revierderby

Die BVB-Übernahme der Schalker Glückauf-Kampfbahn war mehr als stumpfe Provokation

BVB-Ultras besetzten vor dem Derby die altehrwürdige Schalker Glückauf-Kampfbahn. Die Provokation war eindeutig: Ohne uns gibt es kein echtes Derby.
11.4.16
Screenshot: Facebook

Gestern morgen vor dem Revierderby (2:2) erreichten knapp 200 Dortmunder Ultras schon gegen 9.30 Uhr Gelsenkirchen. Aber nicht irgendwo—die Ultras sangen ausgerechnet Lieder gegen den Rivalen in der altehrwürdigen Glückauf-Kampfbahn, dem ersten Stadion des Vereins. Die feindliche Übernahme einer Schalker Kultstätte.

Doch nicht nur deshalb kann die Provokation der Dortmunder als gelungen bezeichnet werden. Bis zum Jahr 2014 war die Kampfbahn vor jedem Derby der Anlaufpunkt zum Warmsingen für die Schalker Ultras. Da das traditionelle Treffen von der Stadt untersagt wurde, wichen die Fans der Königsblauen auf die Schalker Meile aus. Nun kaperten die Dortmunder Ultras das Stadion und stellten das natürlich auch stolz zur Schau. Dabei sollte die Aktion der Ultras mehr als nur eine Provokation gegen die rivalisierende Fanszene aus Schalke sein.

Wie VICE Sports aus Dortmunder Ultrakreisen erfuhr, war der Auftritt auf der Glückauf-Kampfbahn auch ein Zeichen an Vereine und Polizei. Auch gestern erhielten die Dortmunder statt 6200 Tickets—und somit der üblichen zehn Prozent des Auswärtskontingents—nur 5000 Karten. Etwa 500 BVB-Fans, die nicht nur aus der Ultraszene kommen, hatten nach den Vorfällen rund um das Derby im Jahr 2013 ein lokales Stadionverbot für die Arena in Gelsenkirchen bis 2019 erhalten.Damals stürmten Dortmunder Anhänger vermummt den Gästeblock, zündeten Pyrotechnik und zerstörten eine Plexiglasscheibe. Anschließend kritisierten sie, dass ihre Daten von der Landespolizei—entgegen der Absprache ihrer Anwälte mit der Bundespolizei—an den FC Schalke 04 abgegeben wurden.

Kein Witz: Ca 200 Dortmunder singen sich gerade in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn ein #Derby #S04BVB pic.twitter.com/BnyS7kM6UV
— Manni1909 (@PartyPartybrder) 10. April 2016

Die Beamten stellten nach eigenen Angaben auf der Glückauf-Kampfbahn 184 Personalien fest und eröffneten ein Strafverfahren wegen Hausfriedensbruchs. Laut Polizei seien die BVB-Ultras „problemfantypisch schwarz bekleidet und teilweise vermummt" gewesen. Wie Polizeisprecher Torsten Sziesze erklärte, seien „Schalker Problemfans" ebenfalls auf dem Weg zur Glückauf-Kampfbahn gewesen, jedoch sei ein Zusammentreffen beider Gruppen durch ein „massives und konsequent einschreitendes Polizeiaufgebot" verhindert worden. Die Polizei berichtete zwar, dass beide Gruppen „friedlich den polizeilichen Anweisungen" folgten, doch trotzdem sprach sie ein örtliches Betretungsverbot aus:

Aufgrund ihres Verhaltens bei der konspirativen Anreise und dem anfänglichen Auftreten der Dortmunder sprach die Gelsenkirchener Polizei ein örtliches Betretungsverbot für das Stadtgebiet am heutigen Tag aus und begleitete die Angereisten zurück nach Dortmund.

Die Dortmunder Anwaltskanzlei „CHS Rechtsanwälte" kritisierte die Polizei daraufhin für deren Vorgehensweise und sprach von einer „Kriminalisierung von Fußballfans". Auf ihrer Facebookseite warf die Kanzlei den Beamten doppelte Kontrollen samt langer Wartezeiten vor. Zudem soll es zu einem Einsatz „gegen unbeteiligte Personen" gekommen sein. „Bei diesem Einsatz wurden die Rechte der Betroffenen massiv verletzt. Von Verhältnismäßigkeit keine Spur!", heißt es in der Stellungnahme der Kanzlei.

Die Gelsenkirchener Polizei erklärte auf Anfrage von VICE Sports, dass die Strafanträge vom Besitzer des Stadions, der Stadt Gelsenkirchen, gestellt wurden, da „der Zutritt nicht erlaubt" gewesen sei. „Das Betretungsverbot ist aus zwei Gründen erfolgt", erklärte Polizeisprecher Torsten Sziesze. „Zum einen hatte ein Großteil der Dortmunder Fans ein örtliches Stadionverbot und hätte das Spiel sowieso nicht verfolgen können und zum anderen war dies eine Präventivmaßnahme zum Schutz der Fans, da sich die Schalker Ultras auf den Weg zur Glückauf-Kampfbahn befanden." In Dortmund wurden dann die Personalien wegen der Anzeige des Hausfriedensbruchs aufgenommen. Aber wieso wurden auch BVB-Fans ohne örtliches Stadionverbot nach Dortmund mit einem Betretungsverbot bestraft?

„Die Gefahrenabwehr hatte da Priorität. Es wäre ansonsten zu einem Zusammenstoß zweier Gruppen gekommen, die einem ähnlichen Klientel angehören", erklärte Polizeisprecher Sziesze. Schon im Vorfeld des Derbys hatte die Polizei befürchtet, dass Teile der etwa 500 ausgesperrten Fans trotzdem nach Gelsenkrichen anreisen werden. Dabei war nahezu jeder Polizist in NRW unterwegs: Neben dem Revierderby fand am Sonntagnachmittag auch auch das Rheinderby zwischen Köln und Leverkusen, sowie drei große Demos („Friedensmarsch für die Türkei") in Köln, Dortmund und Wuppertal statt. Laut Polizeiangaben waren 18 Hundertschaften im Einsatz und weitere 18 Alarmzüge waren auf Abruf.

Auch deswegen sind die Vorkommnisse vom Wochenende für die Dortmunder Fans der Beweis, dass willkürliche Stadion- oder Betretungsverbote für ganze Gruppen von Fans keine nachhaltige Lösung sind. Davon abschrecken lassen sich die Fans zumindest nicht. Die Gewalt besteht weiterhin, auch außerhalb der Stadien. Zudem bewiesen die Ultras auch wieder eindrucksvoll, dass ohne sie ein Derby doch nicht ganz so emotional ist wie sonst. Während sich das Spiel auf dem Platz in der zweiten Halbzeit zu einem heißen Derby-Duell mit vielen Fouls und vier Toren entwickelte, enttäuschten auf den Rängen vor allem die BVB-Fans. Viele Anhänger im Stadion berichteten von der schlechtesten Stimmung seit Jahren. Das lag vor allem an den Ultras und zahlreichen aktiven Fanclubs, die seit 2013 nicht mehr nach Gelsenkirchen fahren—zumindest nicht ins Stadion.

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