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"Fun mit Jesus"—Das ist der christliche Sommerhit 2016

Was kann groß schiefgehen, wenn selbstüberzeugte Christen einen Song von Wolfgang Petry covern, umdichten und das Ganze dann „Sommerhit 2016“ nennen?
30 August 2016, 8:30am

Mit christlicher Musik verhält es sich meist wie mit christlichen Filmen. Sie orientiert sich schamlos an der unchristlichen Musik, versucht verzweifelt, einen ähnlichen Standard zu wahren, aber scheitert dann doch zu oft und muss ein Schatten-Dasein in einer Jesus-treuen Paralelwelt fristen. In den USA gibt es nicht ohne Grund einen riesigen Markt für ausschließlich christlichen Rock, der groß genug für eine eigene Folge South Park ist.

Natürlich gibt es auch bei uns christliche Musik. Allerdings ist der Markt in Österreich und Deutschland deutlich kleiner und mit Ausnahme von Acts wie Xavier Naidoo, Olli Banjo oder den Wise Guys schwappt Jesus kaum von Gemeindefesten oder den halb gefüllten Messehallen der Kirchen- und oder Katholikentage in die allgemeine Wahrnehmung.

Es ist kein großes Geheimnis, dass die christlichen Kirchen gegen Mitgliederschwund und Überalterung ankämpfen. Deswegen wird immer wieder versucht, junge Menschen als Kirchgänger zu gewinnen, indem man das biblische Material mit hipper Jugendkultur mischt—oder zumindest dem, was dafür gehalten wird. Dadurch entstehen dann so Anbiederungen wie Jugendsprache-Bibelübersetzungen á la Und Gott Chillte ("Am siebten Tag war Gott fertig mit seinem Kreativprojekt, fand das Ergebnis genial und beschloss ab jetzt zu chillen") oder die Volxbibel ("Richtig glücklich sind die Leute, die nicht aggro-mäßig drauf sind"). Oder eben catchy Musikvideos, die zeigen sollen, wie entspannt und cool christliche Werte und wöchentlicher Gottesdienst doch sein können. Zu dieser Kategorie zählt "Sommerhit 2016" der Organisation Zukunft für DICH, die sich selbst als evangelisch bezeichnet, laut Recherchen der ARD aber auch eng mit evaneglikalen Gemeinden verbunden ist und aggressiv missioniert.

Auf Facebook zirkuliert der "Sommerhit 2016" aka "Kennst du Jesus?" seit Juli und hat über eine halbe Millionen Views gesammelt. Die stammen teils von Leuten, die das Video eher unterhaltsam als missionierend finden—so zum Beispiel Jan Böhmermann, der es am Samstag teilte.

Natürlich ist alles Christliche in unserer vermeintlich post-religiösen Gesellschaft ein leichtes Ziel für Spott, Häme und Fremdscham—vor allem, wenn irgendwelche Werte popmusikalisch vermittelt werden sollen. Doch im Vergleich zu "Die Immer Lacht" ist der "Sommerhit 2016" noch recht melodisch und hat eine Aussage. Was könnte man daran schlecht finden—mit Ausnahme des Floskel-lastigen Predigt-Texts, des hochwertigen, aber teils echt freakigen, unscharfen Tierpark-Videos und der Tatsache, dass es ein Cover von Wolfgang Petrys "Weiß der Geier" ist?

Vielleicht, dass haufenweise Kinder für ein Video eingespannt wurden, dessen ideologischen Zweck sie wohl nicht verstanden haben. Oder, dass hier ein höchst komplexes Thema auf die Tiefe einer Toffifee-Werbung verwässert wird. Oder, dass Zukunft für DICH in den letzten Jahren wiederholt aggressive Missionierung—besonders von Kindern—und sektenähnliche Tendenzen vorgeworfen wurden. Vielleicht ist aber auch alles OK, es ist ja schließlich der Sommerhit 2016.

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