Anzeige
Stuff

Die Wahrheit über das „fleischfressende“ Kokain

Levamisol, ein Kokain-Streckmittel, hat in letzter Zeit Schlagzeilen gemacht, weil es die Haut von Konsumenten zerstören kann. Doch in dem Mittel steckt noch viel mehr.

von Max Daly
05 Oktober 2015, 3:20pm
Eine Fallstudie aus dem British Medical Journal, in der die Haut einer Frau verrottet, weil in dem von ihr konsumierten Kokain Levamisol enthalten war. Foto: British Medical Journal

Verdorbenes Kokain lässt die Haut von Konsumenten verrotten. Zumindest wird das in einer Reihe von Medienberichten behauptet, in denen vor „fleischfressendem" Kokain gewarnt wird, das eine seltene Blutkrankheit auslösen soll, von dem Fleisch verwesen und Ohren sich schwarz färben sollen. Die Meldungen werden illustriert mit den Bildern einer gruseligen Fallstudie aus dem British Medical Journal, in denen eine Frau mit dunklen Flecken und offenen Wunden übersät ist.

Zeitungen deckten den Übeltäter auf: Levamisol, ein Entwurmungsmittel für Rinder, das sich in „80 Prozent des [britischen] Kokains" findet. Die Botschaft ist klar: Zieh eine Line und du wirst deine Haut verlieren.

Natürlich muss man nie lange nach den Horrorstorys suchen, wenn es um Drogen geht—und die erste Sache, die wir hier klarstellen sollten ist, dass Levamisol für die Mehrheit der Kokainkonsumenten keine Gefahr darstellt. Trotz der Medienpanik sind die Chancen, sich eine Blutkrankheit oder verrottende Haut zu holen, verschwindend gering. Außer du kommst aus Nordfinnland (mehr dazu später).

Levamisol ist im Laufe des letzten Jahrzehnts zum Hauptstreckmittel des weltweiten Kokains geworden. Je nachdem wo du lebst, enthalten zwischen 40 und 90 Prozent des Kokains das Medikament. Die britische Regierung hat verkündet, dass etwa 80 Prozent der beschlagnahmten Kokainlieferungen 2014 Levamisol enthielten. In Spanien fand man bei einer Studie im Jahr 2012 das Mittel in 57 Prozent der Kokainproben, und im selben Jahr waren es in Dänemark 90 Prozent der Proben. In den Niederlanden beträgt der Prozentsatz 60 Prozent und in den USA wird er von der DEA auf 73 Prozent geschätzt. Eine Studie der Universität Wien fand in über 70 Prozent der Proben Levamisol.

Die Substanz mag zwar oft auftauchen, doch das bedeutet nicht, dass das Kokain davor nur so strotzt. Laut Untersuchungen zur Kokainreinheit, die Lana Brockbals von der Drogenidentifikationsfirma TICTAC ausgeführt hat und zu denen VICE exklusiven Zugang bekommen hat, enthielten 83 von 106 Proben von einem nicht näher genannten britischen Festival vergangenes Jahr das Entwurmungsmittel. Allerdings lag die durchschnittliche Konzentration des Levamisols knapp über 5 Prozent, da in den meisten Proben zwischen 1,5 und 5 Prozent Levamisol enthalten waren.

MOTHERBOARD: Ein livegestreamter Blick in die Augen dieses Kroaten soll dich gesund machen

Bei der Untersuchung von 5.000 Proben von „Straßenkokain" fand man in den Niederlanden zwischen 2011 und 2014 eine durchschnittliche Konzentration von 9 Prozent. In Spanien lag die Durchschnittskonzentration letztes Jahr bei 11,9 Prozent. Die DEA hat mitgeteilt, dass Levamisol in den USA 9 Prozent des durchschnittlichen Kokaintütchens ausmacht. Eine Analyse von 103 zufällig ausgewählten Kokainproben aus aller Welt zeigte einen Durchschnittswert von 11 Prozent.

Und ist das Schnupfen von Kokain, das 5, 10 oder sogar 20 Prozent Levamisol enthält, wirklich den Medienhype wert? Immerhin gibt es geschätzt bis zu 21 Millionen Kokainkonsumenten auf der Welt. Warum also quellen die Krankenhäuser nicht mit Menschen über, denen die Haut abfällt?

Ich habe mich mit Dr. Lindy-Anne Korswagen, einer der Autorinnen der in letzter Zeit in den Medien vielzitierten BMJ-Studie und Ärztin im Krankenhaus Sint Franciscus Gasthuis in Rotterdam, unterhalten. „Angesichts der Zahl der Menschen, die Kokain konsumieren, von dem ein großer Prozentsatz mit Levamisol gestreckt ist, ist unser Fall ein seltener", sagte sie. „Das Risiko von Nebenwirkungen wie Agranulozytose oder durch Levamisol ausgelöste Erkrankungen der Blutgefäße mit Hautgeschwüren und Organschäden ist gering. Zwischen 2011 und 2014 wurden weltweit 210 Fälle gemeldet, von denen drei gestorben sind."

Dr. Korswagen warnte jedoch auch, dass es durchaus unerkannte Fälle geben könne.

Foto: Andoni Lubaki

Die Autoren einer ähnlichen Fallstudie (eine Person leidet an einer durch Levamisol ausgelösten Hautkrankheit), die 2013 in einer US-amerikanischen medizinischen Fachzeitschrift erschien, schrieben, dass es sich bei den meisten Erkrankten um schwere Konsumenten handele. „Viele dieser Individuen sind chronische, gewohnheitsmäßige Kokainkonsumenten, was einen großen kumulativen Kontakt mit Kokain und dadurch auch mit Levamisol nahelegt, möglicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg."

Der Toxikologe Dr. Robert Hoffmann, ein Experte für Levamisol am New York University Langone Medical Center, sagte mir, dass die Konzentration, in der das Mittel im durchschnittlichen Koks-Tütchen enthalten sei, „wahrscheinlich zu niedrig" sei, um auf die meisten Konsumenten einen Einfluss zu haben, und dass Levamisol bei klinischen Medikamentenstudien von den meisten Patienten in therapeutisch wirksamen Dosierungen gut vertragen werde. „Sagen wir, die typische Dosis Kokain beträgt 100 mg, dann könnten 10 mg Levamisol in der Dosis enthalten sein. Momentan gibt es immer noch Studien, in denen Levamisol eingesetzt wird, und die Dosis beträgt dabei vielleicht 150 mg am Tag. Um so viel Levamisol aufzunehmen, müsste man sehr viel Kokain zu sich nehmen", sagte er. „Also kann man sagen, dass die geringe Konzentration einen gewissen Schutz liefert, denn die gesamte Tagesdosis wird immer noch recht niedrig sein."

Doch es scheint nicht nur um die Dosis zu gehen: Dr. Hoffmann sagte mir, die Funde würden darauf hindeuten, dass manche Menschen eine genetische Schwäche gegenüber den toxischen Wirkungen des Mittels hätten. „Die Fachliteratur legt nahe, dass manche Patienten genetisch gefährdeter sind", sagte er. „Es kommt zwar immer noch auch auf die Dosis an, doch es ist die Kombination aus Dosis und genetischer Schwäche, die das Risiko bestimmt. Glücklicherweise für Kokainkonsumenten ist die bekannte genetische Abweichung, die dahinter steckt, sehr selten."

Das fragliche Gen, HLA-B27, besitzen etwa 8 Prozent aller Weißen, 4 Prozent aller Nordafrikaner, 2 bis 9 Prozent aller Chinesen und 0,1 bis 0,5 Prozent aller Japaner. Seltsamerweise haben in Lappland im Norden Finnlands etwa ein Viertel der Menschen das Gen.

Es ist nicht weiter überraschend, dass Levamisol eine viel kleinere Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, als in den Medien behauptet wird. In einem so lukrativen Geschäft wie dem Kokainhandel wird kaum jemand unter den Profiteuren wirklich wollen, dass ihr Produkt den globalen Kundenstamm in kranke und sterbende Opfer verwandelt—gut, vielleicht gilt das nicht für Philip Morris und ähnliche Firmen. Stattdessen ist der Einsatz des Rinder-Entwurmungsmittels ein Anzeichen dafür, wie schlau die Kokain-Kartelle tatsächlich sind, denn sie scheinen das effizienteste Streckmittel aller Zeiten entdeckt zu haben.

Eine spezielle Einheit des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, (UNODC) die in der Kokainproduktion eingesetzte Chemikalien überwacht, wird dieses Jahr noch einen Bericht präsentieren, in dem der Einsatz von Levamisol als wissenschaftlich und geschäftlich durchdachte Maßnahme erkennbar wird.

Die Studie, durchgeführt von PRELAC (Prevention of the Diversion of Chemical Precursor Substances of Drugs in the Latin American and Caribbean Region), zeigt, dass kolumbianische Firmen vor zehn Jahren mit der Verwendung von Levamisol anfingen. Heute wird es auch von Kartellen in Peru und Bolivien als bevorzugtes Streckmittel eingesetzt. Das Levamisol wird im Kokain meist mit mindestens zwei anderen Chemikalien gemischt, wie Diltiazem, Phenacetin, Hydroxizin oder Koffein. Für den US-Markt und Europa wird Kokain meist um 20 Prozent gestreckt, doch in südamerikanischen Ländern kann es um bis zu 50 Prozent gestreckt werden.

Die Autoren des Berichts „Dynamics of chemical use in the production of cocaine in the Andean Region" behaupten, es gebe zahlreiche Gründe, warum Levamisol zum Streckmittel Nummer Eins geworden sei. Es sei leicht mit Kokain vermengbar, habe ein „Fischschuppen"-ähnliches Aussehen, das an hochqualitatives Kokain erinnere, und täusche größeres Volumen vor, als es eigentlich besitze. Außerdem ergebe es bei Straßentests der Kokainreinheit falsche Ergebnisse, die es Großeinkäufern unmöglich mache, das Streckmittel aufzuspüren, und zusätzlich ist es noch relativ günstig und in Städten der Andenregion in großen Mengen erhältlich. Laut einem Experten des UNODC in Kolumbien wird das Mittel in Bogotá, Cali und Medellín regelmäßig zu einem Kilopreis von 42 Euro gekauft—während ein Kilo Kokain mehr als 2000 Euro wert ist.

Laut dem UNODC wird das Levamisol in zwei Stadien des Produktionsprozesses dem Kokainhydrochlorid beigemengt: bevor die Kokainbase zu Kokainhydrochlorid verarbeitet wird und später, wenn das Hydrochlorid noch feucht ist. Es ist also im Kokain fast aller Konsumenten enthalten, selbst bei den Superreichen—auch wenn man vermuten kann, dass es ein paar riesige Luxusanwesen in Kolumbien und Miami gibt, in denen ungestrecktes Kokain gereicht wird.

Doch der große Faktor, der Levamisol so besonders macht, und dessen Kartell-Chemiker sich garantiert völlig bewusst sind, ist die Fähigkeit des Mittels, die Wirkung von Kokain im Körper zu verstärken. Ein Abbauprodukt von Levamisol namens Aminorex hat amphetaminartige Eigenschaften, und immer mehr Studien belegen, was die kolumbianischen Chemiker wahrscheinlich schon von Anfang an wussten: Kokain mit Levamisol gemischt führt zu einem zusätzlichen High, wenn es geschnupft wird.

Heutzutage ist das Dasein eines Kartell-Chemikers nicht mehr mit dem Bild eines Typen in Baseballkappe, der mitten im Amazonas-Regenwald in einem Eimer rührt, zu vergleichen. „Es ist ein Fehler anzunehmen, dass kolumbianische Kokainproduzenten Bauern in Dschungel-Labors sind", sagt Mike Power, ein Journalist und Schriftsteller, der den kolumbianischen Kokainhandel erforscht hat. Er erzählte mir, die so oft gefilmten ländlichen Bauern (Cocaleros) seien nur ein Teil einer langen Kette vom Feld bis zur Nase, in der jede Menge Chemie, Flugzeuge, Mord und Korruption vorkommen.

„Es wäre schon erstaunlich, wenn die Drogenkartelle nichts von der anregenden Wirkung von Levamisol wüssten", sagte Power. „Vor vier Jahren habe ich in Kolumbien gesehen, wie die Kristallisierung [der Paste] vom Dschungel in städtische unterirdische Labors verlegt wurde, in gut bewachten Wohnblocks. Diese Vorgänge sind sehr komplex. Wenn sie ihren Gewinn um 10 Prozent erhöhen können, indem sie ein aktives Streckmittel verwenden, das genau die richtigen Eigenschaften hat, dann tun sie das selbstverständlich. Und weil das meiste davon gegen Ende des Prozesses und vor dem Export eingebracht wird, wissen wir, dass es von den Hauptakteuren des Kokainhandels gemacht wird. Sie wissen genau, was sie da tun."

Doch, wie Powers sagt, kann das schließlich für die Konsumenten bedeuten, dass ihr Produkt zwar weiß ist, aber alles andere als rein. „Es führt nichts um die Tatsache herum, dass Kokainkonsumenten seit Jahren Rinder-Entwurmungsmittel schnupfen und dafür auch noch einen hohen Preis bezahlen."