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Was die tatsächliche Sensation an dem Baby mit den drei Eltern ist

Dank einer revolutionären Methode konnten die Ärzte gezielt verhindern, dass sich die Erbkrankheit der Mutter auf das Baby übertrug.
29.9.16
Das Baby mit drei Eltern ist das erste, bei dem die Ärzte eine Erbkrankheit durch eine multiple Elternschaft eliminieren konnten. Foto: Imago

Die Meldung von dem Baby, das von drei Eltern gezeugt wurde, ist tatsächlich eine wissenschaftliche Sensation—aber auf andere Art und Weise als viele der aufgeregten Schlagzeilen es versprechen. Das erste Baby mit drei biologischen Eltern ist nämlich gar nicht das erste seiner Art. Dennoch steckt hinter dem Verfahren ein großer medizinischer Erfolg: Das Baby ist nämlich das erste, bei dem die Ärzte eine Erbkrankheit durch eine multiple Elternschaft eliminieren konnten.

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Die Mutter des gesunden Neugeborenen ist zwar gesund, trägt jedoch in einem Viertel der mitochondrialen DNA ihrer Zellen das Leigh-Syndrom in sich. Bei dem Syndrom handelt es sich um eine schwere Nervenkrankheit, die sich in zentralnervösen Ausfällen der motorischen Zentren, des Kleinhirns und des Hirnstamms bemerkbar macht. Die Krankheit ist erblich und wird über die mitochondriale DNA an das Kind weitergegegeben, dessen neurologische Entwicklung dadurch bereits im Säuglingsalter stark beeinträchtigt wird.

Aufgrund der erblichen Veranlagung musste das jordanische Paar, das nun einen gesunden Sohn gebären konnte, bereits zwei Fehlgeburten erleiden. Um nun endlich ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, entschied sich das Paar daraufhin, seine Familienplanung in die Hände der Wissenschaft zu legen. Sie reisten nach Mexiko, wo das Ärzteteam um John Zhang vom New Hope Fertility Center in New York das revolutionäre Verfahren durchführte, dessen Ergebnisse diese Woche im Fachmagazin Fertility and Sterility veröffentlicht wurden.

Mitochondrien sind in fast allen Körperzellen enthalten und erzeugen nahezu die gesamte Energie, die für die Zellerhaltung nötig ist. Daher tragen sie auch den Beinamen „Kraftwerke der Zellen" und stellen quasi ein eigenes Organ innerhalb der Körperzellen dar. Eine weitere Besonderheit ist, dass sie ihr eigenes Erbgut in sich tragen, die mtDNA (mitochondriale DNA), auf der auch die Gene für das Leigh-Syndrom sitzen. Diese Vererbung wurde in dem aktuellen Fall mittels eines sogenannten Spindle Transfers unterbunden, indem zwar die Zell-DNA, jedoch nicht die Mitochondrien-DNA in das zu befruchtenden Ei übernommen wird.

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Dabei gelang es den Ärzten, die bisher bereits an Primaten getestete Methode mit der erfolgreichen Befruchtung und Austragung eines menschlichen Fötus durchzuführen. Sie entnahmen den gesunden Zellkern aus der Eizelle der Mutter und setzten diesen in die entkernte Eizelle einer Spenderin mit gesunden Mitochondrien ein. Daraus ergab sich ein Ei mit der Zell-DNA der Mutter und der Mitochondrien-DNA der Spenderin, welches erst nach dieser Prozedur mit dem Sperma des Vaters befruchtet wurde. Fünf Eier wurden dieser Methode unterzogen, von denen eines daraufhin der Mutter eingepflanzt wurde. Neun Monate später erblickte ein Junge das Licht der Welt, dessen Mitochondrien die Mutation zu weniger als einem Prozent in sich tragen.

Babys mit drei biologischen Eizellen wurden bereits in den 1990er Jahren gezeugt, indem die Embryologen die mitochondriale DNA einer Spenderin zusammen mit dem Sperma des Mannes in das Ei einer anderen Frau injizierten. Die Versuche wurden jedoch bald wieder eingestellt, da die Kinder genetische Störungen entwickelten. Der Grund dafür lag in den zwei unterschiedlichen Mitochondrienquellen, da diese vorher nicht aus dem Ei entfernt worden waren.

In Großbritannien wurde erst im letzten Jahr eine ähnliche Methode rechtlich wieder erlaubt, die nach der jüngsten Erfolgsmeldung dort nun zu weiteren künstlichen Befruchtungen mit drei biologischen Elternteilen führen könnte. In Deutschland dagegen ist solch ein Verfahren nach dem Embryonenschutzgesetz nicht legal, ebenso verhält sich die gesetzliche Regelung in den USA, was der Grund dafür ist, dass die US-amerikanischen Ärzte die Operation in Mexiko durchführten. Eine umstrittene Entscheidung, welche diverse ethische Fragen aufwirft.

„Das Risiko liegt darin, dass andere diesem Beispiel folgen, das haben wir auch schon im 'Stammzellentourismus' gesehen", so Dusko Ilic, Stammzellenforscher am King's College London in einem Statement. „Das könnte gefährlich werden, wenn verständlicherweise ungeduldige Personen die Behandlung an Orten vornehmen lassen, wo die Reglementierungen am wenigsten streng sind."

John Zhang ist sich jedoch sicher, das Richtige getan zu haben. „[In Mexiko] gibt es keine Regulierungen. Um Leben zu retten ist das die ethisch richtige Sache", wird er im New Scientist zitiert. Seine Überzeugung rührt daher, dass für die Prozedur keine Embryonen zerstört wurden, wie es bei der in Großbritannien zugelassene Methode gehandhabt wird. Das war auch der Grund, warum das muslimische Paar sich gegen diese Art der Behandlung entschied und den Weg nach Südamerika auf sich genommen hatte.

Im Oktober will das Ärzteteam seine Ergebnisse ausführlich auf dem

American Society for Reproductive Medicine's Scientific Congress

in Salt Lake City präsentieren.