osten zu sehen bekommen und wie viele Fotografen gerne die vom Krieg zerrütteten Orte dokumentieren. Zwar schießen sie wirklich aussagekräftige Fotos, aber die sind immer geprägt von Gewalt und Traurigkeit. Meiner Meinung nach stumpfen wir so ab und das alltägliche Leben der dort wohnenden Menschen wird ausgeblendet.

Natürlich sind viele junge Fotografen aus der westlichen Welt vom Nahen Osten fasziniert, aber macht man sich dort überhaupt Gedanken darüber, nicht in kulturellen Tourismus zu verfallen?
Auf jeden Fall. Ich habe einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften und denke deshalb viel darüber nach, was ich mit einem Foto sagen will und ich welcher Beziehung ich zu dem Motiv stehe. Irgendwie nimmt das dem Fotografieren allerdings auch den Spaß. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu viel nachdenke. Man will das Ganze nicht zu exotisch wirken lassen. Natürlich ist es das für dich, aber du willst auch niemandem etwas wegnehmen.

Beeinflusst diese Einstellung deine Motivauswahl?
Ja. Ein anderes Beispiel: Wenn manche Leute Fotos von Obdachlosen machen und denken, dass sie damit etwas total Cooles oder Ausgefallenes machen, dann denken sie wohl nicht wirklich darüber nach, auf was sie das Leben dieser Menschen reduzieren.

Genau. Das Ganze lässt sich auch auf andere Dinge als Kriegsgebiete anwenden.
Das passiert eben häufig bei der Flut an Bildern, der wir ausgesetzt sind. Viele Leute fangen mit dem Fotografieren an, sind ständig mit ihrer Kamera unterwegs und wollen ihre Bilder groß rausbringen. Dafür suchen sie sich natürlich Motive aus, die ihrer Meinung nach für viel Aufsehen sorgen werden. Manchmal schmälert das dann die Fotos oder lässt sie alle irgendwie total gleich erscheinen.

Das Interview führte Wendy Syfret.