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Ein moderner Fetisch: Data Domination

Mistress Harley ist Tech-Domina. Anstatt körperlich zu dominieren, kontrolliert sie die Online-Aktivitäten ihrer Kunden, zum Beispiel durch Online-Banking, E-Mails, Social Media und Pornos.

Jessica Placzek

Jessica Placzek

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Mistress Harley

Dieser Artikel ist zuerst auf Broadly erschienen.

Für viele Leute spielt sich ein großer Teil des Sexlebens online ab. Sie streamen Pornos, swipen auf Tinder, schicken schmutzige Snapchats und skypen ihren weit entfernten Partnern ihre Fantasien. Unsere Psyche ist inzwischen so mit der digitalen Welt verwoben, dass es langsam schwierig ist zu beurteilen, wo wir aufhören und sie beginnt. Eine Pionierin hat darin einen neuen Markt der Domination und Unterwerfung gesehen: „Data Domination".

Mistress Harley ist eine Tech Domme. Anstatt körperlich zu dominieren, kontrolliert sie Online-Aktivitäten, zum Beispiel durch Bankkonten, E-Mails, Social Media und Pornos. Die potentiellen Auswirkungen einer Session mit ihr sind sehr viel dauerhafter als blaue Flecken. Harley kann zwischen 500 und 5.000 Dollar am Tag verdienen, wobei ihr Tagesrekord sich auf Geld und Gegenstände im Gesamtwert von 10.000 Dollar beläuft. Sie und ihr Mann (der freudig gesteht, Harleys Job zu „lieben") leben von dem Geld, das sie an ihren etwa 12 Stammkunden verdient. „Es gibt immer neue Kunden, die auch spielen wollen", gurrt sie. Sie verlangt zwischen 65 und 100 Dollar für eine einfache dreißigminütige Session.

Harley bietet mir in ihrer gemütlichen Wohnung in der San Francisco Bay Area eine Gratisdemonstration. Als sie mir die Tür öffnet, überragt sie mich in ihren 15-Zentimeter-Absätzen mit Leichtigkeit. Ihre Haut ist mit Tattoos bedeckt und sie selber ist gesprächig und umgänglich. Harley hat einen Schrank voll himmelhoher High Heels. Darin stehen rote, pinkfarbene, schwarze und metallene, doch eines ihrer Lieblingspaare ist mit Geldscheinen bedruckt. Einige davon sind Geschenke von Kunden, wie zum Beispiel das glänzende Paar Louboutins. Sie wurden an ein Postfach geschickt, denn sie behält ihre Privatadresse für sich. Im Wohnzimmer zeigt sie mir einen Stapel Pakete. „Hier liegen noch ein paar Geschenke von Losern", sagt sie grinsend.

Heute haben ihr Kunden neue Kleider, Strumpfhosen und einen Geschenkgutschein geschickt. Sie legt den Gutschein auf den wachsenden Stapel auf einem Beistelltisch. Kunden haben ihr auch genug Schmuck und Dessous geschickt, um einige Schubladen damit zu füllen.

Als ich mich auf ihre Couch setze, sagt sie: „Nur damit du es weißt, deine Füße werden gerade über meine Webcam gestreamt." Ich sehe auf meine dreckigen Sandalen herunter. „Meine Füße sind im Moment nicht so besonders sexy." Sie lacht. „Ihre bloße Anwesenheit ist für diese Typen wahrscheinlich schon genug." Harley sagt, die Webcam sei ein Marketing-Werkzeug, um mehr Besucher auf ihre Seite zu locken. Meist gibt es nicht viel zu sehen, doch wenn sie Glück haben, dann sehen sie vielleicht irgendetwas.

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„Ich bin nervös", gestehe ich. „Oh! Das solltest du sein! Das ist ein Teil der Erfahrung", flötet sie.

Harley stellt meinen Desktop-Hintergrund auf ein sexy Bild von sich selbst um, verwandelt meinen Mauszeiger in einen Mittelfinger, ordnet mein Nutzerkonto als Kinderkonto ein und blockt Pornos und Glücksspiel. All die typischen „ungezogenen Dinge" sind jetzt verboten. Manche der Änderungen kann ich direkt sehen, andere bemerke ich erst im Laufe der Session.

Harley nutzt das Screen-Sharing-Programm TeamViewer. Eigentlich soll das Programm Online-Kollaboration vereinfachen und Informatikern bei der Fernwartung helfen. Doch TeamViewer erlaubt es Harley, ihre Kunden überall zu dominieren, ob in San Francisco oder Nahost. Ihre Sessions finden nur selten von Angesicht zu Angesicht statt; Kunden müssen 10 Dollar pro Minute zahlen, nur um sie auf Skype zu sehen. Kommuniziert wird hauptsächlich über Instant Messenger. Kunden finden über diverse Wege zu ihr: Werbung, Chatrooms, Twitter, ihre Bücher, Mundpropaganda, Empfehlungen und eine ausgezeichnete SEO.

Mistress Harley lässt mich zusehen, wie sie all meine persönlichen Dateien durchkämmt. Sie sieht sich meinen Browserverlauf und meine E-Mails an. Ich hatte vergessen, dass mein Rechner automatisch mein Passwort eingibt (ich bin nicht besonders technisch versiert). Schnell findet sie wertvolle persönliche Informationen: meine Adresse, meinen Führerschein und meine Sozialversicherungsnummer. Als Nächstes loggt sie sich in mein Facebook-Konto ein und fängt an, Typen, mit denen ich mal zu tun hatte, Nachrichten zu senden. Ich sehe hilflos zu, wie sie eine Unterhaltung mit „Na Hübscher, wie geht's denn so?" beginnt. Sie ist nur ein paar Klicks davon entfernt, auf meiner Pinnwand zu posten, wo ihre Gedanken von meinen Freunden, Kollegen und meiner Mutter gesehen würden. Ich stehe nicht darauf, mich zu schämen, doch in meinen Adern steigt definitiv der Adrenalinpegel. „Die Leute sind gewillt, Geld zu bezahlen, um dieser Spannung und dieser Angst hinterherzujagen. Sie lieben es, sich ins Hemd zu machen, vor allem, wenn es aufgrund einer schönen Frau ist, die die Kontrolle über ihr Leben übernimmt", sagt Harley. „Ich habe Leute schon bloßgestellt. Ich habe schmutzige Fotos von ihnen auf ihrem Facebook-Account geteilt oder ‚Ich habe eine heiße Internetherrin' zusammen mit einem Foto von mir gepostet."

Bei Mistress Harley gibt es kein Safeword. Stattdessen können sich die Kunden freikaufen.

Sie hat auch schon Nervenzusammenbrüche auf den Profilen ihrer Kunden vorgetäuscht. Sie fängt einfach mit „Mir geht's nicht gut" und eskaliert dann immer weiter, wenn die Reaktionen kommen, bis hin zu etwas, das an Schizophrenie erinnert.

Doch Harley kann auch noch weiter gehen. Als Nächstes öffnete sie Photobooth, um Bilder von mir zu machen. „Theoretisch könnte ich dich an diesem Punkt dazu bringen, dich auszuziehen", sagt sie. Theoretisch könnte sie diese Fotos dann auch an meine Mutter mailen.

Diese Online-Aktivitäten haben Konsequenzen in der echten Welt. Diese Art von Zugriff kann noch viel mehr bewirken, als jemanden vor seinem gesamten sozialen Netzwerk bloßzustellen. Zwar respektiert sie meine Grenzen und lässt die Finger von meinen Arbeits-Mails und meinem Bankkonto, doch das hält sie natürlich nicht immer so. „Ich habe schon Zugang auf das Netzwerk von Chrysler gehabt, Netzwerke von Universitäten, der Regierung ... Hey, Regierung! Pass auf, dass deine Angestellten nicht mit einer Internet-Domina spielen."

Nach einer Session greift sie nicht mehr auf Rechner zu, außer sie wird dazu aufgefordert. Sie ist professionell, respektiert die Grenzen der Leute und will nicht gegen Gesetze verstoßen. Was sie tut, ist legal, so lange es einvernehmlich geschieht.

Mistress Harley hatte ihren Einstieg in die Tech-Branche 2000. Erst arbeitete sie in der Qualitätssicherung einer Software-Firma im Silicon Valley, dann schließlich als Produktmanagerin in der Gaming-Industrie. „Ich habe es einfach gehasst, in einem Büro zu arbeiten. Ich fuhr in den Urlaub und sagte meinen Freunden: ‚Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wiederkomme.'" Dann hörte sie von ein paar Freundinnen, die sich mit Webcamming etwas dazu verdienten. „Das klang interessant, und ich hatte keine ethischen Probleme damit, also habe ich mit dem Webcamming angefangen", erinnert sich Harley. Anfangs war es noch sporadisch und sie verdiente hier und da ein paar hundert Dollar.

„Eines Tages sah mein Mann, wie ich beim Webcamming sehr gelangweilt aussah. Er sagte: ‚Weißt du, du kannst auch etwas anderes machen. Es gibt einen Fetisch namens ‚finanzielle Domination'", erzählt Harley. „Und das habe ich mir angesehen. Zuerst hielt ich es für lächerlich: Männer werden mir Geld geben, weil ich hübsch bin und es ihnen befehle? Das ergibt doch keinen Sinn. Aber dann habe ich damit angefangen."

Harley wurde zu einer Fin Domme, die Kunden über ihren Geldbeutel bestrafte und belohnte. Geld trat an die Stelle des Körperlichen als Quelle der Erregung. „Damit hatte ich großen Erfolg, doch ich bemerkte, dass es innerhalb des Markts eine Nische für Leute gab, die durch ihren Rechner im echten Leben dominiert werden wollen", sagt sie.

Schließlich kombinierte Harley ihre Fähigkeiten als Programmiererin und Domme, um das Dasein ihrer Kunden digital zu kontrollieren. Das Internet stellte sich als extrem gut geeignetes Mittel zur Kontrolle heraus. Inzwischen hat Harley mehrere Kindle-Bücher verfasst, darunter Consensual Blackmail Manual, PornSexual und Techdomme. Sie hat Videos sowie eine Android-App veröffentlicht. Harley ist dabei, die Bezeichnung „Tech Dominatrix" urheberrechtlich schützen zu lassen. Sie hofft, ein Lehrlingsprogramm zu starten, um angehende Tech-Dommes auszubilden. Sie sagt, sie habe im vergangenen Jahr mehr Geld verdient als in ihrer gesamten IT-Karriere.

Ich habe mich mit einem von Harleys Stammkunden unterhalten, den ich hier „Jerry" nennen werde, denn seine Frau weiß nichts von seiner Beziehung mit Harley. Jerry ist aus San Jose. Er ist in seinen 30ern, hat ein freundliches Auftreten und einen Job im öffentlichen Dienst. Doch unter dieser normalen Fassade, so sagt er mir, befände sich eine Leidenschaft für Fetische und Unterwerfung. „Ich habe mir gerade ein Prinz-Albert-Piercing stechen lassen, ansonsten würde ich einen Keuschheitsgürtel tragen", sagt er. Seine Frau weiß nicht, dass er oft wochenlang seinen Penis in einen Käfig sperrt. Sie haben seit ein paar Jahren keinen Sex mehr gehabt.

Jerry hat Mistress Harley auf Twitter gefunden und ihr seitdem vollen Zugriff auf seinen Rechner, sein Konto und sein Handy gegeben. Ihre App pingt im Zehnminutentakt seinen Aufenthaltsort und erlaubt es Harley, seine Nachrichten zu lesen und zu beantworten sowie seinen Bildschirm zu kontrollieren. „Was die finanzielle Domination angeht, habe ich einen Teil meines Gehalts auf ein altes Girokonto überwiesen und Mistress Harley dann Zugang zu diesem Konto gegeben." Sie hat die Kontonummer, die Zugriffsdaten und seine EC-Karte. „Es ist viel Vertrauen da. Ich vertraue ihr. Sie hat meine ganzen persönlichen Daten."

Harley hat Zugang zu intimen Details über Jerry, seinem Konsumverhalten und seinen Privatunterhaltungen. Sie weiß auch viel über seine Freunde, da sie unwissentlich ihren Klatsch auch mit Harley teilen, wenn sie Mails oder SMS schicken. Wenn Wissen Macht ist, dann hat Mistress Harley die komplette Macht. Mit einem breiten Lächeln erzählt mir Jerry: „Keine Kontrolle zu haben und zu wissen, dass sie all meine Informationen hat, das törnt mich unheimlich an."

„Es hat weder etwas mit seinem noch mit meinem Körper zu tun", sagt Harley. „Es hat etwas damit zu tun, dass ich im Besitz seiner intimen Informationen bin. Er hat keine Geheimnisse vor mir. Und das ist etwas sehr Mächtiges. Die Leute bezahlen Therapeuten teures Geld, damit sie stundenlang dasitzen und sich ihre Geheimnisse anhören. Aber selbst in der Therapie ist es verboten, seinen Schwanz herauszuholen!"

Es ist wahr, dass die meisten Psychotherapeuten nicht diese Art von ungefiltertem Zugang haben. Harley kann oft genau sehen, welches Video jemand ansieht, wie oft er es ansieht und wann. Das verleiht ihr Macht, die sie für gute Zwecke einsetzen will.

„Eine der Berufsbezeichnungen, die ich inzwischen verwende, ist ‚Lifestyle-Beraterin'. Denn ich denke, viele Leute nutzen diese Art von Interaktion, um unliebsames Verhalten zu kontrollieren oder ihrem Leben fehlende Struktur zu verleihen."

Manche Kunden kommen mit diversen Online-Süchten zu ihr, wie Pornos oder Facebook, und sie verpasst ihnen eine sexualisierte digitale Entzugskur, bei der sie ein System der Entbehrung und Belohnung aufstellt. „Unter anderem biete ich Leuten, die zwanghaft handeln, Grenzen. Sie wollen aufhören, doch alleine schaffen sie es nicht", erklärt Harley. „Wenn du deine Figur verbessern willst, gehst du zu einem Fitnesstrainer. Wenn du deine Online-Gewohnheiten verbessern willst, dann gehst du zu einer Online-Domina. Und du bist garantiert auch motivierter, wenn deine Trainerin heiß ist. Ich schicke tatsächlich auch viele meiner Sklaven ins Fitnessstudio oder zur Therapie. Ich schicke ihre Ehefrauen zur Therapie. Ich versuche, durch meine Kontrolle ihre Lebensqualität zu verbessern, und dabei hilft es, dass meine Kontrolle sexuell und aufregend ist."

Es ist fragwürdig, ob das fetischisieren einer Sucht die beste Lösung für ein derartiges Problem ist. Allerdings hat sie Kunden, die bereits seit Monaten keine Pornos mehr angesehen haben. Jerry ist ein solcher Kunde, und er sieht darin einen großen Erfolg.

Einige von Harleys Kunden der Generation Y mögen ihre Porno-Firewalls auch, doch Harley glaubt, dass hier ein anderer Grund dahintersteckt. „Wenn es zu deinen frühesten sexuellen Erfahrungen gehört, dass du erst einmal den Web-Filter überwinden musst, den deine Eltern zum Schutz vor Pornos installiert haben, um Pornos anzusehen, dann gehört das zu deiner Sexualität", sagt Harley. „Diese Typen wollen ihre frühen sexuellen Erfahrungen nachstellen." Man könnte das Ganze als eine moderne Form des Mutter-Sohn-Fetischs sehen.

Harley sagt, sie bediene auch Männer, die gerne „feminisiert" werden wollen. Sie nennt sie „Sissy Boys". Soweit sie weiß, hat sich noch keiner dieser Männer öffentlich zu dem Fetisch bekannt. „Es gibt so viele Männer, die sexuell verwirrt sind. Vielleicht haben sie homosexuelle Gefühle, aber empfinden das aufgrund ihrer Erziehung als falsch oder schändlich. Sie fühlen sich zu einer Frau wie mir hingezogen, die stark, mächtig, schön und selbstbewusst ist. Aber sie wollen keinen Sex mit einer Frau wie mir. Stattdessen wären sie gerne eine Frau wie ich. Sie wissen nur nicht, wie sie das anstellen sollen."

Mit den Handys und Rechnern der Sissy Boys „erpresst" sie sie, ihre Sexualität zu erforschen. Das kann heißen, dass sie Frauenunterwäsche tragen, zuerst zu Hause und dann in der Öffentlichkeit. Sie trägt ihnen auf, Folgen von America's Next Top Model anzusehen, damit sie lernen, wie sie gehen, sprechen und sich kleiden sollen. Bei Anderen postet sie Videos, in denen sie die sexuellen Vorlieben der Männer offenbart. Kunden zahlen extra, um auf ihrer Website dargestellt zu werden. „Die High-Tech-Kontrolle kann bei sexuellen Fetischen auf so viele Arten zum Einsatz kommen. Damit lässt sich das Ausleben des Fetischs, worum auch immer es sich dabei handelt, durchsetzen", sagt sie.

Danielle Lindemann ist Soziologin an der Leigh University und erforscht BDSM und die Fetisch-Community. Sie hatte noch nie von einer Tech-Domina gehört, als wir uns unterhielten, doch sie war nicht überrascht, dass es jemanden wie Mistress Harley gibt. Lindemann zufolge formt die Technologie unser Sexleben. Telefone und die Entstehung der Telefonsex-Industrie sind ein gutes Beispiel dafür.

„Wenn eine neue Technologie entsteht, dann passt sich die Sexualität daran an", sagt sie. „Die menschliche Sexualität ist nicht statisch. Die Leute finden immer einen Weg, eine neue Technologie mit Sex zu verbinden."

Noch wissen wir nicht, wie neuere Technologie unsere Sexualität verändern wird. Wie werden wir Virtual-Reality-Geräte wie Oculus Rift integrieren? Werden wir bald durch Apps Streicheleinheiten und Umarmungen schicken? Werden die Leute Dreamboards ihrer sexuellen Vorlieben auf Pinterest zusammenstellen? In dieser schönen neuen Welt ist nichts unmöglich.