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Von den Winterspielen in Sarajevo sind nur noch Ruinen übrig

Sotschi 2014 erschien uns als eine gute Gelegenheit, um nach Sarajevo zu reisen und uns die ehemaligen Spielstätten der Winterspiele von 1984 anzusehen.

Giles Clarke

Vor 30 Jahren wurden die Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajevo, der Hauptstadt des heutigen Bosnien und Herzegowina, ausgetragen. Zehn Jahre später wurden die Spielstätten, die Stadt und ihre Einwohner von einem erbitterten Krieg überrannt, der noch immer nachhallt. Das Ende der Spiele in Sotschi erschien mir als ein guter Zeitpunkt, um nach Sarajevo zu reisen und mir die ehemaligen Spielstätten der Olympischen Winterspiele von damals anzusehen. Ich unterhielt mich mit Leuten, die sowohl die Spiele als auch den brutalen Krieg erlebt haben, der das Land von April 1992 bis Februar 1996 zerrüttete.

Es war mein erster Besuch in Bosnien. Am Flughafen erwarteten mich Tanya und Ken, die beide in Sarajevo geboren worden sind. Als sie Teenager waren und das Land vom Krieg heimgesucht wurde, verbrachten sie einen Teil ihrer Jugend in Kellerräumen. Auf dem Weg in die Stadt fuhren wir an ausgebombten Ruinen vorbei. Ich fragte die hochschwangere Tanya nach ihren Erfahrungen während des Krieges und sie erzählte mir ihre Geschichte.

„Ich war 17, ging in die Oberstufe und hatte keine Ahnung, dass das Land kurz vor dem Krieg stand. In unserer Schule waren alle ethnisch gemischt und miteinander aufgewachsen. Die ersten Gewalttätigkeiten bekam ich bei Protesten und den dortigen Barrikaden zu sehen, beziehungsweise zu spüren. Das war im März 1992. Kurz darauf war die Stadt belagert. Anfang April 1992, über Nacht.

Meine Mutter, eine bosnische Muslimin, erzählte mir damals, dass bosnisch-serbische Soldaten zusammen mit der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) die Stadt umstellt hatten und anfingen, auf der Straße Zivilisten zu ermorden. Als ich meine Mutter fragte, warum sie Leute umbringen, antwortete sie, dass sie versuchen, Bosnien von den Muslimen zu befreien, die den Großteil der Bevölkerung Sarajevos darstellen.

Politisch gesehen wollte Bosnien-Herzegowina damals Kroatien und Slowenien in die Unabhängigkeit, die diese Länder ein paar Jahre zuvor gewonnen hatten, folgen. Am 22. Februar 1992 wurde in Bosnien und Herzegowina das erste nationale Referendum zur Unabhängigkeit abgehalten, mit dem man sich von der jugoslawischen Herrschaft befreien wollte. Die Abstimmung vom 22. Februar ergab ein klangvolles „Ja“ zur Freiheit. Doch Vertreter der bosnischen Serben boykottierten den Vorgang. Einen Monat später begann der Krieg.

In den ersten Wochen schnitt die bosnisch-serbische Armee die Kommunikation nach außen ab, indem sie Poststellen und Telefonzentralen bombardierte. Sie schaltete Strom und Wasser ab und umzingelte [die Stadt] mit Waffen. Das war der Beginn unseres Albtraums, der vier Jahre dauerte.“

Die olympischen Ringe im Zentrum von Sarajevo.

„Die Lebensbedingungen waren furchtbar“, erzählte Tanya. „Ich war 17, aber ich bin sehr schnell gealtert. Wir konnten das Haus nicht verlassen, weil es überall Scharfschützen und Beschüsse gab. Ich habe viele Freunde verloren und so viele Leichen gesehen. Zu viele, um mich genauer an sie zu erinnern. Ich bin gegenüber all dem abgestumpft. Jeden Tag ist jemand gestorben. Ich wollte nur, dass alles vorbeiging. Meine Familie tauschte Goldschmuck gegen Mehl ein, um Brot zu backen. Wir hatten drei Jahre lang kein Obst.“

Kinder am Fuße der Skisprungschanze in Igman.

Die Bobbahn von 1984 auf dem Berg Trebević. Die drei Kilometer lange Bahn führt durch den Wald zu einer heute zerbombten Zuschauerarena.

Die Überreste eines zerbombten Gebäudes im Zentrum von Sarajevo. Im Hintergrund ein Hügel, der den Kriegsopfern gewidmet ist.

Das Ziel der Bobbahn am Berg Trebević.

Dieser Tunnel wurde während des Krieges von der bosnischen Armee errichtet, um die Stadt mit dem von Bosnien kontrollierten Gebiet auf der anderen Seite des Flughafens zu verbinden. Der Flughafen wurde von den Vereinten Nationen kontrolliert. Die bosnische Armee nutzte den Tunnel, um Essen und humanitäre Hilfsmittel in landumschlossene Stadtteile zu bringen. Außerdem ermöglichte er der Armee, das internationale Waffenembargo zu umgehen und Waffen in die Stadt zu schmuggeln.

Der nördliche Ausgang des Tunnels war in einem nur 160 Meter vom Flughafen entfernten Haus versteckt. Während des Krieges war der direkt unter der Landebahn verlaufende Tunnel durchgehend in Gebrauch. Er wurde täglich von 3.000 bis 4.000 Soldaten und Zivilisten genutzt.

Hier wurden die Skifahrer bei den Winterspielen von 1984 mit ihren Medaillen geehrt. An genau derselben Stelle richtete die bosnische Armee in den Kriegsjahren 1992 bis 1995 zahlreiche Gefangene hin.

Auf den Hügeln rund um die olympischen Spielstätten legten die bosnischen Serben Tausende Minen. Heute liegen in den gesperrten Gebieten noch immer viele, die nicht explodiert sind.

Ein Grabdenkmal am Skizentrum von Igman zu Ehren der bosnischen Soldaten, die während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 in den Hügeln von Sarajevo umkamen.

Snezana war zur Zeit der Olympischen Spiele in Sarajevo 24 Jahre alt. „Es war eine schöne Zeit. Aus der ganzen Welt kamen Teams von Athleten und Menschen, die uns sehen und sich an unserer Stadt erfreuen wollten. Zehn Jahre später haben wir die Hölle durchlebt. Das Gebäude hinter mir war das Olympische Hotel in Igman, wo der Skisport stattfand. Außerdem wurde mein Ehemann während des Krieges hier eingesperrt und gefoltert. Er war ein katholischer bosnischer Kroate, der von der bosnischen Armee gefangen genommen wurde. Er konnte nur entkommen, weil ihn im Gefängnis einer der Soldaten erkannte, der mit ihm zur Grundschule gegangen war und ihn eines Nachts freiließ. Dann rannte er 30 Kilometer durch die minenverseuchten Hügel in die Stadt. Ich war sehr glücklich, ihn zu sehen.“

Der Blick von einem ehemaligen Hotel aus, in der Nähe der Bobbahn auf dem Berg Trebević. Bei den Olympischen Winterspielen 1984 wurden hier Gäste und Zuschauer untergebracht. Während des Krieges diente es bosnischen Serben als Stützpunkt, von dem aus sie die Stadt beschossen.

Tanya und Mirsada Kosic stehen am Grab der zehn nahen Verwandten, die sie im Zuge des Krieges verloren haben.

Mirsada Kosic arbeitete sowohl während der Olympischen Spiele als auch während des Krieges als Geburtshelferin in dem Kinderkrankenhaus. Unter schlimmen Bedingungen half sie zur Zeit der Belagerung Sarajevos bei der Entbindung Hunderter Babys. Sie erzählte von ihrer schrecklichsten Erinnerung an den Krieg:

„Es war am 26. Mai 1992. Das Krankenhaus wurde ringsum von bosnischen Serben angegriffen. Dabei haben wir sechs Neugeborene verloren. Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens.“

Zwei Monate später wurde ihr Bruder aus dem Hinterhalt getötet.