Haben die Monsterwellen von Nazaré endlich den Respekt der Surfelite erlangt?

Vor dem ersten offiziellen Event bei der World Surf League war Nazaré für viele Surfer nur eine „Medienhure". Der Ruf der Monsterwelle litt unter einem der größten Streitpunkte im Surfsport.

von Hans Aschim
03 Januar 2017, 1:50pm

Courtesy WSL

„Jedes Mal, wenn es etwas Neues beim Big-Wave-Surfen gibt, wird es entweder geliebt oder gehasst", erklärt mir Sebastian Steudtner hinter dem Steuer eines Mercedes im Zentrum von Nazaré. Das kleine Fischerdorf zwei Stunden nördlich von Lissabon ist die berühmte Heimat von einer der größten Wellen, die je geritten wurden. Garrett McNamara holte sich dort im Jahr 2011 den Weltrekord auf einer rund 24 Meter hohen Welle. Andere erwischten Wellen, die angeblich bis zu 30 Meter hoch waren.

In den letzten Wochen war das Dorf meist leer, mit Ausnahme von Medienvertretern und Surfern, die auf den nächsten viralen Clip hofften. Bei Steudtner war es nicht anders. Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Surfer gilt als Außenseiter in der Surf-Welt. Bevor er überhaupt mit seinem Surfbrett in die Wellen paddelte, war er Windsurfer am weltberühmten Surf-Spot Jaws auf Hawaii. Jetzt wohnt er in Nazaré, wo er hofft, seine Sammlung von zwei TAG Heuer XXL Biggest Wave-Auszeichnungen zu erweitern.

„In Nazaré habe ich nicht mit Paddeln begonnen, sondern mit towing", erzählt Steudtner und bezieht sich auf die gängige Praxis, dass Big-Wave-Surfer von motorisierten Wasserfahrzeugen wie Jetskis in die richtige Position gezogen werden, wenn die Wellen zu groß und zu schnell sind, um sie mit eigener Kraft anzupaddeln. Während Tow-In-Surfen von Big-Wave-Ikonen wie Laird Hamilton populär gemacht wurde, weil die Surfer bei manchen Wellen an die Grenzen des Menschlichen geraten, sehen Puristen auf diese Technik bis heute oftmals herab. „Die Wellen, die mit towing erreicht wurden, schafften es bis in die Massenmedien. Nazaré ist eine Medienhure. Es war das Nummer-1-Ding im Surfen in den Massenmedien. Also hassen es viele Leute—und ich bin einer davon."

Video: Die Riesenwellen von Nazaré sind zurück

Steudtner war nicht allein. Als sich Videos von Nazaré und Gerüchte von angeblich gebrochenen Rekorden immer weiter verbreiteten, reagierten viele in der Surf-Community gegenüber der Welle mit Skepsis, wenn nicht sogar Ablehnung.

„Um ehrlich zu sein, es braucht keine außerordentlichen Skills, um sich in die Welle ziehen zu lassen, aber sie anzupaddeln, wenn die Welle sich riesig auftürmt, ist beängstigend und sehr technisch", sagte Shane Dorian, eine der beliebtesten Personen im Surf-Sport. Dorian verbrachte elf Jahre bei den Wettbewerben auf der World Tour, bevor sich seine volle Aufmerksamkeit um das Big-Wave-Surfing drehte. Es waren seine Besuche in Nazaré, die zu einer veränderten Wahrnehmung in den Köpfen der Menschen über das portugiesische Surf-Mekka verhalfen.

Nazaré. Mit freundlicher Genehmigung von WSL

Nazaré schien zunächst für das Tow-In-Surfen besser geeignet zu sein, da die Wellen weniger steil sind als die vor Mavericks in Kalifornien oder vor Jaws in Hawaii. Je flacher eine Welle ist, desto mehr Geschwindigkeit braucht ein Surfer, um sie zu fangen. Aufgrund von Nazarés Wellengröße und des niedrigen Winkels wurde eine motorisierte Unterstützung für die ersten großen Wellenritte nötig. In den letzten Jahren waren jedoch einige Elite-Surfer—dank moderner Boards und verbesserter Sicherheitsausrüstung wie aufblasbaren Westen—in der Lage, in die großen Wellen zu paddeln. Und das obwohl es zuvor als unmöglich angesehen wurde.

Nun hat Nazaré also sein erstes offizielles World-Surf-League-Event. Am 20. Dezember stürzten sich die besten Surfer der Welt in Nazaré in die über zwölf Meter hohen Wellen—und eine Truppe von Rettungs-Jetskis stand bereit, ihnen dabei Gesellschaft zu leisten.

„Nazaré ist einzigartig in vielen verschiedenen Bereichen, aber vor allem ist es ein riesiger, kranker Wellenbruch", sagte Dorian. Die Bucht liegt am Ende des Nazaré Canyon, eines Tiefseegraben mit einer maximalen Tiefe von mindestens 5.000 Metern und einer Länge von 230 Kilometern. Die beständigsten und bis zu 30 Meter hohen Wellen gibt es hier. Spektakulärer und höher als in Nazaré geht es kaum, doch es ist bei weitem nicht perfekt.

Damien Hobgood und sein Wipeout von Nazaré. Mit freundlicher Genehmigung von WSL

Dieselben geologischen Formationen, die Nazaré zu einem so einmaligen Spot werden ließ, machen die Aufgabe für Surfer auch so besonders anspruchsvoll. Die meisten Big-Wave-Spots haben eine klar definierte Take-off-Zone, dank der Tatsache, dass die Wellen über einem Riff oder an einem gewissen Punkt brechen. In solchen Fällen entsteht links und rechts von der Welle eine Art Kanal, in dem die Surfer die Welle anpaddeln und auch wieder rauskommen können. Doch weil in Nazaré die Wellen über einer sich ständig verlagernden massiven Unterwasser-Sandbank brechen, ist auch die Zone, in der die Wellen brechen, riesig und nie gleich. Außerdem entsteht kein Kanal, um sich in Sicherheit zu bringen.

„Nach einem Ritt oder einem Wipeout alleine wieder rauszukommen, ist hier fast unmöglich", findet Dorian, weswegen Jetskis zum festen Inventar gehören. Trotzdem ist die Sicherheitssituation in Nazaré noch ein bisschen heikler als an anderen Spots. „Wenn die Welle sehr groß ist, ist es schwierig, wieder rauszukommen. Wenn du den Jetski fährst, kannst du leicht die Kontrolle verlieren, bei all den Wellen, die um dich herum brechen."

Von mehreren Tonnen Wasser eingeholt zu werden, war für die Surfer bei der Nazaré Challenge Teil des Geschäfts.

McNamara auf einem Jetski in Nazaré. Mit freundlicher Genehmigung von Mercedes

Der Nazaré-Veteran und Big-Waves-Weltrekordhalter Garrett McNamara erlebte diese Herausforderung aus erster Hand—und musste mitansehen, wie ein Surfkollege dabei fast ums Leben kam.

Weil er nach einer Verletzung im Januar noch nicht selbst mitsurfen konnte, saß McNamara am Steuer eines Jetskis. Damit sollte er die Teilnehmer nach Abreiten der Welle wieder aufnehmen—oder nach einem Wipeout aus dem sogenannten Weißwasser retten und in Sicherheit bringen. An einer Stelle, als mit ihm Profi-Surfer Damien Hobgood auf dem Schlitten saß, kam sein Jetski ins Stottern und eine Katastrophe drohte.

Er musste sein 250 Kilo schweres Wasserfahrzeug aufgeben, weil von beiden Seiten jeweils eine Welle anrollte und von hinten der Rückstrom kam. Es gab keine Ausweichmöglichkeit. Hobgood wurde von einer meterhohen Welle am Kopf getroffen und konnte sich noch glücklich schätzen, weil ihn der Jetski nur um Haaresbreite verfehlte. Trotzdem konnte er im Halbfinale nicht mehr an den Start gehen.

Mehr zu Nazaré: Große Wellen für große Egos—Ein Gespräch mit Big-Wave-Legende Garrett McNamara

Am Ende des Wettbewerbs brauchte ein Viertel der Teilnehmer ärztliche Behandlung. Der US-Amerikaner Nic Lamb erlitt eine Gehirnerschütterung, schaffte es als Drittplatzierter aber dennoch aufs Podium. Der Australier Jamie Mitchell gewann sogar die letztjährige Nazaré Challenge, war aber dabei für längere Zeit unter Wasser.

Will man ein Fazit von der Premiere in Nazaré ziehen, fällt dieses—dank der sportlichen Leistungen und der nötigen Prise Dramatik—überwiegend positiv aus. Das heißt aber nicht, dass in den Reihen der Surfer und Surf-Journalisten nicht weiter hitzig diskutiert wird. Dabei geht es vor allem um eine Frage: Ist Nazarés Welle geeignet für einen Wettkampf?

Der dekorierte Big-Wave-Surfer Grant „Twiggy" Baker aus Südafrika gab auf Instagram seine Meinung zum Besten. „Nazarés Welle ist ein absolutes Phänomen und die wohl schönste und schwierigste Welle, die ich jemals gesurft bin. Aber die Gefahren, die mit ihr einhergehen, scheinen gegenüber den Vorteilen zu überwiegen", schrieb er.

Sogar der „Big Wave Tour"-Commissioner, Peter Mel, gibt zu, dass die besten Bedingungen für einen Wettbewerb nicht automatisch die höchsten Wellen sein müssen. „Wenn die Wellen zu mächtig ausfallen, hast du am Ende Bedingungen, wo die Surfer nur noch mit Jetskis in Position gezogen werden können", erklärt er. „Wir kommen langsam an die Grenze von anpaddelbaren Wellen."

Eine Sache ist sicher: Wenn vor Nazaré die Wellen auf Rekordniveau ansteigen, werden die besten Surfer der Welt sie auch reiten wollen. Und die ganze Welt wird ihnen dabei zuschauen.

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