Wenn Goths jemals cool waren, dann in Rom in den Achtzigern

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Wenn Goths jemals cool waren, dann in Rom in den Achtzigern

Schaut euch einfach diese herrlichen Bilder an.
15.7.14

Wie viele italienische Goths kennst du eigentlich? Es gibt nämlich anscheinend so viele aufgedrehte, laute Gestalten der Nacht mit olivfarbener Haut, dass sogar Italiener wie ich oft überrascht sind. Jetzt mal ehrlich, was hat ein so katholisches, mediterran-sonnendurchflutetes und chaotisches Land wie Italien mit Dunkelheit und Bands wie Bauhaus und Siouxsie and the Banshees zu tun?

Vielleicht ist die Frage etwas bescheuert, aber es ist auch eine, mit der sich der Kritiker Alan Williamson 2012 in der Los Angeles Review of Books befasste, als er sich mit dem Werk von Giacomo Leopardi, dem großen italienischen Pessimisten des 19. Jahrhunderts, auseinandersetzte: „Italiener sind in den Augen der Nordeuropäer (und Amerikaner) immer als warme, freundliche, sinnliche Menschen gesehen worden, die gut darin waren, das Leben zu genießen; und dieser Eindruck ist nicht falsch. So ist es dann doch zumindest interessant, dass sie einen so unerbittlich pessimistischen Dichter wie Leopardi so sehr schätzen. Zwei der größten italienischen Modernisten, Montale und Pavese, sind auch sehr düster.“

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Wie du also siehst, kann Italien auf eine lange Tradition trübseliger Gedankengänge zurückblicken—eine Tradition, die der Fotograf Dino Ignani in den frühen 1980ern anfing, für die Ewigkeit festzuhalten, als er merkte, dass Siouxsie und Konsorten immer mehr Anhänger in Rom fanden. Er hing in den gleichen Cafés und Clubs wie die Szene ab, freundete sich an und schoss großartige Porträts. Dreißig Jahre später veröffentlicht er nun eine Auswahl dieser Fotos in einem Buch mit dem Namen Dark Portraits. Ich habe mich mit Dino für ein Interview getroffen.

VICE: Wie und wann bist du mit der römischen Gothic-Szene in Kontakt gekommen?
Dino Ignani: Das war 1980. Damals bin ich regelmäßig in dieses Weinlokal namens Fidelio in Trastevere gegangen. Das war ein Treffpunkt für Künstler, Faulpelze und Denker aller Art. Eines Tages tauchten dort plötzlich die Goths auf. Es waren ungefähr zehn, und sie waren alle sehr jung—so zwischen 18 und 22 Jahre alt. Ich war wesentlich älter und wusste nichts über Goth-Musik, geschweige denn den Kleidungsstil. Diese Typen faszinierten mich aber und ich begann, mich für sie zu interessieren. Irgendwann entschied ich mich dann, Fotos von ihnen zu machen. Am Ende hatte ich über 550 Bilder.

Du hast mal gesagt, dass es für dich eine komplett neue Erfahrung war.
Ja, ich kam aus einer ganz anderen Ecke. Ich bin in den 1950ern geboren worden und mit politischen Kollektiven, Demonstrationen und Kommunen aufgewachsen. Allein schon die Idee vom „tanzen gehen“ war für mich ein bürgerliches Konzept und wurde als solches abgelehnt. Einige der Orte, an denen sich die Gothics trafen, waren komplett neu für mich. Auf gewisse Weise war es also auch eine befreiende Erfahrung.
 
Es war auch eine besonders glückliche Zeit für Rom an sich.
Ja, die bleiernen Jahre waren vorbei, und die Menschen begannen wieder auszugehen. Die Gothics faszinierten mich, weil sie viel Kreativität zeigten. Sie nähten sich selber ihre Kleidung, schnitten sich die Haare auf ungewöhnliche Weise und zu ihrer Symbolik gehörten Särge, Kerzenhalter, Vampire, … Für einen Fotografen ist das einfach fantastisch.

Was für Menschen waren das denn?
Viele von ihnen kamen aus den Vororten: die römische Gothic-Szene war ein Phänomen der Arbeiterklasse. Es gab außerdem eine starke homosexuelle Komponente. Zu der Zeit gab es noch keine vernünftig organisierte Gay-Community in Rom, ich schätze also, dass die Gothic-Szene eine Art Sammelpunkt darstellte. Politisch war dort alles vertreten—von ganz links bis ganz rechts.

Waren Drogen im Spiel?
Goths nahmen keine Drogen. Vielleicht gab es mal ein Gläschen Wein. Falls man mal betrunken wurde, geschah das eher versehentlich. Die Leute sind nicht ausgegangen, um sich abzuschießen.

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Die Serie besteht aus Bildern, die du zwischen 1981 und 1985 gemacht hast. Warum hast du aufgehört?
Na ja, ich hatte in erster Linie damit begonnen, an anderen Projekten zu arbeiten. Aber die Zeiten hatten sich auch geändert. Das Gothic-Phänomen war einfach nicht mehr so angesagt. Die Typen, die ich fotografiert hatte, hatten inzwischen Jobs bekommen—einer wurde Bäcker, andere zogen nach London.

Bist du mit einigen von ihnen noch in Kontakt?
Ja, sogar ein paar Menschen. Sie arbeiten jetzt als Designer bei Fendi, sind Maler, Künstler, arbeiten an der Oper oder für das Fernsehen. Einige von ihnen sind allerdings von der Bildfläche verschwunden.

Mochtest du irgendjemanden besonders gerne?
Klarita und Rebecca waren das wohl bekannteste Pärchen in der Gruppe. Monichetta machte sehr schöne Kleidung … und dann gab es noch Rossella. Sie war schon 55 oder gar 60 Jahre alt und lebte in einem Wohnwagen. Normalerweise ging ihr wirklich jeder aus dem Weg und mied sie, aber die Goths adoptierten sie fast sofort. Sie waren sehr offen. Ich mein, sie hießen sogar mich willkommen—und ich war zehn Jahre älter als sie und trug Anziehsachen, die nichts mit ihrem Stil gemein hatten.
 
Valerio gibt's auf Twitter: @thalideide