Die Nazi-Hipster von Blockupy

Die Blockupy-Proteste waren keine rein linke Veranstaltung.

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März 19 2015, 2:51pm

Screenshot der Twitterseite „Freies Netz Hessen"

Gestern brannte Frankfurt. Und Schuld daran waren „linke Krawallmacher" und Demonstranten, wie sich die Medien schnell einig waren. Tatsächlich gehört das Blockupy-Bündnis grundsätzlich zum linken Spektrum und genau wie zu anderen Terminen im bundesdeutschen und internationalen Kalender versammeln sich zu den entsprechenden Demonstrationen neben Menschen mit tatsächlichem Anliegen auch Krawalltouristen, die einfach nur irgendwas kaputt machen wollen. Aber Kritik am Kapitalismus kommt nicht nur von links. Die Proteste am Mittwoch hatten vermutlich auch rechstradikale Teilnehmer. Im Vorfeld hatte der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill schon davor gewarnt. Aber wer sind die Neonazis bei Blockupy und was unterscheidet ihren Antikapitalismus vom Rest der Blockupy-Bewegten?

Eine Gruppe namens „Freies Netz Hessen" hatte seit Längerem dazu aufgerufen, an den Protesten teilzunehmen und twitterte dann Bilder und Kommentare von den Demos.

Die Leute hinter diesem Account und der Facebook-Seite bedienen mit ihrem Auftreten und den Bildern das, was man Nipster nennt. Neonazis, die nicht dem klassischen Klischee vom glatzköpfigen Nazi-Skin entsprechen und auch nicht dem biederen NPD-Stil, sondern sich in Erscheinungsbild und geplanter Außenwirkung eher an Leuten orientieren, denen man ansonsten eher in Berlin-Mitte begegnet. Nur dass man halt Poster über nationalen Widerstand gegen Kapitalismus klebt. Was man dann mit Instagram-Filtern versehen auf Twitter postet. SS-Siggi wüsste vermutlich wenig damit anzufangen.

Laut Bildern auf der Facebook-Seite der Gruppe fand Anfang März in Frankfurt ein „Antikapitalistisches Plenum" statt, bei dem Leute wie der Brandenburger JN-Vorsitzende Pierre Dornbrach über die „Grundlagen eines nationalen Antikapitalismus" sprachen.

Screenshot: Facebook

Aber was kommt eigentlich dabei raus, wenn Neonazis den Kapitalismus kritisieren? Bei der Veranstaltung im März bezog man sich anscheinend besonders auf zwei Namen, Silvio Gesell und Reiner Bischoff. Beides Ökonomen, die in der rechten Kapitalismuskritik immer wieder auftauchen. Gesell gilt als Vorbild von Gottfried Feder, dem führenden Ökonomen der Nazis, der sich vor allem auf dessen Zinskritik bezog, sich dann aber später von Gesell abwandte. Reiner Bischoff ist ein eher obskurer Autor, der ein Buch mit dem Titel „Entmachtung der Hochfinanz" veröffentlich hat. Beide Autoren gehören zum Kanon der rechten Kapitalismuskritik, obwohl Gesell eigentlich von einer Welt ohne Nationalstaaten und Grenzen ausgeht. Gemein haben sie die Zinskritik und damit schließt sich dann auch schnell der Kreis.

Zinskritik ist (neben Chemtrails und Globuli) das Lieblingsthema der Verschwörungsszene. Von Montagsdemos bis zur YouTube-Universität kocht das Thema permanent irgendwo hoch. Und genauso permanent wird es zum antisemitischen Code. Feder schreibt über die „Brechung der Zinsknechtschaft" und unterscheidet zwischen „raffendem" (also jüdischem) und „schaffendem" (also arischem) Kapital.

Die rechtsradikalen Antikapitalisten benutzen zwar die gleichen Strategien wie Blockupy, um gegen die EZB zu demonstrieren, haben aber komplett andere Ziele. Beide kritisieren den Staat und das System, aber die einen versuchen (zumindest mehr oder weniger) eine emanzipatorische Bewegung zu schaffen, die anderen im Endeffekt das Gegenteil, ein Wirtschaftssystem, bei dem Nationalismus und biologischer Determinismus im Vordergrund stehen.

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