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Ich habe mich eine Woche lang von „wissenschaftlichen Superdrinks“ ernährt

In Kombination mit Gin sind die „funktionellen Tonics“ sogar ganz passabel.
8.6.16
Bild: Gabriela Barkho.

Der Nahrungsergänzungsmittel-Markt in den USA boomt. Jährlich fahren diverse Pharmakonzerne Gewinne in Milliardenhöhe durch den Verkauf von Substanzen ein, die unsere Knochen stärker und unsere Haare glänzender machen oder unsere Leistungsfähigkeit erhöhen sollen. Aufgrund der großen Auswahl ist es als Verbraucher auch dementsprechend schwierig, sich im Laden für eines der vielversprechenden Zusatznahrungsmittel zu entscheiden. Ein „Wellness"-Produkt, das mein Interesse weckte, war das Getränk Kolé Tonics von Kolé Life Foods—vor allem, weil es laut Etikett von dem „preisgekrönten Neurowissenschaftler Dr. Bankole Johnson entwickelt" wurde.

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Kolé ließ mir auch direkt die komplette Auswahl seiner Tonics zukommen, die auf dem Markt verfügbar sind:

  • Dreams: Ein „Schlaf-Tonic", der Vitamin B-12 und Melatonin enthält und „die natürlichen Schlaf-Wach-Zyklen des Körpers unterstützt."
  • Inspire: Ein „Brain-Tonic", der Thiamin, Riboflavin, Vitamin B-12, Vitamin B-6 und Magnesium enthält und „die Gesundheit des Gehirns unterstützt.
  • Ignite: Ein „Vitalitäts-Tonic", der Chrom, L-Arginin, Extrakte aus der Ginsengwurzel, aus Haferstroh, aus dem Ziegenkraut und N-Acetyl-L-Tyrosin enthält und „ein gesundes sexuelle Verlangen unterstützt."
  • Happy: Ein „Wohlfühl-Tonic", der Vitamin B-12, L-Tryptophan und L-Glutamin enthält und „bei gesunden Menschen ein Gefühl des Glücks und der Ruhe fördert."

Trotz einiger Bedenken und Warnungen seitens meiner Familie, Freunde und Ärzte fasste ich den Entschluss, das gesamte Sortiment der Kolé Tonics auszuprobieren, um zu sehen, ob sie tatsächlich halten, was sie versprechen.

„Ich halte generell nicht viel von Nahrungsergänzungsmitteln, vor allem nicht von sogenannten ‚funktionellen' Getränken", sagte mir die Ernährungsberaterin Lauren Bartell Weiss. Angesichts der Menge von Nährstoffen, Konservierungsstoffen und künstlichen Süßstoffen, die im Tonic enthalten sind, hat Dr. Weiss Bedenken, dass „manche der Drinks mehr als die empfohlene Tagesdosis an Nährstoffen haben, wie zum Beispiel die großen Mengen Vitamin B."

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„Die Zutaten sind stärker konzentriert als beispielsweise in einer normalen Multivitamin-Tablette. Die Dosierung erinnert eher an ein Medikament", so Weiss weiter. „Die Behauptungen, dass alles wissenschaftlich fundiert sei, beziehen sich nicht auf die Formulierungen und die Zutaten."

Daher wollte ich während meiner Kolé-Woche versuchen, auf zusätzliche Substanzen wie Koffein und andere Stimulanzien zu verzichten, damit ich die Wirkung der in den Drinks enthaltenen Nährstoffe besser bewerten könnte.

Nachdem ich also die Warnhinweise durchgelesen und mir die großen Mengen an Wirkstoffen in den vier „funktionellen" Tonics notiert hatte, entschied ich mich dafür, sie eine Woche lang täglich zu trinken, in der Hoffnung sofortige Wirkung zu spüren und meinen müden Körper dadurch hoffentlich endlich ein wenig aufleben zu lassen.

Zum krönenden Abschluss des Tages entschied ich mich obendrein noch für einen „Gin & Inspire" Cocktail. Definitiv eine interessante Mischung.

Am ersten Abend begann ich mit Dreams. Auf dem Etikett wird empfohlen, eine Portion, also die ganze 500ml-Flasche, auszutrinken. Nachdem ich die Hälfte davon getrunken hatte, befand ich mich schon bald im Tiefschlaf, und das etwa drei Stunden früher als normalerweise. Das Getränk hatte in dieser Nacht tatsächlich meine Schlaflosigkeit überlistet, und endlich konnte ich mal richtig durchschlafen.

Doch die kurze Einschlafzeit hatte auch ihren Preis. Als ich aufwachte, fühlte ich mich total matschig und schläfrig, wie verkatert. An diesem Morgen erklärte mir Dr. David Seres—außerordentlicher Professor am Institut für Ernährungsforschung des Columbia University Medical Centers—, dass mein Kater und meine schwache Stimme „wahrscheinlich vom Tryptophan und Melatonin kommen, die im Dreams-Tonic enthalten waren."

Weil meine Müdigkeit mittags immer noch nicht vorüber war, trank ich zur Inspiration während der Arbeit den „Brain-Tonic". Doch auch nachdem ich mir den Inhalt der ganze Flasche eingeflößt hatte, fühlte ich mich nicht wirklich inspiriert. Laut Kolé Tonics stellvertretendem Vorstandsvorsitzenden Bernard Rubin ist diese Reaktion, oder eher gesagt ihr Fehlen, aber scheinbar ganz normal. Er erklärte mir, dass viele der Nährstoffe in den Tonics die natürlichen chemischen Reaktionen des Körpers lediglich ergänzen sollen. Man würde nicht immer eine sofortige Wirkung spüren, sagte er.

„Du nimmst dadurch aber viel gesundes Vitamin-C zu dir", sagte Rubin über Inspire. „Es unterstützt die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit."

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Zwischenzeitlich verspürte ich nach Inspire tatsächlich einen kleinen Energieschub, es war aber wiederum auch nichts, was über die Wirkung meiner täglichen Tasse Kaffee hinausging. Im Gegensatz zum extrem süßen Geschmack von Dreams schmeckte mir Inspire aber zumindest deutlich besser. Zwar war auch dieses Getränk süß, doch durch die Anreicherung mit Kohlensäure wurde das Ganze deutlich erträglicher.

Zum krönenden Abschluss des Tages entschied ich mich obendrein noch für einen „Gin & Inspire" Cocktail. Definitiv eine interessante Mischung.

Gin & Inspire. Bild: Gabriela Barkho.

Als ich Rubin danach fragte, ob die Kolé-Produkte Labortests unterzogen wurden, verneinte er und versicherte mir, dass das Einzige, was an den Getränken getestet wurde, ihre Marktfähigkeit gewesen sei.

„Wir haben keine medizinischen Studien durchgeführt, weil das mit medizinischen Produkten assoziiert wird", erklärte Rubin. „Unser Produkt ist aber ein Nahrungsergänzungsmittel. Wir haben also Geschmäcker, besondere Präferenzen und die Verpackung testen lassen, um zu erfahren, was potentielle Verbraucher von einem Nahrungsergänzungsmittel erwarten."

Vielleicht fragt ihr euch gerade, wie es möglich ist, dass Produkte, denen ganz klar eine wissenschaftliche Wirkungsweise zugeschrieben wird, überhaupt verkauft werden dürfen, ohne vorher staatlich geprüft worden zu sein. Dies ist dank dem Dietary Supplement Health and Education Act von 1994 (DSHEA) möglich, in dem die speziellen behördlichen Anforderungen und Verfahren für die Etikettierung solcher Nahrungsergänzungsmittel festgelegt wurden.

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Kurz gesagt: „Weil die Produkte etwas versprechen, was sowieso zu den natürlichen Körperfunktionen gehört, kümmert sich die FDA, die Zulassungsbehörde für Nahrungs- und Arzneimittel, nicht darum", so FDA-Sprecherin für Nahrungsergänzungsmittel, Lyndsay Meyer. „So lange die Produkte keine therapeutischen Ergebnisse versprechen, ist das erlaubt."

Die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten muss zuerst von der FDA nachgewiesen werden, bevor sie auf dem Markt zugelassen werden. Im Gegensatz dazu gibt es bei Nahrungsergänzungsmitteln aber keinerlei gesetzliche Bestimmungen, die besagen würden, dass die FDA diese zunächst überprüfen muss und sie erst dann für den Verkauf an Verbraucher „freigeben" darf.

Es ist aber kein flüssiges Viagra, was wir auch so zu kommunizieren versuchen.

Wie wird die FDA also überhaupt auf solche Produkte aufmerksam? Dr. Weiss erzählte Motherboard, dass „wir einzig und allein davon erfahren, wenn der FDA ausreichend viele Zwischenfälle gemeldet werden. Da die Hersteller aber nicht dazu verpflichtet sind, der FDA Nebenwirkungen zu melden, müssten die Beschwerden direkt von den Verbrauchern kommen."

Aber zurück zu meinem Selbstversuch: Am dritten Tag probierte ich das erste Mal den Ignite-Tonic aus. Laut Rubin von Kolé Tonics sei dieses Getränk entwickelt worden, um „die Intimität zu verstärken und ist mit einer dementsprechenden Mischung an Zutaten ausgestattet. Es ist aber kein flüssiges Viagra, was wir auch so zu kommunizieren versuchen." Zwar bekam ich nichts von der aphrodisischen Wirkung mit, die auf der Website angepriesen wurde, dafür bekam ich aber durch den vielen Zucker heftige Kopfschmerzen.

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„In Ignite wird nicht angegeben, welche Kräuter in welchen Mengen dazugegeben wurden", erklärte mir Dr. Weiss. „Pflanzliche Formulierungen können sich aber schädlich auf das Gehirn auswirken. Es ist ziemlich beunruhigend, dass in dem Getränk diverse Kräuter und CDP-Cholin (eine chemische Substanz, die normalerweise bei der Behandlung von Alzheimer und Demenz verwendet wird) enthalten sind."

Als ich Rubin nach dem Feedback zu den Dosierungen von Kolé fragte, sagte er, dass das Unternehmen einige Aspekte beim Herstellungsprozess optimiert hätte.

„Wir haben die Etiketten verändert", so Rubin. „Wir machen nun nähere Angaben zur Dosierung und haben auch einen Haftungsausschluss mit aufgenommen. Das hatten unsere Kunden unter anderem angemerkt."

Dann war die Zeit reif, endlich mal den interessantesten Tonic aus dem Kolé Sortiment auszuprobieren: Happy, den „Wohlfühl-Tonic". War ich an diesem Tag besonders glücklich? Ja, doch, ziemlich. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass ich an diesem Tag mein Gehalt bekommen habe. Happy war zudem auch das Tonic, das ich vom Geschmack her am ekligsten fand.

Aktuell ist es schwierig, einzuschätzen, wie die Zukunft von Produkten wie Kolé Tonics aussehen könnte. Die größte Sorge von Medizinern ist aber momentan, dass Nahrungsergänzungsmittel mit ihren angeblich „wissenschaftsbasierten" Versprechen die Verbraucher irreführen könnten.

„Das Problem ist, dass Nahrungsergänzung nur wirkt, wenn man einen großen Nährstoff-Mangel hat. Andernfalls hat sie keinerlei Auswirkungen auf Gehirn und Körper", sagte Dr. Seres vom Columbia University Medical Center. „Es konnte aber nachgewiesen werden, dass die Ergänzung zu vieler Nährstoffe sogar schädlich sein kann. Keiner der Inhaltsstoffe in diesem Produkt—abgesehen von CDP-Cholin, dem laut sehr schwacher Daten aus einer schlecht durchgeführten Studie eine gewisse Wirkung zugeschrieben wird—wirkt sich positiv auf die Gedächtnisfunktion aus."

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Eine weitere Sorge in medizinischen Fachkreisen ist das Marketing. Menschen, die einen ungesunden Lebensstil führen, könnten das Produkt in dem Glauben kaufen, ihre schlechte Ernährung durch den zweifelhaften Nutzen der Nahrungsergänzungsmittel „auszugleichen".

Während meines Selbstversuchs mit den Tonics veröffentlichte Science of US einen Artikel über Kolé, in dem der Autor erklärt, dass das einzige positive Feedback auf der Facebook-Seite des Unternehmens von einem gewissen Leonard J. Meyer stammt, der interessanterweise „scheinbar mit Dr. Bangkole Johnson zusammen im Vorstand von ADial [einem Pharma-Konzern] tätig ist."

Angesichts dieser Tatsache wollte ich mit Dr. Johnson ein Interview führen. Eine Pressesprecherin von Kolé Life Foods teilte mir aber mit, „dass Professor Johnson jetzt an der Uni Maryland beschäftigt ist und nicht mehr persönlich für seine Produkte werben kann, obwohl er sehr begeistert von ihnen ist!" Stattdessen schlug sie mir vor, mit Rubin zu sprechen.

„Die Produkte wurden entwickelt, um auf besondere Bedürfnisse der Menschen zu reagieren; 30 Prozent der Amerikaner klagen zum Beispiel über Schlafstörungen. Mit dieser Information im Hinterkopf überlegte sich Dr. Johnson eine Lösung und entwickelte die Produkte", erzählte mir Rubin.

Angesichts dieser Behauptungen, angebliche Lösungen zu haben, ist laut der medizinischen Fachgemeinschaft die Sicherheit der Verbraucher in Gefahr. „Die Marketingstrategie für diese Art von Produkten ist besorgniserregend. Ich fürchte, dass viele Menschen echte Medikamente durch gefährliche Nahrungsergänzungsmittel wie diese ersetzen könnten", sagte Weiss. „In einigen Laboren wurden Nahrungsergänzungsmittel bereits genauer untersucht. Es stellte sich heraus, dass in nur 25 Prozent der Mittel tatsächlich die Stoffe enthalten waren, die auf der Verpackung aufgeführt wurden."

Würde ich die Tonics täglich trinken? Nicht wirklich. Die Menge an zusätzlichen Nährstoffen wäre angesichts meiner eh schon relativ ausgeglichenen Ernährungsweise einfach zu viel. Immerhin hat Inspire aber zusammen mit Gin einen ziemlich passablen Cocktail ergeben.