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Time Slice-Theorie: Dein Bewusstsein funktioniert schlechter als du denkst

Unser Bewusstsein ist scheinbar kein langer ruhiger Fluss, sondern ein großes Puzzle.
19.4.16
Foto: Shutterstock

Neurologen haben eine neue These entwickelt, die unser Verständnis von der Entstehung bewusster Gedanken verändern könnte. Ihre komplizierte Theorie, die im Englischen mit dem schönen Begriff Time Slice aufwartet, lässt sich vereinfacht gesagt mit einem bestimmten photographischen Bildaufzeichnungsprozess vergleichen: Wir können uns unsere Wahrnehmung wie ein Polaroidfoto vorstellen, das sich erst nach und nach zu einem vollständigen und klaren Bild entwickelt. Diese Zeitverzögerung zwischen einem Ereignis und seiner bewussten Wahrnehmung ist die Grundthese eines neuen Ansatzes, den die Neurowissenschaftler der Universität Zürich und der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) vorstellten.

Die von Michael Herzog und Frank Scharnowski bei PLOS Biology veröffentlichte Studie beschreibt, dass wir die Welt zwar als einen nahtlosen Strom der Wahrnehmung erleben, dieser jedoch in Intervallen gestaltet ist. Das bedeutet: Sobald wir ein Bild, einen Geruch oder einen Ton erleben, schiebt unser Gehirn diesen Sinneseindruck erst einmal in den Bereich des Unbewussten. Erst nach einer darauffolgenden Reizverarbeitung ist die Information in unser Bewusstsein vorgedrungen.

Unser Bewusstsein fließt also nicht permanent und ungebremst wie ein langer ruhiger Fluss, sondern eher wie ein Film, der aus tausenden von Einzelbildern besteht. Dazwischen legt das Bewusstsein immer wieder eine kleine Pause zugunsten der Datenverarbeitung ein. Nach dieser Theorie ist unser Bewusstsein immer nur in Zeitfenstern von bis zu 400 Millisekunden aktiv. Aufgrund dieser Zeitbrüche nannten die Forscher ihr Modell dann auch Time-Slice.

„Intuitiv glauben wir, dass wir uns der Dinge, die in einem Moment geschehen, direkt bewusst sind", erklärte Frank Scharnowski gegenüber der Huffington Post. „So ist es aber nicht." Diese These scheint auch durch andere wissenschaftliche Arbeiten bestätigt zu werden.

Visuelle Darstellung des Time-Slice-Modells | Grafik: PLOS Biology

Die zweistufige Verarbeitung geschieht folgendermaßen: In der ersten unbewussten Stufe nimmt das Gehirn bestimmte visuelle Stimuli auf—die Studie beschäftigt sich lediglich mit visueller Wahrnehmung, der Zeitverlauf könnte also bei olfaktorischen oder akustischen Stimuli anders verlaufen. Daraufhin verarbeitet es die Eigenschaften dieser Eindrücke, wie zum Beispiel die Farbe oder Form eines Gegenstandes, und analysiert diese kontinuierlich. Nach dieser Umwandlung der Sinneswahrnehmungen macht das Gehirn aus allen Eindrücken gleichzeitig eine bewusste Wahrnehmung, welche das finale Bild erzeugt.

„Der Grund dafür ist, dass das Gehirn uns die beste und klarste Information präsentieren will, die es uns bieten kann und das dauert eine beträchtliche Zeit", so Herzog in einem Statement. Die Neurowissenschaftler stellten auch klar, dass der biologische Prozess für den Menschen nicht bewusst umgangen werden kann: „Es nützt nichts, sich auf diesen unbewussten Prozess zu konzentrieren—das wäre einfach nur ungeheuer verwirrend." Während des Prozesses der unbewussten Verarbeitung gibt es keine echte Wahrnehmung der Zeit, das Gehirn unterscheidet zwischen Merkmalen wie Dauer oder Farbveränderung lediglich, indem es ihnen zeitliche Markierungen zuordnet.

Uns bleibt also nichts anderes übrig, als die Welt in kurzen Schnappschüssen zu erleben, die uns in Kombination mit anderen Aspekten unserer kognitiven Wahrnehmung, wie beispielsweise dem Gedächtnis, das Gefühl einer zusammenhängenden Welt verleihen. „Wir nehmen die Zeit als kontinuierlich wahr, ebenso wie uns eine Linie kontiniuierlich erscheint, obwohl sie nur aus Tinte mit einer charakteristischen atomaren Natur besteht", so die Autoren in ihrem Paper.

Herzog und Scharnowski betonen allerdings auch, dass ihre Theorie lediglich ein weiterer Beitrag zur allgemeinen neurologischen Diskussion über die Beschaffenheit des Bewusstseins ist. Definitive Antworten könnten auch sie bisher nicht liefern—die Untersuchungen der Geheimnisse der menschlichen Wahrnehmung der Welt sind also noch lange nicht abgeschlossen.