Meine Brieffreunde sind Mörder

Eine deutsch-schweizerische Organisation vermittelt Briefkontakt zu Häftlingen, die in den USA zu Tode verurteilt sind. Sie haben Menschen getötet. Macht sie das zu Monstern? Um das herauszufinden, habe ich ihnen geschrieben.

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19 April 2017, 3:15am

Während ich meine Briefe an Daniel, José und Robert schreibe, schau ich auf die Spree. Boote mit Touristen ziehen vorbei, am Ufer gegenüber laufen Menschen an einer S-Bahn-Haltestelle auf und ab, steigen in Züge, einige von ihnen fahren zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen und von da aus weiter. Wenn ich wollte, könnte ich jederzeit eine von ihnen sein. 

Daniel blickt auf die Wände seiner Zelle in einem Gefängnis in Texas, darin eine Metallkoje, auf deren Unterseite Regalbretter angebracht sind. Einen Schrank gibt es nicht. Das Waschbecken ist im Spülkasten der Toilette verbaut. Sonst steht nur eine Lampe in dem sechs Quadratmeter großen Raum. In der dicken Tür befindet sich ein kleiner Schlitz: 15 Zentimeter mal 45 Zentimeter. Dort reichen die Wärter das Essen hindurch. Und manchmal schieben sie einen Brief durch die Öffnung. Sobald Robert abends ein entferntes Türklicken hört, weiß er, dass die zweite Wachschicht übernommen hat und jetzt die Post verteilt. Dann steht er an der Tür vor dem Schlitz und hofft, dass ein Wächter klopft und fragt: "Name und Nummer?" Das heißt: Er hat einen Brief für ihn.

Daniel, José und Robert haben keine Handys, kein Internet – und keine Aussicht darauf, jemals wieder die Welt außerhalb ihres Gefängnisses zu sehen. Sie haben getötet und wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihnen droht die Hinrichtung. Briefe sind für sie die einzige Möglichkeit, Menschen außerhalb des Gefängnisses kennenzulernen.

Die Schweizerin Ines Aubert schreibt seit 15 Jahren mit Gefangenen in den USA. Sie sagt, alle Menschen seien "aus dem gleichen Holz geschnitzt" und sie wollte wissen, was die Menschen in und außerhalb des Gefängnisses verbindet, was Häftlinge sich wünschen, von was sie träumen. Als Ines merkte, wie gerne die Gefangenen Fragen beantworten, gründete sie das Projekt "connectdeathrow" und leitet seitdem Briefe und E-Mails in die USA weiter. Das machte sie auch mit meinen Briefen.

Bevor ich meine ersten Zeilen schrieb, saß ich fast eine Stunde vor dem leeren Bildschirm. Wie soll ich Fremde kontaktieren, in deren Situation ich mich nicht mal ansatzweise hineinversetzen kann? Ich hatte viele Fragen: Was haben sie getan? Wie fühlen sie sich? Wovor fürchten sie sich? Wie lebt es sich, wenn man weiß, man wird früher oder später getötet?

Aber ich wollte sie damit nicht überrumpeln. Ich wollte ihnen etwas aus meinem Leben erzählen und ihnen dadurch etwas von der Welt jenseits ihrer kleinen Zelle zeigen – aber das wiederum ohne ihnen das Gefühl zu geben, alles zu verpassen. Am liebsten hätte ich geschrieben: Wer seid ihr? Ich möchte euch einfach nur kennenlernen. Ihr, die Menschen, die angeblich zu böse sind, um leben zu dürfen.



Weltweit wurden im vergangenen Jahr 1.032 Menschen hingerichtet, zwanzig davon in den USA. Arkansas wollte zuletzt die Tötung von acht Häftlingen in zehn Tagen veranlassen. Die Maßnahme wurde in letzter Sekunde gestoppt. Laut Amnesty International steht die Todesstrafe noch in 32 US-Staaten im Gesetz – darunter auch Texas, wo Daniel, José und Robert im Gefängnis sitzen. Ihre Anklage: "Mord unter erschwerenden Tatumständen". Das bedeutet, dass die Täter nicht nur getötet haben. Sie haben gleichzeitig auch Menschen ausgeraubt, Frauen vergewaltigt oder Kinder entführt. Eine Jury hat entschieden, dass sie schuldig sind. Bis das Todesurteil vollstreckt wird, können Jahrzehnte der Ungewissheit verstreichen, wenn Beweise neu ausgewertet und Ermittlungen wieder aufgenommen werden.

Ich kann nicht beurteilen, wie viel von dem, was Daniel, José und Robert mir schreiben, wahr ist. Auch hatte ich in nur jeweils zwei Briefen nicht die Möglichkeit, sie wirklich kennenzulernen. Mehr Briefe durfte ich nicht schreiben, damit die Bindung zwischen mir als Journalistin und ihnen nicht zu eng wird. Die drei waren verschieden: der eine wortgewandt, der andere wortkarg, der eine aus einem intakten Elternhaus, der andere wuchs teils bei den Großeltern auf, weil der Vater die Mutter schlug. Was ihnen aber gemein ist: Sie denken viel über ihre Situation im Gefängnis nach. Sie haben Zeit.

Josés Briefe: Der Mensch hinter dem Mörder

"Als ich im Todestrakt ankam, halfen mir die anderen Insassen. Ich traute ihrer Hilfsbereitschaft nicht, dieser Achtsamkeit und dem Mitgefühl. Aber mein Argwohn wechselte zu Erstaunen, dass es tatsächlich Mörder gab, die sich um ihre Mitmenschen kümmerten. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich die schrecklichsten Menschen erwartet habe. Aber ich lernte Einbrecher, Autodiebe und Dealer kennen, die schlimmer waren als diese Menschen in der Todeszelle."

Als ich diese Zeilen las, wunderte ich mich. Am Rand notierte ich: Hältst du dich etwa auch für ein Monster? Hast du Angst vor dir selbst? Es erschien mir ironisch, dass José, ein 49-Jähriger, der selbst getötet hatte, argwöhnisch gegenüber anderen Mördern ist. 

José entführte einen Jungen, erpresste Lösegeld von den reichen Eltern und brachte das Kind dann um. "Das alleine wäre schlimm genug, eine Todesstrafe zu rechtfertigen", schrieb er. "Aber meine Tat habe ich über mehrere Monate geplant und kaltblütig durchgeführt." Wenn er selbst so handelt, wie kann er sich dann vor den Taten anderer fürchten?

In dem folgenden Brief beantwortete er meine Frage mit "Nein". Er halte sich weder für ein Monster, noch habe er Angst vor sich selbst. "Heute erkenne ich, dass es dumm war, was ich getan habe. Ich mache immer noch Fehler, aber ich löse meine Probleme nicht mehr mit Gewalt."

Bevor José in den Todestrakt kam, schreibt er, wurden ihm alle persönlichen Gegenstände genommen. Was ihm blieb, waren lediglich Ausdrucke von E-Mails und Fotos. Aber als er in seiner Zelle ankam, legten die anderen Gefangenen zusammen, gaben ihm Seife, Zahnpasta, Schüsselchen, um sich zu waschen und daraus zu essen. "Das brauchst du, um zu überleben", sagten sie. Im Todestrakt sei es ein ungeschriebenes Gesetz, die Neuen auf diese Weise zu empfangen. "Die Stimmung im Todestrakt ist besonders."

Wie im Hühnerstall sind die Zellen der Gefangenen nebeneinander gereiht, schreibt José. "Wir konnten uns zu jeder Tages- und Nachtzeit Dinge zurufen, wenn wir uns langweilten oder einsam fühlten. Das machte fast jeder, weswegen tagsüber meistens ein lautes Stimmengetöse herrscht. Diese Gespräche waren wichtig für mich, so habe ich viele Freunde gefunden."

Mir wirkt, als würde die Aussicht auf den eigenen Tod die Gefangenen zusammenschweißen. Sie teilen ihr Urteil und ihre Angst. José schreibt: "Wenn ich den Rest meines Lebens im Todestrakt verbringen könnte – ohne die stetige Bedrohung, gleich hingerichtet zu werden – das wäre eine wunderschöne Vorstellung."

Daniels Briefe: Knast ist die erwachsene Form von Hausarrest

Die Geschichte, die Daniel erzählt, klingt nach einer klassischen Kriminellen-Karriere: Als Daniel fünf war, musste er zusehen, wie sein Vater seine Mutter schlug. Der Vater kam ins Gefängnis, Daniel zog mit seiner Mutter und ihrem neuen Freund Greg in einen Vorort von Austin. Dort, sagt er, wurde er von seinem Nachbarn sexuell missbraucht. "Ich war zehn Jahre alt. Das hat meine Welt zerstört." Danach wurde Daniel kriminell: Er beklaute seine Großeltern, es folgten Drogen, schließlich, er war Mitte 20, ein Mord.

"Ich ging nach El Paso, fand dort ein kleines Zimmer bei einem Mann. Aber er war Alkoholiker, älter und homosexuell. Er wollte, dass ich so bin wie er. Ich weigerte mich und wir stritten. Ich wollte ihm trotzdem helfen, tat das und wehrte ihn gleichzeitig ab – bis zu diesem letzten schicksalhaften Morgen, an dem er mich angriff. Ich verteidigte mich, und er starb."

So schildert Daniel die Tat, die ihn ins Gefängnis brachte. Die Anklageschrift jedoch beschreibt einen anderen Tatverlauf: "Der Angeklagte zog kurz darauf in Andrades (Name des ermordeten Vermieters) Zimmer und sie begannen, sich ein Bett zu teilen. Glidewell (ein weiterer Mieter) hörte nie, dass sich der Angeklagte geweigert hätte, eine sexuelle Beziehung mit Andrade einzugehen. Ende Mai 2005 verschwand Andrade." Als die Schwester des Toten skeptisch wurde und mit der Polizei anrückte, war Daniel bereits geflohen. Er wurde im Oktober festgenommen – mit den Kreditkarten des Toten. Andrades Leiche hatte er im Vorgarten des Hauses vergraben. Der Autopsiebericht: "Der Tote starb an Ersticken. Außerdem hatte er eine schwere Kopfverletzung, die zu seinem Tod beigetragen haben kann." Die Richter verurteilen Daniel zu lebenslanger Haftstrafe, seit zwölf Jahren sitzt er nun in einem staatlichen Gefängnis in Texas ein.

In Florida könnte Daniel noch immer zu Tode verurteilt werden, schreibt er. Warum, das erwähnt er in den Briefen nicht. Er schreibt nur: "In Florida traf ich Mary. Sie zahlte mein Ticket. Wir gingen in den Urlaub, feierten, sie stellte mich ihren Freunden vor. Dann bat sie mich um Hilfe – die Bitte, die mich in so viele Schwierigkeiten brachte." 

Die Anklageschrift ist eindeutiger: "Während der Verhandlungen legte die Staatsanwaltschaft Beweise vor, dass der Angeklagte in Florida Mary Mount ermordet hatte. Der Angeklagte behauptete, Mary hätte wilden Sex geliebt. In einer Nacht sei er nach dem Sex neben ihr aufgewacht, während sie Probleme hatte, Luft zu bekommen." Danach rief Daniel nicht die Polizei, sondern legte den leblosen Körper von Mary in einen Sack, klaute ihren Schmuck und ihre Kreditkarten und vergrub die Leiche in Hudspeth County.

Daniel sagt dazu: "Wenn ich zurückblicke, dann sehe ich, wann ich bessere Entscheidungen hätte treffen können, wo ich Nein, anstatt Ja hätte sagen sollen, aber ich war beeinflusst von dem Trauma meiner Kindheit und dem Umfeld, in dem ich mich befand." Und an anderer Stelle: "Ich habe aus Angst und Schmerz so gehandelt."

Daniel rechtfertigt sich für das, was vorgefallen ist. Es sucht nach Erklärungen und nach Entschuldigungen. Er schreibt, als Kind sei er manisch-depressiv geworden. Können ihn wirklich die Erlebnisse der Vergangenheit daran hindern, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen? Und kann er durch die Strafe lernen, seine Schuld einzugestehen?

Er antwortet: "Ein Knast hat einen Sinn. Aber, wie alles kann er missbraucht werden. Überstrapaziert, so wie das heute in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Knast ist die erwachsene Form von Hausarrest. Aber seit Langem schon fehlt dem Gefängnis die Möglichkeit, zur Einsicht zu kommen."

Damit hat Daniel wohl Recht. Wenn wir als Kind Hausarrest hatten, saßen wir unsere Strafe ab. Wir sollten darüber nachdenken, dass man keine Süßigkeiten klaut oder nicht lügt. Beim nächsten Mal überlegten wir zweimal, ob wir das Gummibärchen nun doch noch nehmen sollten. 

Auch die Idee hinter einem Gefängnis ist, dass Schuldige hineingehen und als Geläuterte oder zumindest disziplinierte Menschen hinauskommen. Aber die Todesstrafe unterläuft dieses Konzept. Was bringt es noch, Fehler einzusehen und zu lernen, wenn die Aussicht auf Anerkennung gleich null ist? Die Todesstrafe soll abschrecken, doch tatsächlich gibt es keine Studien darüber, dass sie wirklich vor Straftaten zurückhält. Und dennoch befürworten sie 60 Prozent der US-Amerikaner.

Am Ende fragt Daniel: "Dabei sollte Gerechtigkeit doch für alle existieren, oder?"

Roberts Briefe: Das Schreiben gibt seinem Leben im Gefängnis Sinn

Was macht uns zufrieden? Bestätigung von außen? Erfolg? Geld? Die Aussicht auf eine glückliche Zukunft? Eine Aufgabe? Helmut Schmidt sagte in einem Interview einmal: "Die Erfüllung der erkannten Pflicht" mache zufrieden. Mir geht das auch so. Ich versuche tagtäglich, meinen Platz zu finden, in der Familie, in der Redaktion, als Mitbewohnerin oder als Freundin. Und dann versuche ich, diese Rolle bestmöglich zu erfüllen. Schaffe ich das, liege ich abends zufrieden im Bett und habe das Gefühl, den Tag sinnvoll genutzt zu haben.

Robert hat nichts von alledem. Er ist 40 Jahre alt und wartet seit 20 Jahren auf den Tag seiner Hinrichtung. Seit er Brieffreunde hat, sagt er, geht es ihm besser. "Ich war damals frisch zu Tode verurteilt, mir ging es sehr, sehr schlecht. Ich fühlte mich verstoßen und war ohne Hoffnung. Aber dann erhielt ich meinen ersten Brief."

Jetzt sagt er, fühle er sich nicht mehr einsam. Es helfe ihm zu wissen, dass in unserer Welt noch Menschen sind, die sich um ihn sorgen: "Ich möchte jemand sein, dem sich andere anvertrauen, dem sie ihre intimsten Wünsche und Träume erzählen. Ich möchte jemand sein, der anderen helfen kann zu wachsen." Briefe geben Roberts Leben offenbar einen Sinn, an einem Ort, an dem er keine anderen Ziele hat, als darauf zu warten, dass der Staat beschließt, ihn zu töten.

Am Ende habe ich sechs Briefe auf insgesamt 32 Seiten bekommen, in denen wir über Ängste, Gerechtigkeit, aber auch Karneval und die französische Küche geschrieben haben. Obwohl die Anklageschrift deutlich war, vergaß ich beim Lesen der Briefe, dass José, Robert und Daniel getötet hatten. Ich hatte Mitleid mit ihnen. Und ich wünsche niemandem, sein Leben in Gefangenschaft zu verbringen. Und schon gar nicht, dort darauf warten zu müssen, getötet zu werden. Ob sie schlechte Menschen sind, kann ich noch immer nicht beurteilen.

Über connectdeathrow und Die Initiative gegen die Todesstrafe e.V. kannst du Kontakt zu Häftlingen aufnehmen.

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