house

Die Geschichte von Crystal Waters' „Gypsy Woman (She’s Homeless)“

Eben noch stellte sie im Namen der US-Regierung Haftbefehle aus, plötzlich war sie ein internationaler Star.
12.4.16

La da dee la da da, la da dee la da da. „Gypsy Woman (She's Homeless)" von Crystal Waters wurde 1991 ein absoluter Radiohit und ist bis heute ein zeitloses Stück chartsfreundlicher House-Musik. Wir haben Waters gebeten, uns mehr über diesen Sommerhit zu verraten, der es auch selbst ein Vierteljahrhundert später noch schafft, uns eine wohlige Gänsehaut zu bereiten.

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Ich wusste schon in jungen Jahren, was Clubs sind. Meine Familie war sehr musikalisch. Meine Großtante Ethel Waters war in den 40ern eine berühmte Schauspielerin und Sängerin gewesen. Mein Vater war zudem sein ganzes Leben lang Jazz-Musiker und mein Onkel Lead-Saxophonist bei MSFB, falls die euch was sagen. Ich bin mit diesem ganzen Zeug aufgewachsen: Bei uns im Haus fanden Proben statt und ich habe meinen Vater in den Sommerferien auf seinen Tourneen begleitet. Der Musiker-Lebensstil war also einfach Teil meines Lebens.

20 Jahre später: Ich arbeitete für die Regierung in DC in der Computerabteilung und stelle Haftbefehle aus. Ich sagte zu mir selbst: „Nein, das ist nichts für mich." Zum Glück hatte ich einen Kollegen, dessen Cousin ein Aufnahmestudio gehörte. Ich erfuhr, dass sie auf der Suche nach Backing-Sängerinnen waren, also bin ich hin und wurde angenommen. Mir ging ein Licht auf. Das war's! Ich merkte allerdings, dass ich, wenn ich die ganze Sache vernünftig angehen wollte, meine eigenen Lieder schreiben muss. Ich schaltete also eine Anzeige in der Lokalzeitung und lernte darüber einen Keyboarder kennen. Wir fingen an, zusammen ein paar Songs zu schreiben—wie man das eben so tut. Ich bin dann für eine Konferenz nach Washington DC gefahren und habe dort die Basement Boys kennengelernt. Damals wollte ich noch die nächste Sade werden. Ich hatte den Pferdeschwanz und alles und arbeitete auch an jazzigerem Material. Die Basement Boys machten aber House. Sie schickten mir einen Haufen Zeug und sagten, dass ich meinen eigenen Stil unbedingt beibehalten soll. Die ersten beiden Songs, die ich dann für sie geschrieben habe, waren „Makin' Happy" und „Gypsy Woman".

Als wir zum ersten Mal erfolgreich wurden, buhten die Leute uns aus und sagten, dass wir keine echte Musik machen würden.

House war damals groß in New York und New Jersey, aber in Baltimore und hier in DC war die Szene noch mehr underground—so groß unterschied es sich jetzt allerdings nicht. Es ist am Ende halt eine große Ostküstenfamilie. Ich erinnere mich noch, wie ich in Clubs war, als die musikalische Ausrichtung langsam zu House wechselt und man die Musik im Spätprogramm des Radios hörte. Man fragte sich: „Was ist dieser immer gleiche Beat, der da durchstampft?" House war definitiv hier, aber es war auch etwas, das du wirklich nur in schwarzen Clubs hören konntest. Damals musste ich mich übrigens noch in die Clubs reinschleichen! Als wir zum ersten Mal erfolgreich wurden, buhten die Leute uns aus und sagten, dass wir keine echte Musik machen würden. Es war ein richtiger Kampf, die Platte zu veröffentlichen.

Als ich und die Basement Boys den Song schrieben, war das für uns keine House-Platte. Wir nannten es einfach Dance-Music—so nannten wir eigentlich alles mit einer 808. Den Track gab es auch quasi schon, bevor ich den Text hatte. Ich kenne einige Menschen, die lieber andersherum arbeiten, aber ich fange gerne erst mit dem Texten an, wenn der Song schon so gut wie fertig ist.

Die Inspiration für die Lyrics stammte direkt aus meinem Leben. Es geht in dem Lied um eine Frau, die früher vor dem Mayflower Hotel in Washington DC auf der Connecticut Avenue stand. Meine Schwester arbeitete in dem Hotel und ich bin etwa einmal pro Woche an dieser Frau vorbeigegangen. Sie sah relativ normal aus—nicht, als ob sie obdachlos wäre. Sie war immer sorgfältig geschminkt, trug schwarze Kleidung und sang diese Gospel-Lieder. Ich dachte mir damals: „Warum suchst du dir nicht einen Job, anstatt um Geld zu betteln?"

Eines Tages erschien dann ein Zeitungsartikel über sie! Darin stand, dass sie vor Kurzem ihren Job im Einzelhandel verloren hatte. Die Frau sei allerdings der Meinung, dass sie, wenn sie schon Menschen um Geld bitten würde, wenigstens repräsentabel aussehen müsse. Und das hat meine Vorstellung von Obdachlosigkeit total verändert. Es kann jeden treffen. Davor hatte ich nur die Melodie fertig. Als ich den Artikel dann gelesen hatte, kamen die Lyrics wie von selbst. Als würde die Frau sie selbst singen.

Ich hatte nie gedacht, dass ich damit den Einfluss haben würde, den der Song letztendlich hatte. Ich dachte, es würde einfach nur eine Washington-Platte, eine Baltimore-Platte, mit etwas Glück vielleicht auch eine New-York-Platte werden. Ich habe nach der Veröffentlichung auch noch zwei Jahre meinen Job behalten. Ich weiß noch, wie ich mir beim Top of the Pops-Auftritt dann dachte: „Ja, vielleicht kann ich jetzt auf Teilzeit wechseln …"

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich realisiert habe, wie groß das Lied eigentlich war—und noch immer ist. Ich hätte mir das nie erträumt.

Ich bin einfach nur unglaublich dankbar, dass ich mich hingesetzt und dieses Lied geschrieben habe. Das geschah zu einer Zeit, in der ich vor der Wahl stand: „Ich kann jetzt entweder diese 08/15-Job weitermachen oder ich gehe das Risiko ein und versuche etwas anderes." Und ich bin unglaublich froh, dass ich das getan habe.

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