Gesundheit

Warum ich mir die Brüste verkleinern lassen habe

Die körperlichen Beschwerden, die große Brüste auslösen, sind schon schlimm. Wie Andere deswegen mit dir umgehen, ist noch belastender.

von Elvire Darcole
28 Dezember 2016, 3:30am

Wenn es früher Sommer wurde, dann bedeutete das für mich nicht einfach Sonnenschein. Es bedeutete, dass mindestens ein Typ "Scheiße, schaut euch die Titten an!" rief, wenn ich die Straße überquerte. Das ignorierte ich dann natürlich, und daraufhin nannte mich der Typ unweigerlich Schlampe. Diese Szene wiederholte sich, wann immer die Sonne schien und ich dementsprechend den Rollkragenpulli im Schrank ließ. Doch nach zehn Jahren, in denen ich erfolglos versucht hatte, mit meinem D-Cup klarzukommen, gab ich auf: Ich legte mich unters Messer, um einen Teil meiner Brüste loszuwerden.

Die Brustverkleinerung wird seltener durchgeführt als die Brustvergrößerung. Laut der International Society of Aesthetic Plastic Surgery ließen sich allein 2015 in der ganzen Welt 1,3 Millionen Frauen Silikonimplantante in die Brüste operieren. Damit ist das die am häufigsten durchgeführte Schönheitsoperation der Welt. Die Anzahl der weltweit durchgeführten Brustverkleinerungen lag 2015 dagegen bei 423.000.

Bis zum Alter von 16 war ich flach wie ein Pfannkuchen. Ich kam spät in die Pubertät und hatte bis dato noch nie einen BH getragen. Jungs mobbten mich wegen meiner nicht vorhandenen Brüste, doch es war mir egal. Mir gefiel mein Oberkörper so. Wie bei einem Model, fand ich. Dann fingen sie eines Tages plötzlich an, mit Rekordgeschwindigkeit zu wachsen, was wirklich wehtat. Innerhalb von sechs Monaten war ich um drei Cup-Größen gewachsen. Es hätte mich eigentlich nicht so sehr überraschen dürfen, denn alle Frauen in meiner Familie haben große Brüste. Wie die Haar- und Augenfarbe ist auch die Brustgröße erblich. In meiner Familie ist das allerdings nicht so ein Grund für unbändigen Stolz wie zum Beispiel für die Kardashians.

Kardashian-Brüste zu haben, ist tatsächlich gar nicht so cool, wie du es dir vielleicht vorstellst, wenn man keine Kardashian ist und auch ansonsten kein Promi, der mit seinem Aussehen Geld verdient. Sogar Kim Kardashian selbst gibt zu, als Teenager riesige Komplexe wegen ihrer Brüste gehabt zu haben. "Ich weinte in der Badewanne. Ich nahm einen Waschlappen, machte ihn ganz heiß, legte ihn über meine Brust und betete: 'Bitte, lass sie nicht noch größer werden! Sie sind mir peinlich!'", sagte sie Shape 2010.

Große Brüste sind schwer. Eine große Cup-Größe kann etwa 1,5 Kilogramm wiegen. Das ist, als hättest du den ganzen Tag zwei große Melonen vor die Brust geschnallt. Deswegen übernehmen auch in vielen Ländern oft die Krankenkassen die Kosten für eine Verkleinerung. In Frankreich ist zum Beispiel Voraussetzung, dass die Brüste jeweils mehr als 300 Gramm wiegen. In Deutschland müssen Frauen ärztlich bestätigen lassen, dass sie aufgrund ihrer Brüste körperliche Beschwerden haben.

Die körperlichen Schmerzen sind tatsächlich nicht ohne, doch die Reaktionen anderer Menschen auf große Brüste können noch belastender sein. Viele Männer und auch Frauen finden es völlig normal, Frauen mit großen Brüsten offen anzustarren, Kommentare abzugeben oder Schlimmeres. Und es sind nicht nur dreiste Fremde, sondern auch Leute, die einem nahestehen. Bei einer Party schlich sich ein Freund von hinten an mich ran. "Zum Spaß" beschloss er, mich zu überraschen, indem er an meine Brüste grabschte. Als seien sie öffentliches Eigentum. Mich hat die Aktion eine Rum-Cola gekostet und ihn ein neues Hemd.

"Meine schlimmsten Erfahrungen hatte ich damals in der Schule", erzählt mir Manon, 26. Sie hat sich letzten Oktober ihre Brüste von der BH-Größe 90E auf B reduzieren lassen. "Teenager-Jungs sind einfach unerträglich." Das weiß ich selbst nur zu gut. Jungs machten sich einen Spaß daraus, in der Mittagspause meinen BH zu öffnen, ihn mir wegzunehmen und herumzuwerfen wie einen Spielball. In den schlimmsten Fällen betatschten sie mich, als sei ich irgendein Anschauungsstück aus dem Unterricht. Es war ein furchtbares Gefühl, doch niemand schien dieses Verhalten besonders verwerflich zu finden. Damals war uns nicht klar, dass das hier nichts Triviales war, sondern dass es sich um sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe handelte.

"Oft hörte ich, wie jemand hinter meinem Rücken sagte, ich hätte einen 'tollen Vorbau', und dann zählten sie alle Dinge auf, die sie mit mir machen wollten".

Stephanie hatte vor sechs Monaten eine Brustverkleinerung. Sie erzählt mir, dass es diese Art der Belästigung war, die dazu führte, dass sie ihren eigenen Körper abstoßend fand. "Ich mag es auch heute nicht, wenn Männer mich anschauen", sagt sie. "Ich will Männer nicht mit meinem Aussehen erfreuen, weil sie mich kein bisschen erfreuen." Manon überlegte es sich fünf Jahre lang, bevor sie sich für die Operation entschied. "Es ist ermüdend und irgendwann zermürbt es dich. Alles wird unerträglich."

"Oft hörte ich, wie jemand hinter meinem Rücken sagte, ich hätte einen 'tollen Vorbau', und dann zählten sie alle Dinge auf, die sie mit mir machen wollten", sagt Manon. Stephanie fügt hinzu: "Das sind Männer, die nicht davor zurückschrecken, mitten auf der Straße einen 'Tittenfick' zu mimen."

Mir ist außerdem auch aufgefallen, dass manche Männer im Bett nur noch die Brüste sehen. Diese Typen ignorieren den Rest deines Körpers vollständig. Ob Mund, ob Rücken oder auch Klitoris, das alles existiert für sie gar nicht. Ich bin nicht gerade prüde, aber wenn ein erwachsener Mann eine Stunde lang an meiner Brust saugt, dann denke ich im besten Fall ans Stillen und im schlimmsten komme ich mir vor wie eine Milchkuh. Keins von beidem ist angenehm, geschweige denn erregend. Dann gibt es die Männer, die mit derart imposanten Brüsten überfordert sind und sie vollständig ignorieren. Auch das kann frustrierend sein, immerhin kann man meine auch nur übersehen, wenn man sich gezielt darum bemüht.

Denn unsere Brüste sind ein Teil von uns und wir können sie nicht mal eben abnehmen, auch nicht im Beruf. Manon erinnert sich an einen Tag, als sie in der Arbeit ankam und ihre Bluse aufging, als sie ihren Mantel auszog. Dabei hatten alle freie Sicht auf ihren E-Cup, darunter auch "dieser unerträgliche Kerl, der mich schon seit Monaten anzüglich anstarrte". Frauen haben ohnehin schon das Problem, dass sie oft im Beruf nicht ernstgenommen werden. In Deutschland und anderen Ländern zeigen Studien, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz für Frauen an der Tagesordnung ist—etwa die Hälfte gibt an, das schon erlebt zu haben.

"Irgendwann fing ich einfach an, mich möglichst unauffällig zu kleiden", sagt Leonie, 35, die für ein Großunternehmen arbeitet. Sie tauschte Blusen, "die mich wie eine Tussi aussehen ließen", gegen Schlabberpullis und weite T-Shirts, bis sie ihre Brustverkleinerung hatte. "Eines Tages sagte mir ein Kollege, er sei sicher, dass er härter arbeiten muss als ich, weil er keine große Brüste hat", erinnert sie sich.

Freunde können leider oft genauso wenig Taktgefühl beweisen wie Kollegen. In Manons Freundeskreis gab es viele, die ihr sagten, es sei dumm von ihr, sich die Brüste verkleinern zu lassen. "Sie meinten, es sei super, große Brüste zu haben—sowohl um Männern zu gefallen als auch zum Stillen", sagt sie. Aber hier stecken ganz schön viele Annahmen drin: dass sie Männern gefallen will, dass alle Männer große Brüste lieben, dass sie Stillen oder überhaupt Kinder bekommen will. Und selbst wenn sie das möchte, ist das kein Argument. Wenn eine Brustvergrößerung ohne Komplikationen verläuft, hat sie keinerlei Einfluss auf die Fähigkeit einer Frau, ein Baby zu stillen.

Meine Gesprächspartnerinnen bereuen ihre Entscheidung keine Sekunde. "Es hat mein Leben verändert", sagt Johanna. "Ich kann wieder einen Bikini tragen oder mich vor meinem Partner ausziehen, ohne mich unwohl zu fühlen." Stephanie ist die einzige, die ein wenig enttäuscht ist. Sie wollte einen B-Cup, doch aus irgendeinem Grund wurde es bei ihr ein D. "Ich habe immer noch Komplexe deswegen. Ich glaube, mein Chirurg hat das aktuelle Schönheitsideal meinem Wohlergehen und meinen Wünschen vorgezogen. Jetzt muss ich zwei Jahre warten, bis ich den Eingriff wiederholen kann."

Vor meiner eigenen Operation hatte ich viele Zweifel. Die Vorstellung, dass jemand einen Teil eines meiner empfindlichsten Körperteile abschneiden würde, machte mir Angst. Außerdem habe ich ohnehin schon große Angst vor Krankenhäusern. Ich musste drei Stunden in Vollnarkose auf dem OP-Tisch liegen, und es bestand die Gefahr, dass das Brustwarzengewebe dauerhaft beschädigt wird. Dazu lagen mir ständig Leute damit in den Ohren, dass ich verrückt sein müsse, von solchen Titten könnten Andere doch nur träumen, und so weiter und so fort. Ich ignorierte sie. Letzten Januar, drei Tage nach meinem 26. Geburtstag, hatte ich meine Operation. Ich bin mir sicher, es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Meine Brüste sind keine Belastung mehr.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.