Essen

Die Wissenschaft hilft: Was dich vor Fressattacken schützen könnte

Externe Signale—Pulver im Augenwinkel, das aussieht wie Kokain, die Melodie des Eiswagens—können einen Rückfall oder einen Fressanfall auslösen.
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Jeder hat seine Schwächenbeim Essen. Einige können dem Knistern einer Chipstüte nicht widerstehen, andere werden schwach, wenn der verführerische Geruch eines Stücks Brie herüberweht und wieder andere müssen sofort ihren Pizza-Dealer anrufen, sobald sie auch nur einen Flyer sehen. Bei einigem Sachen kann man einfach nicht Nein sagen.

Wenn du verzweifelt auf deinen dank zahlloser Lieferservices immer kleiner werdenden Kontostand blickst oder Freunde dich hassen, weil du immer ihren Teil vom Käseteller aufisst, gibt es jetzt vielleicht Hilfe für dich. Forscher der John Hopkins University im US-amerikanischen Baltimore haben an Ratten herausgefunden, dass durch die Unterdrückung bestimmter Neuronen die Tiere weniger auf zuckerhaltige Belohnungen aus sind, die sie vorher regelrecht verdrückt haben. Das könnte auch für uns Menschen von Bedeutung sein.

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Veröffentlicht wurden die Ergebnisse letzte Woche in der Fachzeitschrift Neuron. Die Forscher haben Neuronen untersucht, die sich in einer „bisher wenig erforschten Hirnregion befinden" und herausgefunden, dass diese „stark damit in Verbindung stehen, aufgrund von externen Triggern zu Völlerei zu neigen. Dieses Problem haben Menschen, die nach Essen, Alkohol oder Drogen süchtig sind."

Jocelyn Richard, die leitende Autorin der Studie und Postdoktorandin in Psychologie und Neurowissenschaften, meinte in einer Presseerklärung, dass „externe Signale—man sieht im Augenwinkel ein Pulver, das aussieht wie Kokain, oder hört die Melodie des Eiswagens—einen Rückfall oder einen Fressanfall auslösen können. Wir haben jetzt herausgefunden, wo im Gehirn äußere Reize und das Verlangen nach Essen oder Drogen zusammenkommen."

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Gemeinsam mit ihrem Team hat sie Ratten so konditioniert, dass sie denken, dass sie jedes Mal, wenn sie eine Sirene oder einen Piepton hören und einen Schalter betätigen, Zuckerwasser bekommen. Währenddessen haben die Wissenschaftler die Neuronen im ventralen Pallidum der Tiere untersucht, das sich im hinteren Hirnbereich befindet.

Dabei stellten sie fest, dass die Ratten beim Signal starke neuronale Aktivität zeigten und die kleinen Nager noch eifriger zum Zuckerwasser schnellten, je stärker die Neuronen aktiv waren. Sie meint weiter: „Es war überraschend zu sehen, dass es bei Ertönen des Signals so eine starke neuronale Aktivität gab."

Ungefähr so, wie wenn der Eiswagen vorfährt.

Als die Wissenschaftler jedoch mithilfe von optogenetischen Verfahren kurzzeitig die Neuronen der Ratten abgeschaltet haben, „haben die Ratten den Zuckerschalter weniger häufig betätigt"und wenn doch, „dann viel langsamer".

Das könnte der Schlüssel sein, um Suchtverhalten beim Menschen zu unterdrücken.

Bereits vorherige Studien haben untersucht, warum Essen so ein hohes Suchtpotenzial hat (kurz: Fett ist gut, Zucker ist gut, Salz ist richtig gut). Wissenschaftler der kanadischen Concordia University haben kürzlich den Zusammenhang zwischen visuellen Reizen und Alkoholkonsum bei Ratten untersucht, ähnlich wie beim Pawlowschen Reflex, und wollten herausfinden, welche Signale Alkoholismus beim Menschen verursachen könnten.

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Auch wenn die jüngsten Ergebnisse sich vorerst nur auf Ratten beziehen, meint Jocelyn Richards gegenüber uns, dass sie hoffentlich auch Menschen helfen können: „Wir wissen jetzt, wo genau im Gehirn externe Trigger das Verlangen nach Essen oder Drogen erwecken bzw. verstärken können. Das ist ein wichtiger Schritt, um neue Behandlungsstrategien zu entwickeln. Wir könnten dadurch auch besser verstehen, warum einige Menschen anfälliger sind für visuelle und akustische Signale, die mit Junk Food und Drogen zu tun haben."

Sie meint aber auch, dass noch viel Forschungsarbeit vor ihnen liegt, damit eine solche Behandlungsform keinen Einfluss auf den normalen Appetit hat: „Wir wollen die betreffenden Schaltkreise besser verstehen, um so übertriebenes Verlangen nach bestimmten Dingen anzugehen, aber gleichzeitig immer noch eine normale Nahrungsaufnahme zu ermöglichen."

Bis dahin müssen wir einfach ganz, ganz stark sein und versuchen, uns zusammenzureißen, wenn der nächste Pizza-Flyer ins Haus flattert.