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Vom Iran geflogene US-Jets bekämpfen vielleicht nordkoreanische Panzer im Nahen Osten

Wirre Wendungen in der Militärgeschichte und ständig wechselnde Bündnispartner haben den Nahen Osten zu einem Pulverfass werden lassen, bei dem es schwerfällt, den Überblick zu behalten.
11.12.14
Eine F-14A TOMCAT, die zu Übungszwecken vom US-Militär wie eine iranische Version umlackiert wurde

​ Wenn du davon ausgehst, dass man eine Schlacht zwischen US-Düsenjägern und nordkoreanischen Panzern am ehesten noch irgendwo nahe der ​demilitarisierten Zone Koreas zu sehen bekommen wird, dann ist das gar nicht so abwegig. Immerhin ist das der Ort, wo sich unter anderem die US Seventh Air Force und ein ganzer Haufen besagter nordkoreanischer Panzer gegenüberstehen—bis an die Zähne bewaffnet und bereit, für Tod und Zerstörung zu sorgen.

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Du könntest mit deiner Annahme aber auch ungefähr 7000 Kilometer weit daneben liegen. Wie sich herausgestellt hat, könnten US-Flugzeuge im Nahen Osten viel eher auf die Jagd nach nordkoreanischen Panzern gehen als an der DMZ. Letzte Woche sind zwei Dinge passiert, die so ein irres Szenario wahr werden lassen könnten.

​VICE News berichtete darüber, dass in den USA gebaute und (wahrscheinlich) von Iranern geflogene F-4 Phantom-Düsenjets dabei beobachtet wurden, wie sie IS-Stellungen im Irak angriffen. Dabei waren sie im ​„Little Green Men"-Modusunterwegs: also ohne Länderkennzeichen ausgestattet.

Ungefähr zur gleichen Zeit berichtete  ​NK News von Panzern aus der Sowjet-Zeit, die in Nordkorea eine Aufrüstung erhalten hatten und nun vom Islamischen Staat gelenkt wurden.

Es ist also durchaus möglich, dass in den USA hergestellte und von Iranern geflogene Flugzeuge Luftschläge durchgeführt haben (oder noch durchführen werden), die sich gegen in der Sowjetunion hergestellte und in Nordkorea aufgerüstete Panzer richten, die von IS-Kämpfern gefahren werden.

Das Ganze ist wirklich so verrückt, wie es klingt.

Sogar in Ego-Shootern ist es mittlerweile das Natürlichste der Welt,  getötete Gegner nach Waffen und Munition zu durchsuchen, dass das automatisch passiert, ohne dass man extra Knöpfe drücken müsste.

Bei schwerer und aufwändiger Kriegsmaschinerie ist eine solche Vorgehensweise im echten Leben nicht ganz so einfach. Ab und an benutzen Armeen wirklich beschlagnahmte Ausrüstung, aber das ist nur selten die beste Option. Es besteht dann nämlich ein „Friendly Fire"-Risiko, weil man im Kampf die gleiche Ausrüstung einsetzt, mit der einen die Bösewichte immer noch töten wollen.

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Dazu kommt, dass es nicht gerade einfach ist, beschlagnahmtes Kriegsgerät zu bedienen und zu warten. Bedienungsanleitungen, Ersatzteile und ein guter Kundendienst sind nämlich nicht inklusive.

Wenn man schwere Waffen findet und sie dann längere Zeit benutzt, dann kann sich das schnell zu einem ziemlich zeitintensiven Erneuerungsprojekt entwickeln. Aber ein langwieriger Krieg hat seine eigenen Regeln: Standards werden schnell nach unten geschraubt und man greift auf das zurück, was eben zur Verfügung steht.

Beim Iran ist es folgendermaßen: Lange vor der Iranischen Revolution von 1979 waren die USA und der iranische Schah beste Freunde und die Amerikaner verkauften ihm ein paar hochwertige US-Kampfflugzeuge. Das war auch das einzige Mal, dass die USA jemals F-14 Tomcats an ein anderes Land veräußerten. F-4 Phantoms waren bei dem Deal auch dabei.

Nachdem der Schah gestürzt worden war, beschäftigte sich der Iran intensiv mit der Wartung und der Instandhaltung dieser Kriegsmaschinen. Ende der 80er Jahre erreichte die Angst der USA, mit den eigenen Waffen geschlagen zu werden, ihren Höhepunkt. Damals lagen die USA und der Iran auch  ​ziemlich heftig im Streit. 1988 schoss das Kriegsschiff ​USS Vincennes ein iranisches Passagierflugzeug ab, nachdem es für eine angreifende F-14 Tomcat der iranischen Armee gehalten wurde.

Solche Verwechslungen (auch eine Art „Friedly Fire") kommen in der heutigen Zeit nicht mehr besonders häufig vor. Das liegt einfach daran, dass die US-Streitkräfte nicht mehr die gleichen Flugzeuge einsetzen wie die iranische Luftwaffe. Trotzdem bleibt immer noch ein kleines Restrisiko zumindest mit den F-4 Phantoms bestehen, weil dieses Modell beim türkischen Militär weiterhin Verwendung findet.

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Im Falle der vom IS eingesetzten nordkoreanischen Panzer sieht das schon etwas anders aus. Letzten Sommer  ​eroberten die militanten Streitkräfte mehrere Stützpunkte und Außenposten in Syrien und im Irak. Dabei kamen sie auch in Besitz einiger Waffen und Kriegsgeräte, darunter: in Nordkorea aufgerüstete Ausführungen des altehrwürdigen ​T-55-Panzers. Diese Panzer sind an sich eigentlich ziemlich einfach in Schuss zu halten—im Grunde bestehen sie aus einfachsten Materialen ohne großes Brimborium.

Die nordkoreanischen Versionen (zum Beispiel der T-55MV), die letztendlich in Syrien landeten, sind dem Original da schon überlegen. Selbst die bloße Aufrüstung mit einer einfachen Laser-Entfernungsmessung, einem neuen Motor und aktiver Panzerung (gegen die manche Panzerabwehr-Raketen nichts ausrichten können) lässt den Panzer zu einer wirklich ernsthaften Bedrohung werden.

Mir sind jetzt noch keine Berichte untergekommen, die wirklich bestätigen, dass iranische F-4-Kampfflugzeuge Luftschläge gegen T-55MV-Panzer des IS geflogen haben, aber alleine die Formulierung eines solchen Satzes zeigt doch schon, wie abgedreht diese ganze Sache wird.

Normalerweise hat es eine starke und gefestigte Armee nicht nötig, irgendwo Waffen zu plündern, aber die Situation im Nahen Osten ist eben alles andere als normal. Im Grunde verwandelt sich diese Apokalypse innerhalb von Landesgrenzen (früher auch bekannt als Syrien und Irak) gerade zu einem riesigen Teilchenbeschleuniger. Hier lässt man aber keine subatomaren Teilchen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit aufeinander prallen, um neuartige, kurzlebige und exotische Teilchen zu erschaffen. Hier bringt der Krieg gegen den Islamischen Staat neue Arten an Waffen hervor, die man so zuvor noch nie gesehen hat.

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Wenn jemand vor einem oder zwei Jahren davon geredet hätte, wie ein US-Kampfflugzeug einen Luftschlag gegen einen Panzer der Syrier ausführt, dann hätte das Folgendes bedeutet: Die USA wollten ein syrisches Militärfahrzeuge zerstören. Jetzt benutzen aber auch mehrere in Syrien kämpfende Splittergruppen diese Panzer und viele Länder im Nahen Ostens fliegen US-Kampfjets. Wenn ein solcher Jet jetzt alles um einen syrischen Panzer herum zerstört, dann kann man nicht mehr sagen, ob da jetzt Pech und schlechtes Zielen im Spiel waren, oder ob da fast ein Verbündeter abgeschossen wurde.

Man darf auch nicht vergessen, dass alte US-Kampfjets und aufgerüstete Panzer aus Nordkorea nur die Spitze des Eisbergs sind. Alle möglichen Kombinationen aus Ausrüstung, Soldaten und Munition werden jetzt von schleierhaften Allianzen eingesetzt, die für ihre unergründlichen politischen Ziele kämpfen. Der IS befindet sich im Besitz von  ​deutschen Panzerabwehr-Raketen​niederländische Biker-Gangs kämpfen Seite an Seite mit kurdischen Milizen, ​Dschihadisten kommen aus allen Ecken Europas und ​Gangmitglieder aus Los Angeles ziehen zur Unterstützung von Bashar al-Assad in den Krieg. Die ganze Sache gleicht einem Pulverfass, bei dem es zu Verbündenden und Konflikten kommt, die es so zuvor einfach noch nie gegeben hat.

Das Chaos nimmt kein Ende und es hat fast den Anschein, als bestehen die Kriegsberichte der Zukunft nur noch aus Lückentexten, die nach Belieben ausgefüllt werden. Wir können nur hoffen, dass die Auseinandersetzungen im Nahen Osten nicht noch bizarrere Formen annehmen. Sonst ist bald alles zu spät.


Titelbild:  Dave Parsons ​Wikimedia commons