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Wie rechte Cottbus-Fans linkspolitische Babelsberg-Anhänger empfingen

Während des Brandenburg-Derbys gegen Babelsberg 03 distanzieren sich die Cottbusser Ultras „Ultima Raka" von Neonazis und Zecken. Andere Energie-Fans lebten ihre Gesinnung jedoch offen aus.

von Benedikt Niessen
21 November 2016, 1:25pm

Foto: Anonym

„Für Zecken sind wir Nazis—Für Nazis sind wir Zecken", stand in schwarzen Buchstaben auf einem weißen Transparent im Fanblock des FC Energie Cottbus. Der Verfasser war die Ultragruppe Ultima Raka, die beim Spiel von Energie gegen den SV Babelsberg 03 ihren 14. Geburtstag mit einer Choreo feierte. UR will sich im Vergleich zu anderen Fangruppierungen als politisch autonom geben, doch das Brandenburg-Derby war gerade durch die politischen Strömungen in den Fanszenen höchst brisant.

Die Rivalität der beiden Vereine basiert nicht nur auf einer regionalen oder traditionellen Derby-Verachtung, sondern ist vor allem durch die Fanszenen beider Klubs politisch aufgeladen. Die Polizei ordnete die höchste Sicherheitsstufe an. Die Fanszene der Babelsberger gilt als linkspolitisch—die Ultragruppe Filmstadt Inferno bekennt sich beispielsweise offen als antifaschistisch und war Mitglied im Alerta-Network. Bei Energie Cottbus kam es in den letzten Jahren immer wieder zu rechtsmotivierten Vorfällen: Der Verein erteilte daraufhin vor drei Jahren der eigenen Ultra-Gruppierung „Inferno Cottbus" ein „Erscheinungs- und Auftrittsverbot" wegen wiederholter „antisemitischer Zeichen"—wie etwa eines „Juden"-Banners mit Dynamo-Emblem im Spiel gegen Dynamo Dresden. Da es jedoch kein Stadionverbot, sondern so gesehen nur ein Material- und Betätigungsverbot ist, stehen die Fans, die kein Stadionverbot haben, weiterhin im Block.

Ultima Raka, die sich selbst als „unpolitisch" bezeichnen, haben im Vergleich zu anderen Gruppen im Cottbusser Block nicht die Stimmungshoheit. Während sie sich von Neonazi-Vorwürfen distanzierten, wurden andere Energie-Fans ihrem Ruf als braune Unruhestifter wieder einmal gerecht. In Cottbus wurden rechtsextremistische und antisemitische Parolen wie „Juden 03", „Zecke verrecke", „Love Energie, Hate Antifa" und „Babelsberg vergasen" an Häuserwände oder Schilder geschmiert.

Andere Cottbusser Fans empfingen die Babelsberg-Anhänger mit „Arbeit macht frei, Babelsberg 03"-Rufen. Unter den Gästen im Stadion der Freundschaft war auch der Dortmunder Politiker Christoph Drewer, stellvertretender Bundesvorsitzender der rechtsradikalen Partei „Die Rechte" und vorbestrafter Neonazi. Im Block, wo sich neben dem rechtsradikalen Politiker auch zahlreiche Köpfe der Cottbusser Hoolszene versammelt haben sollen, zeigten einige Personen noch eine sexistische T-Shirt-Aktion mit der Parole: „Fotzen Nulldrei".

Wie etwa auch beim letzten Aufeinandertreffen beider Teams im Brandenburgischen Landespokal stand Ultima Raka in einem nicht ganz gefüllten Block nicht direkt bei den anderen Cottbusser Gruppen um Inferno Cottbus, Collettivo Bianco Rosso und WK13. Die beiden letztgenannten Gruppen sollen unter anderem eine Freundschaft zu den neonazistischen NS-Boys vom Chemnitzer FC pflegen. Beim damaligen Spiel in Babelsberg soll es aus den Reihen dieser Gruppen zu Hitlergrüßen und „Asylanten"-Sprechchören gekommen sein. An einem Zaun hing zudem ein eindeutig antiziganistisches und antisemitisches Banner mit der Aufschrift „ZCKN, ZGNR & JDN", was „Zecken, Zigeuner & Juden" heißen sollte und in Richtung der Babelsberg-Fans gezeigt wurde.

In einer Stellungnahme entschuldigte sich der Verein Energie Cottbus heute, dass „eine bestimmte Personengruppe im Block E der Westtribüne gegenüber unseren Gästen des SV Babelsberg 03 abwertende und vereinzelt rechtsgesinnte Parolen rief". Und machte klar: „Der FC Energie distanziert sich mit aller Vehemenz gegen rechtsextremes Gedankengut." Das überhaupt erste Punktspiel beider Klubs vor knapp 5.700 Zuschauern im Stadion der Freundschaft gewannen die Hausherren mit 3:0. Leider hatte auch diese Premiere für Energie einen diskriminierenden Beigeschmack.

Zudem wurden uns anonym Bilder zugespielt, die mehrere Schriftzüge mit rassistischen Gedankengut vor dem Derby zeigen.

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