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The Fiction Issue 2015

Der Kreativmann

Eine Kurzgeschichte übers Sich-selbst-neu-erfinden, Optimismus und Jobs, die keine Sau will.

von Deb Olin Unferth
15 August 2015, 4:00am


Ferdinando Scianna/Magnum Photos

Eine Kurzgeschichte aus der Fiction Issue 2015

Wenn eines Tages ein Mann auf dem Campus erscheinen sollte, vom Präsidenten der Universität bestellt, ein Mann in einem großzügigen Anzug, alt genug, um woanders eine lange Karriere gehabt zu haben, doch noch zu jung für den Ruhestand, und er würde verkünden, er sei bestellt worden, um die Kreativität zu erhöhen, und dass er deswegen einen Rundgang durch die Abteilungen machen, mit deren Leitungen zu Mittag essen und in kleinen Gruppen Meinungen und Ideen anhören würde, um so festzustellen, wie der Kreativität zu mehr Kraft verholfen werden könne, wie entzückt wären dann die Dozenten und wie begierig, sich mit ihm zu treffen und ihren Teil beizutragen. Aber vielleicht wären sie auch nicht entzückt und würden vermuten, der Mann sei nur da, um zu spionieren und sich mehr Aufgaben für sie auszudenken, um ihr Arbeitspensum mit diesen Ideen zur „Kreativität" zu erhöhen oder, noch schlimmer, um sie als unbedeutende, unkreative Angestellte zu beschuldigen, und dann würden die Dozenten ihn so gut es ginge ignorieren, die Treffen mit ihm aufschieben, ihn auslachen, sobald er das Zimmer verließe, laut genug, um vielleicht noch einen Hauch davon zu hören, während seine Schritte den Korridor entlang hallten. Außerdem, was bedeutet das, „die Kreativität erhöhen"? Vielleicht würden sie ihn den Kreativmann oder Herrn Kreativität nennen und ihm stur jede Idee vorenthalten oder nur lächerliche Ideen erzählen, die ihn auf eine falsche Fährte lockten, die er wochenlang jagen würde, nur um sie dem Präsidenten zu präsentieren, der eine Augenbraue heben, seine Fingerspitzen aneinanderlegen und die Stirn runzeln würde.

Doch wenn der Mann selbst, der Kreativmann, kurz zuvor noch weit weg gelebt hätte, am anderen Ende des Landes, wenn seine Frau ihn nach 20 Jahren verlassen und sein Chef ihn nach 12 entlassen hätte, und seine Kinder wären ausgezogen, um zu studieren, dann würde er vielleicht Orten, an denen er noch nie gelebt, und Berufen, in denen er noch nie gearbeitet hatte, ängstlich, aber hoffnungsvoll entgegensehen. Er hatte nicht zur Last fallen wollen, doch er war so deprimiert gewesen, als sein alter Schulfreund, der inzwischen der Präsident einer weit entfernten Universität war, ihn bat zu kommen, und ihm, dem Kreativmann, ihrer langen Freundschaft zu Ehren eine Chance gab und ein Vertrauen in ihn setzte, das er, Herr Kreativität, nicht länger von anderen erwartete und auch selbst nicht aufbringen konnte. Er hatte sich über die Gelegenheit gefreut, sein Leben neu zu beginnen (bei Gott, er konnte es schaffen—hatte er das nicht schon einmal?), und wer weiß, vielleicht würde er jemanden kennenlernen, eine Frau, mit der er alt werden konnte. Unter all den Dozentinnen, die in dieser kalten Region lebten, in dieser kleinen Stadt, musste es eine geben, die geschieden war oder verwitwet, auch wenn man so etwas natürlich niemandem wünschte.

Und mit eben dieser Entschlossenheit—nicht ganz Enthusiasmus, sondern pure Hartnäckigkeit, die vom Schicksal Getroffene dazu veranlasst, sich festzuklammern und in die Welt der Lebenden zurück zu klettern, vielleicht könnte man „Optimismus" dazu sagen—klappte er seinen Koffer zu und machte sich bereit für den Flug.