Erleben wir gerade ernsthaft eine Fusion zwischen Pegida und Salafisten?

Was ein gemeinsames Feindbild so alles ausmachen kann.

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Mai 4 2016, 4:00am

Screenshot: Facebook

Gemeinsame Feindbilder sind etwas ungemein Praktisches: Sie können Gegensätze vereinen, die vorher unvereinbar schienen. Derzeit formiert sich auf dieser Grundlage ein ganz spezielles Bündnis: Rechtsextreme, Vertreter der verschwörungsideologischen sogenannten "Neuen Friedensbewegung"—und Salafisten.

Das ist auf den ersten Blick ziemlich überraschend, weil sich zum Beispiel Pegida ausdrücklich gegen die "Islamisierung des Abendlandes" richtet. Aber wenn man ein bisschen genauer hinschaut, finden sich doch Gemeinsamkeiten: Der gemeinsame Feind all dieser Splittergruppen ist der Westen—allen voran die gern dämonisierten USA und natürlich die Zionisten. Vielen Rechtsextremen ist das Bündnis jedoch—gelinde gesagt—noch nicht ganz geheuer.

Für große Aufregung in der rechten Szene sorgt derzeit ein denkwürdiges Zusammentreffen zwischen Curd Schumacher—einem Pegida-Redner, der sich auf YouTube "Volxtribun" nennt und als "böser Mann" seinen Hass in die Welt schreit, und einem gewissen Abu Rahma—von der vom Verfassungsschutz beobachteten salafistischen Organisation "Ansaar International".

Denn Schumacher und Rahma haben sich nicht nur zum "interreligiösen Gedankenaustausch" getroffen. Der Salafist hatte auch noch eine Spende über 750 Euro für den Pegida-Hetzredner dabei. Denn Curd Schumacher hatte Schulden bei der Polizei, die er offenbar nicht aus eigener Tasche begleichen konnte.

Der bekannte Salafist Pierre Vogel feiert das Treffen zwischen Rahma und Schumacher auf Facebook:

"Herrlich ihm zuzuhören. Vorher gegen Muslime gehetzt und jetzt verteidigt er ganze Zeit die sogenannten Salafisten. Wie Allah die Herzen wenden kann. Wir bitten Allah darum, dass er (swt) den Curd rechtleitet. Amin"

Gegenüber VICE erklärt Vogel, er kenne Schumacher nicht genau. Seinen Facebook-Post habe ein Admin geschrieben. Auf die Frage, ob es künftig eine Zusammenarbeit zwischen Pegida und Salafisten gebe, lacht Vogel—und verneint. "Aber das heißt ja nicht, dass man nicht trotzdem miteinander reden und mal schauen kann—vor allem, weil da ja einige bei Pegida Vorurteile haben. Reden kann man mit jedem."

Nicht alle sind bereit

Schumachers Fans sind von dem Treffen und insbesondere der Spende dagegen wenig begeistert. "Ist das noch Unser Curd, der Patriot?", sorgt sich eine Anhängerin auf Facebook. Ein anderer sorgt sich, Schumacher könnte von den Salafisten gekauft worden sein. Schumacher widerspricht diesen Behauptungen. Wenn er sich wirklich hätte kaufen lassen, hätte er die Spende ja nicht öffentlich gemacht, so seine Argumentation.

Auf einigen rechten Demos wird Curd Schumacher aber zumindest vorerst nicht mehr so gern gesehen. Bei Pegida NRW hat er nach seinem Treffen mit "Ansaar International" für längere Zeit Redeverbot. Mit Salafisten reden und gleichzeitig gegen die Islamisierung des Abendlandes demonstrieren, das geht den Kameraden dann doch zu weit. Und auch auf der rechtsextremen "Merkel muss weg"-Demo, die am 7. Mai in Berlin stattfinden wird, hat Schumacher Redeverbot. Auf der "Merkel muss weg"-Demo am 12. März war Schumacher noch gern gesehen.

Offenbar nicht gesperrt für die rechtsextreme Anti-Merkel-Demo ist allerdings Hendra Kremzow. Kremzow ist eine umstrittene Figur in der Mahnwachen-Szene. So warb er am 12. März in Berlin in einer Rede vor dem Brandenburger Tor für eine Zusammenarbeit zwischen der Friedensbewegung, der NPD und den Salafisten. Kremzow, der schon bei der Münchener Montagsmahnwache aktiv war und auch bei dem besonders esoterischen Mahnwachenableger "Friedensfusion" mitmischte, hat nämlich einen gemeinsamen Feind ausgemacht: die USA und die Zionisten.

Diese hätten ein Interesse daran, Europa zu destabilisieren, indem sie Flüchtlinge zu uns treiben. Auch den Hass gegen die Muslime würden die Zionisten schüren, um leichter Rohstoffkriege in den ölreichen arabischen Ländern führen zu können.

Kremzows Publikum reagierte auf die Idee, die Salafisten als Partner zu sehen, äußerst skeptisch—Beifall zu seinen Behauptungen über die angeblichen finsteren Pläne der Juden war ihm aber sicher. Antisemitische Feindbilder funktionieren bei den Rechten tadellos, und sie schaffen den Boden für Kooperationen der bizarren Art. Es gibt aber auch Kritik: Auf der Webseite pi-news, dem Zentralorgan deutscher Islamhasser, wird die Rede des "Moslems Hendra Kremzow" als "politischer Giftmüll" bezeichnet.

Dieselben Feindbilder wirken jedoch auch nach links. So ist es kein Wunder, dass mit Jörg Cölsmann und Michael Krosta noch zwei Aktivisten der Montagsmahnwachen an dem Treffen zwischen Pegida-Schumacher und dem Salafisten Rahma teilnahmen. Krosta, der noch im vergangenen Jahr Reden von Linken wie Andrej Hunko verbreitete und sich an Aktionen der neuen Friedensbewegung beteiligte, ist mittlerweile nahtlos in das offen rechtsextreme Lager gewechselt und organisiert eine Busreise aus dem Ruhrgebiet zur "Merkel muss weg"-Demo.

Salafisten, Rechtsextreme, Neue Friedensbewegung—was auf den ersten Blick so grundverschieden wirkt, rückt immer mehr zusammen. Kein Wunder, Probleme mit der Lügenpresse, der westlichen Demokratie und den Zionisten haben sie ja alle. Dieser Kitt reicht offenbar aus, um neue Allianzen zu bilden.

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