Fünf revolutionäre Wissenschafts-Trends, die uns 2017 blühen

Neuroprothesen, Geoengineering, selbstfahrende Autos und noch viel mehr: Der Transhumanist und Techno-Optimist Zoltan Istvan freut sich auf ein radikales neues Jahr.

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06 Januar 2017, 11:06am

Bild: Sergey Tarasov | Shutterstock

Zumindest in Bezug auf wissenschaftliche und technologische Durchbrüche war 2016 ein richtig gutes Jahr: Das mächtige Gen-Editing-Tool CRISPR wurde weltberühmt. SpaceX-Raketen landeten erstmals selbstständig. Und in Mexiko kam ein Baby mit dem Erbgut von drei Elternteilen zur Welt.

Schön und gut—doch was wartet 2017 auf uns?

Obwohl einige Stimmen den Zerfall der Industrienationen beschreien, werden politische Umbrüche Tech-Innovationen auch in diesem Jahr kaum bremsen können. Tatsächlich ist der Fortschritt so rasant, dass ich glaube, dass Regierungen dieses Jahr neue Behörden für Wissenschaft und Technik schaffen werden, um dem schnellen Wandel gerecht zu werden. Das müssen sie auch. Denn die alten Instanzen sind durch überholte Bürokratie und konservative Ideologien so gelähmt, dass sie neuen Bereichen wie Nanotechnologie, Künstlicher Intelligenz und Virtual Reality gar nicht gewachsen sind.

Hier ist also meine Prognose für die fünf revolutionärsten Wissenschafts-Trends 2017:

1) Neuronale Prothesen—also die Idee, dass wir von der direkten Verknüpfung unserer Gedanken mit der Rechenpower von Maschinen signifikant profitieren können—werden zum Heiligen Gral des menschlichen Fortschritts.

Künstliche Intelligenz und Robotik entwickeln sich so rasant, dass sie meiner Einschätzung nach innerhalb der nächsten zehn Jahre allein in den USA 25 Millionen menschliche Arbeitsplätze übernehmen werden. Nur zum Vergleich: Das sind dreimal so viele Jobs wie der letzten großen Wirtschaftskrise zum Opfer gefallen sind.

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Das bedeutet: KI und Roboter werden sich somit ähnlich verheerend wie große Naturkatastrophen oder Kriege auf den menschlichen Arbeitsmarkt auswirken. Der größte Hedgefond der Welt entwickelt schon jetzt Technologien, um seine Angestellten innerhalb der nächsten fünf Jahre durch intelligente Maschinen zu ersetzen. Wenn die Menschheit es nicht schafft, sich selbst ein Upgrade zu verpassen, ist es unwahrscheinlich, dass in zehn Jahren noch Menschen an der Börse arbeiten werden.

Und genau hier kommen Neuroprothesen ins Spiel. Durch diese intelligenten Implantate werden wir uns Künstliche Intelligenz für unsere eigene Denkleistung zunutze machen und können so dank Hirn-Lesegeräten und ganz neuen Kommunikationsgeräten mit den Maschinen mithalten. Denn was könnte besser sein als der hochentwickelte menschliche Verstand? Ein hochentwickelter menschlicher Verstand—gekoppelt mit hochentwickelter KI natürlich.

Ich persönlich bin von dieser Idee begeistert. Darum habe ich mich auch freiwillig als Testperson für Gehirnwellen-Implantate gemeldet. Meine Abschlussarbeit im College drehte sich um externe Gehirne und ich bin fasziniert von dem Gedanken, Teil der Matrix zu werden.

Zwar wird sich unser Wesen durch die Nutzung von Neuroprothesen sicher verändern—doch ich bezweifle, dass Menschen ohne diesen Wandel in Zukunft wettbewerbsfähig gegen Roboter bleiben können. Ohne menschliche Arbeitskräfte gibt es auch keine Garantie dafür, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form weiterbestehen wird. Denn schließlich baut der Kapitalismus auf menschlicher Arbeitskraft auf—wenn Maschinen künftig alles erledigen, wird daraus wahrscheinlich ein ganz anderes Wirtschaftssystem hervorgehen.

Somit ist Transhumanismus eigentlich der einzige Weg, um die Wettbewerbsfähigkeit menschlicher Arbeitskräfte sicherzustellen. Wenn wir das wollen, müssen wir radikale Technologien als wesentliche Erweiterungen unseres Körpers akzeptieren. Ansonsten werden allein die Superreichen Zugriff auf Roboter- und KI-Unternehmen haben und die restliche Menschheit wird in dystopischer Arbeitslosigkeit versinken.

Das Unternehmen des Tech-Visionärs Bryan Johnson, Kernel, das 2016 mit einem Startkapital von stolzen 100 Millionen US-Dollar auf den Markt kam, ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Ich rechne damit, dass 2017 noch viele Startups in seine Fußstapfen treten werden.


2) Lebensverlängerung wird zur Mainstream-Forschung werden und weitere Unternehmen werden sich der Suche nach dem „Jungbrunnen" anschließen.

2016 war ein extrem erfolgreiches Jahr für die Anti-Aging-Branche. Selbst Mark Zuckerberg verkündete öffentlich die Investition mehrerer Milliarden US-Dollar in das ambitionierte Ziel, alle menschlichen Krankheiten bis zum Ende des Jahrhunderts heilen, verhindern oder behandeln zu können. Die Bewegung erhielt außerdem durch den Erfolg der Gen-Editing-Technologie CRISPR neuen Aufwind, denn plötzlich erscheint es nicht nur theoretisch möglich, unseren eigenen genetischen Code—inklusive aller erblichen Defizite und dem Alterungsprozess—umzuschreiben, sondern unmittelbar greifbar. Schließlich haben es Veranstaltungen wie das tausend Mann starke Anti-Aging RAAD Festival, das Longevity Cookbook mit lebensverlängernden Rezepten, und mein eigener Immortality Bus es in die Schlagzeilen geschafft und brachten die Öffentlichkeit dazu, über die Bedeutung und die gesellschaftlichen Auswirkungen von ewigem Leben nachzudenken.

Dennoch steht ein Großteil der Bevölkerung den Anti-Aging-Technologien kritisch gegenüber. Ironischerweise vermute ich, dass ausgerechnet konservative Regierungen dazu beitragen werden, dass wir uns mehr und mehr mit der Lebensverlängerung auseinandersetzen: Denn der Konflikt zwischen religiösen Werten und einer Wissenschaft, die am ewigen Leben forscht, wird unweigerlich zu öffentlichen politischen Auseinandersetzungen führen.

Bereits während meines Wahlkampfes als US-Präsidentschaftskandidat habe ich festgestellt: Je mehr Leute Transhumanismus als gefährlich abstempeln, desto beliebter wird er werden. Das liegt einfach in der Natur des Menschen.

3) Selbstfahrende Autos tauchen überall auf und fordern die Politik heraus.

Im Dezember testete der Fahrdienst Uber in San Francisco seine neuen autonomen Fahrzeuge. Nachdem jedoch mehrere dieser Autos rote Ampeln überfahren hatten, wurde dem Testlauf von der kalifornischen Straßenverkehrsbehörde ein jähes Ende gesetzt und in Bundesstaaten mit weniger strengen Vorschriften, wie Arizona, komplett verboten.

Genau wie viele andere Techno-Optimisten finde ich das sehr schade. Die Fahrt in einem fahrerlosen Auto macht einem wie kein zweites Erlebnis klar, dass das transhumanistische Zeitalter tatsächlich begonnen hat. Selbstfahrende Autos werden einen philosophischen Wendepunkt für selbst für die Menschen darstellen, die zuvor noch nicht überzeugt waren, dass die Automatisierung zukünftig allgegenwärtig sein wird.

Doch genauso wie Kalifornien werden sich weitere Landesregierungen—getrieben von technikfeindlichen Lobbyisten und allgemeinem Misstrauen—der autonomen Entwicklung entgegenstellen. Vielleicht geht die Debatte darüber sogar so weit, dass die höchsten Gerichte über den Einsatz autonomer Autos entschieden müssen. Fest steht jedoch, dass der Automobilsektor in zehn Jahren völlig anders aussehen wird als heute. Und 2017 wird das Jahr sein, in dem die Politik sich erstmals ernsthaft mit der fahrerlosen Zukunft auseinandersetzen wird.

4) Schlankere Zulassungsbehörden bedeuten: Bessere Medikamente für ein besseres Leben.

Egal, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet, die US-amerikanische Zulassungsbehörde für Lebens- und Arzneimittel, FDA, hat sich zu einem bürokratischen Monstrum entwickelt, das den globalen Fortschritt hemmt. Anfang vergangenen Jahres habe ich dieses Problem auf Motherboard wie folgt beschrieben:

„Es dauert durchschnittlich mindestens zehn Jahre, bis ein neues Medikament in den Handel kommt. Außerdem belaufen sich die Entwicklungskosten für ein neues Arzneimittel laut Forbes im Durchschnitt auf fünf Milliarden US-Dollar. Neue medizinische Geräte—vor allem lebensrettende Geräte—sind frühestens nach sieben Jahren auf dem Markt verfügbar. Für Patienten, deren Leben von diesen neuen Medikamenten oder Geräten abhängt, ist das eine Ewigkeit. Diese langen Wartezeiten sind fast ausschließlich auf die FDA und ihr bürokratisches Labyrinth zurückzuführen, das die Sicherheit von Medikamenten in den USA garantieren soll.

Versteht mich nicht falsch, genau wie die FDA möchte auch ich, dass Medikamente sicher sind. Doch manchmal gibt es wichtigere Dinge als sichere Medikamente, vor allem, wenn man an einer schweren oder tödlichen Krankheit leidet. So finden es beispielsweise viele Menschen wichtiger, vor dem Tod überhaupt Zugang zu Medikamenten zu haben als eine Garantie über ihre Unbedenklichkeit. Außerdem lassen sich viele Forscher und Unternehmen von dem langen, beschwerlichen und kostenintensiven Zulassungsprozess abschrecken und entwickeln erst gar keine neuen Medikamente."

Als möglicher Kandidat für den FDA-Führungsposten ist Jim O'Neill im Gespräch, seines Zeichens Geschäftsführer des Wachstumsfonds für Technologieunternehmen Mithril Capital. O'Neill, der auch schon unter George W. Bush tätig war, wäre mit seiner liberalen und frei-marktwirtschaftlichen Einstellung genau der Richtige dafür, die FDA zu verschlanken und eine bessere medizinische Versorgung für alle sicherzustellen.

5) Weil ein Großteil der Trump-Regierung nicht an den Klimawandel glaubt, werden Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit von der CO2-Reduzierung hin zu radikaleren Geo-Engineering-Technologien bewegen, um den Planeten zu retten.

Als Journalist, der für über ein Dutzend umweltpolitischer Artikel die ganze Welt bereist hat, habe ich die Zerstörung unseres Planeten mit eigenen Augen gesehen. Ich wurde Zeuge von der Zerstörung des Regenwalds in Paraguay und riesigen Ölteppichen im Ozean. Als Kommunikationsdirektor der wohltätigen Organisation WildAid habe ich in Südostasien nach bedrohten Tierarten gesucht—von denen einige bereits ausgestorben sind.

Was die Menschheit der Erde angetan hat, ist sehr traurig. Doch wir werden sie wieder aufbauen. Und ich glaube sogar, dass wir die Erde fruchtbarer und schöner als je zuvor machen werden—mit Hilfe radikaler Technologie, die heute schon in Laboren auf der ganzen Welt entwickelt wird.

Ich glaube, dass wir bereits in zehn Jahren die Fähigkeit haben werden, Regenwälder mit fünf- bis zehnfacher Geschwindigkeit nachwachsen zu lassen—und so das beschädigte Amazonasbecken regenerieren können. Schon heute stehen uns einige Jurassic Park-reife Technologien zur Verfügung, um vom Aussterben bedrohte Tiere wie das Siamesische Krokodil in Kambodscha zu retten, von dem es in freier Wildbahn nur noch 400 Exemplare gibt. Auch das Wetter können wir bereits beeinflussen. In China wird bereits mit den perfekten atmosphärischen Bedingungen für Regen experimentiert und irgendwann werden wir selbst für unser Wetter verantwortlich sein.

Vielleicht wird die Nanotechnologie zur führenden Umwelttechnologie werden—mit der wir den Planeten wortwörtlich nach unseren Vorlieben neu gestalten können. Damit können wir Objekte und Strukturen auf dem Molekularlevel beeinflussen. Mit dieser Technik hofft man auch der Umweltverschmutzung und Müllbergen auf den Leib rücken zu können—Forscher experimentieren bereits mit Plastik fressenden Pilzen.

Die Zukunft einer intakten Natur liegt für mich im technischen Fortschritt und nicht im menschlichen Verzicht. Transhumanismus ist der Schlüssel, um die Erde wieder zu ihrer ursprünglichen Schönheit zurück zu führen. Trotz dieser techno-optimistischen Sichtweise bin ich mir bewusst, dass Geoengineering auch Risiken birgt, schließlich betreten wir damit Neuland. Wir müssen darauf achten, nicht versehentlich irreversible Langzeitfolgen zu verursachen.

Trotz aller Schwierigkeiten bin ich sicher, dass 2017 das Jahr sein wird, in dem Wissenschaftler, Technologen, Ingenieure und die Öffentlichkeit Geoengineering als maßgebliche Strategie für den Umweltschutz erkennen werden. Denn im Angesicht einer US-amerikanischen Regierung, die größtenteils null Interesse am Klimawandel zeigt, rechne ich radikalen wissenschaftlichen und technischen Innovationen die größten Erfolgschancen aus.