FYI.

This story is over 5 years old.

News

Auch Nordkorea ist kurz davor durchzudrehen

Während die angespannte Lage auf der Krim jederzeit eskalieren kann, lässt es sich Nordkorea natürlich nicht nehmen, damit zu drohen, einen Krieg anzuzetteln, der so grausam sein wird, dass am Ende niemand gewinnt.
3.3.14

Foto von Wiki Commons.

Die Armeen der USA und Südkoreas haben mit ihren jährlichen Militärübungen begonnen—namentlich Key Resolve und Foal Eagle. Von allen militärischen Übungen sind es weltweit mit die größten und wichtigsten ihrer Art und inzwischen haben sie den Charakter eines alljährlichen Frühlingsrituals bekommen—wie die Oscars oder der Frühjahrsputz.

Key Resolve und Foal Eagle, bei denen es sich in erster Linie um kostspielige Spektakel handelt, haben in jeder Ausgabe ein leicht verändertes Thema. Was die Veranstaltung für dich bedeutet, wie du dich darauf vorbereitest und wie sehr du dir deswegen vor Angst in die Hose scheißt, sagt sehr viel darüber aus, wer du bist und wo du in der Hackordnung deines näheren Umfeldes stehst.

Anzeige

Was diese Übungen aber wirklich interessant macht, sind die unterschiedlichen strategischen Schachzüge, die dort an beiden Seiten der entmilitarisierten Zone dargeboten werden. Der koreanische Krieg endete bereits vor mehr als 60 Jahren mit einem Waffenstillstandsabkommen—allerdings ohne, dass jemals ein Friedensvertrag geschlossen wurde. Das bedeutet, dass dieser Krieg, der mehr als 6,6 Millionen militärische und zivile Opfer zu verantworten hat, technisch gesehen nie beendet wurde. Diese gigantischen Militärübungen, die regelmäßig auf beiden Seiten der Grenze veranstaltet werden (mittlerweile seit Jahrzenten), sind somit als direkte Fortführung des Konfliktes zu verstehen.

Militärübungen sind Simulationen—oder, wenn du so willst, ein gigantisches Multiplayer-Live-Action-Rollenspiel. Diese Simulationen werden aus zwei Gründen durchgeführt. Zum einen sind manche der Übungen Experimente, in denen zwei Teams gegeneinander antreten, um herauszufinden, welche Taktiken, welches Equipment oder welche Vorgehensweise die effektivsten und welche einfach totaler Unfug sind. Zum anderen liegt der Zweck für diese Übungen im Training und der praktischen Erfahrung. Bei den meisten Armeen findet—wenn du Glück hast—ein Großteil des „Trainings“ in einer Art Klassenraum mit Computersimulationen statt. Feldübungen geben den Leuten eine Chance, mit echtem Equipment in einer echten Umgebung zu üben.

Anzeige

Die Fähigkeit, große Menschenmassen und tonnenweise Equipment so durch die Gegend zu manövrieren, dass es einem richtigen Kriegseinsatz täuschend ähnlich sieht, ist auch eine gute Gelegenheit, anderen Ländern deine Möglichkeiten und Intentionen vorzuführen. Es zeigt ausländischen Militärs und Regierungen, egal ob verbündet oder verfeindet, dass deine Streitkräfte im Fall der Fälle ganz gut wissen, wie sie mit ihren Panzern und Flugzeugen umgehen sollen.

Dieses Jahr dauern die Übungen, an denen 12.700 US-Soldaten und 190.000 Soldaten aus Südkorea teilnehmen werden, bis zum 18. April und haben schon in einigen Lagern für Bestürzung und Fassungslosigkeit gesorgt.

Für die USA und Südkorea geht es bei dieser Militärübung vor allem um eine Sache: Nordkorea davon abzuhalten, einen neuen Krieg anzufangen … oder den jetzigen fortzuführen, der ja niemals wirklich beendet wurde. Der koreanische Krieg wurde damals mit einem (mehr oder weniger) überraschenden Angriff durch den Norden losgetreten und seitdem hat der Süden wirklich alles dafür getan, klarzumachen, dass so etwas in Zukunft von niemandem niemals wiederholt wird. Ein Teil dieser Bemühungen besteht darin zu demonstrieren, dass die USA sowohl gewillt als auch fähig sind, Südkorea jederzeit zu unterstützen, sollte Nordkorea auf die Idee kommen, die entmilitarisierte Zone zu überschreiten.

Die typische Antwort eines Landes wie Nordkorea wäre jetzt, selber eine gigantische Militärübung abzuhalten, um die Abschreckung zu erwidern. Nordkoreas Problem ist allerdings, dass solche Übungen sowohl furchtbar aufwendig als auch erschreckend kostspielig sind. Was bleibt also einem armen Land wie Nordkorea übrig, um seine Feinde einzuschüchtern?

Anzeige

Der grundlegende Aspekt von Abschreckung besteht darin, die Gegenseite wissen zu lassen, dass du eine Bedrohung darstellst. Und nach den Regeln der Analysis gibt es zwei Faktoren, die bestimmen, ob etwas eine Bedrohung darstellt: Ressourcen und Intention. Der einfachste und genauste Weg, eine Bedrohung abzuwägen, besteht darin, sich die Ressourcen anzuschauen. Verfügt dein Gegenspieler über die nötigen Kapazitäten, dir den Hintern zu versohlen? Dieser Ansatz zur Bedrohungseinschätzung wird von den meisten bevorzugt, da es nun mal wesentlich einfacher ist, Panzer und Flugzeuge zu zählen, als Gedanken zu lesen.

Der andere Weg zur Einschätzung der Bedrohungslage ist, sich auf die Intentionen zu konzentrieren. Das kann allerdings recht verzwickt sein, da es nicht sehr einfach ist, Gefühle zu messen und zu gewichten.

Nordkorea kann natürlich nicht die größte und am besten ausgestatte Streitmacht der Welt mit bloßer Truppenstärke beeindrucken. Nordkorea kann allerdings recht glaubhaft den Eindruck vermitteln, dass sie verrückt genug sind, einen Krieg anzuzetteln, der so grausam sein wird, dass am Ende niemand gewinnt. Dieses versuchen, die Nordkoreaner regelmäßig unter Beweis zu stellen, um zwei Dinge zu erreichen: Einmal, den USA (und Südkorea) zu zeigen, dass man sie nicht einfach nach Belieben herumschubsen kann; Zweitens, für so viel Aufhebens zu sorgen, dass für sie bei den regelmäßigen Verhandlungen mit dem Rest der Welt noch einige extra Zugeständnisse herausspringen.

Anzeige

Um also der militärischen Bedrohung etwas entgegenzusetzen und sich ein par Vorteile für zukünftige Verhandlungen zu verschaffen, inszeniert Nordkorea vor und während der Militärübungen mit einiger Verlässlichkeit hochbrisante diplomatische Krisen. Letztes Jahr kam diese in Form der sechsten nordkoreanischen Ankündigung, den Waffenstillstand zu brechen. Außerdem ließen sie durchblicken, dass sie mit dem Gedanken spielen, eine Atombombe in Richtung Austin, Texas, zu schicken.

Dieses Jahr soll da keine Ausnahme sein und Nordkorea hat schon mit den Vorbereitungen begonnen. Wie so ziemlich jedes andere Jahr ging es damit los, dass das Land die Militärübungen als provokativ und gefährlich verurteilte und behauptete, dass diese nur dazu dienen sollen, eigentliche Vorbereitungen der USA und Südkoreas für eine Invasion des Nordens zu verschleiern.

In der Zwischenzeit kümmert sich Nordkorea—wie auch schon im letzten Jahr—emsig um seine [Nuklearwaffen-Fabrik](http://isis-online.org/isis-reports/detail/increased-activity-at-the-yongbyon-nuclear-site/10#images / http://www.tagesschau.de/ausland/nordkorea848.html), seine Nuklearwaffen-Testgebiete und die Raketenabschussbasis. Die Nordkoreaner wissen, dass die amerikanischen Satelliten das mitbekommen werden. Dieser Teil kann somit zum Vorgeplänkel der nordkoreanischen Abschreckungsbemühungen gezählt werden. Er ist außerdem Grundlage für weitere Programmpunkte in den kommenden Wochen, wie Atombombentests oder der Start von ICBMs.

In einem Anflug von Wohlwollen hatte Nordkorea einem Abkommen zugestimmt, das die Wiedervereinigung von Familien erlaubt, die durch den koreanischen Krieg getrennt worden waren. Jetzt, wo beide Seiten das Abkommen unterzeichnet haben, haben auch beide etwas in der Hand, das sie demonstrativ zwecks einer Unmutsäußerung auch wieder auf Eis legen können, sollte jemals Bedarf für eine solche Handlung aufkommen.

Im direkten Vergleich der alljährlich auftretenden Koreakrisen war die des letzten Jahres eine der dramatischsten. Dies führte auch zu einer allgemeinen Verunsicherung über den Umgang mit Nordkoreas relativ neuem Führer Kim Jong-un. Einige vermuten, dass dieser besonders hart und kompromisslos auftreten muss, um die eigenen Regime-Hardliner davon zu überzeugen, dass er das Zeug hat, das Land zu regieren. Andere wiederum haben sich gefragt, ob dieses besonders aggressive Gehabe darauf zurückzuschließen ist, dass Kim noch launischer als sein guter alter Vater ist.

Was bedeutet das für die Zukunft? Die Stimmung an der koreanischen Grenze ist schon immer sehr gereizt: Seit dem Ende des Koreakrieges wurden mehr als 450 Südkoreaner und 100 US-Soldaten in Scharmützeln im Grenzgebiet getötet; Militärübungen waren schon einige Male Auslöser sporadischer Gewaltausbrüche. Auf der einen Seite erhöhen die Übungen die Spannungen zwischen beiden Ländern und somit die Wahrscheinlichkeit eines Krieges—sei es durch Vorsatz oder Fehleinschätzungen. Andererseits können beide Seiten so ihre Abschreckungshaltung neu positionieren, was verrückterweise dazu führt, dass am Ende niemand kämpfen will.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass externe Beobachter sich über die nächsten zwei Monate hinweg ganz genau anschauen werden, was in Korea passiert. Diplomaten werden Antworten hin- und herschieben, Haltungen neu ausrichten und in regelmäßigen Abständen formelle Statements machen. Militärische Befehlshaber werden ihre Aufmärsche und Übungen entsprechend den ständig neuen Anweisungen der zivilen Regierungen anpassen und abändern. Und trotz oder gerade wegen des mitunter lautesten und furchterregendsten Säbelrasselns auf diesem Planeten werden wir das Ganze wahrscheinlich überstehen, ohne dass ein furchtbar grausamer Krieg in Korea ausbricht. Wie auch immer, ähnlich wie beim Prom, am Tag danach sieht vieles anders aus.