Meister und Diener: Fotos von russischen Superreichen und ihren Angestellten
Feminisme

Meister und Diener: Fotos von russischen Superreichen und ihren Angestellten

Die Fotografin Lilia Li-Mi-Yan hinterfragt mit ihrem Projekt nicht nur die sozialen Strukturen der postsowjetischen Aristokratie, sondern auch das gesellschaftliche Frauenbild.
6.7.16

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchlief die russische Gesellschaft eine Reihe von grundlegenden Veränderungen—von der Diktatur des Proletariats hin zu einer modernen Gesellschaft mit einem neu definierten Klassensystem und großen sozialen Unterschieden. In den 90ern erlebte Russland den wilden, unkontrollierten Aufstieg des Kapitalismus, wodurch die Kluft zwischen Arm und Reich noch tiefer wurde. Die in Moskau lebende Fotografin Lilia Li-Mi-Yan beschäftigt sich damit, wie sich diese beiden Pole auch heute noch immer weiter auseinander bewegen. Ihre Fotoserie Masters and Servants erforscht die Beziehung zwischen Russlands reicher Elite und ihren Bediensteten, die komplexe soziale Hierarchie der modernen russischen Gesellschaft und die paradoxe Situation, in der sich die wirtschaftlich schwächsten Mitglieder der Gesellschaft wiederfinden, wenn sie Seite an Seite mit den Reichsten arbeiten.

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„Ich bin ein sehr empathischer Mensch und ganz besonders interessieren mich zwischenmenschliche Beziehungen", sagt Li-Mi-Yan gegenüber Broadly. „Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, dass zu Sowjetzeiten jeder Mensch auf derselben gesellschaftlichen Stufe stand und plötzlich hat sich all das wie in einem Wimpernschlag geändert." Masters and Servants (auf deutsch: „Meister und Diener") wurde in Moskau aufgenommen. Die meisten „Meister" gehören zu einem Kreis aus wohlhabenden Menschen, den Li-Mi-Yan bereits kannte. Sie fotografierte sie in ihren Häusern gemeinsam mit ihren Angestellten—ihren Butlern, Haushaltshilfen, Au-pairs, Nannys, Fahrern und Bodyguards—und bietet dem Betrachter auf diese Weise einen seltenen Einblick in das private Leben der Reichen.

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Doch der Eintritt in diese Gesellschaft war erstaunlicherweise gar nicht das Problem. „Viele der Leute freuten sich darüber, fotografiert zu werden und haben das Konzept hinter dem Projekt gar nicht groß hinterfragt", erinnert sie sich. „Aber es gab natürlich auch Leute, die aus unterschiedlichen Gründen abgesagt haben—einer der häufigsten Gründe war die öffentliche Aufmerksamkeit. Nach den ersten Veröffentlichungen in den Medien wollten außerdem einige Leute, dass ihr Bild aus dem Projekt entfernt wird."

Der archaische und altmodische Titel deutet bereits darauf hin, dass das Projekt—abgesehen davon, dass es eine Studie bestimmter Elite-Berufe ist—die menschlichen Beziehungen durch das Prisma aus Machtstrukturen wie Geld und soziale Privilegien eingehend betrachtet. Die Arbeit des Hauspersonals wird in Russland häufig stigmatisiert und oftmals verschwimmen die Grenzen zwischen persönlichem Leben und Beruf.

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„In Russland wurde die Arbeit im Servicebereich schon immer als niedere Beschäftigung betrachtet, obwohl hierzu gesagt werden muss, dass alle Arbeitgeber glauben, dass sie ihre Angestellten mit größter Fürsorge und Respekt behandeln—in gewisser Weise fühlen sie sich wie ihre Gönner", erklärt Li-Mi-Yan. „Gleichzeitig träumen alle Beschäftigten davon, etwas Geld zu sparen und einen anderen Job zu finden—egal wie herzlich die Beziehung zu ihrem Arbeitgeber ist. Die meisten von ihnen haben einen Hochschulabschluss und sehr interessante Berufe und betrachten ihre Arbeit in der Dienstleistungsbranche als Umweg auf dem Weg in eine glückliche Zukunft. Einige Haushälterinnen wollten nicht fotografiert werden, weil sie Angst hatten, dass ihnen dadurch ein Stempel aufgedrückt werden könnte."

Während ihrer Arbeit an dem Projekt hat Li-Mi-Yan sowohl männliche als auch weibliche Angestellte fotografiert. Sie betont, dass die Berufe fast immer geschlechtsspezifisch sind: „Die meisten Haushälterinnen, Au-Pairs und Erzieherinnen sind Frauen. Die Fahrer, Gärtner und Wachleute hingegen sind meistens Männer." Li-Mi-Yan hat sich schon immer für das soziale Bild von Frauen interessiert: Sie hat das Leben von Frauen in einem armenischen Frauengefängnis dokumentiert, hat in einer fotografischen Studie festgehalten, wie Make-up von Frauen für die tägliche Verwandlung eingesetzt wird und die Körper von Frauen mittleren Alters portraitiert. Und auch in Masters und Servants kann man den sozialen Rahmen erkennen, der ein bestimmtes Aussehen und ein gewisses Verhalten von den Frauen verlangt, was insbesondere durch die Unterschiede in ihrer Kleidung, der Mimik und der Körperhaltung von Arbeitgeberinnen und ihren Angestellten deutlich wird.

Die Arbeit als Haushaltshilfe dient vielen wirtschaftlich schwachen Menschen als Ausweg, was durch die Fotografien ebenfalls deutlich wird. „Unter den Hausangestellten begegnet man einer immer wiederkehrenden Geschichte, die ich mit der Kamera festhalten konnte", sagt Li-Mi-Yan. „Sie haben studiert, geheiratet, gearbeitet, haben Kinder bekommen und dann von einem Moment auf den anderen ist ihr geordnetes Leben plötzlich zerbrochen und sie fanden sich in einer Situation wieder, in der sie keinen angemessen bezahlten Job mehr finden konnten. In dieser Branche zu arbeiten, sichert ihr Überleben und hilft ihnen dabei, ihre nächsten Angehörigen zu unterstützen. Unter all den Menschen, die ich fotografiert habe, hat nur eine einzige Frau im Rentenalter ihren Beruf gewählt und wurde nicht durch die Umstände dazu gezwungen."

Masters and Servants

erzählt die Geschichten realer Personen, obwohl es eigentlich zunächst nur das Ziel der Fotografin war, den Betrachter dazu zu bringen, die dargestellten sozialen Strukturen zu hinterfragen und die Lücken in seiner eigenen Biographie zu schließen. „In der Beschreibung meines Projekts habe ich bewusst einige formale Informationen zu meinen Motiven angegeben. Ich wollte, dass der Betrachter die Freiheit hat, sich in die Geschichten hineinzudenken", sagt Li-Mi-Yan. „Aber erst als ich die Bilder online veröffentlicht habe, habe ich bemerkt, was für eine Bedeutungstiefe die Bilder für den Betrachter haben. Es wurden unzählige Assoziationen und Mutmaßungen zu den Bildern geäußert, mit denen ich so nicht gerechnet hatte. Ich bin sehr glücklich über dieses Ergebnis. Das Projekt entwickelt sich von selbst weiter und wächst."

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Masters and Servants ist ein wichtiges Dokument, das von einer ganz speziellen postsowjetischen Gesellschaftsordnung erzählt und den Betrachter zugleich vor ein visuelles Rätsel stellt. Die Bilder—mit ihrer ruhigen und sorgsam durchdachten Komposition—lassen genug Raum, um sich in der Betrachtung der Beziehung der dargestellten Personen zu verlieren, bis sich die Unterschiede zwischen Herren und Dienern irgendwann komplett in Nichts auflösen. „Mein Ziel war es, eine Art psychologisches Porträt zu erschaffen, bei dem sich der Betrachter nur auf die beiden unterschiedlichen Charaktere konzentrieren kann und durch nichts anderes abgelenkt wird", fügt Li-Mi-Yan hinzu. „Doch hinter der scheinbar neutralen Natur der Bilder, verbirgt sich eine Falle, die den Betrachter vergessen lässt, wer der Herr und wer der Bedienstete ist."