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Popkultur

Paul Thomas Anderson schreibt für uns, warum er einen Thomas-Pynchon-Roman verfilmt hat

„Jedes Mal, wenn ein Pynchon-Roman rauskommt, ist es, als würde ich ein ‚Bitte nicht stören'-Schild vor die Türe hängen und mein Zimmer nicht verlassen, bis ich fertig bin."

von Paul Thomas Anderson
10 Januar 2015, 5:58am

Ich war in Cloucester, Massachusetts, als ich zum ersten Mal Inherent Vice – Natürliche Mängel gelesen habe. Das war im Juli 2009. Ich verbrachte dort den Sommer und hatte von dem Verleger eine Vorabkopie bekommen. Jedes Mal, wenn ein Buch von Pynchon rausgekommen ist—jedenfalls, seit ich alt genug dafür bin—ist es, als würde ich ein ‚Bitte nicht stören'-Schild vor meine Tür hängen und das Zimmer nicht verlassen, bis ich fertig bin. In dem Fall habe ich dafür ein paar Tage gebraucht.

Ich erinnere mich noch ganz gut daran, wie ich dort saß, las und mir dachte: „Daraus werde ich nie einen Film machen können." Ich hatte zuvor schon das Gleiche über Vineland gedacht. Auch bei dem Buch machte ich mir Gedanken darüber, wie ich es verfilmen könnte, aber es wollte mir einfach nicht gelingen. Es ist wie bei Die Enden der Parabel, ich habe es einfach nie so ganz verstanden.

Ich erinnere mich auch noch daran, wie ich mir beim Lesen des Buches dachte: „Das ist doch wie The Big Lebowski." Und das für sich genommen war schon ein guter Grund, daraus keinen Film zu machen. Das war ein Grund zu sagen, „Warum sollte ich etwas wie The Big Lebowski machen? Warum sollte ich mich überhaupt in die Nähe davon bewegen?" Je mehr ich mich aber mit dem Buch beschäftigte, desto mehr schloss ich es in mein Herz. Ich musste das in gewisser Weise ignorieren und so tun, als würde die Parallele zu dem Film nicht existieren, weil The Big Lebowski einfach der beste Film überhaupt ist. Ich ignorierte das also einfach so gut es ging und sah es mir aus einem anderen Blickwinkel an.

Was in meinen Augen bei Inherent Vice – Natürliche Mängel besonders Spaß macht, ist, sich einfach in diesen ganzen losen Enden und der Flut an Informationen zu verlieren. Das macht meiner Meinung nach auch den Witz des Buches aus. Entweder denkst du dir dabei: „Mein Kopf ist kurz vorm Explodieren und gebe auf", oder, „Mein Kopf ist kurz vorm Explodieren und mir wird irgendwie schummrig." Ich wollte, dass der Film die gleichen Gefühle hervorruft.

Joanna Newsom in Inherent Vice

Ich habe gar nicht so viel aus dem Buch geändert. Der größte Unterschied gegenüber dem Roman ist Sortilége, die Figur, die Joanna Newsom spielt. In dem Roman war sie diese großartige Nebenfigur, die regelrecht durch die Gegend schwebte und Doc LSD oder astrologische Ratschläge gab—solche Sachen halt. Ich nahm ihre Figur und machte sie etwas größer, gab ihr eine eigene Geschichte und machte sie mehr zu einem Sidekick—in der Art von Tinker Bell. Als ich mir ihre Figur vor Augen führte, erinnerte sie mich sofort an Joanna, also fragte ich sie, ob sie die Rolle spielen will. Joanna hat zuvor noch nie geschauspielert, aber über ihren Mann kannte ich sie schon persönlich—unsere Familien sind miteinander befreundet—und sie hat eben genau diese Hippie-Ausstrahlung. Es kommt einfach so aus ihr heraus: die Art, wie sie aussieht, wie sie spricht und wie sie sich anhört. Sie ist einfach verdammt cool. Sie passte perfekt.

Die Geschichte, die Pynchon in dem Roman erzählte, war offensichtlich autobiografisch. Sie gehörte zu seiner Generation und war ihm eine Herzensangelegenheit. Ich wollte, dass sich der Film auch so anfühlt, als würde er aus dieser Zeit stammen. Ich habe versucht, diese Ära authentisch darzustellen, als würde man hier eine alte Postkarte aus jener Zeit vor sich liegen haben—ein Foto, das du vielleicht bei deinen Eltern in der Schreibtischschublade gefunden hast, die Farben schon leicht verblichen. Wir haben versucht, in Bezug darauf, was die Leute damals getragen und wie sie ausgesehen haben, möglichst akkurat zu sein. Los Angeles war jener Zeit ein wenig dunstiger, weil so viel Smog in der Luft lag, also haben wir versucht, das auch im Film so aussehen zu lassen.

Die Tatsache, dass sich die Handlung in Kalifornien abspielt, war für mich super. Ich kenne dort alles so gut. Es ist meine Heimat und es war sehr schön, an den Orten zu arbeiten, die mir so familiär sind. Die Ära an sich war aber etwas komplett Neues für mich und das war aufregend. Ich war in den 70er noch ein Kind und meine Eltern waren keine Hippies. Allerdings ekelten mich die Eltern meiner Freunde an, die welche waren. Man hörte sie immer Sachen über die 60er sagen wie: „Oh man, es war toll. Die Drogen und die Musik waren so gut." Und man selber dachte sich nur: „Aaah, verdammt, hör auf damit!" Ich habe aber das Gefühl, dass es nicht wirklich die Drogen oder die Musik waren, um die es ihnen dabei letztendlich ging, sondern dieses Gefühl, dass man kurz vor einer Revolution stand—aber sie glitt ihnen buchstäblich durch die Finger und daraus wurde nichts.

Joanna Newsom, Joaquin Phoenix und Katherine Waterston in Inherent Vice - Natürliche Mängel

Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder eine Buchadaption machen werde. Ich weiß, dass ich noch eigene Sachen zu schreiben habe, aber wenn mir ein weiteres Buch über den Weg läuft, das mich so fesselt, dann werde ich daraus einen Film machen. Es ist jetzt nicht so, als würde ich einen bestimmten Plan verfolgen. Magnolia war mein wahrscheinlich persönlichstes Werk und ich habe festgestellt, dass, wenn du etwas sehr persönliches zu einem bestimmten Zeitpunkt in deinem Leben schreibst, dann fließt es zwar geradezu durch dich hindurch, aber du weißt instinktiv auch irgendwie, dass du an diesen Ort nie wieder zurückkehren kannst—dass du diesen Moment nie wiederholen kannst.

Dementsprechend kann es eine ziemlich deprimierende und einsame Arbeit sein, wenn man komplett von vorne anfängt. Wenn man ein Buch adaptiert, ist man allerdings nicht so einsam. Man arbeitet ja mit jemandem zusammen.

Inherent Vice – Natürliche Mängel kommt am 12. Februar in die deutschen Kinos.

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