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Ayotzinapa vor und nach dem Verschwinden der 43 Studenten

Nach dem Verschwinden der 43 mexikanischen Studenten im September hat sich das Leben ihrer Kommilitonen drastisch verändert. Diese Fotos dokumentieren ihren Alltag.
2.12.14

An der Raul-Isidro-Burgos-Schule für Männer in Ayotzinapa, im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero, führen die Studenten ein Lebens, das sich deutlich von dem Leben ihrer Altersgenossen anderswo unterscheidet. Ihren Alltag bestimmt die Unbeständigkeit der politischen und sozialen Verhältnisse, in denen sie leben.

Im August 2013 hatte ich die Gelegenheit, drei Tage an dieser Schule zu verbringen. Ich lernte den Campus und die Studenten kennen, sah die Wandgemälde von Revolutionären und gefallenen Guerilla-Kämpfern und lernte etwas über die Geschichte der Schule. Ich trank eine Flasche selbst gemachten Meskal zusammen mit einer Gruppe Normalistas, wie die Lehramtsstudenten genannt werden, während die Studenten, die kurz vor ihrem Abschluss standen, sich auf eine bescheidene, traditionelle Abschiedsfeier vorbereiteten.

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Seit dem 26. September hat sich das Leben an der Schule drastisch verändert. An diesem Tag befahl Jose Luis Abarca, Bürgermeister der Stadt Iguala, einen brutalen Angriff auf Busse, in denen die Studenten der Lehrerfachschule saßen. Korrupte Polizisten brachten sechs Menschen während des Einsatzes um und verschleppten 43. Die Regierung gab an, dass die Studenten dem Guerreros-Unidos-Kartell übergeben und von diesem verbrannt wurden.

Bei den Lehramtsstudenten handelt es sich um fähige junge Männer. Sie sind in der Lage, aus recycelten Dingen Spielzeug, Karten und Unterrichtsmaterialien für ihre zukünftigen Klassenräume herzustellen. Sie sind ebenso in der Lage, Molotow-Cocktails oder Steinschleudern herzustellen und einzusetzen. Das ist ihre Antwort auf das Versagen der Regierung und die Verbrechen gegen die Studenten.

Dieser Foto-Essay soll euch den Kontrast zwischen dem Leben, das die Studenten von Ayotzinapa vor den schrecklichen Ereignissen geführt haben, und der Wirklichkeit, der sie ins Auge sehen müssen, seit ihre Kommilitonen entführt wurden, vor Augen führen.

Fotos: Hans-Maximo Musielik

Ein Student sitzt vor einer Mauer, auf die das Symbol von Ayotzinapa aufgemalt wurde: die Schildkröte. Die Studenten erklärten mir, dass Ayotzinapa auf Nahuatl „Land der Schildkröten" bedeutet.

Ein Lehramtsstudent stellt Miniatur-Sandalen für einen Lederverarbeitungskurs her.

Junge Studenten in ihrem Abschlussjahr, die an einem ihrer letzten Projekte arbeiten. Da Geldmittel fehlen, haben die Studenten in Ayotzinapa gelernt, kreativ zu sein. Sie stellen Unterrichtsmaterialien aus recycelten und gebrauchten Materialien her.

Die Mensa, an den Wänden sozialistische Motive.

Ein Student duscht, indem er sich mit Wasser aus einer Schüssel übergießt. Weil die Duschen nicht funktionieren, benutzen die Studenten zum Duschen dieselbe Waschschüssel, die sie auch zum Waschen ihrer Kleidung verwenden.

Nach den Verbrechen habe ich die letzten sechs Wochen mit den Studenten der Schule in Ayotzinapa verbracht. Ihr Schmerz ist sichtbar, denn schon seit fast zwei Monaten wissen sie nichts über den Verbleib ihrer Freunde und Kommilitonen. Ihre Enttäuschung von der Regierung nimmt mit jedem Tag zu.

Der überdachte Hof, in dem wir letztes Jahr Basketball gespielt haben, dient jetzt als Spendensammelstätte, um Vorräte und Essen für die Studenten und die Suchtrupps entgegenzunehmen. Er ist auch ein Treffpunkt für die Angehörigen der verschwundenen 43 Studenten. Eine Ecke des Hofs wurde zu einer Kantine umgewandelt, in der Essen vorbereitet und an Besucher, Freiwillige und sogar die Medien ausgegeben wird.

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In der Mitte des Hofs steht ein mit Blumen geschmückter Altar, auf dem ein Holzkruzifix steht.

Die Klassenräume werden jetzt als Schlafsäle genutzt, um andere Lehramtsstudenten zu beherbergen, die aus dem ganzen Land angereist sind, um bei den Suchaktionen zu helfen und bei den Demonstrationen, die in Guerrero, Mexiko und auf der ganzen Welt organisiert werden, ihre Solidarität zu bekunden.

Während ihrer Demonstrationen gegen die Behörden vor Ort skandieren die Studenten jedes Mal: „Wir sind das Volk, genauso wie ihr! Wir sind das Volk!"

Doch das Mantra, das bisher am häufigsten wiederholt wurde, war: „Vivos se los llevaron, vivos los queremos!", „Lebendig haben sie sie entführt, lebendig wollen wir sie zurück!"

Ein Erstsemester schläft auf dem Boden seines Zimmers. Die anderen zehn Studenten, mit denen er sich zuvor das Zimmer geteilt hat, werden seit dem Angriff vermisst.

Ein junger Mann spielt unter einem Banner mit der Aufschrift „Aguirre! Mörder!" Gitarre.

Dieser Klassenraum wurde zum provisorischen Schlafsaal für die Angehörigen der Vermissten und Lehramtsstudenten aus anderen Fachschulen umfunktioniert, die angereist sind, um an den Suchaktionen teilzunehmen.

Menschliche Überreste, die von Gerichtsmedizinern aus Argentinien gefunden wurden. Die Gerichtsmediziner wurden von den Behörden bestellt, um die Überreste in den Massengräbern in den Hügeln um Iguala zu identifizieren. Dieser Kieferknochen und die untere Zahnreihe wurden in einem versteckten Grab in Loma del Zapatera gefunden, in der Nähe der Stätte, in der am 5. Oktober die ersten fünf Massengräber in Iguala gefunden wurden.

Kisten mit Molotow-Cocktails, die aus Stofffetzen, Benzin und Cola-Flaschen bestehen.

Lehramtsstudenten und Lehrer von der Lehrergewerkschaft von Guerrero marschieren zum Sitz der Verwaltung in Iguala. Kurz danach setzen Demonstranten das Gebäude in Brand und plündern es.

Wenigen Minuten, bevor das Gebäude in Flammen aufgeht, wirft ein junger Demonstrant einen Ventilator in Richtung Verwaltungsgebäude von Iguala.

Ein Bewohner von Iguala schaut sich das brennende Verwaltungsgebäude an. Demonstranten und andere maskierte Personen haben das verlassene Gebäude später geplündert.

Anwohner nutzen das Chaos aus, um Geschäfte und Büros im Tamarindos-Einkaufszentrum zu plündern. Zu der Zeit waren die Lehramtsstudenten bereits nach Ayotzinapa zurückgekehrt.

Kinder beobachten den Marsch von Tixtla nach Chilpancingo.

Gouverneur Angel Aguirre tritt infolge des steigenden öffentlichen und politischen Drucks nach dem Verschwinden der 43 Studenten zurück.

Lehramtsstudenten und Mitglieder der Lehrergewerkschaft besetzen das Mauthäuschen in Palo Blanco in Zentralguerrero. Das tun sie mehrmals pro Woche.

Während einer Demonstration am 4. Oktober: Ein Lehrer von der Guerrero-Lehrergewerkschaft zielt mit einer Steinschleuder auf Polizisten, die sich vor der Casa Guerrero, dem Sitz des Gouverneurs, aufgebaut haben.

Lehrer rammen ein Auto in das Tor der Casa Guerrero und stecken sie anschließend in Brand. Auf die Mauer wurde geschrieben: „Wir akzeptieren den [Interimsgouverneur] Ortega nicht. Bringt sie lebendig zurück."

Zwei angebliche Geheimagenten der Regierung werden von Lehrern festgehalten und den Behörden in Chilpancingo übergeben.

Ein Wandbild, das nach den Angriffen von Iguala von den Studenten aus Ayotzinapa erstellt wurde. Dieses Bild wurde anlässlich des Tags der Toten in der nahegelegenen Stadt Tixtla gemalt.

Lehramtsstudenten platzieren ein Polizeiauto auf den Stufen zum Regierungsgebäude im Chilpancingo. Wenige Minuten später setzen sie das Gebäude in Brand.

Autos verbrennen vor einem Bürogebäude der Regierung in Chilpancingo.

Studenten aus Ayotzinapa tragen die mexikanische Flagge zum International Airport in Acapulco. Sie besetzen den Flughafen und blockieren alle abgehenden Flüge für mehrere Stunden.

Ein friedlicher Protest in Tixtla, bei dem Demonstranten die Rückkehr der 43 vermissten Studenten fordern.

Ein Mann schaut sich Graffiti an, das von Gewerkschaftslehrern an eine Wand auf dem größten Platz von Chilpancingo gesprayt wurde. In den folgenden Tagen tauchen Graffiti, mit denen der Gouverneur und der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto kritisiert und die sichere Rückkehr der Studenten gefordert werden, in Städten im ganzen Bundesstaat auf.

Studenten erholen sich von der Straßensperre entlang der Autopista del Sol in Guerrero.

Ein Demonstrant schlägt mit einem Holzbalken gegen das Schutzschild eines Polizisten. Kurz nachdem die Demonstranten die Büros der herrschenden Partei in Chilpancingo in Brand gesteckt haben, tauchte Staatspolizei auf.

Bewaffnete Mitglieder einer Bürgerwehr bewachen das Tor zur Lehrerfachschule in Ayotzinapa. Nach den Angriffen vom 26. September hat die Bürgerwehr ihre Hilfe angeboten.

Die Bürgerwehr in Guerrero marschiert während einer Demonstration durch die Straßen von Tixtla. Sie fordern die Befreiung von Comandante Gonzalez, einem ihrer Führer, der vor einem Jahr festgenommen wurde. Die Studenten marschieren als Zeichen der Solidarität neben ihnen.

Ein Kongresssaal in Guerrero nach einem Angriff durch Lehrer der Lehrergewerkschaft von Guerrero.

Angehörige von Cristian Alfonso Rodriguez, einem der vermissten Lehramtsstudenten, zünden Kerzen an einem Altar an, den sie für ihren Sohn errichtet haben.