Was es mit mir machte, als ich nur noch Zehenschuhe getragen habe

Es würde mich nicht wundern, wenn Touristen gleich Fotos mit mir machen, um nach ihrer Rückkehr stolz Bilder mit "Mister Crazy Foot" herzeigen zu können.

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15 März 2017, 5:00am

Ich habe ein äußerst ausgeprägtes Schamgefühl. Verlasse ich das Haus etwa mit einem riesigen Pickel auf der Stirn, bin ich mir ziemlich sicher, dass sämtliche Passanten sich ulkige Spitznamen wie "Señor Mucho Grande" für die Monstrosität in meinem Gesicht überlegen und diese in eine Facebook-Gruppe namens "Michi Buchinger Pickel-Updates" posten.

Natürlich weiß ich insgeheim, dass meine Sorge unbegründet ist. Die meisten Leute kümmern sich doch ohnehin nur um sich selbst und in der Regel ziehe ich so viel Aufmerksamkeit auf mich wie ein Mauerblümchen bei einer Orgie. Dennoch ist es mir immer ein bisschen zu wichtig, was andere Leute von mir denken: eine Charakterschwäche, die ich schleunigst ablegen sollte.

Wie ließe sich das wohl besser tun als mit Zehenschuhen?

Zehenschuhe sind genau so fürchterlich, wie sie klingen: Diese Schmuckstücke haben ein Fach für jeden Zeh und lassen den Träger somit aussehen, als habe er in der Eile unabsichtlich Handschuhe über seine Füße gestülpt. Sie schreien förmlich "Seht mich alle an und urteilt über mich, denn ich bin eine besondere Schneeflocke und trage verrücktes Schuhwerk!".

Der eigentliche Sinn von Zehenschuhen ist wohl ihr Komfort: Nicht umsonst werden sie von dem Amazon-Rezensenten "M. Schultz" als "Himmel auf Erden :-)" und "völlig stressfrei" bezeichnet (was mir wie gerufen kommt, da mir herkömmliche Schuhe einfach immer viel zu viel Stress bereiten – ihr kennt das!).

Weil ich aber der Meinung bin, dass man auch verdammt selbstbewusst und frei von jeglichem Schamgefühl sein muss, um sie zu tragen, beschließe ich, sie für einige Tage ihrem Zweck zu entfremden: Ob ich wohl selbstbewusster werde, wenn ich ausschließlich in Zehenschuhen das Haus verlasse? Wird es überhaupt jemandem auffallen? Ich muss es herausfinden!

Tag 1

Alle Fotos: Dominik Pichler

Meine Füße in die Zehenschuhe zu pferchen, ist ähnlich anstrengend, als wolle man eine totenstarre Leiche in einem winzigen Kofferraum unterbringen. Beim Versuch, meinen rechten Fuß in den Schuh zu manövrieren, fühle ich mich wie eine dieser verzweifelten Stiefschwestern von Aschenputtel.

Zudem hatte ich nicht bedacht, dass ich – da es ja für jeden Zeh ein Fach gibt – keine Socken zu den Schuhen tragen kann, bzw. Zehensocken kaufen müsste, und soviel Geld möchte ich nun wirklich nicht in die Zehen-Industrie investieren. Somit sehe ich bei meinem ersten Zehenschuh-Spaziergang im Freien absolut beknackt aus.

Ob meiner Unsicherheit werde ich das Gefühl nicht los, dass alle Passanten missbilligend mein Schuhwerk mustern, als wäre es ein Schandfleck für Wien. Es würde mich nicht wundern, wenn Touristen gleich anfangen, Fotos mit mir zu machen, um nach ihrer Rückkehr nach Hause stolz Bilder mit "Mister Crazy Foot" zeigen zu können.

"Hey, meine Augen sind hier oben!", möchte ich gerne lasziv schnurren, aber ich schäme mich ein bisschen zu sehr, um mich nun auch noch an Humor zu wagen. Also lasse ich die Leute einfach lachen und auf meine Füße starren. Das hat sogar einen riesigen Vorteil: Niemand beachtet mehr meinen Pickel.

Tag 2

Zugegeben, der Einstieg in mein Experiment war unangenehmer als erwartet. Gestern musste ich so vielen Passanten erklären, was ich denn da an den Schuhen habe, dass ich eine Gewinnbeteiligung an sämtlichen Zehenschuh-Verkäufen fordere.

Aus diesem Grund beschließe ich, die Schuhe heute zum Joggen auszuführen: Mein Gedanke dabei ist, dass mir – wenn ich nur schnell genug laufe – niemand dumme Fragen zu meinem Schuhwerk stellen kann. Im Notfall kann ich meine Zehenschuhe noch immer als neumodischen Fitness-Trend rechtfertigen und meiner Lüge dieses gewisse Etwas geben, indem ich sage, Cristiano Ronaldo trage sie ebenso.

Das merkwürdige an Zehenschuhen ist, dass man sich damit wirklich so fühlt, als würde man barfuß durch die Gegend streifen. So verwandelt sich ein entspannter Jogging-Ausflug schon bald in eine waghalsige Mutprobe, bei der ich mir vorkomme, als würde ich über glühende Kohlen laufen. Jeder Stein auf meiner Laufstrecke ist deutlich spürbar.

Seid gewarnt: Joggen in brandneuen Zehenschuhen tut ziemlich weh.

Nach 15 Minuten Joggen, während denen ich ohne Zweifel ausgesehen habe wie eine Ente, die panisch ihre Freunde sucht, mache ich mich auf meinen Walk of Shame zurück nach Hause, wo ich den ganzen Tag lang bleibe. Meine Logik dahinter ist, dass ich keine Zehenschuhe tragen muss, wenn ich nicht das Haus verlasse.

Tag 3

Heute muss ich wohl oder übel das Haus verlassen, denn Freunde laden am frühen Abend zu einer Party. Schon Stunden vor dem eigentlichen Fest werde ich panisch: Wie soll ich bloß mein Schuhwerk erklären? Soll ich einen riesigen, roten Hut tragen, damit niemand auf meine Füße starrt?

Der Amazon-Rezensent "M. Schultz" hat eindeutig gelogen: Eigentlich bereiten mir diese Schuhe ungewöhnlich viel Stress und entsprechen ganz und gar nicht meiner persönlichen Vorstellung vom "Himmel auf Erden".

Die Sorge um meine Zehenschuhe verschwindet, als ich sehe, dass alle anderen Gäste ihre Schuhe an der Eingangstür ausgezogen haben. Genial! Das tue ich ebenso, bahne mir dann meinen Weg ins Zentrum der Party und säusle dabei Dinge wie "... wem gehören denn die Zehenschuhe im Vorzimmer?" und "... für jede Zehe ein Fach? Verrückt, wofür die Leute heutzutage Geld ausgeben ...", um den Verdacht von mir abzulenken.

An dieser Stelle muss ich leider gestehen, dass das Ausziehen von Zehenschuhen, die man den ganzen Tag lang getragen hat, einen riesigen Nachteil mit sich bringt: Nicht nur streift man nun barfuß durch die Gegend wie ein Hippie im Biomarkt, sondern zieht auch einen gewissen Geruch mit sich, der dem eines gut sortierten Gewürzregals sehr nahe kommt.

Sicherheitshalber halte ich mich also in der Nähe der Käseplatte auf und schmolle. Meine Freundin Barbara wird sofort aufmerksam: "Michi, warum ziehst du denn so eine lange Miene?", fragt sie und wie ein schlechter Verbrecher gestehe ich ihr sofort alles: die Zehenschuhe, mein Schamgefühl und auch dass der Geruch, der schwer in der Luft liegt, nicht Camembert, sondern "Michis Fuß" ist.

Barbara lacht die Sorte Lachen, die ich als "Deine Probleme hätte ich gerne!" interpretiere und gibt mir dann einen ziemlich guten Ratschlag: "Natürlich werden die Leute blöd auf deine Füße starren und dich auslachen, wenn du dreinschaust wie Kate Winslet am Ende von Titanic!"

Damit hat sie wohl Recht: Bei meinem Spaziergang durch die Stadt sah ich aus wie ein trauriges Emoji auf zwei Beinen.

"Wieso gehst du nicht einfach mal mit deinen Zehenschuhen durch die Straßen und tust so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und als wären alle anderen verrückt, weil sie noch nicht auf diesen Schuh-Trend aufgesprungen sind?"

Ich mag die Logik meiner Freundin: Immerhin habe ich mit der Methode "Etwas völlig Falsches so selbstbewusst über die Bühne bringen, dass es richtig wirkt" den Großteil der mündlichen Prüfungen in meinem Studium bestanden. Ich kann es kaum erwarten, morgen ihren Rat zu befolgen!

Tag 4

Es gibt gute Nachrichten: Einerseits tun mir meine Zehenschuhe mittlerweile nicht mehr so weh wie am ersten Tag. Mit dem Wissen, dass sich mein Schuhwerk nicht mehr langsam, aber sicher mit Blut füllt, ziehe ich nun nicht mehr mit der Eleganz eines betrunkenen Piraten, sondern annähernd selbstbewusst durch die Straßen.

Da es heute ein bisschen wärmer ist, fühlt sich die Barfuß-Haptik zudem sehr gut an und ich kann mich nur schwer davon abhalten, einen fröhlichen Song wie etwa "Daylight" von den No Angels anzustimmen.

Andererseits bewahrheitet sich Barbaras Rat: Wenn ich nicht diesen verzweifelten "Bitte schaut nicht auf meine Schuhe!"-Blick im Gesicht trage, schauen die Leute auch tatsächlich nicht so sehr auf meine Schuhe, sondern können all ihre Aufmerksamkeit der Runde Candy Crush widmen, die sie gerade auf offener Straße spielen (ich hasse Fußgänger).

So mache ich heute ganz normal meine Besorgungen in der Stadt; ich gehe in den Supermarkt, treffe eine Freundin zum Mittagessen und habe einen Termin bei einem Kunden. Freudig darf ich berichten, dass mich niemand von ihnen auf meine Schuhe anspricht – zumindest bis zu dem Augenblick, in dem ich meinen Fuß auf den Tisch knalle und sage "Ich habe die ganze Zeit über Zehenschuhe getragen!", als würde ich einen Streich bei Verstehen Sie Spaß? auflösen.

Ihr merkt, ich habe spätestens am heutigen Tag meine Meinung geändert und kann Amazon-User "M. Schultz" durchaus Recht geben: Mit der richtigen Einstellung und ein bisschen weniger Schamgefühl sind Zehenschuhe zwar nach wie vor nicht schön, aber immerhin ziemlich stressfrei!

Doch die wichtigste Erkenntnis von allen: Ist man sich selbst (und seinem albernen Schuhwerk) gegenüber nicht allzu kritisch, zieht man automatisch auch weniger merkwürdige Blicke und Gelächter an. Ich kann es kaum erwarten, Barbaras Ratschlag zu befolgen, wenn ich das nächste Mal einen richtig fetten Pickel habe.

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