Eine grausame Dystopie, die nur allzu real scheint

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Eine grausame Dystopie, die nur allzu real scheint

In der neuen Netflix-Serie 3% kämpfen Jugendliche mit brutalen Mitteln um ihre Chance auf ein besseres Leben. Eine Science-Fiction, die unserer Wirklichkeit schmerzhaft nahe kommt.
1.12.16

Bild: Netflix

Die Bewerber haben drei Minuten Zeit, um neun perfekte Würfel zu bauen. Neun Kandidaten stehen um einen runden Tisch versammelt, in dessen Mitte sich ein Haufen von Einzelteilen türmt. Wer die Aufgabe rechtzeitig lösen kann, kommt in die nächste Runde. Wer es nicht schafft, landet auf der Straße—wortwörtlich.

Das Szenario, das wie die neueste, unorthodoxe Rekrutierungskampagne eines Start-ups aus dem Silicon Valley klingt, ist in Wirklichkeit eine eindrückliche Szene aus der neuen Netflix-Serie 3%. Die Serie zeichnet das Bild einer Welt mit extremer sozialer Ungleichheit, die von faschistoiden Tech-CEOs mit eiserner Faust regiert wird.

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Das Setting für 3% ist gleichermaßen simpel wie genial: Die Protagonisten leben in einer nahen Zukunft, in der die Erde in weiten Teilen zerstört ist und eine strikte Trennung zwischen denen, die alles haben, und dem Großteil der Bevölkerung, die in bitterer Armut lebt. Etwa drei Prozent der Menschen dürfen in luxuriösem Überfluss auf einem Inselparadies im Atlantischen Ozean wohnen, kurz „die Insel" genannt. Die restlichen 97 Prozent müssen ihr Dasein jedoch in absoluter Armut im verwüsteten „Inland" fristen.

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Doch jeder hat die Chance auf ein besseres Leben: Jedes Jahr entsenden die 97 Prozent ihre 20-Jährigen, um den sogenannten Prozess zu durchlaufen—ein Verfahren, mit dem die Elite ihre Bevölkerung frisch hält. Die jungen Frauen und Männer müssen sich psychologischen, emotionalen und physischen Prüfungen unterziehen, um einen Platz auf der Insel zu erlangen. Dieses höchste Ziel erreichen jährlich jedoch nur drei Prozent und der Konkurrenzkampf ist gnadenlos.

Auf den ersten Blick wirkt 3% vielleicht wie ein weiterer schlechter Abklatsch von den Hunger Games—eine Dystopie für junge Erwachsene, in der Jugendliche erfahren, dass sie „auserwählt" sind und schließlich gegen das tyrannische Kontrollsystem der Erwachsenen rebellieren. Doch 3% ist mehr als das. Die Serie ist eine brutale Stellungnahme zur weltweit wachsenden sozialen Ungleichheit und zur menschlichen Bereitschaft, alles dafür zu tun, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern.

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Der berühmte brasilianische Kameramann César Charlone, der für seine Arbeit in City of God für den Oscar nominiert wurde, hat bei der achtteiligen Serie Regie geführt. Seine einzigartige Vision verhilft 3% zu jener surrealen und bedrückenden Atmosphäre, die es von anderen Dystopien absetzt.

Dass ausgerechnet eine brasilianische Serie diese zugespitzte Form des Gesellschaftskampfes so perfekt umsetzt, ist nicht weiter verwunderlich—schließlich geht die soziale Schere in Brasilien so weit auseinander, wie an kaum einem anderen Ort auf der Welt. In der Megacity São Paulo schwirren die Superreichen in gemieteten Hubschraubern durch die Lüfte oder lassen sich in kugelsicheren Autos durch die Straßen kutschieren, während die Armen in behelfsmäßigen Favelas hausen. In dieser Stadt verdienen Schönheitschirurgen an rekonstruktiven Ohr-Plastiken, da Entführungen auf der Tagesordnung stehen und eine Lösegeldforderung gerne mit dem Ohr des Entführten übermittelt wird.

In der Serie 3% wird „der Prozess" seit über 100 Jahren eingesetzt, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Der Zuschauer wird allerdings im Dunklen darüber gelassen, nach welchen Auswahlkriterien das Verfahren genau funktioniert. Er beginnt mit einem Interview, in dem Drei-Prozenter die Neulinge durch gezielte Fragen an den Rand des emotionalen Zusammenbruchs treiben, um ihre Reaktionen zu testen. Danach folgen komplizierte Kognitionsaufgaben, wie beispielsweise das Zusammenbauen der neun Würfel.

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„Ihr legt selbst eure Messlatte fest", erklärt der Prozessleiter Ezequiel den Jugendlichen bei ihrer Einweisung. „Egal was passiert… ihr habt es verdient." Damit impliziert er, dass nur die, die das Leben auf der Insel auch verdient haben, durchkommen werden—das Prinzip der Leistungsgesellschaft in Höchstform.

Die Verlierer, die es nicht auf die Insel schaffen, werden ihr restliches Leben in Armut verbringen. Der Druck ist so hoch, dass ein eigentlich selbstsicherer Jugendlicher noch im Testzentrum Selbstmord begeht, als er erfährt, dass er den Prozess nicht bestanden hat.

Dieses grausame fiktive Szenario ist näher an unserer Realität, als uns lieb sein kann. Schließlich treibt der Wettbewerbsdruck, in eine gute Uni oder an einen guten Job zu kommen, viele Jugendliche schon heute zu selbstzerstörerischem Verhalten. Genau wie in unserer Welt, blickt die Gesellschaft in 3% auf diejenigen herab, die keinen Erfolg haben. Auch gibt es einen gewissen Menschenschlag, der glaubt, dass die Verlierer des Lebens ihren Platz am Boden der Gesellschaft verdient haben.

Natürlich gibt es in 3% auch eine Widerstandsbewegung gegen die Insel. Ezequiel zufolge handelt die Gruppe „im Namen einer falschen oder heuchlerischen Gleichheit." Die soziale Kluft ist so sehr in der Gesellschaft verankert, dass nicht einmal die Armen sie hinterfragen. Jeder möchte am Ende das bekommen, was er der eigenen Überzeugung nach verdient hat.

John Steinbeck sagte einst, dass der Sozialismus sich niemals in den USA durchsetzen würde, da die Armen sich selbst lediglich als „vorübergehend in die Klemme geratene Kapitalisten" sehen würden. Die Netflix-Serie

3%

funktioniert deswegen so gut, weil sie einerseits zwar bizarr und weit entfernt wirkt, der Zuschauer bei näherem Hinsehen jedoch erkennt, dass wir selbst schon längst Teil des Prozesses sind.