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Auf der Straße hast du von allem nichts

Kalter Alkoholentzug, Gewalt, das Wetter—wir haben Obdachlose und Sozialarbeiter gefragt, was das Leben auf der Straße gefährlich macht.

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12 Juni 2015, 1:00pm

Foto: Imago | Sepp Spiegel

Wenn Obdachlose sterben, berichtet die Presse gerne. Neulich in der Abendzeitung: Zwei Männer und eine Frau treten Obdachlosen tot. Dann legen sie ihn auf die Gleise. Warten bis ein Zug kommt, soll nach einem Unfall aussehen. Oder der Schlagzeilen-Klassiker: „Obdachloser in Park angezündet". Das klingt grausam, das bringt Klicks und wird gelesen; dennoch ist es wahr.

„Stimmt schon, es gibt diese extremen Gewaltverbrechen gegen Wohnungslose. Offizielle Statistiken fehlen. Wir haben versucht die Opfer anhand der Pressemitteilungen zu zählen. Von 1989 bis 2013 sind in Deutschland mindestens 430 wohnungslose Menschen ermordet worden." Und das sind nur die Fälle, zu denen es einen Polizeibericht gibt. „Die Dunkelziffer ist noch höher", fügt Werena Rosenke von der BAG Wohnungslosenhilfe hinzu.

Ja, es gibt sie, die Vergewaltigungen, Morde und schweren Körperverletzungen—430 tote Menschen sind 430 Tote zu viel. Aber diese Zahl spiegelt nur den extremsten Teil der Realität wieder. Die wirklichen Gefahren auf der Straße sind andere, die Gewalt ist viel subtiler.

„Weißt du, was Gewalt ist? Gewalt habe ich gleich an meinem ersten Tag in der Bahnhofsmission erlebt. Ich unterhielt mich mit einer jungen Frau, schaute an ihr runter und sah, wie ihr das Blut die Beine runterlief", erklärt Dieter Puhl. „Wenn ich abends Frauen sehe, die sich in der Jebensstraße auf den Gehweg hocken und die Tampons wechseln, dann geschieht ihnen Gewalt." Der bloße Alltag kann Gewalt sein. Dieter Puhl erlebt ihn ständig. In der Jebensstraße ist die Mission des Bahnhof Zoo. Seit Jahren ist er schon ihr Leiter. „Natürlich lockst du mit solchen Geschichten kaum jemanden von der Presse." Wie denn auch, wenn selbst Fixer-Schicksale wie das von Christiane F. popkulturell derart gut verdaut sind, dass Werbeagenturen hippe Slogans damit machen?

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Und die Realität? „Ich finde es gefährlich, wenn ein Alkoholiker unter zwei Promille ist." Der Suff als tatsächliche Gefahr der Straße. Mit ihm kommt ein ganzer Rattenschwanz an Problemen. Selbstüberschätzung, Aggressivität, Orientierungslosigkeit, aber auch epileptische Anfälle, infolge von Entzugserscheinungen. Hier hallt der Ruf nach einer Spendenmoral jenseits von Gut und Böse: „Spendet dem Obdachlosen Geld für Alkohol!", fordert Puhl. „Das Schultheiss Bier ist in erster Linie überlebensnotwendig. Kalter Entzug auf der Straße? So sterben Menschen."

Passend dazu: Was ist noch beschissener, als obdachlos zu sein? Eine obdachlose Frau zu sein

Alkohol und dann das Wetter. Ist von ,harten Bedingungen' die Rede, denken viele an den Kältetod im Winter—aber der Sommer setzt den Menschen auch gut zu. Herz-Kreislaufsysteme, vom Alkohol ohnehin herausgefordert, gelangen durch die Hitze an ihr Limit. Einige müssen reanimiert werden, andere Obdachlose liegen entkräftet ohne Wasser in Straßenecken: „Ich habe Menschen gesehen, die haben sich im Hochsommer in die sengende Sonne gelegt—und drei Tage später fiel ihnen die Haut in Fetzen ab." Urlaubsutensilien wie Sonnenschutzmittel werden auf der Straße zum existenziellen Gut. „,Obdachlos sein' heißt: du hast von allem nichts."

Dieter Puhl vor der Essensausgabe am Bahnhof Zoo. Versuche gegen das Nichts. (Foto: Imago/epd)

Die bloße Mobilität ist auch so ein Gut. Vor allem in Großstädten sind Entfernungen zwischen Notunterkunft, Essens- und Kleiderausgabe zu Fuß kaum überbrückbar. Die Menschen fahren schwarz, die Folge sieht man an der JVA Plötzensee: Ein Drittel der Gefängnisinsassen sind Schwarzfahrer. Wer sich keinen Fahrschein leisten kann, wird erst recht kein Bußgeld zahlen können. Schwarzfahren gilt immer noch als Straftat und nicht als Ordnungswidrigkeit. Obdachlose wandern bis zu über ein Jahr ins Gefängnis und belegen so die Zellen.

„Dort kannst du wenigstens in Ruhe schlafen. Die Nächte sind das Härteste. Die Nächte und der Regen. Teilweise habe ich schon unter Autos geschlafen, um nicht nass zu werden." Jan Phillip ist vor einer Woche aus Hamburg gekommen. Stress mit der Szene, Schulden auch. Jetzt also Berlin. St.Pauli-Cappy, Jeans-Jacke, Sneaker. Macht einen gepflegten Eindruck. Nur die Hände verraten ihn. Rot, entzündet, feine Wunden. Ungewöhnlich für einen 26 Jährigen. Immer in Griffnähe sein Koffer: „Ursprünglich hatte ich einen, der war doppelt so groß wie dieser hier. Man will ja den Leuten auch gerne vertrauen, weil man irgendwie zum Guten ambitioniert ist."

Paul hat schon mal einen Abend mit Berlins polnischen Obdachlosen verbracht. Der Text ist auch sehr lesenswert.

In Hamburg hatte Jan noch einen Kumpel, mit dem er im Winter zusammen Platte machte. „Manchmal haben wir uns in einen Schlafsack gelegt, um uns zu wärmen und nicht zu erfrieren. So haben wir ein paar Nächte durchgezogen. Und dann hat er mir mein letztes Geld genommen. 380 Euro, meine letzte Hartz IV-Auszahlung. Im Schlafsack hat er noch einen kurzen Brief hinterlassen: ,Mach's gut, du Spinner.' Damals habe ich viel geweint. Das mit dem Geld war hart, vor allem war aber ein Freund weg."

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Jetzt steht Jan da, als wenn nichts gewesen wäre. Die Kleidung hat er frisch von der Bahnhofsmission bekommen. „Ich fühle mich voll aufgewertet gerade." Wenn die Hände bloß nicht wären. „Es ist wichtig, nicht wie ein Junkie auszusehen." Früher hat er so ziemlich alles genommen–zum Beispiel Heroin. Polytoxikomanie nennt sich das. Auch eine Gefahr. Heute spritzt er Kokain. Das Geld dafür kriegt Jan mit Rappen in U-Bahnen zusammen: „Wenn ich Kokain nehme, kann ich das alles besser ertragen. Dann ist mir auch die Obdachlosigkeit egal." Seit einem halben Jahr ist er wieder auf der Straße–vor einem halben Jahr ist seine Mutter gestorben.

Das ist die eigentliche Gefahr: Der psychische Druck und die Erkrankung daran. Die Ärztin Jenny De la Torre bringt es auf den Punkt: „In unserer Stiftung können wir die Brüche und Schnittwunden behandeln, aber dann gehen die Leute mit ihren Problemen wieder auf die Straße." Studien zeigen, dass bis zu 93% der wohnungslosen Menschen im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung erkranken. Kaum jemand wird freiwillig obdachlos, da stecken Schicksale dahinter. Von den 24.000 Menschen auf deutschen Straßen, sind über 2500 Kinder; da sind Demenzkranke Leute, die schlichtweg ihre Wohnung nicht finden; da ist Steffi, die ihr Kind verlor, weil es zu häufig schrie und ihr Ehemann es aus dem Fenster des 8. Stockwerks warf—eine posttraumatische Belastungsstörung wäre das dann wohl. Klingt wie ein Euphemismus.

„Früher sprach man von Doppeldiagnosen: Obdachlose, die eine Suchtmittelabhängigkeit plus eine psychische Erkrankung hatten. Heute reicht das nicht mehr. Seit 10 Jahren reden wir von Mehrfachbelastungen." Dr. De la Torre scheint Dieter recht zu geben: „Die Summe von Allem macht das Leben so schwer. Aber das zu erklären, ist eine lange Geschichte. 24 Jahre, und ich bin immer noch da. Man wird ja gebraucht. Es kommen immer wieder neue Leute."

Neue Leute wie Jan Phillip zum Beispiel. Vielleicht hat er ja Glück und es läuft nach Plan: „Ich will hier in Berlin an die HipHop-Szene anknüpfen. Das ist mein Weg aus der Obdachlosigkeit." Vielleicht hat er Glück. Wenn nicht, verkürzt sich seine Lebenserwartung um bis zu 30 Jahre. So ist das Straßenleben–auch ohne angezündet zu werden.
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Wer gegen das Nichts auf der Straße spenden will, kann es hier für Dieter Puhl tun.
Und hier für die Stiftung von Dr. Jenny De la Torre.
Oder hier für die BAG Wohnungslosenhilfe.

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