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Boris Blank: „Mainstream-Radio geht mir auf den Sack“

Boris Blank lästert mit uns über Punks, Mainstream-Radios und Analog-Fetischisten.
4.12.14

Es ist beschämend, dass Boris Blank in diesem Jahr ein neues Album rausgebracht hat und du nichts davon weißt (wenn du nicht zufällig ein ziemlich krasser Musiknerd bist). Die Tracks von Electrified passen nicht ins Formatradio-Format und lassen sich auch schlecht in ein DJ-Set einbauen, weshalb in erster Linie Spex und die Feuilletons darüber berichten. Eventuell kennst du nicht einmal Boris Blank … Wir lernen daraus, dass die Erde ein ungerechter, lebensfeindlicher Scheißplanet ist und wir einen besseren Ort aus ihr machen müssen. Deshalb also los zum Interview mit diesem Musiker aus der Schweiz.

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Ein älterer, sehr britisch gekleideter Herr empfängt mich mit amerikanischer Player-Geste—gekühlte Getränke stehen auf einer Kirschholz-Kommode der versnobbten Lounge im Soho House. Zu Beginn des Gesprächs erinnert sich Boris Blank daran, dass es früher bei ihm etwas ungemütlicher war:

Boris Blank: Als ich in den Siebzigern noch in meinem Studio in der Roten Fabrik arbeitete, hausten direkt nebenan die Punks. Ich mochte die Musik nicht, Punk war damals schon komplett durchdekliniert. So zwischen drei und vier war ich mit meiner Arbeit fertig und draußen lagen sie überall in ihrer eigenen Kotze und Pisse, ich musste da irgendwie drübersteigen. Ein paar davon haben sich auch auf die Motorhaube meines Ami-Schlittens gelegt und wollten nicht runter. Sie haben mir stattdessen auf die Windschutzscheibe gespuckt. Ich hab dann natürlich die Wischwasseranlage angeworfen. Das hat den Punks zwar nicht gefallen, aber sie sind immer noch auf der Motorhaube geblieben. Also bin ich losgefahren, sodass sie langsam alle runtergerollt sind.

THUMP: Solche Punks gibt es ja nicht mehr. Langweilst du dich jetzt, so ganz ohne Feindbild?
Nein, ich stoße mich jetzt an ganz anderen Dingen. Das geht nur gerade in die komplett entgegengesetzte Richtung. Was mir zur Zeit am meisten auf den Sack geht, ist die Radiolandschaft hier. Alle Sender spielen die gleiche, belanglose und banale Musik. Bloß nicht anecken—der Zahnarzt könnte ja mit seinem Bohrer abrutschen, wenn er einen überraschenden Klang im Radio hört. Hier in Berlin zum Beispiel ist die elektronische Szene so innovativ, es brodelt förmlich im Untergrund—und im Radio läuft nur Liftmusik.

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Die Leute scheinen ja auch zunehmend auf Soundcloud auszuweichen.
Zurecht. Soundcloud ist die einzige Plattform, mit der ich mich auseinandersetzen kann, ohne anzuecken. Da höre ich täglich Musik und schaue, was meine Followers machen. Diese Kommunikation zwischen Musikern ist toll—es entsteht ja fast eine Art Freundschaft. Innovative Musik findet heute auf Beatport und Soundcloud statt. Wahrscheinlich muss ich mich gar nicht übers Radio ärgern, weil das ein Format ist, das sich in dieser Form schon bald obsolet sein könnte.

Wenn du dann auf Soundcloud die Tracks von Four Tet und Caribou hörst, fragst du dich, wie er bestimmte Klänge hinbekommen hat?
Was Caribou macht, finde ich großartig. Aber in der Regel weiß ich schon, wie diese Sachen entstehen. Ich versuche auch nicht, Dinge zu imitieren. Wirklich herausragend bist du nur, wenn du einen eigenen Stil, eine eigene Note entwickelst.

Hat sich die Musikproduktion für dich in den letzten 40 Jahren verändert?
Haha, ja das kann man so sagen. Anfangs musste ich noch Bänder schneiden und wieder zusammenkleben. Die Arbeit von mehreren Tagen kann ich heute in 3 Minuten mit meinem Handy erledigen, kennst du schon meine Electrified App?

Blank drückt ein bisschen auf seinem iPhone herum, bläst dann in seine edle Wasserflasche, schnalzt ein paar Mal mit der Zunge und produziert mit diesen Aufnahmen einen Minimal-Loop, aus dem Ricardo einen Sieben-Stunden-Track entwickeln könnte.  

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Produzieren am Computer ist also kein Problem für dich?
Wieso sollte es? Das ist ein mächtiges Werkzeug, mit dem ich manche Dinge wesentlich schneller und besser machen kann als früher. Diese Analog-Nostalgie hat manchmal schon fetischistische Ausmaße, es gibt hier in Berlin ja auch diesen Laden, der nur analoge Synthesizer verkauft. Eine solch rückwärtsgewandte Einstellung ist nicht die Meine.

Und was hältst du von Presets und diesen ganzen Harmonie-Vorschlägen bei Ableton Live und Cubase? Beschränkt das am Ende nicht den kreativen Prozess?
Die Presets sind wahrscheinlich nicht ganz unschuldig an den ewig gleichen Songs im Radio. Ich selbst beschäftige mich damit nicht so oft—außer, wenn es mir hilft, klanglich und musikalisch den Sound zu erschaffen, den ich haben will.

Wir haben dann noch ein bisschen über Musiknerd-Kram gesprochen und dabei sein großartiges neues Album ganz vergessen. Aber ‚Electrified' kann man sich ja auch einfach selbst anhören:

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