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DIE WALL STREET ISSUE

Kill the Banker

Eine kurze Geschichte des Widerstandes gegen die Macht der Banken und warum er nie erfolgreich war.

von Christopher Ketcham
02 Januar 2015, 5:00am

Oben: Nach dem Bombenanschlag auf die Wall Street, 1920. Foto von New York Daily News über Getty Images

Wenn man sich gegen rücksichtslose Banker wehren muss, wirkt ein wenig Gewalt manchmal Wunder. Nehmen wir beispielsweise die Farmer aus Le Mars in Iowa. Es war 1933, der Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Eine Finanzblase an der Wall Street hatte die Wirtschaft zum Absturz und die industrielle Produktion zum Erliegen gebracht. 13 Millionen Amerikaner verloren ihre Arbeit. Im amerikanischen Maisgürtel erzielte kein Farmer noch faire Preise für Milch und Getreide, die Einkommen fielen stark und Kredite blieben unbezahlt. Die Banken nutzten die Gelegenheit, ließen massenweise Farmen zwangsversteigern und die Farmer mittel- und obdachlos zurück.

Die organisierten sich kurzerhand. Unter der Führung eines Farmers aus Iowa namens Milo Reno, der nicht nur öfter mal einen über den Durst trank und sich gern prügelte, sondern auch ein begnadeter Redner war, taten sich 1933 mehrere Tausend Farmer zusammen und weigerten sich, ihre Produkte zu verkaufen. „Wir essen unser Getreide, unseren Schinken und unsere Eier selbst", lautete der beliebteste Spruch der Bewegung, „sollen [die Banker] doch ihr Gold essen".

Sie entschieden, erst mal Urlaub zu machen, und nannten ihre Gruppe entsprechend die „Farmers' Holiday Association". Im gesamten Mittleren Westen wetterte Reno in seinen Reden gegen „die zerstörerischen Maßnahmen der Wucherer"—womit er natürlich das destruktive Vorgehen der Wall Street und des Bankensektors meinte. Farmer, so betonte er, seien „von einem legalisierten System organisierter Kriminalität beraubt worden". Er warnte davor, dass die Farmer sich gegebenenfalls mit jenen verbünden müssten, „die für den Sturz der Regierung sind", einer Regierung, die sich seiner Ansicht nach den Großkonzernen unterordnete. John Chalmers, einer seiner Stellvertreter in Iowa, forderte die Mitglieder der Farmers' Holiday Association auf, „sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr zu setzen". „Unter ,zur Wehr setzen'", fügte Chalmers hinzu, „verstehe ich auch den Gebrauch von Waffen."

Die Lieblingswaffe der Menschen in Le Mars war der Galgenstrick. Am 27. April 1933 marschierten Hunderte von Farmern zu einem Hof, der unter Aufsicht des örtlichen Sheriffs zwangsversteigert werden sollte. Sie stießen die Gesetzeshüter beiseite, unterbrachen die Zwangsversteigerung und zerrten den Sheriff auf einen Sportplatz in der Stadt, wo sie ihren Strick schwangen. Anstatt des Sheriffs entschieden sie sich dann aber für eine bessere Trophäe: den Amtsrichter Charles C. Bradley, der die Zwangsvollstreckungen leitete.

Bradley wurde aus dem Gerichtssaal gezerrt, raus aufs Land gebracht, auf eine staubige Straße geworfen, nackt ausgezogen, „geprügelt, misshandelt, mit Fett eingeschmiert und mit einem Galgenstrick in die Höhe gezogen, während rachedurstige Farmer lauthals ihren Protest herausschrien", so die Pittsburgh Press. Einem Bericht zufolge öffnete der Mob „seine verbissenen Zähne mithilfe eines Schraubenziehers und kippte ihm Alkohol in den Rachen". Sie setzten ihm eine ölige Radkappe auf den Kopf, sodass ihm das Öl übers Gesicht lief, während die Farmer ihm Iowa-Erde in den Mund stopften. „Das ist seine Krone", sagten sie.

Der Richter wurde mit dem Strick hochgezogen, bis er das Bewusstsein verlor, worauf sie von ihm abließen. Als er wieder zu sich kam, forderten die Farmer ihn auf zu beten. „Es war ein Gebet um göttlichen Beistand, das Richter Bradley vor sich hin murmelte, als er auf der staubigen Landstraße kniete, das den Mob zu Vernunft brachte", berichtete die Pittsburgh Press in einem Artikel, der das Ereignis als Vorbote einer „offenen Revolution" verdammte.

Die Gefahr fortwährender Unruhen, die Reno und die Farmers' Holiday Association schürten, zeigte die beabsichtigte Wirkung: Durch staatliche Gesetzgebung wurden im gesamten Mittleren Westen Moratorien auf die Zwangsvollstreckungen von Farmen verhängt. Ein Jahr später, 1934, brodelte die Revolte im ganzen Land. Industriearbeiter in Toledo, Ohio, und Minneapolis, Minnesota, genauso wie Hafenarbeiter entlang der Westküste und Textilarbeiter von Maine bis tief in den Süden organisierten Streiks und Proteste für faire Bezahlung, Arbeitsschutz und gewerkschaftliche Vertretung. Sie wurden mithilfe der örtlichen Behörden und von der Wirtschaft bezahlten Schlägern brutal angegriffen. Die Streikenden in Toledo und Minneapolis zerstreuten sich daraufhin aber nicht friedlich, sondern griffen selbst zu Schlagstöcken und Steinen. Laut Zeitungsberichten kam es in Toledo zu einer brutalen Schlacht zwischen Automobilarbeitern und der Miliz der Ohio National Guard, bei der die mit Tränengas befeuerten Streikenden ebenfalls mit Gas auf die Staatsdiener losgingen. „Jede Tränengasattacke der Milizionäre wurde von den Streikenden beantwortet." In Minneapolis lieferten sich Lkw-Fahrer blutige Straßenschlachten mit den Milizionären der Citizen's Alliance, die für die Geschäftsleute auftraten. Von einem bekannten Konzernchef der Stadt soll verkündet worden sein: „Das, das—ist Revolution!"

Und in der Tat war es in den 1930er Jahren das Gespenst der gewaltsamen Revolution, das Franklin Delano Roosevelt und den Kongress dazu bewegte, ihre historische Kapitalismusreform namens New Deal auf den Weg zu bringen. Die Regierung schützte Arbeiter damit vor dem brutalen Missbrauch des Großkapitals, legalisierte Gewerkschaften, führte ein Sozialversicherungssystem ein und unterstellte die Wucherer von der Wall Street der Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde und anderen bundesstaatlichen Aufpassern, die sie in den nötigen behördlichen Käfig sperrten. Das Volk hatte gesprochen und die Regierung war gezwungen, zuzuhören.

Milo Reno von der Farmers' Holiday Association spricht in der Cooper Union in New York City, 1934. Foto von Bettmann/Corbis

Infolge des Wall-Street-Crashs von 2008, der das Land in eine katastrophale Wirtschaftskrise stürzte, begann ich, inspiriert von meiner Lektüre über die Revolte von Le Mars, einen futuristischen Roman zu schreiben. In Gedenken an „Wild Bill" Langer, der in den 1930er Jahren zweimal hintereinander Gouverneur von North Dakota war, von 1941 bis 1959 US-Senator und ein glühender Unterstützer der Farmer's Holiday Association, gab ich ihm den Titel „Kill the Banker"—Tötet den Banker. Wild Bill hatte den Farmern während der Großen Depression bei einer Wahlkampfveranstaltung geraten: „Erschießt den Banker, wenn er auf eure Farm kommt. Behandelt ihn wie einen Hühnerdieb." Politiker wie Wild Bill gibt es heute nicht mehr.

In dem Roman sollte es um eine Verschwörung von Terroristen gehen, die eine Kampagne gegen die Wall Street durchführen. Ähnlich der Rote Armee Fraktion ermorden meine Terroristen, die sich selbst Strangers, also Fremde, nennen, Mitglieder der Bankelite, die der Justiz entwischt sind. Die Strangers nehmen sich Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan Chase, die Bank of America, Wells Fargo, die Deutsche Bank, Citigroup und Credit Suisse vor. Sie verüben Bombenattentate auf den New York Stock Exchange. Sie kennen keine Ideologie, nur das Abschlachten ihrer vermeintlichen Feinde.

Die Strangers bringen ihre Geiseln zu einem Verließ in den Bergen im Hinterland von New York, wo sie Scheinprozesse abhalten, die sie über Youtube verbreiten. Vor den Augen der Welt werden sie zum Tod durch Folter verurteilt. Die Strangers fesseln sie an Stahlstühle, pissen ihnen in den Mund, reißen ihnen die Fingernägel aus, zertrümmern ihnen mit einem Schlosserhammer die Hoden, entnehmen ihnen mit einer Zange die Eingeweide und enthaupten die schreienden Opfer schließlich mit einer rostigen Säge.

Es war von Anfang an ein lausiger Roman, mehr Agitprop als Erzählung. Nach 30.000 blutrünstigen Worten stellte ich das Projekt ein und kam zu dem Schluss, dass Terroristen in Romanen ebenso gähnend berechenbar sind wie im echten Leben abscheulich.

Im Rahmen meiner Recherche für den Roman hatte ich mich auch mit einem historischen Präzedenzfall von Terrorismus gegen die Wall Street beschäftigt. Bis zu dem Bombenanschlag von Oklahoma City im Jahre 1995 galt das Bombenattentat auf die Wall Street am 16. September 1920 als der zerstörerischste Terrorakt, der je auf amerikanischem Boden verübt worden war. An jenem Tag fuhr um die Mittagszeit eine mit 50 Kilo Dynamit und 250 Kilo Eisenteilen beladene Kutsche vor Wall Street Nummer 23 vor. Dort lag das Büro von J. P. Morgan, des reichsten und rücksichtslosesten Investmentbankers seiner Zeit.

Der Kutscher rannte davon und Minuten später folgte eine fürchterliche Explosion. Eine „pilzförmige Wolke aus gelblich-grünem Rauch" stieg laut einem Beobachter auf, während „Hunderte von verwundeten und fassungslosen weißgesichtigen Männern und Frauen" in Panik das Weite suchten. Körper wurden augenblicklich „in tausend Stücke gerissen", der Kopf einer Frau flog samt Hut an eine Betonwand und blieb liegen.

38 Menschen kamen ums Leben, 143 wurden verletzt. Keine Gruppierung hat sich jemals zu dem Attentat bekannt, und das Verbrechen wurde nie aufgeklärt. Man nahm an, dass es sich um das Werk italienischer sozialistischer Revolutionäre handelte, die in den Jahren davor mit einer Anschlagsserie quer durch die USA gezogen waren, bei der sie Wahlbüros und Polizeikräfte ins Visier genommen hatten. Unter den Opfern waren hauptsächlich Sekretärinnen, Stenografinnen und Broker—einfache Büroangestellte. J. P. Morgan war an dem Tag nicht mal in den USA. Der Anschlag sorgte in der Öffentlichkeit aber nicht nur für Angst und Abscheu, sondern bescherte der Wall Street auch neue Sympathien.

Zurück geht die Ideologie des gegen das Großkapital gerichteten revolutionären Terrorismus auf einen Mann namens Johann Most, der aus Bayern stammte und der bei seiner Ankunft in New York im Jahre 1882 sah, was damals so offensichtlich war wie heute: „Amerika ist ein Schiff, das von Dummheit, Korruption und Vorurteilen angetrieben wird." Die Wall Street und die herrschende Klasse nannte er „Reptilienbrut". Er schrieb, „das bestehende System kann am schnellsten und radikalsten durch die Auslöschung seiner Repräsentanten gestürzt werden".

Most hielt quer durch das Land Reden und schürte Hass, aber zündete keine einzige Bombe. Gleichwohl inspirierte er andere. 1892 versuchte der Anarchist Alexander Berkman Henry Frick zu töten, einen Partner von Andrew Carnegie in der Carnegie Steel Company, berüchtigt für die miese Behandlung der dortigen Arbeiterschaft. 1914 soll Berkman an dem gescheiterten Anschlag auf John D. Rockefeller beteiligt gewesen sein, der Massaker an streikenden Angestellten angeordnet hatte. Eine Reihe von Fehlschlägen, deren einziges Resultat darin bestand, dass die öffentliche Meinung zugunsten der „Feinde des Volkes" umschlug.

In den 1970er Jahren jagte der Weather Underground eine Zweigstelle der Bank of America in die Luft. Der Anschlag war Teil einer antikapitalistischen Kampagne, zu deren Zielen Militäreinrichtungen, Unternehmenszentralen, das State Department, das Pentagon und das Capitol zählten. Die sogenannten Weathermen verhielten sich bei ihren Anschlägen sehr kultiviert: Vor den Detonationen gaben sie häufig anonyme Warnungen heraus, damit die betroffenen Gebäude evakuiert werden konnten und niemand verletzt wurde.

Ein unbekannter Mann steht nach dem Bomben-anschlag von 1995 in der gesprengten Eingangstür eines Geschäfts in Oklahoma City. Foto von Rick Bowmer/AP

Am 29. September 2009 stand Kurt Aho, ein 64-jähriger, an Krebs erkrankter Mann aus Phoenix mit einer .357 Magnum vor seinem der Zwangsvollstreckung zum Opfer gefallenen Haus und schoss auf die Reifen zweier in der Auffahrt parkender Autos. Das war drei Jahre nach dem Platzen der Immobilienblase und fast exakt ein Jahr nach Beginn der letzten Weltwirtschaftskrise. Millionen verzweifelter und verängstigter Eigenheimbesitzer hatten Arbeit und Geld verloren und konnten ihre Kreditzahlungen nicht mehr leisten, und die Banksters kamen und setzten sie auf die Straße.

Die Autos gehörten zwei Immobilieninvestoren, die Ahos Haus nach der Zwangsvollstreckung durch die Bank gekauft hatten. Aho stand unter Schock. 29 Jahre lang hatte er in dem Haus gewohnt, seine Kinder dort großgezogen.

Seine Tochter Tammy Aho berichtete, dass er finanzielle Probleme hatte. Er war Bauunternehmer. Doch aufgrund der Auftragsflaute lebte er auf Pump. Im Juni 2009 hatte Aho die Bank of America kontaktiert und um eine Änderung der Kreditvereinbarung gebeten. Vertreter der Bank sagten ihm, dass er zuerst sechs Monate mit seinen Raten in Verzug geraten müsse. „Sie sagten ihm, wenn er sechs Monate mit der Hypothekenrückzahlung in Verzug sei, würden sie ihm automatisch helfen, den Kredit zu ändern." Das wäre dann ein strategischer Zahlungsverzug. Er befolgte ihren Rat. Die Bank of America versicherte ihm, die Änderungen wären in Arbeit. Das versicherten sie ihm bis zum 29. September, dem Tag, an dem sein Besitz unter den Hammer kam und Aho die beiden Investoren auf seinem Rasen stehen sah.

Aho bat die Investoren, ihr Eigentumsrecht nachzuweisen, was sie aber nicht konnten. Er forderte sie auf, sein Grundstück zu verlassen. Sie weigerten sich. Das war der Moment, in dem er die Waffe zog, die Reifen platt schoss und die beiden Männer die Flucht ergriffen. Aho hatte die Übernahme seines Heimes erst einmal gestoppt.

Aho reagierte nicht nur auf seine eigene Krise, sondern auf die Wahrnehmung vieler, dass die Banken es auf alles und jeden abgesehen hatten. Etwa um das Jahr 2000 taten sich über ein Dutzend Finanzinstitutionen, von denen die Bank of America die bekannteste ist, mit Hypothekengeldgebern zusammen, um jedem Trottel einen Hauskaufkredit aufzuschwatzen. Diese Risikokredite, zusammengefasst zu sogenannten Mortgage Backed Securities, also durch Vermögenswerte gesicherte Wertpapieren, von denen die Banken wussten, dass es sich dabei um lausige Investitionen handelte, wurden als AAA eingestuft und weltweit für Abermillionen Dollar an institutionelle Investoren verkauft.

Die Banken stockten damit ihren Cashflow auf, sodass sie noch mehr Geld in wertlose Hypotheken pumpen konnten, und die Kreditgeber der Wall Street machten den Betrug mit. In der größten Finanzblase der Geschichte stiegen die Immobilienpreise ins Unermessliche. Und als sie platzte und dem Land den schlimmsten Zusammenbruch des Immobilienmarktes der Geschichte bescherte, blieben Hauseigentümer wie Aho auf Hypotheken für Häuser sitzen, deren reale Werte auf ein absolutes Tief sanken.

Zwischen 1990 und 2014 gaben die Finanz-, Versicherungs- und Immobiliensektoren insgesamt 3,8 Milliarden Dollar für Lobbyarbeit im Kongress aus, und nicht zufällig sorgten die Abgeordneten beider Parteien in dieser Zeit für eine massive Deregulierung des Finanzsektors. Der Kongress kippte die Bankreform Franklin D. Roosevelts aus den 1930er Jahren und erlaubte Megafusionen. Er lockerte die Gesetze, welche die Geschäfte der Megabanken regulierten, und öffnete die Finanzmärkte für den Missbrauch von Instrumenten wie Mortgage Backed Securities. Mitte der 1990er Jahre hatten die Banker sich die richtigen Jobs in den entscheidenden Institutionen ergattert—der Federal Reserve Bank, der SEC (US-Börsenaufsichtsbehörde), dem Finanzministerium—deren Mandat darin bestand, die paar Gesetze durchzusetzen, die geblieben waren, um den Finanzsektor davon abzuhalten, den Leuten auch noch das letzte Hemd zu nehmen.

Die Bank of America legte mindestens 21 Klagen bei, die Investoren und Regulierungsstellen wegen Wertpapierschwindels in Verbindung mit den immer noch im Umlauf befindlichen wertlosen Mortgage Backed Securities eingereicht hatten. Die Bandbreite dieser Betrügereien reichte von der schamlosen Aufhübschung wertloser Hypothekenpfandbriefe über räuberische Kreditvergaben bis zu unrechtmäßigen Zwangsvollstreckungen.

Die Bank spielte Hauseigentümern übel mit, indem sie ihnen routinemäßig Kreditänderungen versprach—wie im Fall von Kurt Aho—nur um dann vorzugeben, die Dokumente seien verloren gegangen, und mit der Zwangsvollstreckung ins Haus zu fallen. Im vergangenen Februar wurde eine Sammelklage beigelegt, in der der Bank nachgewiesen werden konnte, dass sie sich an einem „Provisionssystem beteiligt hatte, das die Kosten von Versicherungen in die Höhe getrieben hatte, zu deren Abschluss Hauseigentümer gezwungen waren". Laut Matt Taibbi, einem Enthüllungsjournalisten, beinhaltetet das Korruptions- und Bestechlichkeitsrepertoire der Bank of America auch zweifelhafte Schlichtungsverfahren mit Kreditkarteninhabern und horrende Gebühren für Kontoinhaber mit Überziehungszinsen, mit denen die Bank ihre Kunden um 4,5 Milliarden Dollar erleichterte.

Und das ist nur die Bank of America. Mindestens ein Dutzend anderer Großbanken und Kredithäuser sind in ähnliche Betrugsdelikte verwickelt. Anstatt den Verantwortlichen Strafen aufzubrummen, rettete die Regierung die Bank of America und ihre Verbündeten durch Entschuldung. Das Unternehmen hätte sich in der Finanzkrise von 2008 selbst den Bach runtergespült, wäre das Finanzministerium 2009 nicht mit einer 45-Milliarden-Dollar-Finanzspritze eingeschritten.

Die Milliarden Dollar an Geldstrafen, die die staatlichen Aufsichtsbehörden der Bank of America und einem Dutzend anderer Finanzriesen aufgebrummt hatten, waren Almosen im Vergleich zu den realen Kosten der Blase und der folgenden Krise, die vom obersten Rechnungshof der USA auf 12,8 Billionen Dollar geschätzt werden. Und trotzdem brüstete sich die Regierung mit ihrem Sieg über die Wall Street. Eine vom Kongress eigens gegründete Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass die höchsten Führungskräfte sehr wahrscheinlich von den Betrügereien ihrer Unternehmen gewußt haben müssen. Und doch ging nur einer ins Gefängnis. In einer Nation, deren Regierung von ihren Bankern gekapert wurde, ist diese Farce offenbar zur akzeptierten Norm geworden.

Das Liberty Plaza in New York City am 11. September 2001. Foto von Susan Meiselas/ Magnum Photos

Mindestens ins Gefängnis gingen dagegen jene, die sich gegen die Wall Street zur Wehr setzten. Im Mai 2009 beispielsweise verteidigte Daniel Gherman sein Zuhause im kalifornischen Riverside, indem er es nach der Zwangsversteigerung mit unechten Sprengladungen bestückte. Obwohl nichts explodierte, wurde Gherman für den Besitz von Faksimile-Sprengsätzen in vier Fällen angeklagt.

Im Juli 2010 parkte ein vor der Zwangsvollstreckung stehender Eigenheimbesitzer eines Abends seinen Wagen vor einer Zweigstelle der PNC-Bank in Illinois, zündete eine Bombe und zerstörte damit sein Auto und die Fensterscheiben der Bank. Verletzt wurde niemand. Der Hausbesitzer selbst, David Whitesell, wartete auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf die Bullen. Die Anklage gegen ihn lautete: Brandstiftung und Sachbeschädigung durch einen Brandsprengkörper.

Im Februar 2011 fuhr ein Mann namens Elias Mercado aus San Marco in Kalifornien um 4 Uhr morgens sein Auto direkt in die Gebäudefront einer Zweigstelle der Bank of America. Laut Zeitungsberichten pflügte er sich durch zwei Glasflügeltüren und zerstörte anschließend einen Kaffeetisch, einen Arbeitsplatz, einen Kassenschalter und Pflanzen. Er setzte zweimal zurück und fuhr dann, wo zuvor die beiden Flügeltüren gewesen waren, durch den neu geschaffenen Ausgang aus dem Gebäude. Die Klage lautete auf Einbruchdiebstahl und unerlaubtes Entfernen vom Tatort.

Im April 2012 erschoss James Ferrario einen Hilfssheriff und einen Schlüsseldienstmitarbeiter in Modesto, Kalifornien, als die beiden Männer ihm den Räumungsbescheid für seine Wohnung überbrachten. Ein Mann aus Florida machte sein Haus mit einem Bulldozer platt, bevor die Bank es übernehmen konnte. Ein todkranker Mann aus Kalifornien raubte aus Furcht vor Obdachlosigkeit eine Filiale der Bank of America aus und erbeutete dabei die 107.000 Dollar, mit denen er seinen 17-Prozent-Zinsen-Hauskredit ablösen konnte.

Es ist eine deprimierende Litanei. Kein Mitbürger kam diesen Menschen zu Hilfe, keine Farmer mit Galgenstricken versammelten sich vor ihren Türen, keine Hausbesitzer Holiday Association unterstützte sie. Ihre Trotzreaktionen waren rabiat, isoliert, hoffnungslos und letztendlich bedeutungslos.

Zwangsvollstreckung Nr. 2, St. George, Utah, 2007. Foto von Steven B. Smith

Im September 2011 erschien die Occupy-Wall-Street-Bewegung auf der Bildfläche. Endlich eine Bewegung, die ein gemeinsames Vorgehen gegen den Bankensektor versprach. Als Reporter verbrachte ich viel Zeit im Zuccotti Park—dem Hauptquartier der Protestierenden. Aber ich glaubte auch persönlich an die Bewegung. Als ich eine junge Frau mit einem Schild erblickte, auf dem stand „Wall Street: Menschenfeinde", wollte ich sie sogleich umarmen. Ich wollte ihr von Milo Reno und Wild Bill Langer erzählen.

Das von den Medien dargebotene Postmortem der Bewegung lautete, die Unfähigkeit der Bewegung, erreichbare Ziele zu formulieren, ihre fehlenden Forderungen, ihr Festhalten an „nicht hierarchischen" Prinzipien, ihre Weigerung, eine Führung zu wählen oder sich einer solchen unterzuordnen, ihr Widerwille gegen das traditionelle politische System der Interessengruppen, all das habe zu seiner Selbstzerstörung beigetragen. Occupy, so wollte man uns glauben machen, habe sich aufgrund seines nicht existenten Rahmens selbst auf dem Gewissen.

Das war natürlich nur die halbe Wahrheit. Die Bewegung, die gelobt hatte, die Wall Street auszulöschen, wurde selbst ausgelöscht, zumindest in Teilen, und zwar durch Bundes-, Regional- und Kommunalregierungen, deren ausgemachtes Ziel der Schutz der Wall Street war. Wir wissen das durch die Arbeit des Partnership for Civil Justice Funds, einer NGO, der 2012 ein ganzer Stapel Unterlagen vom US-Justizministerium, dem FBI und dem US-Heimatschutzministerium zugespielt wurde—Memos, E-Mails, Briefings—in denen die Vernichtungspläne für Occupy detailliert dargelegt wurden. Die Dokumente zeigen, wie das FBI, der Heimatschutz und örtliche Polizeibehörden sich zusammenschlossen, um im ganzen Land Occupy-Zeltlager zu überwachen, zu infiltrieren und zu unterwandern.

„Das FBI behandelte die Occupy-Bewegung von Anfang an wie eine potenzielle kriminelle und terroristische Bedrohung", sagte Mera Verheyden-Hilliard, Geschäftsführerin des PCJF. Anti-Terror-Einheiten des FBI wurden aktiv, um sich mit der Bedrohung durch die Besetzer zu befassen—die, was man nicht vergessen darf, eine Philosophie des gewaltlosen Widerstands und des zivilen Ungehorsams gelobt hatten und auch praktizierten. Die heftig redigierten Dokumente belegen sogar, dass Mitglieder der Occupy-Bewegung in mehreren Städten Anschlagsziele mindestens einer Person waren, deren Identität das FBI nicht preisgeben wollte. Den Dokumenten zufolge plante „[Name zurückgehalten], Informationen gegen die Anführer der Protestgruppe zu sammeln und Fotos von ihnen zusammenzutragen, mit dem Ziel, diese aus dem Hinterhalt zu erschießen". Die Occupy-Leute selbst wurden vom FBI nie über diese Gefahr informiert.

Laut Verheyden-Hilliard nahm das FBI in dem Fall seine Rolle, Bürger vor potenziellen Anschlägen zu schützen, nicht wahr und betätigte sich stattdessen als „De-facto-Spionagehelfer der Wall Street und der amerikanischen Großkonzerne". Und bei der abschließenden Niederschlagung der Bewegung, so der Reporter Dave Lindorff, halfen das FBI und der Heimatschutz den örtlichen Polizeikräften kräftig dabei, die Razien in den Zeltlagern durchzuführen, bei denen die Occupy-Leute systematisch aus dem Zuccotti Park und Dutzenden anderer Städte vertrieben wurden. Die Razzien wurden mit ungeheurer Härte durchgeführt: Prügel, Tränengas und Massenverhaftungen friedlich Protestierender. So endete die Occupy-Bewegung. Die Besetzer boten keinerlei organisierten Widerstand. Wie Blätter zerstreuten sie sich in alle Winde.

Der Soziologe Max Weber bemerkte einst, „daß der moderne Staat ein anstaltsmäßiger Herrschaftsverband ist, der innerhalb eines Gebietes die legitime physische Gewaltsamkeit als Mittel der Herrschaft zu monopolisieren mit Erfolg getrachtet hat". Dieses Gewaltmonopol ist laut Weber das entscheidende Merkmal des modernen Nationalstaates. Aber, so warnt Weber, die physische Gewaltanwendung des Staates geschieht unter einer Bedingung: Der Staat muss seine Legitimität beweisen, indem er die Interessen seiner Bürger schützt—sagen wir, wenn die Polizei eine Menschenmenge vor einem schießwütigen Irren schützt.

Die Irren aus der Wall Street dagegen haben natürlich Freunde auf höchster Regierungsebene—in einer Regierung von Maklern, deren Arbeit gänzlich im Dienste der Reichen und Mächtigen zu stehen scheint, was ihre Rechtmäßigkeit als Schutzherrin des öffentlichen Interesses zunehmend fragwürdig macht. Das Volk hat das moralische Recht, sich gegen solch eine Regierung zu erheben und ihr Gewaltmonopol infrage zu stellen. Das ist der Imperativ der Revolution. Im Zeitalter der technischen Steuerbarkeit großer Menschenmengen, militärisch aufgerüsteten Polizeieinheiten, Hellfire-Drohnen, Massenüberwachungssystemen und einem Spektrum an nationalen Gesetzen, die selbst friedliche Proteste zu potenziellen Straftaten machen, ist das allerdings kein Spaß. Der staatliche Herrschaftsapparat ist größer, mächtiger, komplexer, effektiver und noch beängstigender geworden—während gleichzeitig die Vorherrschaft unternehmerischer Interessen in nie dagewesenem Maße perfektioniert wurde. Es steht zu bezweifeln, dass die Farmer von Le Mars mit ihrem jämmerlichen Galgenstrick heutzutage auch nur zehn Minuten bestehen würden.

Die Polizei verhaftet Demonstranten der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Foto von Christopher Anderson/ Magnum Photos

Nachdem Kurt Aho die Autoreifen der beiden Investoren platt geschossen hatte, wurde sogleich ein ganzer Schwarm von Polizeibeamten aus Phoenix auf sein Grundstück entsandt, zudem ein gepanzertes Fahrzeug, eine SWAT-Einheit und ein Team aus Scharfschützen, die auf den umliegenden Dächern Stellung bezogen. Laut Polizeiangaben wurde Aho aufgefordert, das Haus zu verlassen, seine Waffe fallen zu lassen und sich mit erhobenen Händen dem Panzerfahrzeug zu nähern. Er erschien in der Tür, halb angezogen, in einer Hand die Pistole, in der anderen eine Bierflasche. Es wurde kurz verhandelt. Aho weigerte sich, sein Grundstück zu verlassen. „Ihr müsst mich schon umbringen", rief er.

Tammy Aho kämpfte sich zum Haus ihres Vaters durch und flehte die Beamten an, mit ihm reden zu dürfen. Sie hatte erst kürzlich ihr eigenes Haus durch Zwangsvollstreckung verloren und war dabei, bei ihrem Vater einzuziehen. „Nicht nur er war durch die Zwangsräumung von der Obdachlosigkeit bedroht", erzählte Tammy mir, „sondern auch meine Kinder und ich." Die Bullen wiesen sie zurück. „Ich hab der Polizei gesagt, wenn ihr auf ihn schießt, dann schießt wenigstens nur auf seine Knie. Aber sie haben nicht auf mich gehört."

Diese Pattsituation dauerte etwa eine Stunde, in der Kurt sein Bier austrank. Was danach geschah, ist strittig. Die Polizei behauptet, Kurt habe das Feuer eröffnet und die Beamten hätten mit Gummigeschossen reagiert, die ihn am Arm trafen und zu Boden brachten. Tammy Aho sagt, die Polizei habe ohne Provokation geschossen, und Aho habe erst dann mehrere Schüsse abgegeben und dabei den gepanzerten Wagen getroffen. Dann tötete ihn ein gezielter Schuss in die Brust unmittelbar in seinem Vorgarten. „Nachdem sie ihn erschossen hatten, haben die Bullen noch rumgesessen, Pizza gegessen und sich gegenseitig fotografiert, als wäre gar nichts dabei."

Auf das, was dann folgte, waren die Beamten nicht gefasst. Eine bewaffnete Menschenmenge, die lautstark „Mörder" riefen, erschien aus dem Nichts und eröffnete das Feuer auf die Beamten. Die beiden Investoren, die in Begleitung eines Vizepräsidenten der Bank of America Ahos Haus in Beschlag genommen hatte, fielen durch Schüsse in den Rücken, und Nachbarn stürzten sich mit Äxten und Schaufeln auf die niedergestreckten Männer und gaben ihnen den Rest, indem sie ihnen die Schädel einschlugen. Der gepanzerte Wagen wurde überwältigt, die Besatzung floh. Tausende aufgebrachter Bürger marschierten zum Haus von Kurt Aho, bewaffnet mit Flinten, M16-Gewehren und Kalaschnikows. Die Polizei, umzingelt und waffen- und zahlenmäßig unterlegen, ergab sich innerhalb von Minuten und nicht wenige unter ihnen—mehr als uns vielleicht lieb ist—schlossen sich der aufkeimenden Bürger- und Hausbesitzermiliz an, die ihr Viertel zur bankenfreien Zone erklärte.

Habt ihr von dieser Revolte etwa nichts gehört? Sie ist ja auch nie passiert.