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Drogen

Wir haben den Typen interviewt, der Hollywood zu ‚Blow‘ inspiriert hat

Boston George ist dafür verantwortlich, dass sich US-Stars in den 70ern das Hirn vollkoksten. Wir haben ihn in L.A. getroffen.

von Nora Osagiobare & Andres Herren
20 September 2015, 4:00am

Alle Fotos von Andres Herren

George Jung aka Boston George ist dafür verantwortlich, dass Kokain in den späten 70ern seinen Weg von Mexiko in die USA gefunden hat. Dank ihm konnten sich die Leute dort damals das Hirn vollkoksen.

Unzählige Gefängnisbesuche haben ihn lange nicht daran gehindert, das Geschäft weiterzuführen. Erst als er 1994 mit rund 250 Kilogramm Kokain erwischt wurde und für zehn Jahre im Knast saß, wandte er sich vom Drogengeschäft ab.

George Jung ist eine Legende, weshalb auch Hollywood schnell auf ihn aufmerksam wurde. 2001 erschien der Film Blow, in welchem Johnny Depp den heute 73-jährigen Amerikaner verkörpert.

Andres Herren hat ihn in L.A. getroffen, um ein wenig über seine Vergangenheit zu plaudern.

VICE: Du hast eigentlich als Grasdealer angefangen. Wie ist es dazu gekommen?
George Jung:
Ich war auf verschiedenen Universitäten, bevor ich nach Kalifornien bin. In Mississippi mochte ich den Rassismus nicht, also bin ich weiter nach Tennessee. Dort waren meine Noten miserabel. Mein fetter Freund Tuna, den ihr vom Film Blow kennt, ist von der Uni geflogen, weil er sich vor dem Haus der Studentinnenverbindung ausgezogen hatte. In den Ferien sind wir dann zu unseren Eltern nach Hause. Tuna und ich schauten uns an und meinten: „Wir verpissen uns besser!" Er fragte mich: „Wo sollen wir hin?" Und ich sagte: „Kalifornien" Er fragte: „Wann?" Wir hatten damals einen kleinen TR3, den ich gekauft hatte. Gleich nach Weinachten sind wir damit nach Kalifornien.

Wieso ausgerechnet Kalifornien?
Es war ein unlimitiertes Paradies, kein Ort in Amerika ließ sich in dieser Zeit mit Kalifornien vergleichen. Wir haben angefangen, Pot zu rauchen. Ich realisierte schnell, dass Pot eine Goldgrube war und die Schule rückte in den Hintergrund. Mein Freund Frankie aus Massachusetts fragte mich mal: „Ist dir klar, wie viel Weed< im Osten des Landes kostet? Dreimal so viel wie in Kalifornien." Wir entschlossen dann, unsere Autos zu verkaufen und eine ganze Menge Weed zu ersteigern, welches wir dann im Osten verticken würden. Schließlich verdienten wir dabei dreimal so viel. Das Geschäft wurde riesig.

Das lief dann so weiter—im Westen kaufen, im Osten verticken?
Irgendwann schlug ich vor, nach Mexiko zu gehen, um unser eigenes Gras zu bekommen. Am Anfang waren alle skeptisch. „Wie sollen wir eigenes Gras in Mexiko kriegen, wenn wir nicht mal Spanisch sprechen?" Ich sagte: „Wir fliegen." Sie meinten: „Wir haben gar kein Flugzeug." Ich sagte: „Wir klauen eins." Sie fragten: „Wer wird es fliegen?" Ich sagte: „Ich werde es tun." Wir gingen also nach Mexiko und suchten überall nach einer Grasquelle. Nach zweieinhalb Wochen hatten wir immer noch nichts gefunden und meine Freunde wollten zurück nach Kalifornien. Mein Ego drohte zu zerbrechen.

An dem Tag, an dem wir abreisen wollten, saßen wir gerade in einer Bar, als wie durch ein Wunder ein gelber Volkswagen vor uns hielt. Eine Blondine stieg aus und kam direkt zu uns an den Tisch. Sie sagte: „Ihr habt jetzt jeden in der Stadt außer Polizisten nach Gras gefragt. Ihr braucht dringend Hilfe." Wir stiegen also ins Auto und rauchten einen Joint. Sie brachte uns ins Haus eines mexikanischen Generals, der den Dope-Handel der Region kontrollierte.

Was würdest du einem angehenden Dealer für Tipps geben?
Das Geschäft war früher ganz anders. Heutzutage ist das Dealen ein grausames, halsabschneiderisches Business, das in Gewalt und Wahnsinn endet. Die Strafe ist das Risiko nicht mehr wert. Ich würde jedem raten, etwas anderes zu tun.

Was hat sich für dich als Dealer verändert, als du angefangen hast, mit Kokain zu dealen?
Das Geschäft mit Marihuana wurde mit einem Handschlag besiegelt, das Geschäft mit Kokain hingegen mit einer Waffe. Es war ein drastischer Schritt weiter nach oben. Das Kokainbusiness ist ernst. Ich hatte am Anfang Angst. Irgendwann geschieht aber etwas Komisches mit einem: Man hört auf, sich zu fürchten. Man wird high von der Angst. Wenn man ein Adrenalinjunkie ist, dann ist Angst ein Opiat. Menschen wundern sich, warum man nicht aus diesem Geschäft aussteigt, wenn man seine 100 Millionen hat. Weil man so berauscht vom Nervenkitzel und der Angst ist! Das Geld ist nur ein Mittel zum Zweck. Man will die Angst.

Wie hat sich Koks in den USA ausgebreitet?
Es gab noch keinen großen Markt für Kokain in den frühen 70ern. Mein Freund Richard verkaufte es innerhalb der Musik- und Filmindustrie, das war die beste Werbung der Welt. Ich meine, sogar Johnny Carson von der Tonight Show und Woody Allen waren auf Koks. Ziemlich schnell wurde Kokain die Droge der High Society. Quantität über Qualität reduziert den Preis. Ich fand am Anfang immer, wir sollten es in einem kleinen Rahmen halten und teuer verkaufen. Es kostet 60.000 pro Kilo. Das war ein riesiger Gewinn. Ein Transportflug generierte 5 bis 10 Millionen Dollar.

Warum hast du nach den Aufenthalten im Gefängnis nicht mit dem Dealen aufgehört?
Ich war ein Adrenalinjunkie, ich war besessen davon. Verhaftet zu werden, bedeutete gar nichts. Ich meine, in den 60ern und 70ern konntest du deinen Haftantritt verschieben, du konntest deinen Fall verlängern, weil du einen Millionen Dollar teuren Anwalt hattest oder sonst irgendwas. Es gab noch keine verpflichtenden Strafen! Dann wurden verpflichtende Mindesthaftstrafen eingeführt und man wurde in einen Raum geführt mit den Worten: „Wir werden dir 30 bis 40 Jahre geben. Willst du uns nicht sagen, wer deine Freunde waren?" So begann alles zusammenzubrechen. Früher hättest du vielleicht fünf Jahre bekommen und nur 20 Monate gesessen. Je mehr Leute in dein Geschäft involviert sind, desto größer ist das Risiko. Vor allem, wenn man 30 Jahre aufgebrummt bekommt.

Du hast mit Pablo Escobar zusammengearbeitet. Wie würdest du ihn als Menschen beschreiben?
Er ist in den Barrios von Medellín aufgewachsen und unterstützte seine Geschwister und seine Mutter, indem er auf der Straße Sachen stahl. Dann ist er im kleinen Stil ins Drogengeschäft eingestiegen.

Er hatte eine Regel: Wenn du mich verarschst, bringe ich dich um. Jedes Imperium, das besteht, basiert auf Furcht. Ich meine, jede Firma, die von Menschen betrieben wird, wird durch Furcht betrieben. Pablo war lange im Business und hätte einfach aussteigen können, das tat er aber nicht. Alle großen Führer, Könige, Krieger können nicht einfach weglaufen.

Er war ein Gentleman, solange man ihm nicht im Weg war. Er liebte Frauen mit Leidenschaft, er liebte das Leben und er liebte Geld. Ich meine, wer nicht?

Wie hat sich der Drogenhandel verändert, seit du nicht mehr im Geschäft bist?
Er ist zur Krankheit geworden, verrückt, voller Gewalt. Weißt du, warum all die Drogen in die USA kommen? Weil dort das Geld ist. 51 Prozent der Frauen sind berufstätig und können so nicht auf ihre Kinder aufpassen. Aus schlechtem Gewissen lassen sie dann Geld da. Ich meine, warum haben Kinder heutzutage so viel Geld, um Drogen zu kaufen? Als ich ein Kind war, gab es schon Probleme, wenn ich um einen Vierteldollar bat. Ich bekam dann höchstens zehn Cent. Die Kids heutzutage bekommen ja schon zwischen 20 bis 200 Dollar. Und es ist niemand da, um sie zu überwachen. So kommen die Drogen in die USA. Wenn sie hier niemand kaufen würde, würden sie in andere Staaten importiert. Was konsumiert man eigentlich in der Schweiz?

Koks ist bei uns auch ziemlich beliebt.
Nehmen es die Kids auch?

Ja.
Aber bestimmt nicht in dem Ausmaß wie in Amerika.

Bei uns gibt's halt kein Crack oder Crystal Meth. Bei uns konsumieren reiche Leute Koks auf den Toiletten irgendwelcher Clubs.
So war's bei uns in den 70ern. Bei uns sind Drogen so billig, man könnte meinen, sie seien jeden Tag im Ausverkauf. Legalisiert die Drogen und beendet den ganzen Wahnsinn. Es brauchte 50 Jahre, bis Weed in den USA legalisiert wurde. Es ist aber auch kein Wunder: Marihuana ist die größte Goldgrube in Amerika. Nicht viele Menschen nehmen Crack und sind drogenabhängig. Aber ein riesiger Anteil raucht Marihuana. Irgendeine Zigarettenfirma wird den Handel sowieso übernehmen und dann bezahlen alle anständig Steuern und so weiter. Die Legalisierung beendet das Drogenproblem.

Das Geheimnis im Umgang mit Drogen ist: Du nimmst die Droge, nicht umgekehrt. Kinder müssen lernen, worum es bei Drogen geht, sie müssen aufgeklärt werden. Das passiert bei uns nicht. Wir haben natürlich staatliche Kampagnen im Fernsehen à la: „Das ist dein Gehirn auf Drogen". Aber Kinder könnte das nicht weniger interessieren!

Wenn zwei sechzehnjährige Freunde zusammen ein Bier trinken und der eine dem anderen 5.000 Dollar bietet, um einen Van voll mit Drogen nach Michigan zu fahren, dann weiß der Fahrer ja nicht, dass er 20 Jahre ins Gefängnis muss, wenn er erwischt wird. Dass muss ihm jemand sagen. Du kannst hier jemanden ermorden und bekommst fünfzehn Jahre. Wirst du in einem Auto voll mit Drogen erwischt, kriegst du zwanzig. Wir haben kein Problem mit den Drogen, sondern mit Polizisten, die süchtig sind nach Geld und Macht, welche durch Drogen generiert werden. Und all die Konfiszierungen jeden Tag. Du kannst dir ein Wall Street Journal organisieren, da sind drei Seiten voll mit allen Konfiszierungen, dem Geld, den Autos, allem.

Wie gut hat der Film Blow dein Leben abgebildet?
Die wollten am Anfang so einen unrealistischen Hollywoodfilm draus machen. Ich hatte Johnny Depps Telefonnummer, rief ihn an und meinte: „Ich werde das nicht machen." Er hatte nämlich die Lizenzrechte. Wir trafen uns am nächsten Tag und Johnny meinte zu mir, er würde nicht im Film mitmachen, wenn er nicht komplett realistisch sei. Er rief also den Regisseur und den Drehbuchautor an.

Als sie kamen, meinte er zu ihnen, sie könnten sich die 5 Millionen Dollar Gage, die er bekommen würde, in den Arsch schieben, wenn sie den Film nicht in meinem Sinn machen wollten. 5 Millionen waren damals noch ein Haufen Geld, heute ist das nur noch ein Nickel. Sie sagten also: „OK, wir werden es ändern, wir machen alles." Ich fragte ihn danach, ob er das mit den 5 Millionen wirklich ernst gemeint hätte und er meinte: „Hell no!" Ich verbrachte viel Zeit mit ihm, er studierte mich und als ich den ersten Clip davon gesehen hatte, war ich begeistert von ihm. Er war ein Genie. Er sagte zu mir: „Nur wenige Menschen haben ihre eigene Zeitmaschine, George."

Was hättest du beruflich gemacht, wenn du nicht mit Drogen gehandelt hättest?
Ich glaube, ich hätte mich als Gott beworben.

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