Ausgehen

Warum wird in Clubs eigentlich kaum gekifft?

"Musik klingt so doch viel besser als betrunken" – Wir haben diskutiert, ob Gras eine partytaugliche Clubdroge ist, oder sich doch bloß zum Runterkommen eignet.

von Angus Harrison, Michelle Lhooq, und Josh Baines
19 April 2017, 1:59pm

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP US erschienen. Die "Weed Week" ist ein Spezialwoche rund um den 420 im gesamten VICE-Netzwerk

Nein, Drogen und ausgelassene Partynächte sind nicht untrennbar miteinander verbunden.* Manche tanzen sogar stundenlang durch, ohne auch nur ein Bier anzurühren. Diese Gestalten bilden allerdings auf den Tanzflächen dieser Welt noch immer eine seltene Spezies. Der Rest von uns muss sein Konsumverhalten beim Ausgehen gut abwägen, wenn wir eine gute Zeit haben wollen. Natürlich verträgt jeder jede Droge in jeder Situation anders. Was den einen in höchste Euphorie versetzt, löst beim anderen massive Angstschübe aus. Und gerade bei Gras, das in den Köpfen vieler Menschen einfach nicht mit elektronischen Beats und flackernden Strobolichtern zusammenpassen will, scheiden sich in der Clubwelt die Geister. 

Hier sind drei Beiträge von Josh Baines und Angus Harrison von THUMP UK, sowie THUMP US Redakteurin Michelle Lhooq.

Michelle Lhooq: Jeder, der behauptet, Gras sei keine gute Clubdroge, raucht entweder schlechtes Zeug oder ist ein Weichei. OK, Letzteres ist nur Spaß – manche Menschen werden vom Kiffen paranoid oder bekommen ernsthafte Angststörungen. Nicht jede Droge ist mit der Biochemie eines jeden kompatibel. Wie bei allen Drogen ist auch hier wichtig, die richtige Sorte und Dosis für den eigenen Party-Vibe zu finden. Auf der Piste bevorzuge ich verkopft-psychedelische Sativa-Sorten, zum Runterkommen Indicas mit sedierender Wirkung.

Im direkten Vergleich zu Alkohol kann jeder sehen, dass Gras sich viel besser für Raves eignet. Ist euch schon mal aufgefallen, dass Säufer immer die ersten sind, die wegpennen oder nach Hause stolpern? Gras wirkt sich außerdem weniger verheerend auf deine Geldbörse und deinen Kater aus – und am allerwichtigsten: Musik klingt bekifft viel besser als betrunken.

Musik klingt bekifft viel besser als betrunken. Und Gras wirkt sich weniger verheerend auf deine Geldbörse aus.

Mir ist allerdings ein großer Kontrast zwischen der Clubkultur in den USA, wo wir uns gerade in einer Art Kiffer-Revolution befinden, und Städten wie London aufgefallen, wo es mit der Legalisierung noch ein weiter Weg ist. Briten kiffen nicht gerne, weil sie beschissenes Gras haben. Der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert. Er hat nur zur Verbreitung minderwertiger Drogen geführt, die Konsumenten einem noch größeren Risiko aussetzen (siehe den Aufstieg gefährlicher Research-Chemicals wie sogenannter Badesalze und N-BOMe durch die Kriminalisierung von MDMA und LSD). Es ist ein altes Lied.

Bei meinem letzten Besuch in London habe ich die Hälfte eines Dean Blunt Konzerts damit verbracht, auf der verzweifelten Suche nach Gras durch den Raucherbereich zu streunen. Ich habe bestimmt ein halbes Dutzend Fremde angesprochen, aber ohne Erfolg. Viele sagten zu mir, dass Gras in Großbritannien kein großes "Ausgehding" sei. Bei den strengen Taschenkontrollen sei es schwer, das Zeug in Clubs zu schmuggeln; es mache sie ängstlich oder paranoid oder sie würden es einfach lieber zum Runterkommen rauchen. Briten würden es eher bevorzugen, einen Haufen fragwürdiger Pillen oder Ketamin in sich hineinzuschaufeln.

Michelle bei einem Musikfestival

Ähnliche Erfahrungen musste ich in Berlin machen. Dort gibt es ebenfalls nur mieses Gras, das vielleicht eine Stunde high macht, bevor fiese Kopfschmerzen eintreten. Berliner Clubgänger kiffen trotzdem mehr als ihre Kollegen in Großbritannien – zum Glück. Die Grasqualität ist mit der in Kiffer-Paradiesen wie Los Angeles und Portland allerdings nicht zu vergleichen, wo dicke Wolken Kush über jeder Tanzfläche hängen.

Man merke sich also: Legalisierung führt zu Qualitätsgras, Prohibition hingegen bringt nur beschissenes Kraut hervor, das den guten Namen der Droge in den Dreck zieht. Und allen, die behaupten, Gras sei keine gute Clubdroge, sage ich Folgendes: Besorg dir besseres Zeug!

Josh Baines: Jetzt packt ein "Weichei" aus ...

Die Erinnerungen an meine frühen bis mittleren 20er sind eng mit Gras verbunden. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich immer das gleiche vor mir – Abend für Abend. Ich sehe meine Mitbewohner, blaue Plastiktüten randvoll mit Bierdosen, das gelbe Leuchten leerer Tabakpackungen der Marke Golden Virginia Smooth und das dreckige Grün eines frischerstandenen Zwannis Gras, der nur darauf wartet, gierig weggeraucht zu werden. Ich sehe banale Fernsehunterhaltung, ich höre Kurt Vile und Destroyer – und ich bin unfassbar glücklich, dass Gras meiner Vergangenheit angehört.

Gras – und selbst jetzt noch erfüllt mich allein das Tippen, das Aussprechen dieses Wortes mit vernichtendem Fremdscham – ruiniert Leben. Es macht euch faul, unproduktiv, gelangweilt und langweilig. Ihr hört auf, vernünftig zu essen, vernünftig zu schlafen und euch vernünftig zu waschen. Ihr vernachlässigt eure Aufgaben und Pflichten für "nur noch eine" Tüte. Ihr sagst euch ständig – immer wieder und wieder und wieder – dass ihr alles unter Kontrolle habt, dass alles OK ist, dass sich diese Sache mit Geld, Arbeit und Leben schon irgendwie ergeben wird. Das tut sie nicht und das wird sie nicht.

Ich bin unfassbar glücklich, dass Gras meiner Vergangenheit angehört. Niemals will ich im Club bekifft sein.

Alle Kiffer sehen sich gerne als hochfunktionale Konsumenten. In der traurigen Realität sieht es jedoch meistens eher so aus, dass selbst der schlurfende Gang zum nächsten Supermarkt für eine Packung Schinken und eine Flasche Ginger-Ale zu einer zähen, zeitlupenartigen Tortur wird. Und jetzt stellt euch dieses faultierartige Reaktionsvermögen mal in einem Umfeld vor, das unendlichmal stressiger als ein Supermarkt ist. Stellt euch vor, unfassbar bekifft im Club zu sein. Ich persönlich schaffe das nicht. Alleine die Idee ist dermaßen abwegig, dass mein inneres Auge den Dienst quittiert. Kurz gesagt: Es übersteigt meine Vorstellungskraft.

Wenn ich mich so richtig anstrenge, durch den Dunst, den Rauch, die blaugrauen Wolken zu blicken, dann ist alles, was ich sehe, Schrecken und Verwirrung: ein bizarres Gewirr aus Menschenkörpern und ein sich rapide ausbreitendes Gefühl totaler mentaler Vernichtung. Ich spüre, wie mich die Psychose treibsandartig mehr und mehr in ihre Fänge nimmt. Nein, ich möchte mich nicht so fühlen.

Und deswegen, liebe Leserin und lieber Leser, will ich niemals bekifft in einem Club sein.

Foto: Pixabay / gemeinfrei

Angus Harrison: Michelle hat definitiv richtig beobachtet, dass Briten in Clubs kaum kiffen. Bei mir und vielen Freunden gehört Gras allerdings schon zum Ausgehen dazu. Es kommt allerdings eher ins Spiel, wenn wir nach Hause gehen, und nicht, wenn wir uns auf der Tanzfläche verausgaben. Vielleicht trägt die britische Gesetzgebung ihren Teil dazu bei, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es nicht zuletzt mit der Substanz an sich zu tun hat. 

Meiner Meinung nach gibt es gute Gründe dafür, warum MDMA die beliebteste Droge in Clubs ist. Ich würde es jederzeit bevorzugen, meinen Herzschlag allmählich dem Beat der Kickdrum anzupassen, als gegen das drängende Gefühl ankämpfen zu müssen, mich mit einer Packung Schokokekse im Raucherbereich zu verkriechen. Meine Beziehung zum Kiffen ist im besten Fall ein Drahtseilakt zwischen harmlosem Vergnügen und Totalabsturz – ja, ich bin so ein "Weichei", von dem vorhin die Rede war. Ich warte also lieber bis zum Ende der Nacht, um mich auf einem bequemen Sofa dem harzig-klebrigen Dunst hinzugeben.

Der Abschlussjoint ist doch ein fester Bestandteil der Clubkultur.

Der Abschlussjoint ist ein fester Bestandteil der britischen Clubkultur. Es ist der große Neutralisator, der hektisch-aufgekratzte Drogenkonversationen zum Verstummen bringt und leidenschaftliche Monologe über die Krise des sozialen Wohnungsbaus in ausgeklügelte YouTube-Sessions verwandelt. Das ist nämlich der einzig wahre Zweck von Gras beim Ausgehen: alle ganz sachte wieder runterzubringen. Die Vorstellung von einem Dübel auf der Tanzfläche spricht mich also nicht wirklich an, andererseits habe ich aber auch nicht viel für Ketamin im Club übrig. Vielleicht ist es einfach eine Typfrage.

Ganz so eng wie Josh sehe ich es allerdings nicht. Wenn Michelle Recht hat und das britische Gras tatsächlich mies ist, dann habe ich vielleicht einfach nur noch nicht wirklich von Freuden eines Clubjoints gekostet. Vielleicht braucht es nur die perfekte Konstellation – das richtige Gras, die richtige Musik, den richtigen Club – und plötzlich sind Kiffen und Techno für mich kombiniert etwas anderes als nur latent anstrengend. Bis dahin werde ich auf der sicheren Seite blieben und mir mein Gras ausschließlich für das abgeranzte Wohnzimmer vorbehalten, wo es auch hingehört.

*Unbedarfter Drogenkonsum kann schwere körperliche und psychische Schäden verursachen. THUMP will dich nicht zum Konsum animieren, wohl aber dazu, dass du dich, solltest du Drogen nehmen, möglichst gut darüber informierst. Alle unsere Artikel zum Thema "Safer Use" findest du hier.

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