Warum ich als Zuwanderin gegen die Ausländerquote in Schulklassen bin
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Integration

Warum ich als Zuwanderin gegen die Ausländerquote in Schulklassen bin

Bildungsministerin Johanna Wanka will Ausländer auf Klassen mit mehr Deutschen verteilen. Keine gute Lösung. Das habe ich selbst erlebt.
25 April 2017, 12:09pm

Das Bild zeigt nicht die Autorin, sondern Unterricht an einem Berufskolleg der Stadt Düsseldorf | Foto: imago

Als ich mit zwölf in meine erste Klasse an einer deutschen Schule kam, war ich baff, wie chaotisch es dort zuging. Das war schließlich Deutschland, das Land der Ordnung. Aber ständig flogen halbvolle Capri-Sonne-Päckchen durch die Luft, die Kerle fochten mit ihren Federmäppchen wie mit Laserschwertern, die Russen verarschten unsere Lehrerin auf Russisch, die Türken auf Türkisch, die beiden Albaner auf Albanisch. Im Vergleich dazu hatte meine alte Schule drei Stunden südlich von Moskau die Disziplin eines Straflagers.

In die Chaosklasse bin ich gekommen, um Deutsch zu lernen. Sie bestand aus einer Lehrerin und knapp einem Dutzend Schüler, deren Eltern frisch in Deutschland angekommen waren. Damals hieß sie noch nicht Willkommensklasse, aber das Prinzip war ähnlich. Obwohl wir ständig ermahnt wurden, in den Pausen Deutsch zu sprechen, sprach jedes Grüppchen seine Landessprache. Mit allen anderen sprachen wir gebrochenes Deutsch.

Der schlimmste Russe von uns, nennen wir ihn mal Stanislaw, gab der Lehrerin den Spitznamen Prostokwascha – Sauermilch – wegen ihrer blassen Miene und dem Gesichtsausdruck, als würde sie dauerhaft an einem Center Shock lutschen. Von ihrem Spitznamen wusste sie nichts, weil sie kein Russisch sprach, genauso wie sie nicht verstand, dass Stanislaw die anderen drei russischen Jungs in der Klasse ständig anstiftete, den Unterricht zu schwänzen und rauchen zu gehen. Anstatt unregelmäßige Verbformen zu pauken, spielte er aus seinem Mini-Kassettenrekorder im Unterricht russische Gefängnis-Chansons und warf mit russischen Kraftausdrücken um sich, die mich rot werden ließen. Die Miene von Prostokwascha wurde noch saurer. Stanislaw wurde schließlich in eine deutsche Klasse versetzt, in der er der einzige Russe war, auch wenn er außer "Hitler kaputt" und "Dein Arsch ist fett" nicht viel Deutsch konnte.

Stanislaw sah ich seitdem nur auf dem Pausenhof, wo er weiterhin mit den anderen Russen Scheiße baute – aber das immer seltener. Er schwänzte viel und verschwand irgendwann ganz – seine Kumpels sagten, auf eine Förderschule. Ich habe damals nicht gedacht: Stanislaw hat nichts gelernt, weil zu viele Russen auf unserer Schule waren. Ich habe gedacht: Vielleicht war es keine gute Idee, eine überforderte Lehrerin einem Dutzend auf Krawall gebürstete Teenager entgegenzusetzen.

Dasselbe dachte ich auch, als ich die Debatte um den Vorschlag der Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) verfolgte. Wanka möchte den Anteil der Schüler mit einem Migrationshintergrund in einer Klasse beschränken. In einem Interview mit dem Focus sagte sie: "Ich bin gegen eine starre Quote, denn die regionalen Unterschiede sind groß. Klar ist aber, dass der Anteil von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund möglichst ausgewogen sein muss." Die Bildungsministerin will damit Klassen verhindern, in denen Schüler mit Migrationshintergrund untereinander zu viel in ihrer Muttersprache reden. Beifall gab es dazu von der Gymnasiallehrer-Gewerkschaft. Deren Chef sagte, Schulklassen mit einem Migrantenanteil von mehr als 35 Prozent würden zu Leistungsabfall und Integrationsproblemen führen – er mahnte, dass die Integration der vielen Flüchtlingskinder nicht klappe, wenn sie aus Willkommensklassen dann in Klassen mit hohem Migrationsanteil kommen.

Meine Frage ist: Wie will die Bildungsministerin das umsetzen? Kinder mit Migrationshintergrund gehen ja nicht vermehrt auf die gleichen Schulen, weil sie sich das selbst ausgesucht haben. Sondern weil sie meistens in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil wohnen. Die vielen Russen auf meiner Schule gab es nur, weil nebenan ein Aussiedlerheim stand. Hätten die Kinder auf weiter entfernte Schulen gehen sollen, nur damit die Klassenmischung stimmt? In den USA hat man diese Lösung ausprobiert. Ohne Erfolg. "Busing" – also die Busbeförderung von Schulkindern in andere Bezirke – wurde in den 70ern in vielen Städten eingeführt, um zu verhindern, dass schwarze Kinder auf Schulen mit überwiegend schwarzen Kindern gehen.

Gebracht hat das wenig: Sie fuhren morgens in "weiße" Schulen in reicheren Gegenden und nach Unterrichtsschluss zurück in die armen Bezirke, ohne an Nachmittagsaktivitäten teilzunehmen. Sie wurden aus ihren bestehenden Klassen und Freundschaften rausgerissen und kamen oft nicht mit dem Stoff mit – weil der Unterricht in ihren alten Schulen tatsächlich schlechter gewesen ist. Die weißen Eltern fürchteten sich daraufhin so sehr davor, dass die Unterrichtsqualität abfällt, dass sie ihre Kinder lieber auf Privatschulen schickten.

Abgesehen davon, ob "Busing" sinnvoll ist oder nicht, fände ich es unfair, einem Kind einen längeren Schulweg zuzumuten, nur weil seine Wurzeln aus einem anderen Land sind. Ich stelle mir vor, dass der Aufschrei ziemlich groß wäre, wenn "bio-deutsche" Kinder länger in Schulen mit hohem Migrationsanteil fahren müssten, damit die Deutschen-Quote dort stimmt. Und außerdem: Was heißt schon "Migrationshintergrund"? Schließlich gibt es auch Zehras und Stanislaws, die perfektes Deutsch sprechen und gut in der Schule sind.

Auch ich war eine gute Schülerin und blieb nicht lang in der Chaosklasse. Prostokwascha gab schnell die Empfehlung ab, mich in eine deutsche Klasse zu schicken, weil die anderen russischen Kinder mich "bremsen" würden. In der neuen Klasse war ich die einzige Migrantin, fühlte mich einsam und hasste die Schule. Nachdem eine Mitschülerin mich dafür verarscht hat, dass ich "die Wasser" und "der Auto" sagte, blieb ich im Unterricht und in den kleinen Pausen so gut wie stumm. In den Hofpausen hing ich wieder mit den Chaos-Freunden ab.

Vom Erdkunde- und Deutschunterricht in meinem ersten Jahr bekam ich so gut wie nichts mit – nach drei Monaten in Deutschland war ich noch nicht imstande, Texte über Gezeiten zu verstehen und Aufsätze und Diktate mitzuschreiben. Wankas Forderung, dass Eltern aus Migrationsfamilien zu Hause mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollen, hätte wenig gebracht. Ihr Deutsch war ja noch viel schlechter als meins. Gewünscht hätte ich mir stattdessen, dass meine Schule Deutschförderunterricht angeboten hätte – oder Nachhilfe in Fächern, bei denen Nichtmuttersprachler nicht mitkommen.

Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund steigt in deutschen Schulen: laut dem Statistischem Bundesamt in Grundschulen seit 2013 um 1,8 Prozent, in Hauptschulen um 2,2 Prozent. In Gymnasien ist er aber nur um 0,1 Prozent gestiegen und in Realschulen sogar um 0,4 Prozent gesunken. Letztere Zahlen zeigen wie viele andere Studien auch, dass es Kinder mit Migrationshintergrund schwerer im deutschen Bildungssystem haben. Es ist eine der größten Herausforderungen des deutschen Bildungssystems, allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen – auch denen aus armen Familien, auch geflüchteten Kindern oder Kindern von Zuwanderern.

Klar, es ist schwierig für Lehrer, gleichzeitig viele Kinder zu integrieren, die schlecht Deutsch sprechen. Prostokwaschas Leben haben wir damals wirklich zur Hölle gemacht. Kinder mit Migrationshintergrund auf "deutschere" Klassen zu verteilen, kann aber nicht die Antwort sein. Damit macht es sich die Politik zu einfach. Kinder auf eine weiter entfernte Schule zu schicken, kostet kaum Geld. Förderunterricht, mehr Lehrer, mehr Ganztagsschulen eine Menge. Mich persönlich haben damals nicht die anderen russischen Kinder gebremst. Sondern die fehlende Förderung.

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