imago/Jan Huebner

Ich war dabei, als weinende Kinder aus dem Eintracht-Block geholt wurden

Unsere Autorin ist Eintracht-Fan und liebt den Assi-Charme im Frankfurt-Block. Doch was in Magdeburg passierte, ging auch ihr zu weit.

|
22 August 2016, 1:25pm

imago/Jan Huebner

Als ich vor der Magdeburger Arena in der Schlange stand, lief mir ein Herr mittleren Alters in voller Eintracht-Montur entgegen. „Zum Spiel geht's doch in die Richtung", erhörte ein Kollege hinter mir meine Gedanken. Der Mann winkte ab: „Das hier heute kannst du knicken. Ich hab ein kleines Kind dabei. Da geht's ja jetzt schon zur Sache". In dem Moment habe ich sie belächelt, hätte aber nicht gedacht, dass er die einzig richtige Entscheidung getroffen hatte.

Dass das Pokalspiel in Magdeburg kein entspannter Sonntagsspaziergang werden würde, war den Fans beider Lager schon vor der Partie klar. Nicht nur sportlich, auch auf Fanseite ist von beiden Vereinen bekannt, dass es Anhänger gibt, die direkte Auseinandersetzungen nicht scheuen. Schon vor dem Spiel drohten Magdeburger Fans den Frankfurtern mit einem Spießrutenlauf durch die Stadt.

Gestern machte auch ich mich auf den Weg nach Magdeburg, um meine Eintracht in einem heißen Pokalfight spielen zu sehen. Die Sommerpause begraben, endlich wieder Stadionluft schnuppern. Es kribbelte in den Fingerspitzen. Auswärtsfahrten der Eintracht sind eigentlich immer geil. Tausende Fans reisen mit und es gibt Mottofahrten, so wie gestern „Alle in schwarz" nach Magdeburg. Ab und zu gibt es Pyro und auch verbale Auseinandersetzungen mit anderen Fanlagern dürfen nicht fehlen. Das gehört zur Eintracht, wie Käse auf einen Cheeseburger. Was die Eintracht-Fans gestern aber abgeschossen haben, ging weit über Pyro-Sperenzien hinaus.

Foto: Imago/ Christian Schroedter

Auf Auswärtsfahrten habe ich gelernt: Wenn es mir zu krass wird, ziehe ich mich einfach aus der Affäre. So wie gestern. Als ich im Gästeblock der Eintracht ankam, hatte das Spiel schon begonnen. Mit einem Lächeln auf den Lippen, so wie es mir meistens passiert, wenn ich den Steher betrete, ging ich in den Block rein. Geil, endlich wieder Fußball, endlich wieder Eintracht, endlich wieder Gleichgesinnte. Der Block unten war zum Brechen voll. Ich versuchte mich nach oben durchzudrücken, keine Chance. In dem Moment gingen auch schon die ersten Hasstiraden in Richtung des Nachbarblocks los. Im Block nebenan standen, das hatte mir ein Bekannter vor dem Spiel erzählt, Magdeburger Alt-Hools. Wie ich später erfuhr, gemeinsam mit befreundeten Fans des BFC Dynamo. „Nazi-Schweine", riefen die Eintracht-Ultras in den ersten Reihen nach rechts. Von hinten drückte die Masse in Richtung des Zauns. Ich bekam ziemliche Platzangst, weshalb ich den Block wieder verließ. Ich ging also rüber in den etwas gemäßigteren Stehblock und suchte mir einen Platz relativ weit oben, sodass ich nicht in Bedrängnis kam. Aus früheren Erfahrungen wusste ich, dass Spiele mit so einer aufgeheizten Stimmung schnell kippen können.

Foto: Privat

Ich stand nun also da oben, verfolgte die erste Halbzeit zu Ende. Sah einen phänomenale Vorstellung der Magdeburger Fans, einen ordentlichen Auswärts-Support der SGE-Fans und ein bisweilen mäßig spektakuläres Fußballspiel. Einzig der Treffer von Hrgota in der siebten Minute ließ mein Eintracht-Herz kurzzeitig schneller schlagen. In der Halbzeit sah ich mich im Block um. Geile Aktion wieder. Die meisten haben sich echt an den Dresscode gehalten, in schwarz nach Magdeburg zu fahren. Fast alle Gesichter waren zudem geschminkt: Sie trugen ein weißes Gesicht mit schwarzem Kreuz über Augen und Nase. Wie viele da mitgezogen haben—mega gut. Deshalb liebe ich die SGE. Kurz vor Wiederanpfiff hielt der gesamte Block schwarz-weiße Schals hoch. Wo gerade noch gute Stimmung auf beiden Seiten war, sollte sich gleich ein etwas anderes Bild abzeichnen.

Die zweite Halbzeit begann mit einem Knall. Die Eintracht-Fans meldeten sich zudem mit einer Rauchbombe zurück ins Spiel. Der Block hüllte sich langsam in ein schwarzes Nebelmeer. Soweit alles in Ordnung. Aber was dann passiert ist, geht nicht in meinen Kopf. Es flog eine Leuchtrakete auf den benachbarten FCM-Block. Und traf Zuschauer irgendwo im oberen Drittel. Ein weiterer Feuerwerkskörper landete vor dem Block und ging in Flammen auf. Die dort stehenden Magdeburger gingen auf die Barrikaden, kletterten über den Zaun. Auch von der anderen Seite des Stadions versuchten FCM-Ultras über den Zaun zu klettern und das Spielfeld zu stürmen. Polizeibeamte stellten sich dazwischen, das Spiel wurde unterbrochen. Ich hörte es, glaube ich, noch zwei Mal laut knallen. In mir kamen Erinnerungen hoch, denn leider bin ich ein gebrandmarktes Kind, habe schon mal am eigenen Leib miterleben müssen, was es heißt, „gejagt" zu werden. In dem Moment setzte bei mir alles aus. In meinem Kopf sponnen sich Horrorszenarien zusammen: „Versagen hier aus unerfindlichen Gründen die Polizeikräfte, stehen hier gleich Magdeburger im Block und gehen auf Unbeteiligte los?"

Foto: Imago/Jan Huebner

Ich hatte Angst. In meiner Angst überlegte ich: „Was kannst du tun, um möglichst schnell, möglichst weit von hier wegzukommen?" Die Angst war sicher auch der Tatsache geschuldet, dass ich ganz alleine unterwegs war. Ich flüchtete mich ganz nach oben, irgendwo in Richtung eines Ordners. Der ganze Block war vor meinem inneren Auge in Aufruhr und wir standen ja eigentlich schon im etwas entspannteren Block. In der hintersten Ecke direkt neben der Glaswand, die zu einem Magdeburger Fanbereich grenzte, sah ich eine Familie mit zwei Kindern. Die Eltern hatten sich schützend vor die beiden Jungs im Grundschulalter gestellt. Die Kleinen weinten. In ihren geschminkten Gesichtern konnte ich die nackte Panik sehen. Sie konnten die Situation nicht einschätzen, spürten nur, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht richtig lief. Aus dem Nichts stolperte plötzlich eine weitere Frau vor mich, die Augen weit aufgerissen. Sie schüttelte nur den Kopf: „Die machen alles kaputt. Denen geht es doch nicht um Fußball".

Was dann geschah, erlebte ich in einer Art Trance: die Glastür zum FCM-Block ging auf. Ein Ordner schrie: „Familien und Frauen jetzt hier rüber". Ich tat wie mir befohlen und schloss mich der Familie und der Frau an. In meinem Rücken hörte ich den Ordner noch brüllen: „Schnell wieder zu, zu, zu". Gemeint war die Glastür, die Eintracht-Fans von Magdeburg-Fans trennte. Da standen wir nun wie ein Ausstellungsstück, abgeschirmt von mehreren Ordnern. Die entgeisterten Blicke der FCM-Fans ließen nicht lange auf sich warten, genau wie blöde Kommentare. „Hör auf zu flennen, Kleiner. Ich mein das ernst, hör auf damit", blaffte ein Magdeburger von der Seite. Ein anderer FCM-Fan wiederum kam und streichelte den beiden Jungs über die Köpfe. Der Vater zog sich und den Kindern in Sekundenschnelle die SGE-Trikots aus. Von unten wurden blaue Trainingsjacken hochgereicht, die sich die Jungs überziehen sollten. Der Versuch, den Kindern die Schminke vom Gesicht zu kratzen, blieb bei einem Versuch. Begleitet von drei, vier Ordnern wurden wir durch den Magdeburg Block nach draussen begleitet. Als wir die Treppe runterliefen, merkte ich wie mir die Knie zitterten. Ich erinnere mich dunkel an eine Durchsage des Stadionsprechers: „Denkt an die Frauen und Kinder, es könnten eure sein".

Die Magdeburger versuchen, zum gegnerischen Block zu stürmen; Foto: Imago

Nachdem wir draußen waren, suchte ich in einem anderen Block Unterschlupf. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, wie suspekt diese Situation da drinnen gerade eigentlich gewesen war. Auf all meinen Auswärtsfahrten ist mir nicht ein einziges Mal so etwas Skurriles passiert. Ich will hier auch keine Moralkeule schwingen. Der Raudi-Charme gehört ja auch irgendwie ein bisschen zu meiner Eintracht dazu. Aber ich frage mich, ob es nicht irgendwo Grenzen gibt? Wie kommt man auf die psychopathische Idee, Leuchtraketen blind ins Publikum zu feuern? Und: verschwenden Leute, die so etwas machen, eigentlich auch nur eine Sekunde lang einen Gedanken daran, wie weitgreifend so eine Aktion ist? Nicht nur aus strafrechtlicher Sicht. Sie machen Menschen damit Angst, am Meisten kleinen Kindern.

Ich kann zwar nicht genau sagen, was mit den Fans auf der anderen Seite passiert ist. Ob jemand ernsthaft verletzt wurde oder ob alles glimpflich ausgegangen ist. Aber eine Sache kann ich ganz sicher sagen: Wissen die Spackos, die so etwas machen, eigentlich wie es ist von einer Leuchtrakete abgeschossen zu werden? Die Stimme des Familienvaters höre ich jedenfalls jetzt noch in meinem Ohr: „Das war dann wohl erstmal das letzte Auswärtsspiel für uns." Trauriger Tag für die Fans der Eintracht, meiner eigentlich so heiligen Gemeinschaft. Dass wir trotz roter Karte das Pokalspiel am Ende sogar noch gewannen, wirkte auf mich irgendwie wie die Pointe eines schlechten Witzes.