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Sind Hunderte Mosambikaner durch Krokodilgalle vergiftet worden?

Mindestens 69 Menschen sind bei einer Beerdigung gestorben und weitere 169 ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil sie selbstgebrautes Bier getrunken hatten. Welche Rolle spielt hier die mysteriöse Krokodilgalle?

von Mark Hay
13 Januar 2015, 4:50pm

Foto: Molly Ebersold | Wikicommons | Public Domain

In der mosambikanischen Provinz Tete sind bei einer Beerdigung letzte Woche mindestens 69 Menschen gestorben, weil sie verunreinigtes Phombe—ein regionales, selbstgebrautes Bier—getrunken haben. Weitere 169 liegen noch immer im Krankenhaus. Laut Paula Bernado, der Vorsitzenden der lokalen Gesundheits-, Frauen- und Sozialbehörde, gehörten zu den Symptomen der Opfer auch Durchfall und Muskelschmerzen. Daraus kann man jetzt noch keine großen Schlüsse ziehen, aber die Beamten vermuten bereits, dass das 210-Liter-Fass mit Krokodilgalle versetzt war. Diese Flüssigkeit wird dort als ein starkes Gift angesehen, die wirkliche Toxizität ist jedoch stark anzuzweifeln.

Am Tag darauf rief die Regierung von Mosambik für die Opfer eine dreitägige Staatstrauer aus, während lokale Schauspieler für die Betroffenen und deren Familien Kleider- und Nahrungsmittelspenden entgegennahmen. Es ist jedoch immer noch unklar, was genau da überhaupt passierte und wer dafür verantwortlich ist. Die Frau, die die Ladung Phombe gebraut hat, befindet sich selbst unter den Toten, genauso wie einige ihrer Verwandten. Das bedeutet, dass sie mit dem Ganzen sehr wahrscheinlich nichts zu tun hat. Bier- und Blutproben wurden bereits in die Hauptstadt Maputo und nach Südafrika geschickt, denn in Tete war das benötigte Equipment zur Analyse der Substanzen nicht verfügbar.

Krokodilgalle ist jetzt vielleicht nicht der wahrscheinlichste Übeltäter, dafür aber mit Abstand der interessanteste. Die berüchtigte und traditionelle Giftzutat wird aus der Gallenblase von geschlachteten Krokodilen gewonnen und zu einem Pulver verarbeitet. Eingesetzt wird sie in ganz Afrika. In seinem 1996 erschienenen Buch African Ethnobotany: Poisons and Drugs schreibt Dr. Hans Dieter Neuwinger über die traditionelle Verwendung der Galle, die dabei zusammen mit anderen angeblich toxischen Substanzen in Pfeilspitzen und anderen Giften zum Einsatz kommt. Zu finden ist das Ganze in Ghana, Liberia und Togo sowie in der Gegend rund um die Afrikanischen Großen Seen—darunter auch Mosambik und Simbabwe.

„Der Glaube, dass Krokodilgalle sehr giftig sei, ist weit verbreitet", schreibt Neuwinger in seinem Buch. „Deshalb wird sie in mehreren afrikanischen Ländern in das Bier oder in den Haferbrei einer nichts ahnenden Person gemischt. Das Opfer ist dann angeblich innerhalb von 24 Stunden tot."

Der Glaube an das Gift bleibt weiterhin bestehen. 1997 schrieben Menschen aus der Region den Tod des kenianischen Polizeikommissars Philip Kilonzo Krokodilgalle zu und behaupteten, dass sie ihn innerhalb von Sekunden getötet und keine Spuren hinterlassen hätte. Im 2012 herausgebrachten Buch Encounters with Witchcraft: Field Notes from Africa schreibt Norman N. Miller, dass die Krokodiljäger vom Victoriasee die Organe des Tiers verbrennen und anschließend ins Wasser schmeißen müssen, um zu zeigen, dass sie nicht vorhaben, die Galle für unlautere Zwecke zu verwenden oder zu verkaufen.

Wie viel Glauben kann man dem Ganzen aber jetzt wirklich schenken? Krokodilgalle wird auch häufig in der traditionellen asiatischen Medizin eingesetzt: Chinesische Kräuterärzte vermischen das Gallenpulver mit anderen Zutaten, um Asthma zu behandeln. So wird angeblich Schleim gelöst, die Lungenkraft verstärkt und Hitze nach außen getragen. In der thailändischen Medizin wird die gleiche Substanz verwendet, um vor allem bei Frauen nach der Schwangerschaft das Immunsystem zu stärken, Energie zu liefern und Ohnmachts- sowie Schwindelanfällen vorzubeugen. Die Galle von anderen Tieren wird in moderaten Dosen genauso regelmäßig eingenommen und es werden dabei keine giftigen Nebenwirkungen beobachtet.

1984 hat N.Z. Nyazema von der University of Zimbabwe in seiner Studie „Crocodile Bile, A Poison: Myth or Reality"—erschienen im Central African Journal of Medicine—die angeblich schnelle tödliche Wirkung von Krokodilgalle kritisch untersucht. Dazu verwendete er zehn Gallenblasen aus einer nahegelegenen Krokodilfarm und testete über den Zeitraum von einer Woche mittlere Konzentrationen der Substanz an verschiedenen Mäusen sowie einem Pavian. Dabei konnte er keinerlei Hinweise auf Vergiftungserscheinungen feststellen. Aus diesem Grund wird spekuliert, dass andere Substanzen, die ebenso häufig in der Region verwendet werden, giftig sind, während Krokodilgalle einfach nur einen schlechten Ruf hat.

Doch in hoher Dosis könnte auch Galle giftig sein. In noch aktuellere Studien als der von Nyazema wurde nämlich herausgefunden, dass es bei Tieren zu Vergiftungserscheinungen (und daraus resultierend Leberschäden) oder sogar zum Tod führen kann, wenn höhere Konzentrationen von Krokodilgalle zum Einsatz kommen. Das könnte wiederum darauf hindeuten, dass Nyazema bei seinen Untersuchungen Konzentrationen unterhalb des toxischen Bereichs verwendet hat. Der Legende nach sollte ja ein Tropfen ausreichen.

Außerdem glauben viele Einheimische, dass die Galle erst durch Wechselwirkungen mit anderen Substanzen giftig wird. In diesem Zusammenhang verweist Miller auf die Geschichte von Eric van der Whipple, einem niederländischen Krokodiljäger, der lange Zeit in der Region der Großen Seen Afrikas unterwegs war. Van der Whipple erzählte Miller, dass ein Londoner Labor Krokodilgalle analysiert hatte und als erstes Ergebnis „nicht-toxisch" herauskam. Doch als ein Fischer es dann mit einem bestimmten einheimischen Wurzelnpulver vermischte, sei es plötzlich extrem giftig geworden.

„Anscheinend hat die Kombination aus Wurzeln, Leber und Galle zu einer chemischen Reaktion geführt", sagte van der Whipple zu Miller. „Was da genau passiert sein soll, ist mir zu hoch. Aber so habe ich es auf alle Fälle verstanden."

Krokodilexperte Paul Moler von der Florida Fish and Wildlife Conservation Commission hat seine Zweifel, was die Geschichte aus Mosambik angeht. „Ich kann mir nur schwer erklären, wie Leute auf die Idee kommen können, dass Krokodilgalle hinter der Tragödie steckt", so Moler im Interview mit VICE. „Selbst wenn Krokodilgalle giftig wäre—was sie nicht ist—, wäre es kaum möglich, genug Gift aufzutreiben, um dermaßen viele Menschen zu vergiften."

Auch wenn es schwierig sein sollte, genügend Gift für 200 Personen zu finden, gibt es reichlich Krokodilgalle in Mosambik. In den Jahren 2011 und 2012 hat die Regierung 250 Tiere töten lassen, nachdem 47 Menschen in nur einem Jahr bei Krokodilangriffen ums Leben kamen. Und in der Nähe der Cahora-Bassa-Talsperre befindet sich außerdem eine große Krokodilfarm, bei der Jahr für Jahr 50.000 Eier zusammenkommen und die regelmäßig Krokodile tötet, um deren Haut im Ausland zu verkaufen. Zu diesem Zweck arbeitet man auch eng mit Einheimischen zusammen, die auf den dortigen Gewässern verkehren.

Dennoch ist es wahrscheinlicher, dass für die vielen Toten eine andere Vergiftung verantwortlich ist. Schwere Verunreinigungen (sei es nun absichtlich oder nicht) von selbstgebrauten alkoholischen Getränken sind in Afrika keine Seltenheit. Allein letztes Jahr starben in Kenia rund 80 Menschen durch ein anscheinend giftiges Bier. Der Krokodilgalle wird oft die Schuld zugeschoben, weil sie Teil vieler lokaler Traditionen und Überlieferungen in Sachen giftige Substanzen ist. Doch bevor wir die sehr allgemeinen Symptome (die sich aufgrund eines Fehlens von medizinischem Fachpersonal vor Ort bestimmt noch verschlechtert haben) einem bestimmten Gift zuschreiben, sollten wir erst einmal die Laborergebnisse abwarten.

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