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Belladonna—Vom Porno-Star zur Schauspielerin

Es war schon eine große Überraschung, Michelle Sinclair aka Belladonna im neuen Film von Paul Thomas Anderson zu sehen. Deswegen habe ich sie angerufen, um mit ihr über ihren neuen Lebensabschnitt zu reden.
13 Januar 2015, 10:42am

2012 drehte ich zusammen mit Michelle Sinclair eine Folge für meine kurzlebige VICE-Doku-Reihe Skinema. Jetzt ist Sinclair eine der Darstellerinnen in Paul Thomas Andersons Film Inherent Vice, aber damals war sie noch unter ihrem Künstlernamen Belladonna bekannt. Zum Zeitpunkt unseres Drehs war sie irgendwie an einem Scheideweg ihres Lebens angekommen. Als Belladonna war sie zweifelsohne eine der erfolgreichsten und sexuellsten Frauen, die es je vor der Kamera getrieben haben, aber bei unseren Aufnahmen waren die letzten Tage ihrer Porno-Karriere bereits angebrochen. Auch die Ehe mit ihrem langjährigen Arbeitskollegen und Vater ihres Kindes, Aiden Riley, war am Ende. Wir redeten ausgiebig darüber, welche Richtung ihr Leben nehmen würde, damals, wo ihr alle Türen offen zu stehen schienen—egal ob die Kameras nun ein- oder ausgeschaltet waren.

Die letzten eineinhalb Jahre riss der Kontakt zwischen uns nie ab und wir gaben uns regelmäßig Erziehungstipps oder erzählten uns Geschichten von unseren Babys. Während dieses Zeitraums hatte sie ein paar neue berufliche Wege im Kopf: Aerial-Silk-Künstlerin, Akrobatin im Cirque du Soleil, Sex-Beraterin und so weiter. Eines Tages schickte sie mir jedoch aus heiterem Himmel eine Nachricht: „Ich habe tolle Neuigkeiten. Du wirst es kaum glauben!"

Sie erzählte mir anschließend, dass sie eine fette Rolle in Paul Thomas Andersons neuem Kiffer-Detektiv-Streifen Inherent Vice bekommen hat—ein Film, den ich gerne als eine denkbare _Big Lebowski_-Fortsetzung mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle beschreibe.

Sinclairs große Schar an leidenschaftlichen Fans hat sich definitiv gefragt, wo sie seit dem Ende ihrer Porno-Karriere abgeblieben ist. Ich bin mir sicher, dass besagte Fans ziemlich geschockt waren, als sie ihre geliebte Belladonna plötzlich im Trailer von Inherent Vice gesehen haben, komplett angezogen. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, den Star von Filmen wie Dick Sauce oder My Ass Is Haunted anzurufen und über dieses neue Kapitel ihres Lebens zu reden.

VICE: Am Ende deiner _Skinema_-Folge bist du in Richtung Sonnenuntergang gelaufen und warst dir nicht sicher, wie deine Zukunft aussieht. Wie geht es dir jetzt, zwei Jahre später? Und wie zum Teufel hast du es in einen Paul-Thomas-Anderson-Film geschafft?
Michelle Sinclair: Es geht mir gut, genauso wie meiner Tochter, und ich bin in einer tollen Beziehung. Bei unserem letzten Interview haben wir darüber geredet, wie ich gerne mehr Romantik in meinem Leben hätte. Ich habe mir jedoch niemals gedacht, dass es jetzt so sein würde. Ich habe wirklich das Gefühl, einen richtigen Lebenspartner gefunden zu haben.

Was Inherent Vice angeht: Ich bin mit Joaquin Phoenix befreundet und bekam eines Tages eine SMS von ihm. „Ich arbeite gerade an einem Projekt. Ist es in Ordnung, wenn ich den Casting-Verantwortlichen deine Kontaktdaten gebe? Sie wollen dich nämlich für eine Rolle in dem Film haben." Ich antwortete: „Klar, gerne." Als sie mich dann anriefen, erfuhr ich, dass es sich um einen Film von Paul Thomas Anderson handelt, und bin total ausgeflippt. Ich fragte dann, um was für eine Szene es sich handeln würde. Natürlich war es eine Sex-Szene. Damals hatte ich einfach keine Lust darauf, mich vor der Kamera auszuziehen und die Dinge zu machen, wegen denen ich berühmt wurde—deswegen sagte ich, dass ich kein Interesse hätte, fragte aber auch gleichzeitig, ob man vielleicht etwas anderes für mich finden könnte.

Meine Nachricht wurde weitergeleitet und Paul fragte mich dann: „Was ist denn mit dir los? Das ist großer Spielfilm. Bist du verrückt?" Er verstand einfach nicht, wie ich das ablehnen konnte. Ich wollte aber unbedingt mitspielen—ich meine, das ist immerhin Paul Thomas Anderson, ein richtig guter Filmemacher! Also habe ich mir noch mal über die ganze Sache Gedanken gemacht und mir gedacht, dass ich die Rolle eigentlich schon annehmen könnte, wenn es sich nicht um eine Porno-, sondern um eine Softcore-Szene handelt, die gut gemacht ist. Dann habe ich zugesagt.

Gibt es bei den Casting-Sofas von Hollywood und der Porno-Welt Überschneidungen?
Ha! Das kommt wohl auf das Porno-Unternehmen an. Mal im Ernst: Das lief alles ganz professionell ab. Ich bin da hingegangen und habe mich mit einer Frau namens Cassandra getroffen. Sie hat dann gefilmt, wie ich den Part von Clancy Sherlock vorlese.

Nackt?
Nein! Das hättest du wohl gerne! Das war einfach nur ein Dialog—eine ganze Menge Dialog, um genau zu sein. Dann gibt es da noch die Szene, in der Joaquin reinkommt und mich und Tariq dabei erwischt, wie wir in seinem Büro ficken. Das geht alles sehr schnell und der Fokus soll dabei gar nicht so sehr auf dem Sex liegen. Das war auch einer der Gründe dafür, warum ich die Szene doch machen wollte. Ich habe also vorgelesen und Paul gefiel das sehr gut. Deshalb ließ er Joaquin und mich auch noch einmal zusammen lesen.

Ich habe eigentlich auch noch eine weitere Szene mit Joaquin und einem anderen Typen—Mars Crain—gedreht. Alle waren total begeistert, weil ich mich gut vorbereitet und das Ganze perfekt hinbekommen habe. Allerdings wurde dann die Rolle von Mars Crain neu besetzt und wir mussten die Szene noch mal aufnehmen. Beim zweiten Mal waren die Dialoge gekürzt und letztendlich wurde die Sexszene dann auch noch rausgeschnitten ... worüber ich sehr froh bin.

Klar, man findet auch weiterhin noch viele meiner Pornos im Internet. Das kann man nicht einfach so alles löschen. Aber so glaube ich, dass die Leute, die sich Inherent Vice anschauen und Belladonna nicht kennen, da einfach nur eine Frau sehen. Sie kennen mich nicht und dadurch habe ich die Chance, jemand anderes zu sein—nämlich Michelle Sinclair.

Ist normales Schauspielen deine neue Berufung?
Das wäre schon schön, aber ich glaube jedoch nicht, dass ich mich nur damit beschäftigen will. Ich habe den Wunsch, auch noch andere Dinge zu machen. Durch Abwechslung bin ich schon immer richtig aufgeblüht. Ich bin wirklich dankbar, wenn man mir die Möglichkeit bietet, etwas Neues auszuprobieren. Ich will kein bestimmtes Klischee erfüllen und ich will nicht mehr nackt sein. Leider werden mir meistens solche Rollen angeboten.

Gab es jemals die Versuchung, wieder Pornos zu drehen?
Nein, überhaupt nicht. Weißt du, was mir meiner Meinung nach bei den Pornos so viel Spaß gemacht hat? Die Abwechslung, das Reisen und die Performance. Ich liebte es, irgendwo aufzutreten. Vor einem Publikum zu tanzen oder Luftakrobatik zu machen, das fehlt mir. Ich habe total gerne neue Leute kennengelernt und mich mit ihnen unterhalten. Das vermisse ich. Ich glaube, dass die Abwechslung das ist, was mir am Schauspielen so gefällt.

Bei Evil Angel gibt es immer noch eine Belladonna-Sparte, bei der dein Ex-Mann Aiden Riley die Zügel in der Hand hat. Bist du da irgendwie involviert?
Nein, aber er produziert immer noch einen Film pro Monat. Finanziell gesehen geht es ihm schon gut, denke ich. Ich glaube aber auch, dass ihm das Ganze ohne diese Muse—oder mich als Creative Director—nicht mehr so viel Spaß macht. Ich hatte immer die ganzen Ideen und er hat sie dann umgesetzt. Es ist schön, wenn man mit jemandem so zusammenarbeiten und sich austauschen kann.

In Inherent Vice gibt es auch einen kleinen Fingerzeig in Richtung deiner alten Karriere: Dein Charakter zieht es vor, mit zwei Typen gleichzeitig Sex zu haben. Wie hast du reagiert, als du das gelesen hast?
Da gab es keine wirkliche Reaktion. Ich habe einfach nur gedacht: „Nun, das macht schon Sinn, wenn man Belladonna kennt. Richtig gut." Ich musste eigentlich nur ein wenig kichern, als ich diesen Teil des Skripts gelesen habe.