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Argentinien legt die indigenen Territorien trocknen

In Argentinien beuten Unternehmen Land im großen Stil für die Lithium-Gewinnung aus und bedrohen damit die Umwelt der Salzseen und das Leben indigener Völker, denen das Land eigentlich zusteht.
29 November 2013, 1:13pm
Bild: J-Cornelius/ FlickrCC BY-SA 2.0

Was für eine Landschaft. Salzseen und Wüsten erstrecken sich kilometerweit in Argentinien. Hier versteckt sich etwas, was viele Rohstoff-Experten mit Gold vergleichen: Lithium. Das Leichtmetall wird für Batterien, Lithium-Ionnen-Akkus, Wasserstoffbomben und in der Medizin verwendet. Und Argentiniens Boden hält mehr als genug davon bereit.

Die Diskussion über den Abbau von Rohstoffen ist wahrscheinlich genauso alt, wie die Debatte um Landraub—die Landnahme zu kommerziellen Zwecken. Aber ein wichtiger Aspekt des Landraubs droht ignoriert zu werden, weil die ganze Rohstoff-Debatte nur all zu häufig mit einem „wissen wir doch längst" abgetan wird. Die schlimmste Folge des Landraubs für die Umwelt: Wasserraub.

Ohne Wasser kann kaum etwas existieren. Keine Pflanzen, keine Organismen und keine Menschen kommen ohne diese Hauptressource des Lebens aus. Wenn Unternehmen also Land pachten, ihren An- oder Abbau betreiben, und dann schließlich irgendwann wieder verschwinden, ist das Land danach meist komplett ausgetrocknet.

In Argentinien hat die Perspektive auf eine kostengünstige Gewinnung von Lithium lokale und ausländische Unternehmen dazu angeregt sich 165.000 Hektar Andean Highlands zu sichern. Das funktioniert ganz gut, denn die Landrechte der Territorien sind nur vage beschrieben und so eine Situation lässt sich pragmatisch ausnutzen. Die historisch bewährte Legitimation lautet dann meist: „Als wir hier herkamen, hat hier niemand gelebt!"

Und natürlich stimmt das nicht. Die indigenen Völker leben und arbeiten in diesen Gebieten und in ihren Salzseen seit Jahrhunderten. Auch wenn internationale Gesetze und die ILO Konvention Nr. 169 vorschreiben, dass diese Völker konsultiert und bei Entscheidungen hinzugezogen werden müssen, hat natürlich niemand die indigenen Völker gefragt, ob es ok ist, das Land zu nehmen. Die meisten der Communities, die in den Territorien leben, haben kein Bedürfnis ihr Leben aufzugeben. Sie wollen ihre Methoden der Entwicklung weiterführen und berichten, dass der ökologische Schaden bereits sichtbar ist. Jetzt äußern sie ihre Forderungen:

"Wir essen keine Batterien. Wer unser Wasser stiehlt, nimmt uns unser Leben."

Die Produktion von Lithium basiert darauf, Wasser zu pumpen und dann eine große Menge an Wasser verdampfen zu lassen. Schon erste Test-Bohrung haben das anfällige Ökosystem der Salzseen, das Grundwasser und die umliegende Umwelt gestört. Das alles bedroht die traditionelle Salzproduktion und die Lebensweise, die damit verbunden ist. Viele Communities haben rechtlichen Protest eingelegt; aber alle Anfragen waren bisher erfolglos. In der Zwischenzeit freuen sich die abbauenden Unternehmen und werben mit Sprüchen wie: „World's cheapest Lithium Production".

Es gibt allerdings noch Hoffnung. Natalia Sarapura wurde am 28. November 2013 mit dem Bremer Friedenspreis in der Kategorie „Unbekannte Friedensarbeiterin" ausgezeichnet. Die indigene Argentinierin ist Präsidentin des Rats der Indigenen Organisationen in Jujuy, Argentinien, und engagiert sich als Menschrechtsaktivistin und Wasserrechtskämpferin. Mit ihrem „Dreistufenplan zur grundlegenden Entwicklung der indigenen Dörfer und Menschen" fand Natalia Sarapuras internationale Anerkennung. Mit diesem Plan setzte sie sich für die Rechte indigener Völker auf kollektives Landeigentum ein. Da die indigenen Völker nach modernem Landrecht nicht die Eigentümer des Landes sind, verfügte der Staat über indigenes Territorium und verkaufte es zu großen Teilen an Großgrundbesitzer und internationalen Bergbaukonzernen, bis den Gemeinden 1995 Rechte auf Land zugesprochen wurden.

Natalia beschreibt die Situation der indigenen Völker in Argentinien als eine Art neue Kolonialzeit, in der der Staat diese Völker behandelt, als hätten sie keine Rechte.  Am 25. November 2013 lud sie der Weltfriedensdienst zu einem Fachgespräch zum Thema Landraub und Wasserraub nach Berlin ein. Dort antwortete sie auf die Fragen, ob indigene Völker verlangen würden, dass der Abbau von Lithium gestoppt wird, wie sich die Konzerne verhalten, die den Rohstoff abbauen und wie sich die Regierung dabei verhält.

Natalia beschreibt zwei zentrale Probleme: „Das erste Problem stammt noch aus Kolonialzeiten. Vertreter der Unternehmen gehen in die Häuser und fragen nicht, was die Menschen wollen. Die Unternehmen nehmen sich, was sie wollen." Und sie wollen das Land. Für die indigenen Völker geht es dabei aber nicht nur um die materiellen Aspekte, sondern auch um das Spirituelle. Für sie ist das Land auch das Land ihrer Vorfahren und hat besondere spirituelle Bedeutung.

Das zweite Problem ist, dass der Staat großes Interesse daran hat, Salz und Lithium günstig anzubieten. Das heißt, dass die argentinische Regierung zusammen mit den Unternehmen Pläne schmiedet und dabei die indigenen Völker vollkommen ignoriert. Natalia sagt, dass es gar nicht einmal darum geht, dass der Abbau von Salz und Lithium gestoppt wird: „Es geht darum, dass die Völker Mitspracherecht haben wollen und mit entscheiden können."

Denn schließlich geht es hier nicht nur um das gestohlene Land, sondern darum, dass die wenigen überhaupt existierenden Wasserkanäle, austrocknen. Durch die Methoden, die die Unternehmen zum Abbau von Lithium verwenden, verdunstet das Wasser um ein vielfaches schneller, als auf natürlichem Wege. Die Erde vertrocknet weitläufig. Viel weitläufiger als die benutzte und gekaufte Fläche der Unternehmen reicht.

Die Regierung Argentiniens verfolgt wirtschaftspolitisch ein Entwicklungsmodell auf der Basis der Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Landwirtschaft, Bergbau und Erdölförderung in indigenen Territorien führen dazu, dass nationale und internationale indigene Rechte nicht anerkannt und geachtet werden. Im Prinzip handelt es sich hier wirklich um eine neue Kolonialisierung der indigenen Territorien. Eins scheint klar: Argentinien dient als bestes Beispiel für die Prioritäten in einem globalen Zeitalter. Wirtschaftliche Interessen zerstören ganz Existenzgrundlagen und ignorieren die indigenen Völker des Landes.

Argentinien erhält übrigens selbst keinerlei Entwicklungshilfe, sondern gibt vielmehr Entwicklungsgelder an Bolivien. Absurderweise ist der dortige Umgang mit indigenen Völkern für die argentinische Regierung, so dramatisch, dass man dem Nachbarland aushilft. Die bolivianische Regierung hat sich ganz hervorragend mit der Problematik Landraub auseinander gesetzt, und den Indigenen die ihnen zustehenden Rechte zugeschrieben. Wenn also ein Unternehmen nach Bolivien kommt, Land für den Abbau von Lithium will, dann sind die Indigenen vollwertige Partner, 50-50. Für Argentienien rentiert sich das wahrscheinlich, denn so wird das in Bolivien abgebaute Lithium teurer, und sie selber können durch den billigeren Abbau im eigenen Land davon profitieren.

Solange also der Bedarf nach Lithium so hoch bleibt, wird sich die argentinischen Regierung wahrscheinlich weder von ihren bisherigen Leitsätzen von Profitabilität und Wirtschaftlichkeit trennen, noch den indigenen Völkern angemessene Rechte und Mitspracherecht zugestehen.

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