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Wie ein Krieg der Verbände den Darts-Boom auslöste

Trotz fehlender einheimischer Stars ist Darts Publikumsmagnet in Deutschland. Der Kneipensport verspricht Drama, Party und authentische Stars. Grund für den Boom ist ein feuchtfröhliches Sketch-Video und ein neugegründeter Verband.

von Benedikt Niessen
20 Januar 2016, 2:11pm

Foto: Imago

Gegröhle und Getöse in der Halle. 180—die mögliche Höchstpunktzahl in drei Würfen—steht auf den Schildern betrunkener und kostümierter Fans. Auf der Bühne vor ihnen werfen zwei dickbäuchige Männer mit kleinen Pfeilen auf eine Scheibe. Viel mehr braucht es nicht, um auch Millionen Menschen—meist junge Männer—vor den TV-Geräten zu fesseln. Der Darts-Boom hält weiterhin an. Zwei Männer können besonders gut mit den Pfeilen in die millimetergroßen Kästchen werfen: Die beiden Weltmeister Scott Waites und Gary Anderson der Verbände BDO und PDC. Die Abspaltung der Professional Darts Corporation machte den neuen Darts-Boom überhaupt erst möglich.

Während die BDO-Weltmeisterschaft in Deutschland niemand in seinen Bann zieht, ist die WM der PDC seit Jahren für Millionen von Fans ein Pflichttermin zur Jahreswende. Der Spartensender Sport1 verzeichnete zum diesjährigen WM-Finale zwischen Gary Anderson und Adrian Lewis in der Spitze knapp 1,97 Millionen TV-Zuschauer—ein neuer Rekord. Und das, obwohl das hiesige alteingesessene Sportpublikum seit Jahren eigentlich eher nur die Vierschanzentournee oder Biathlon über die Jahreswende verfolgt. Denn in Deutschland funktionieren TV-Übertragungen von Nicht-Fußball-Sportarten eigentlich nur, wenn deutsche Profis vorne mitmischen. Boris Becker und Steffi Graf führten zum Tennis-Boom, früher Michael Schumacher und heute Sebastian Vettel halten bei der Formel 1 das Publikum bei Laune. Und der Wintersport profitiert von den zahlreichen deutschen Athleten. Darts hingegen kommt ohne deutschen Superstar aus.

Zwar tritt seit 2013 auch der heute 19-jährige Max Hopp als deutscher Werfer bei der PDC-Weltmeisterschaft an, doch scheiterte er bisher immer in der ersten oder zweiten Runde. Darts braucht die nationale Bindung für das Kribbeln und die Spannung augenscheinlich nicht. „Immer passiert etwas, es gibt kein Abseits, keinen Einwurf, keinen zweiten Aufschlag, nie kommt das Safety Car", schrieb Zeit Online mal und fasste zusammen: „Darts ist wie ewiges Elfmeterschießen." Über Sieg oder Niederlage entscheiden manchmal nur wenige Millimeter. Und alle zwei Minuten geht ein neues umkämpftes Leg zu Ende. Es gibt keine Verschnaufpause und die Kämpfer sind hierbei Männer, die uns näher sind als jeder andere Sportler.

Beim Darts wird keinem geleckten Fußballprofi oder verbissenem Olympioniken mit rigidem Ernährungsplan zugejubelt. Der PDC-Weltmeister von 2014 und 2015, der Schotte Gary Anderson, war früher Kaminbauer. Phil „The Power" Taylor fertigte aus Keramik Klopapierhalter für 52 Pfund die Woche, bevor er sich zum Rekordweltmeister des Dartssports hochwarf. Die dicken Darter wirken mit ihren schlecht tätowierten Armen und dem Brusthaar, das aus hässlich-bunten Hemden quillt, wie authentische Proleten, die dir betrunken aus der Eckkneipe entgegentorkeln könnten. Die Zuschauer jubeln Männern zu, die sie auch sein könnten. Die echten Arbeiter und Malocher, die doch noch durch ein Talent aus dem Alltagstrott flüchten konnten, sind keine Fußballer mehr, sondern Darter. Diese Authentizität hätte den Dartssport aber schon einmal fast zerstört.

Der noch zu Anfang als Glücksspiel abgestempelte Sport verbreitete sich so schnell, dass nur wenige Jahre nach den ersten TV-Ausstrahlungen von Turnieren in den 1960er-Jahren Profi-Spieler von Darts leben konnten. Im Jahr 1980 war der Dartssport und ihr Verband die British Darts Organisation (BDO) auf dem absoluten Höhepunkt. Die besten Werfer waren überall in England bekannte Superstars. Dieser Rausch wurde von nur einem einzigen Sketch der BBC2-Show Not the Nine O'Clock News beendet. Der Clip machte sich übertrieben über die bittere Realität des Darts lächerlich: Übermäßiger Alkoholkonsum und Tabakgenuss während der TV-Übertragungen. Aufgrund öffentlicher Diskussionen und des schlechten Rufs wandten sich TV-Sender und Sponsoren ab.

Trotz Alkoholverboten auf der Bühne wurde Darts sein negatives Image nicht mehr los. Eine Besserung schien für die Spieler unter der BDO nicht in Sicht zu sein: Es kam zum Darts Split. Die Top-16-Spieler, unter ihnen heutige Stars wie Phil Taylor, wollten Veränderungen und gründeten mit der PDC ihren eigenen Verband. Im Jahr 1994 fand das erste Mal eine zweite alljährliche Gegen-WM des Verbandes statt. Nach jahrelangen Verhandlungen einigte man sich auch vor Gericht für eine Existenz beider Verbände und ihrer Weltmeisterschaften. Bis auf wenige Ausnahmen bei Auslandsturnieren sind die Dart-Profis fest an ihren Verband gebunden und dürfen nicht auf anderen Turnieren werfen. Durch einen exklusiven Vertrag mit dem britischen Pay-TV-Sender SkySports und deutlich höheren Preisgeldern lockte die PDC die größten Stars der Szene an.Diverse Marketingaktionen, die Heroisierung bunter und schriller Stars und die Party-Atmosphäre für feierwütige Zuschauer sorgte für volle Hallen, Rekord-Einschaltquoten und ein neues Darts-Image.

Eine neue Dartskrise sollte es erstmal nicht geben. Die Fans lieben nicht nur den spannenden Krimi auf der Bühne, sondern auch die britische Stimmung in der Mischung aus feuchtfröhlichem Karneval und grenzwertigem Junggesellenabschied. Was englische Fußballstadien durch horrende Eintrittspreise, Stehplatz- und Alkoholverbote nicht mehr bieten können, finden die jungen Leute jetzt beim Darts. Die Topstars wiederum gehen mittlerweile nicht mehr betrunken auf die Bühne. Immer mehr starke Gegenspieler sind durch den Darts-Boom in die Weltspitze gestoßen und zu lukrativ sind die hohen Preisgelder. Gary Anderson erhielt 420.000 Euro für seinen WM-Sieg. Selbst Max Hopp, 45. der PDC-Weltrangliste, nahm in den letzten zwei Jahren über 70.000 Euro an Preisgeldern ein.

Ich habe mir zum ersten Mal Darts angesehen und fand es geil

Nach England und den Niederlanden setzt die PDC nun auch auf den Markt in Deutschland und will die nachhaltige Partnerschaft im Free-TV mit Sport1 ausbauen. Von der außerhalb Englands stattfindenden European Tour in diesem Jahr sollen alleine sieben Turniere in Deutschland sein. Die PDC spricht schon davon, dass Darts in der Zielgruppe der Männer im Alter von 14 bis 49 nach Fußball zur Nummer zwei aufgestiegen sei—vor Tennis, Handball, Basketball, Formel 1 und allen anderen.

Die Mischung aus Drama, Party und Authentizität könnte zumindest der übrigen Sportwelt eine neue Möglichkeit offenbaren, um gegen den Platzhirsch Fußball besser anzukommen und von ihren eindimensionalen Jüngern Aufmerksamkeit zu bekommen. Während die PDC nach dem Darts-Split lauter Rekorde jagt und junge Party-Zuschauer in die Hallen lockt, zeigen die BDO und ihr hierzulande unbekannter Weltmeister Scott Waites, wie es auch laufen kann. Während Waites immerhin 133.000 Euro einnahm, ist die altbackene BDO nur in England wirklich bekannt: Bei den Übertragungen von Eurosport schauten in Deutschland manchmal nur 60.000 Zuschauer zu. Gary Anderson war das zu wenig—er verließ 2009 die BDO und ist jetzt PDC-Weltmeister.

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