FYI.

This story is over 5 years old.

Stuff

So habe ich zwei Typen vertrieben, die in der S-Bahn Menschen anzünden wollten

In Berlin brauchst du eine Teflonhaut, um den ganzen Scheiß zu ertragen.
14.4.16

Wegschauen ist gefährlich | Foto: Carlo Pedersoli | Flickr | CC BY 2.0

Bei manchen Dingen kannst du es nicht erwarten, sie das erste Mal zu tun. Bei anderen ist es das Gegenteil. Letzte Woche musste ich leider zum ersten Mal die Notbremse in der S-Bahn ziehen. Auslöser waren ein Mann mit Rastazöpfen, sein blinder Hund und zwei Typen, die ihn anzünden wollten oder ich weiß nicht was.

Berlin verändert sich. Es gibt schon einen Grund, warum jede Woche eine neue Zeitung mit einer „So-schlimm-ist-der-Kotti"-Reportage rauskommt. Vor zehn Jahren haben sich die Leute gegenseitig vermöbelt oder ausgeraubt. Da wurde nicht gleich ein Messer gezogen oder auf den Kopf getreten. Heute reicht das nicht mehr. Heute muss das Opfer höchstmöglich erniedrigt werden. Das bedeutet auch, dass man als Helfender nicht einfach sagen kann: „Hey, lass den mal in Ruhe!"

Anzeige

Wenn nötig, musst du dich und andere mit Gewalt verteidigen. Genauso war das letzte Woche bei mir in der S-Bahn.

Es war gegen 24 Uhr, nach der Bandprobe und einer Runde Tischfußball mit Freunden, als ich in der Frankfurter Allee in die Bahn einstieg, um nach Hause zu fahren. Da hörte ich schon ein Scheppern. Dann kamen zwei Typen in mein Abteil.

Sie waren definitiv auf irgendwas drauf. Beide zwischen 25 und 30, aber sonst ein ganz ungleiches Pärchen: der eine schmächtig, kurze blonde Haare, mit Gel nach hinten gepappt. Schien gerade sein Praktikum im Vollpfosten-Amt zu absolvieren. Der andere trug einen dunklen Vollbart und Cappi. Eine absurde Form von MC Fitti, nur ohne Sonnenbrille. Blondi hatte ein Axe-Deo in der Hand, sprühte alles voll und hantierte mit einem Feuerzeug herum. Ergibt einen handlichen Flammenwerfer. Er hatte auch eine Art Bodylotion-Spender dabei, mit weiß der Teufel was drin. Auf mich wirkte das wie: Ich spritz' hier Leute und Gegenstände mit dem Zeug voll und mache einmal Klick—und dann brennt hier alles.

Absurd-Fitti widmete sich einem Hund, und der Besitzer meinte: „Lass den bitte in Ruhe, er ist blind und könnte dich beißen." Der Typ ließ aber nicht ab, packte den Hund immer gröber an und lachte nur. Währenddessen ging das Sprühen und Feuerzeugklicken munter weiter, Blondi kippte auch irgendwas auf den Hund. Dann schlug die Stimmung schlagartig um. Der Vollpfosten-Praktikant haute mit dem Ellenbogen gegen die Scheibe. Absurd Fitti rastete ebenfalls aus und schlug mit voller Kraft gegen eine der Stangen zum Festhalten … direkt vor dem Mann mit Hund. Ich konnte in dem Gesicht des Rastamanns erkennen, dass er sich der Situation völlig ausgeliefert fühlte. Dann packte Absurd-Fitti den Mann beim Kragen.

Anzeige

Jetzt hatte ich die Schnauze voll.

Fahrradschloss, Waffe, Lebensretter | Foto: Marlene Göring

Ich hatte schon vorher unauffällig die Polizei angerufen. Die rieten mir, ich solle die Notbremse ziehen. Ich stand also auf, legte den Schalter an der Prenzlauer Allee um und erklärte laut meine Bereitschaft, ihnen eins übel über den Schädel zu ziehen, sollten sie nicht SOFORT aufhören. Das taten sie auch und widmeten sich stattdessen mir. Ich klappte mein ABUS-Fahrradschloss aus, das ist dann eine Art Morgenstern. (Ich möchte mich an dieser Stelle nochmals herzlichst beim Hersteller bedanken, ihr habt mir und anderen mit eurer Klappschloss-Erfindung schon oft den Arsch gerettet!)

Es dauerte ewige 30 Sekunden, bis die Türen aufgingen. Nur mit dem Schloss und mit meinem Rad als Barrikade hielt ich die Jungs dann weiter in Schach. Jedes Mal, wenn ich mal woanders hinschaute, versuchten sie mir und dem Rastamann näherzukommen. Wir wurden als Juden und schwul und ich weiß nicht was beschimpft (interessant, was bei denen Schimpfwörter sind). Sie besuchen uns zu Hause, sagten sie, und bringen uns um.

Jeder, der schon mal viel Auto gefahren ist, kennt solche Nahtod-Erfahrungen: Am Anfang sind deine Reflexe ganz scharf. Aber wenn das Schlimmste vorbei ist, dann zittern deine Hände. So ging es mir, als nach fünf Minuten die Cops kamen. Zwölf Stück in voller Montur. Es ging zackzack, und die Typen hatten Handschellen um. Aber das störte Absurd-Fitti und seinen Praktikanten gar nicht. Die haben die Polizisten und uns einfach weiter beschimpft.

Ich denke, dass sie die spätestens am nächsten Morgen wieder laufen ließen. Der Rastamann will keine Anzeige erstatten (er war übrigens gerade auf dem Heimweg von seinem Job als Sozialarbeiter in der Obdachlosenhilfe). Er meint, die Strafverfolgung ist zu lahm, damit habe man nur Ärger.

Wenn man lange in Berlin wohnt, braucht man eine Teflonhaut: um manche Dinge an sich abprallen zu lassen, und die Scheiße auch nicht anzuziehen. Zu viele Videospiele oder sozialer Verdruss—ich habe keine Ahnung, warum Leute so gewalttätig werden. Ich wünsche mir nur eins: mehr Mut. Es sollte nichts Besonderes sein, für einen anderen Menschen einzustehen, auch wenn man ihn nicht kennt. Da waren vier (!) erwachsene, kräftige Männer in meinem Abteil, die offensichtlich zusammengehörten, und keiner hat etwas getan. Ich finde Wegschauen tausend Mal schlimmer, als selbst ein Risiko einzugehen. Keiner von diesen Aggro-Typen hat Lust, sich mit mehreren gleichzeitig anzulegen. Die meisten sind nämlich ganz arme Würstchen.