Bier und Lethargie in Burkina Faso
Foto von David Noyes

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Bier und Lethargie in Burkina Faso

In Zogoré ist jeden dritten Tag Markt. Dann fließt reichlich Bier, der Duft von Schweinebraten erfüllt die Luft und der eine oder andere verliert den Verstand.
18.11.14

Der amerikanische Autor Aaron Kase verbrachte einige Zeit in Burkina Faso und erzählt hier über seine verschlafenen und in Bier ertränkten Tage in Zogoré, einem Dorf im Norden von Burkina Faso:

Verkäufer haben jeden Markttag ihre Stände aufgebaut, um Getreide, Stoffe, Flipflops und andere Sachen an feilschwütige Besucher von nah und fern zu verkaufen. Doch das Beste am Markttag hatte mit dem eigentlichen Markt gar nichts zu tun: Bier trinken. Aus Respekt vor der muslimischen Bevölkerung wurden weder Fleisch noch Bier im Dorfzentrum zum Verkauf angeboten. Dafür musste man in den katholischen Teil der Dorfgemeinschaft laufen, wo in fast jedem Hinterhof sogenanntes Dolo angeboten wurde.

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Willkommen auf dem Markt von Zogoré. Foto von David Noyes.

Dieses Sauerbier wird aus Sorghumhirse gebraut, eine Getreidesorte, die auch in den trockenen und nährstoffarmen Böden der Sahelzone Westafrikas angebaut werden kann. Früher lernte hier jede katholische Frau dieses traditionelle Brauverfahren. Dabei muss man die Körner in Wasser einweichen, anschließend ausbreiten und für ein paar Tage keimen lassen. Dann wird das Getreide gemaischt und das Ganze einige Stunden lang in großen Kesseln, die über einem offenen Feuer angebracht sind, gebraut. Zum Abschluss wird Hefe hinzugeben, um den Gärungsprozess auszulösen. So entsteht ein rotes und leicht trübes Gesöff, das bald süß, bald sauer ausfallen kann. Wir haben aber auch schon besonders rauchige Exemplare getrunken—oder eins, das nach faulen Tomaten schmeckte.

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Männer und ihr Bier. Foto vom Autor. Schweine machen es sich gemütlich. Foto von David Noyes.

Schon früh am Morgen kamen die ersten Männer, die sich die Verkostung nicht entgehen lassen wollten. Sie versammelten sich auf Bänken und waren allesamt mit Schüsseln aus Kürbis bewaffnet. Für umgerechnet 20 Cent goss der Dolo-Verkäufer jedem Kunden eine kleine Menge davon in seine Schüssel. Abwechselnd hat dann jeder eine Runde geschmissen.

Auch wenn der Alkoholgehalt von Gebräu zu Gebräu verschieden sein konnte, war er doch im Allgemeinen ziemlich gering und überschritt fast nie vier Prozent. Manchmal haben wir den ganzen Morgen nichts anderes gemacht, als zu trinken. Trotzdem waren wir nur selten betrunken. Die einzige häufig zu beobachtende Nebenwirkung war das unwiderstehliche Verlangen nach einem Mittagsschläfchen.

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Passend zum Bier wurde ein Schwein geschlachtet und auf einer Ofenkonstruktion aus Lehm und einem alten Ölfass gebraten. Dieses porc-au-four wurde für fünf Cent das Stück an den Mann gebracht. Um sich die besten Leckerbissen zu sichern, musste man aber pünktlich auf der Matte stehen. Dann konnte man noch saftige Stücke mit einer ordentlichen Fettschicht ergattern und im besten Fall sogar ein paar Happen Leber oder Herz. Dazu gabs Chili-Dipp und, wer hätte es gedacht, noch mehr Bier.

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Frauen tragen Wasser zu ihren Familien. Foto von David Noyes. Eine Frau beim Auffüllen einer Flasche Dolo. Foto von David Noyes.

Meine Freunde und ich haben den Tag in der Regel zusammen verbracht, gemeinsam getrunken und über schlechte Witze gelacht. Die meisten Markttage unterschieden sich nicht voneinander, doch es gab Vorkommnisse, die den Dorffrieden ins Wackeln bringen konnten: Zum Beispiel als Fredo sich umbringen wollte.

Fredo war Anfang 20, von kräftiger Statur und scheinbar wild entschlossen, seinem Leben, in dem nur wenige Meter entfernten und äußerst tiefen Brunnenschacht, ein Ende zu bereiten. Zusammen mit ein paar Umstehenden konnten sie ihn noch rechtzeitig überwältigen und an Händen und Füßen fesseln.

„Er ist halt noch so jung", meinte mein Freund Maurice mit trauriger Stimme. Fredo hatte Tage vorher für das Vermessungsbüro der Regierung in einem heiligen Wäldchen am Dorfrand gearbeitet. Einer der dortigen Bäume war den Vermessern im Weg, weswegen sie Fredo befahlen, ihn zu fällen. Er stimmte zu. „Keiner von uns hätte sich je darauf eingelassen", erzählte mir Maurice. „Aber er nahm das Ganze auf die leichte Schulter. Und jetzt ist er verrückt."

Fredos Familie brachte ihn zu einem Wunderheiler, der auf Nummer sicher dann noch ein Huhn opferte. Fredo wollte sich zwar daraufhin nie wieder umbringen, aber er war auch nicht mehr derselbe. Er wanderte nur mehr ziellos durchs Dorf und redete mit sich selber. Bei Veranstaltungen starrte er die Besucher mit irrem Gesichtsausdruck an.

Der arme, irre Fredo wurde so ein genauso fester Bestandteil von Markttagen wie Fleisch, zu viel saures Bier und schlechte Witze.