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Mit diesem IRL-Game kannst du einen wildfremden Go-Pro-Träger fernsteuern

Das VR-Spiel Omnipresenz verbindet einen User am Computer mit einem echten Menschen mit Kopfkamera, der wie eine ferngesteuerte Puppe fremde Städte erkundet und sein Leben an seinen Befehlsgeber live zurückstreamt.
5.12.14
​Soziales Sightseeing und echte Abenteuer vom Sofa aus. Alle Bilder: ​indiegogo/Omnipresenz. 

Der Traum, in die Haut einer anderen Person zu schlüpfen, ist mindestens so alt wie das menschliche Denken selbst. Für alle denen der temporäre Identitätswechsel mit Gaming-Avataren, nicht reicht gibt es die unendlichen Weiten digitaler Vernetzung und experimentelle Entwicklungen für die Oculus Rift. Virtuelle Realität erlaubt inzwischen die  Simulation psychedelischer Drogentrips, therapiert ​traumarisierte Soldaten, lässt dich wie ​einen Vogel fliegen und ermöglicht dir ​dein Geschlecht zu wechseln.

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Einer der Entwickler dieses  ​virtuellen Gender-Swappings, präsentiert nun eine neue Anwendung, mit der du dir vom Schreibtisch aus Körper und Geist mit einer fremden Person teilen kannst und einen IRL-Avatar am anderen Ende der Welt fernsteuerst. Dabei diktierst du als digitaler Puppenspieler vom Computer aus die Handlungen eines Avatar, der seine Umgebung über eine Helmkamera in Echtzeit zurück an den Heimcomputer sendet.

Der menschliche Wille als ferngesteuertes interface

Das Projekt Omnipresenz von dem Entwickler-Team  Be Another Lab um Daniel González Franco, wirbt entsprechend mit dem unwiderstehlichen Claim: „Sei überall und spiele jeden!" Für den Avatar bedeutet die Identitätsaufgabe einen fantastisches Bequemlichkeits-Update—ein Leben ohne schwierige Entscheidungen, ohne Eigenverantwortlichkeit und persönliche Reflektion.

Der vom Computer aus ferngesteuerte Städtebummler.

Der Ferngesteuerte Städtebummler. Alle Bilder: indiegogo/Omnipresenz.

Mit  ​Omnipresenz lenkst du eine echte Person durch eine Stadt am anderen Ende der Welt, um echte Abenteuer in Ecken zu erleben, die du nie zuvor gesehen hast und möglicherweise persönlich auch nie besuchen wirst—virtuelles Sightseeing in Kombination mit der Identität eines Anderen. Das Geschehen beobachtest du per Live-Videostream und gibst gleichzeitig Anweisungen, die dein Avatar tatsächlich ausführt.

​​„Nicht nur deine Beine und Augen können überall sein, sondern auch deine Gefühle und Entscheidungen, die dieses interaktive soziale Experiment steuern."

Und so schlendern die Avatare lustig durch Barcelona, kaufen auf Headset-Kommando Nüsse im Mercat de la Boqueria, klettern im Parc Güell herum und schmeißen Münzen in die aufgeklappten Trompetenkoffer von Straßenmusikern an der Strandpromenade.

​Für 30 Euro erhälst du vier Stunden wöchentlich im Kopf deines Avatars.

Daniel Gonzales Franco und seine Mitstreiter vom BeAnotherLab arbeiteten ungefähr ein Jahr an dem Konzept, für dessen weitere Entwicklung sie nun Unterstützer bei Indiegogo suchen. Je nach dem Erfolg des Crowdfundings soll Omnipresenz in verschiedenen Städten rund um die Welt in eine erste größere Praxisphase gehen. Bisher sind allerdings erst  ​16 Prozent der anvisierten 33.000 Euro erreicht worden.

Als Spendenköder kannst du bei Indiegogo bereits für 30 Euro eine „Pioniererfahrung" buchen: Vier Stunden pro Woche im Kopf deines Avatars. Mit genügend Vorfinanzierung wollen die Entwickler dann im nächsten Schritt Omnipresenz auch über  Oculus Rift-Headsets streamen.

Mit Omnipresenz steuerst du deinen menschlichen Avatar vom Schreibtisch aus.

Der Avatar mit schicker Kopfkamera wird vom Schreibtisch aus gesteuert.

Die Identitätsverschmelzung von Avatar und Puppenspieler ist einerseits eine kontroverse Verwandlung des freien menschlichen Willens in ein steuerbares Interface, passt jedoch andererseits in eine Zeit in der Individualität digital transformierbar und multiplizierbar geworden ist: Wer bin ich und wenn ja, wie viele Headset-Streams?

Laut der Entwickler soll Omnipresenz jedoch hauptsächlich als Einübung in Empathie und kollektiver Entscheidungsfindung dienen. Daher kann das Spiel nicht nur als virtuelle Städtetour genutzt werden, sondern auch als lokales Spendensystem mit Wellness-Effekt, wie uns eine Stimme im Video verspricht:

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„Du kannst deinen Avatar dabei unterstützen, altruistische Handlungen auszuführen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen, für die Menschen, die dir wichtig sind."

Wieso dieser zauberhafte Wohltätigkeitsmechanismus eigentlich nicht im echten Leben ohne Avatar funktioniert, ist mir nach anfänglicher Begeisterung doch noch etwas schleierhaft. Und wieso genau sind fremde Menschen, die andere fremde Menschen treffen nun genau die, die uns am meisten bedeuten?

Sei überall und spiele jeden.

Omnipresenz hat außerdem eine Art eigenes Bezahlsystem mit dem wohlklingenden Nice Actions, über den die Spieler, ihrer spontanen philanthropischen Ader bzw. dem Drang nach Shopping-Touren am anderen Ende der Welt nachgehen können. Nachdem du den Avatar von deinem Schreibtisch aus mit Geld von deiner Kreditkarte ausgestattet hast, kann der die Beträge dann live und in bar für Nettigkeiten vor Ort einsetzen, ohne dass der Spender dafür seine Couch verlassen müsste.

Die Rolle der Avatare übernimmt in der Testphase das Team selbst, doch schon bald soll auch das demokratisiert werden und jeder darf sich als Avatar zur Verfügung stellen. Endlich keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, sondern in Echtzeit befohlen bekommen, was ausgeführt soll.

Omnipresenz will dein Leben mit Avatar-Erlebnissen aufpeppen.

Omnipresenz will dein Leben mit Avatar-Erlebnissen aufpeppen.

​Laut den Entwicklern, seien die Avatare bisher sehr glücklich und würden „sehr gerne deine Anweisungen befolgen und deine Wünsche erfüllen." Das klingt ein wenig unheimlich, aber hey, wenn wir eins über das Internet gelernt haben, dann das: Es gibt  ​keinen Fetisch, den es nicht gibt.

Wer über Beine und ein bisschen Geld verfügt, kann selbstverständlich immer noch—klingt radikal, ich weiß—selbst in die Welt hinaus ziehen. Und auch die wohlbetonte Spendenoption ließe sich auch ohne Mittelsmann und Interface realisieren. Dennoch ist Omnipresenz ein faszinierendes Projekt, weil es eine Fülle neuer Fragen aufwirft:

Wie kommt man emotional damit klar, wenn der Avatar einem Menschen in Echtzeit näher kommt, den man selbst gut findet? Kann mein Avatar GTA-mäßig Passanten schubsen und wegrennen? Brauchen wir für eine philanthropische Zukunft mit einer lokalen Spendenbereitschaft ferngesteuerte IRL-Avatare? Nun—wir werden es nicht wissen, bis wir es ausprobieren. Einen GoPro-Helm mag ich mir zwar nicht aufsetzen, aber die User Experience ist schon gebucht: Im April bin ich dann mal kurz auf Crowdfunding-Kosten als Versuchskanninchen in Rio für eine Runde  Favela-Tourismus und live gestreamtem Bungeejumping.