Robert Hofmann von Vice liegt beim Dreh von Uwe Bolls "Hanau" auf einem Sofa, nachdem er gespielt hat, erschossen zu werden
Alle Fotos: Gabriel Schäfer
Menschen

Ich spiele im neuen Film von Uwe Boll mit – und bereue es

Eins weiß ich jedenfalls: Wenn ich das nächste Mal vielversprechende Posts im Internet sehe, frage ich zuerst nach, worum es geht.
2.4.21

Am Anfang steht ein Facebook-Post. Der Regisseur Uwe Boll, den manche einen Trash-Regisseur nennen, sucht kurzfristig nach Schauspielern. Zwei Männer. Mainz. Keine Gage.

Ich liebe die Idee sofort. Vielleicht treffe ich ja Stars. Und vielleicht werde ich selbst einer? Boll hat ja schon Schauspieler wie Ben Kingsley (Gandhi, Schindlers Liste, Oscarpreisträger!), Jason Statham (The Fast and the Furious, The Transporter!), J.K. Simmons (Whiplash, Spider-Man, OSCARPREISTRÄGER!) und, na ja, Til Schweiger dirigiert. Ich schreibe ihm eine private Nachricht. 

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Was ich da noch nicht weiß, ist, dass ich nicht in einem blutbunten Actionfilm mitspielen, sondern so lange in die Abgründe der jüngeren deutschen Geschichte blicken werde, bis diese zurückstarren. Es dauert nicht lange, bis Uwe Boll auf mein Angebot reagiert.


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Boll galt lange als schlechtester Regisseur der Welt. Man verlieh ihm mehrere Goldene Himbeeren, den Negativpreis für Filmschaffende. Den haben aber auch Regielegenden wie Paul Verhoeven oder William Friedkin gewonnen. Außerdem verdiente er auch viel Geld mit grottenschlechten Computerspielverfilmungen wie Alone in the Dark, BloodRayne, Far Cry.

Prügeln für Anerkennung

Unter Kritikern galt Boll-Bashing lange als sicherer Weg, um Anerkennung zu bekommen. Nerdige YouTuber, Blogger und andere semiprofessionelle Kritiker, Film- und Spielefans überboten sich in kreativen Beleidigungen.

Die Lautesten unter ihnen lud Boll einmal zum Boxkampf. Was die Kritiker nicht wussten, war, dass Uwe Boll jahrelang selbst geboxt hatte. Er verprügelte sie alle. Auf YouTube sieht man sie zu Boden gehen oder nach dem Kampf auf die Straße kotzen.

Irgendwann widmete sich Boll Themen, die ihm persönlich am Herz lagen. Ich habe beide Phasen mitgemacht, die Computerspiel-Action und die kleineren Filme. Wahrscheinlich muss man sagen, dass ich Fan bin. Besonders journalistisch ist das nicht, weil Journalisten sich bekanntlich mit keiner Sache gemein machen sollen, selbst wenn es eine gute ist, und Uwe Boll ist zweifelsfrei die Beste. Diese Meinung werde ich im Laufe meiner Recherche ändern.

Hustlen für den Fame

Was kommt heute auf mich zu? Als Nachwuchsschauspieler muss ich natürlich härter schuften als die Altstars. Ich will also perfekt vorbereitet sein. Wie geht das, frage ich Boll. Ich soll ein Ersatzhemd mitbringen. 

Eine Woche später komme ich pünktlich am Restaurant an, zu dem Boll mich bestellt hat. Um besser vorbereitet zu sein als all die anderen, habe ich nicht ein, sondern zwei Ersatzhemden dabei. Heute ist mein Tag, denke ich, und morgen wird ein Star geboren worden sein. Was ich bald herausfinden werde, ist, dass die zwei Ersatzhemden nichts wert sind. Dass ich morgen alles andere als ein Star sein werde, weiß ich aber noch nicht.

Uwe Boll - der Polit-Regisseur?

Bolls Filme, auch die neuen, sind mitunter reichlich geschmacklos. In Auschwitz etwa begleitet die Kamera einen kleinen Jungen von der Rampe in Birkenau bis in den Ofen des Krematoriums. Die Kritiken zu dem Film sind sich weitgehend einig in ihrer Ablehnung. Die Berlinale hat sich geweigert, ihn ins Programm aufzunehmen. In Yad Vashem hingegen sei er gezeigt worden, sagt Boll. Boll will schocken, Pietät hat da keinen Platz. 

Das soll nun nicht heißen, dass Bolls Filme alle schlecht sind. Darfur, Assault on Wallstreet, Rampage 1 und 2 - alles ordentliche Filme, manche richtig gut, sozialkritisch, sogar klug. Trotzdem hörte er 2016 auf, Filme zu drehen. 

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Was dann folgte, war irgendwas zwischen politischem Engagement und Populismus. Er trat in die Partei "Das Haus Deutschland" ein, wurde deren Bundessprecher und trat wieder aus, als die Partei sich über seine Kritik an Xavier Naidoo aufregte. Boll sagt: "Ich bin ein Linker."

Action gegen Nazis

Ich treffe Uwe Boll vor dem Restaurant. Er führt mich in den Raum, in dem überall Menschen mit Scheinwerfern, Kabeln und Kameras rumlaufen. Am Set ist auch Olaf Ittenbach. Er macht die Special Effects. "Wenn ich sage, der Kopf muss weg, dann kommt der Kopf weg. Der ist einfach der beste Blutheini in Deutschland", sagt Uwe Boll.

Uwe Boll beobachtet die Kameraarbeit über Bildschirme, hier liege ich nach der Actionszene auf dem Sofa

So sehen die Kameras unser Schauspiel

Im Herbst 2020 hatte Uwe Boll sein Comeback angekündigt. Zwei Filme wolle er drehen, einer würde "Deutschland im Winter" heißen. Der solle ein Deutschland zeigen, in dem die Faschisten wieder regieren, AfD, QAnon und so. Der andere blieb vorerst geheim. 

Wird das heute also der neue Uwe Boll-Actionfilm? Geil. Ich werde ein Star. Ob Jennifer Lawrence vielleicht mal Lust auf einen Weinspaziergang am Landwehrkanal haben könnte?

Hanau

Ich will jetzt sofort wissen, woran ich hier mitarbeiten werde. Ich frage Boll. Drehen wir hier "Deutschland im Winter"? "Nein", sagt er. "Der Film heißt 'Hanau'. Wir drehen heute die Shishabar-Szene." 

Hanau, der rechtsextreme Terroranschlag. In der Nacht des 19. Februar 2020 erschoss ein Rassist in der hessischen Stadt neun Menschen, deren Hautfarbe oder Hintergrund ihm nicht gefielen. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. 

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Die Tat zeigte auch das Versagen der Sicherheitsbehörden: Warum durfte der Typ eine Waffe besitzen? Warum fragte niemand nach, als er immer wieder absurde Anzeigen bei der Polizei erstattete, die allesamt auf ein rechtsextremes Weltbild und akuten Verfolgungswahn schließen ließen? Und warum zur Hölle kam die Polizei nicht, obwohl die Opfer und Zeugen die ganze Nacht immer wieder versuchten, sie zu holen?

Und jetzt drehen wir hier, ziemlich genau ein Jahr danach einen Film? Ich bin unvorbereitet, kenne keine Textzeile, nicht mal den Namen meines Charakters. Was ist mit "Say Their Names"? Der einzige echte Schauspieler am Set ist der, der den Mörder spielt, Steffen Mennekes, ein altes Boll-Gewächs, der bald schon keine Interviews mehr zu dem Thema geben möchte. Außerdem bin ich selbst so weiß, wie man nur weiß sein kann. 

Und trotzdem bin ich jetzt hier. Gleich kommt noch der Fotograf. Ich kann doch jetzt nicht einfach abhauen. Ich habe ja auch Lust, bei einem Filmdreh dabei zu sein. Ich will das erleben, notfalls auch in aller Pietätlosigkeit. Ich bin schließlich Fan von Boll, ich kann ihn doch jetzt nicht hängen lassen. Mit diesem seltsamen Gefühl im Bauch, das mir zeigen will, dass meine Entscheidung knapp ausfiel, dass es vielleicht auch die äußeren Zwänge sind, die sie erzwungen haben, dass ich einfach zu schwach, zu gefallsüchtig und feige war, beschließe ich, zu bleiben.

Da werden wir erschossen

Nach einem Corona-Schnelltest trete ich mit einer Unterschrift alle Rechte an den Bild- und Tonaufnahmen ab. Währenddessen sitzt neben mir Daniel Faust. Er ist Schauspieler, der seinen Beruf zum Hobby gemacht hat. Geld verdient er mit einem Spielwarenladen. Auch er ist über den Facebook-Post hier gelandet. Worum es heute geht, weiß auch er nicht. Aber er hat ein Ersatzhemd dabei. Eins. Dafür belächle ich ihn, obwohl er mir später damit den Arsch retten wird.

Schnell füllt sich das Restaurant mit anderen Schauspielern. Viele People of Color. Die meisten haben einen bedrückend persönlichen Bezug zum Thema des Films, wie sie später erzählen werden. Wenn sie hier sind, mitmachen und ihr Gesicht zeigen wollen, dann kann das Ganze nicht so schlimm sein. Oder? Immer wieder verschwinden Menschen die Treppe hinauf, schweres Film-Equipment auf den Schultern. Da oben wird gleich gedreht, erklärt Boll. Da werden wir erschossen.

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Ich weiß nicht, was ich tun soll. Gehen? Mitmachen? Mir das alles anschauen, um es festhalten zu können für diejenigen, die sich hierüber aufregen werden aber auch für die, die kein Problem darin sehen, dass ein Weißer Mann einen Film über Menschen dreht, die ihr Leben lang Rassismus erlebt haben, bevor sie aus diesem Grund ermordet wurden? Ich glaube jedenfalls nicht, dass ich einen Film über Hanau brauche, damit ich das Thema besser verstehe oder damit ich eine Haltung dazu entwickeln kann. Dafür sind meine Gedanken im Kopf, meine Gefühle im Bauch schon konkret genug. Aber vielleicht ist Bolls Intention auch wertvoll. Vielleicht kann der Film etwas bewegen bei denen, die es nicht verstanden haben, für die "Hanau" nur eine Meldung in den Nachrichten war.

"Jesus"

Aber es bringt wenig, über Bolls Intention zu spekulieren. Ich muss ihn selbst fragen, was das soll. Warum braucht es diesen Film in seinen Augen und warum macht er ihn?

Boll ist 55. Er überdeckt heute seine lichter werdenden, grauen Haare mit einer Baseball-Mütze und seinen breiten Boxerkörper mit einem grauen Sweatshirt. Er ist ein dankbarer Interviewpartner, weil er alles zu sagen scheint, was gerade in seinem Kopf herumschwabbelt, meistens ist das Wut. Man muss ihn nur anpieksen und schon sprudeln aus ihm Schimpftiraden über Politik, die Filmwelt und die Wahrnehmung seiner Person. Oft ist das unterhaltsam, manchmal aufschlussreich und manchmal möchte man ihn bitten, nicht weiterzureden, um ihn vor sich selbst zu schützen. 

Uwe Boll und Robert Hofmann von Vice bei den Dreharbeiten zu Uwe Bolls "Hanau"

Der Regisseur und der Journalist

"Hanau war sehr frisch", sagt Boll auf die Frage, warum er den Film macht. "Wenn man etwas macht, was sich mit dem Hier und Jetzt beschäftigt, kann man mehr über die aktuellen Probleme sagen." Und was sind die aktuellen Probleme? "Leute die durchs Internet angestachelt werden, das ist eine akute Bedrohung. Reichsbürger, QAnon, Neonazis." Das stimmt natürlich. Aber das Thema ist ja auch wahnsinnig komplex. Und dabei gar nicht immer so wahnsinnig wie der Täter vermutlich war. Ich denke, dass es sich auch zeigen und erklären ließe, ohne dass wir anderthalb Stunden lang einem Rassisten beim Morden zuschauen müssten.

Ich bin immer noch nicht sicher, Flucht oder Kampf? Wegfahren, zurück nach Berlin oder dableiben, alles mitmachen und darüber schreiben. In einer ruhigen Sekunde schreibe ich meinem Chefredakteur, eine Executive Decision wird mir gut tun: "Wir drehen hier Hanau." Er antwortet "Jesus". Er sagt, dass das alles verändere, dass das hier kein lustiger Text über eine skurrile Erfahrung werden könne, sondern dass ich womöglich an etwas mitarbeite, das von Grund auf pietätlos und schrecklich ist. "Ja, ach nee", denke ich, sage aber "du hast Recht", weil es der Chef ist. Trotzdem kommen wir überein, dass auch ein Text über ein schreckliches Ereignis eine Daseinsberechtigung hat und wahrscheinlich sogar wichtiger ist, als einer von den lustig Dummen. Ich werde mir das anschauen. 

Unreflektiert direkt

Ich kann jetzt also nicht mehr alles auf mich zukommen lassen. Ich muss arbeiten, mit den Menschen reden, zuhören. Und dann schauspielern, mitmachen, ein Teil werden von diesem Film, von dem ich weiß, dass er vielen Menschen nicht gefallen kann, weil er alles missachtet, was der moderne Diskurs über Rassismus fordert. Aber ich habe mich entschieden: Ich werde Boll nicht hängenlassen und stattdessen versuchen, die Stimmung einzufangen, die Meinungen derjenigen, die hier mitmachen und dann einen Text schreiben über das, was ich erlebt habe. Diesen Text hier.

Vor allem geht es mir um die Meinungen der People of Color. Dem Augenschein nach erleben auch sie Rassismus. Auch sie hätte der Täter in Hanau aus Rassismus erschossen. Warum machen sie hier mit? Und was will Uwe Boll hier erreichen? 

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Darauf hat Boll nun eine Antwort. "Es muss Filme geben, die zeigen, wie es aussieht, wenn einer in den Kopf geschossen oder vergast wird. Damit die Leute wissen, wie es wirklich ist." Aus dem Grund zeige ja auch Yad Vashem seinen Auschwitz. Weil er nichts verkünstele oder beschönige.

Er habe viel recherchiert, sagt Boll. "Ich kenne die Polizeiprotokolle, habe viele Medienberichte gelesen, mir Dokus angeschaut und dann rekonstruiert, wie es abgelaufen ist. Die Lücken musste ich natürlich ausfüllen, ohne etwas frei zu erfinden." 

Eine Woche nach dem Dreh bin ich mir immer noch unsicher, wie ich mich dazu verhalten soll. Manchmal wache ich nachts auf, weil ich denke, ich habe die Opfer von Hanau verraten und ihre Angehörigen – die sich mittlerweile zu Wort gemeldet haben. Dann wiederum denke ich an Uwe Boll, den ich ja immer noch toll finde für seinen Mut und die furchtlose Attitüde seinen Gegnern gegenüber. Ich glaube ja auch, dass es einen Film braucht, eine Dokumentation oder ein Dokument – eine Explosion, die die Öffentlichkeit wachrüttelt und für den Rassismus sensibilisiert, der immer stärker zu werden scheint. Aber ich will eigentlich nicht sehen, wie die Menschen ein zweites Mal hingerichtet werden.

Ich telefoniere deshalb mit Marcus Stiglegger. Er ist Film- und Kulturwissenschaftler und beschäftigt sich derzeit vorrangig mit Ethik im Film. Er kennt die Filme Bolls. Er soll mir dabei helfen, das Erlebte einzuordnen. Dass ich selbst in dem Film mitgespielt habe, erzähle ich ihm nicht. Aus Scham. "Uwe Bolls Filme werden oft schnell, aus einem Impuls heraus produziert und zeigen seine Wut über einen Missstand oder den öffentlichen Umgang mit einem Thema. Das ist vielleicht nicht die reflektierteste Form des Filmemachens", sagt er.

Der Heerführer dezimiert die Reihen

Zurück am Set gehen wir ins Obergeschoss. Die Fenster sind abgeklebt, warmes künstliches Licht. Hier stehen schwere Sofas und Sessel aus schwarzem Kunstleder. Boll verteilt alle Schauspieler, etwa ein Dutzend, auf die vier Sitzecken in dem Raum. Ich sitze auf einem Sofa in der Mitte und neben mir Daniel Faust, der Hobbyschauspieler mit dem Spielwarenladen. Er hofft heute immer noch auf seine große Chance, von der ich mich bereits verabschiedet habe. Ich hatte gehofft, mein erster Filmdreh stünde in einem anderen Kontext. Aufregend ist es trotzdem. Und in wenigen Minuten wird es auch zu spät sein, um es mir anders zu überlegen.

Dann geht Boll mit uns die Szene durch, Einstellung für Einstellung. Gemeinsam mit Steffen Mennekes geht er an uns Schauspielern vorbei, sie schreiten die Reihen ab. Boll entscheidet, wer in dieser Szene Opfer werden soll und wie. Wer kriegt eine kleine Sprengladung mit Blutkissen unters Hemd, wessen Kopf soll später explodieren, wer kann sich retten, wer wird verschont?

Blutspritzer auf dem Boden

Der gesamte Raum muss später von all dem roten Kakao gesäubert werden.

Ich hatte mich darauf gefreut, blutig erschossen zu werden. Jetzt wäre es mir lieber, wenn ich nicht im Bild wäre. Mich rettet die Tatsache, dass die Ersatzhemden identisch sein müssen, damit man auch nach der Splatter-Szene noch Einstellungen drehen kann, die chronologisch davor spielen. Ich aber habe einfach meine beiden schicksten Hemden im Rucksack. Ich soll also nicht erschossen werden. Uwe Boll erklärt Mennekes den Ablauf: "Du knallst den ab und den. Bumm. Bumm. Den lässt du leben. Den knallst du ab und den. Bämm. Bämm. Dann gehst du weiter. Den ins Bein, dem in den Kopf. Der überlebt", zählt Boll auf. "Wenn der am Boden liegt, gehst du hin und knallst ihm in den Kopf. Executioner Style."

Die rettenden Hemden

Vor mir bleibt Boll stehen. "Den verschonst du", sagt er zu Mennekes. Und dann zu mir: "Bei einem war der Killer sich nicht sicher, wie er ihn einordnen soll, ob er Deutscher ist. Er hat ihn verschont. Das bist du." Was das heißt? Mennekes soll später durch den Raum gehen, alle erschießen, dann bei mir anhalten, mich anschauen, meinen Nachbarn erschießen, die Waffe auf mich richten, fragen "Is' was?" und gehen. Die Kamera würde dabei ein paar Sekunden auf meinem Gesicht verharren. Der wahrscheinlich dramatischste Moment der Szene, wird er schießen oder nicht? Boll weiß offensichtlich, wie er Spannung erzeugen kann.

Gleichzeitig wäre ich der einzige Opfer-Schauspieler mit Close Up. Als der Weiße im Raum. Ich will das nicht. Das müsste doch wirken, als wäre es mir besonders wichtig, hier dabei zu sein. Als wäre ich besonders stolz auf meine Teilnahme. Dabei weiß ich doch gar nicht, ob ich nicht am liebsten einfach gar nicht im Film erscheinen würde. Ich will nicht, dass später Angehörige diesen Film sehen und mich darin und sich fragen müssen: "Soll das mein Sohn sein?".

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Zum Glück spüre ich Daniels Unzufriedenheit. Ich meine, an seinen Blicken erkennen zu können, dass er es gerne wäre, der zwei Sekunden mehr Screentime kriegt. Ich schlage ihm vor, dass wir tauschen, ich ziehe sein Shirt an, er nimmt meinen Platz ein. Ich bin erleichtert.

Die Schauspieler

In der Mittagspause esse ich Hühnerfrikassee und spreche mit Schauspielern. Anthony Adragna kommt aus Ludwigshafen und hat da eine eigene Shishabar. Er sieht jung aus, hat ein weiches, freundliches Gesicht und ich hätte ihn weder für einen Unternehmer, noch einen Familienvater gehalten. Am 19. Februar 2020 arbeitete er in seiner Shishabar, als der Terroranschlag begann. "Wir waren geschockt", sagt er. "Ich habe alle nach Hause geschickt. Wir wussten ja nicht, ob es noch mehr Angriffe auf Shishabars geben würde." Er sei sich anfangs nicht sicher gewesen, ob er bei dem Film mitspielen möchte. Er habe sich nach einem Gespräch mit seiner Frau aber entschlossen, sein Schauspiel dem Andenken an die Opfer zu widmen. "Damit alle Leute erfahren, was da passiert ist." 

Von den Darstellern, mit denen ich spreche, sagen das mehrere. Dass sie einfach wollen, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass hier ein Terroranschlag auf Menschen wie sie verübt wurde. Und dass sie das für die Opfer tun.

Ich wünschte, ich könnte das gleiche sagen. Aber wofür habe ich es getan? Ich bin geblieben, um darüber schreiben zu können. Für die Opfer? Vielleicht auch. Eher aber, weil ich gespürt habe, dass hier etwas geschieht, was bald Aufmerksamkeit bekommen wird. Und weil ich dieses Ereignis exklusiv aus einer Perspektive erleben würde, die dem Spiegel vorenthalten bliebe. Mein Chef nennt das später "Reporterglück". Aber so richtig glücklich bin ich trotzdem nicht.

Anthona Adragny und Ismail Teggour bei den Dreharbeiten zu Uwe Bolls "Hanau"

Anthony Adragna und Ismail Teggour

Ismail Teggour ist 44 und arbeitet in Düsseldorf als Musikproduzent. Er sieht seine Arbeit an dem Film sogar als Engagement gegen Rechts. Schon als Jugendlicher sei er Antifaschist gewesen. "Es hätte jeden treffen können", sagt er. "Nach Hanau war mein Sicherheitsgefühl weg. Es hätte ich sein können, mein Sohn oder mein Bruder. Man ist nirgendwo sicher."

Und er ist sich einig mit Boll, Teggour sagt: "Ich mache der Politik Vorwürfe. Ich spüre schon länger, dass der Rassismus in Deutschland wächst, dass sich da was zusammenbraut. Aber der Fokus ging immer in den islamistischen Bereich. Hanau wurde nach ein paar Wochen vergessen. Wäre der Täter Islamist gewesen, hätte das ganz anders ausgesehen."

Eine Shisha wird am Set von Uwe Bolls Film "Hanau" aufgebaut. Miran Vegas nach der Actionszene.

Auch Miran Vegas hat ein Opfer gespielt.

Miran Vegas ist 35 Jahre alt und Stadtpolizist in Friedrichsdorf. 2018 patroullierte er in Hanau. Er kennt die Tatorte und die Shishabar-Besitzer. "Es hätte damals auch mich treffen können", sagt er. Er sei Fan von Uwe Boll. "Wenn der Filme nach wahren Begebenheiten dreht, dann original und ehrlich. So muss das sein. Es muss nicht alles immer brutal sein, aber bei manchen Themen ist es mir wichtig, dass es ehrlich ist. Und das Massaker in Hanau war brutal. Filmkritiker meinen, das geht nicht, aber Boll will durchziehen, das finde ich gut."

Dass Boll nicht mit den Angehörigen gesprochen hat, findet er nicht gut. "Das ist eine Respektsache. Also gut, kein Elternteil wird sehen wollen, wie das eigene Kind abgeschlachtet wird. Gleichzeitig muss man zeigen, dass für Rassismus kein Platz ist und Boll damit auch ein wenig Wahrheit ans Licht bringen wird."

Ein anderer Schauspieler will nach dem Interview, als der Shitstorm schon gegen alles peitscht, was über den Film bekannt ist, lieber anonym bleiben. "Ich wünschte, ich könnte in den Schnittraum rein, die Brutalität rausnehmen, noch eine Background-Story zu den Opfern machen." Er sagt aber auch, dass es die Gewalt vielleicht brauche, um zu zeigen, dass das ein Thema ist, über das man nicht lachen kann. Er habe kürzlich ein Video des "Volkslehrers" auf YouTube gesehen, in dem der genau das getan habe. Über Hanau gelacht. 

Das beruhigt mich. Natürlich bin ich weiterhin die Kartoffel unter ihnen, aber wenn die anderen Schauspieler Uwe Boll vertrauen, dann kann man zumindest davon ausgehen, dass seine Intention nicht grundlegend daneben ist. Ob das für den Film selbst gilt, werde ich erst sagen können, wenn ich ihn gesehen habe.

Die Stunde des Blutheinis

Nach der Mittagspause wird geballert. Später werden die Mitarbeiter Bolls den gesamten Raum bis an die Decke von den Spritzern rot gefärbten Kakaos säubern müssen. Mehrfach spielen wir die Erschießungen. Immer wieder richtet Mennekes eine Pistole auf uns und drückt ab. Platzpatronen knallen krasser als normale Kugeln. Es ist so laut, dass wir Ohrstöpsel tragen. 

Wir sollen unsere Shirts wechseln. Die Ersatzhemden hat Olaf Ittenbach, der Blutheini, mittlerweile mit kleinen Sprengsätzen und Blutbeuteln versehen, die per Fernsteuerung gezündet werden. Damit spielen wir die Erschießungen erneut. Ich spüre nur einen kleinen Stupser auf der Brust, doch Daniels Hemd ist danach blutig durchsuppt. 

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Mich enttäuscht das und diese Enttäuschung ist mir unangenehm – ich spiele immer noch einen echten Menschen, dessen Angehörigen nur knapp 70 Kilometer entfernt leben. Ich dachte, hier schießt gleich eine Blutfontäne aus meiner Brust, nicht nichts. Und doch macht es Spaß, den Erschossenen zu spielen. Ich liebe Actionfilme, habe mich immer gefragt, wie es ist für diejenigen, die später als "Bodycount" in die Statistik eines Filmes eingehen. Jetzt weiß ich es: Unspektakulär und aufregend gleichzeitig. Ich gebe mein Bestes, wenn ich meinen Körper so zurückschnellen lasse, als wäre ich wirklich getroffen worden und vergesse dabei gern, wer hier eigentlich erschossen wird.

Dreharbeiten zu Uwe Bolls "Hanau" eine Blutsprengkapsel

Diese Sprengladung zerstört Hemden und lässt Blut spritzen

Anschließend spielen wir, wie wir durch den Raum kriechen und weinen und schreien und die Polizei zu rufen versuchen. "Ich hätte dafür lieber professionelle Schauspieler genommen", sagt der anonyme Schauspieler zu unserer Leistung. Da hat er Recht. Wie mein Nebenmann da meinen rotbefleckten Körper an sich zieht, schluchzt und um Hilfe ruft, das klingt nicht authentisch. Ich bin froh, dass ich nur den Angeschossenen spielen muss, der nicht spricht.

Aber was heißt das für den Film, wenn wir Schauspieler so mittelmäßig sind? Was bedeutet das für die Darstellung der Opfer, darf man das so machen? Marcus Stiglegger, der Filmwissenschaftler, meint dazu: "Die Opfer dürfen nicht bloßgestellt, nicht würdelos dargestellt und verraten werden von der künstlerischen Entscheidung. Man darf nicht erkennen können, warum der Täter sie ausgewählt hat." Und: "Man kann eine Person, die zum Gewaltopfer wird, respektlos behandeln. Der filmische Blick ist wichtig: Wo steht die Kamera, welche Perspektive wähle ich? Es geht nicht darum, nichts zu zeigen, sondern darum, wie ich es zeige."

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Uwe Boll sieht das anders. "Pietätlos ist es, wenn man sich bei solchen Themen regierungskonform, mit betretenem Gesicht versucht, wegzuducken", sagt Uwe Boll. Er will provozieren und Finger in Wunden legen. Nur dass diese Wunden nicht auf den Körpern derjenigen klaffen, die er anklagt. Der Politik, dem Alltagsrassismus ist es egal, wie blutig Boll in seinem Film hinrichten lässt.

Dreharbeiten zu "Hanau" von Uwe Boll. Schauspieler spielen Opfer

Ein Opfer nach dem Kopfschuss

Der Shitstorm

Überhaupt frage ich mich, ob dieser Ansatz, dem Täter den Plot zu schenken, der richtige ist. Kann der Täter als Protagonist nicht zur Identifikationsfigur für potenzielle Nachahmer oder Sympathisanten werden?

Boll hat sich da schon etwas überlegt: "Der Täter wird nicht glorifiziert. Er wird dargestellt als einer, der nie eine Frau hatte, nie eine Freundin, ein Würstchen, ein Schizoider, der im Internet untergegangen ist. Selbst Rechtsradikale werden ihn nicht zum Superhero ausrufen können." Da bin ich bei Boll. Ich glaube, eine Filmfigur zu dekonstruieren, schafft er. Dieser Film wird kein Neonazi-Porno werden, wenn Boll es nicht will.

Am nächsten Tag frage ich mich trotzdem, ob ich da jetzt an etwas Unsäglichem teilgenommen habe. Ich möchte mit Opfervertretern sprechen und mit der Stadt Hanau. Beides wird schwierig. Wobei ich auch nicht selbst nach Hanau gefahren bin, um die Angehörigen im "Laden" zu besuchen, dem Ort, wo sie sich regelmäßig treffen und mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Das tut mir leid. Ein wenig fühlt es sich so an, als würde auch ich sie verraten, als würde auch ich den Weißen die Deutungshoheit über diese Geschichte schenken, ohne ihre Meinung gehört zu haben. Dann wiederum habe ich es versucht. Meine E-Mails bleiben weitgehend unbeantwortet.

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Anderthalb Wochen nach dem Dreh veröffentlicht die Stadt Hanau einen offenen Brief, der den Shitstorm lostritt, der sehr persönlich gegen Uwe Boll gerichtet ist. Er ist unterschrieben von Vertretern der Stadt. Auch die Namen der Opferfamilien stehen darunter, allerdings ohne Unterschrift. 

Es ist von einem "Deckmäntelchen der Aufklärung und Kunst" die Rede, von "blutrünstiger Sensationsgier" und einer "Unverfrorenheit des Vorgehens". Außerdem fordert er, die Dreharbeiten abzubrechen, den Film nicht zu vollenden. Das finde ich anmaßend. Zwar liebäugele ich kurz mit dem Impuls, zu hoffen, dass der Film einfach in der Schublade verschwindet und damit mein Name in den Credits. Gleichzeitig finde ich diesen Brief unfair gegenüber Boll.

Es scheint, als sei es einzig seine Person, die zu dieser Kritik führte. Nicht dass ich das nicht nachvollziehen könnte, sein Ruf ist nun mal der des Boxers, der Kritiker verhaut. Aber er hat nun mal auch Filme gemacht, die relevante Botschaften in sich tragen. Außerdem finde ich den Ruf nach Zensur gefährlich, dafür sind Kunst- und Meinungsfreiheit zu wichtig.

In einer Mail Ende März schreibt Uwe Boll: "Jeder Versuch der Kulturzensur und des Verbotes meines Films wird juristische und finanzielle Konsequenzen für den oder die Kläger haben."

Bei der Frage nach einem Verbot wird auch Filmwissenschaftler Stiglegger deutlich. "Es ist Teil der aktuellen Erregungspolitik, dass Partikularinteressen in die Öffentlichkeit getrieben werden. Es ist nachvollziehbar, dass Angehörige nicht wollen, dass aus ihrem Leid ein Actionfilm entsteht. Aber die Situation ist nicht neu, das kam in der Filmgeschichte immer wieder vor. Damit muss die Öffentlichkeit klarkommen."

Der Hanauer Brief fordert Boll auf, die Persönlichkeitsrechte der Opfer zu wahren und droht bei Verstoß mit einer Anzeige und Klage. Er wirft ihm vor, keinen Versuch unternommen zu haben, Kontakt zu den Opferfamilien aufzunehmen.

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Uwe Boll hat der Bildungsinitiative Ferhat Unvar eine lange Mail geschrieben, in der er sein Anliegen darlegt. Die Initiative wurde von der Mutter von Ferhat Unvar gegründet. Eine Angestellte der Stadt antwortete Boll. Die E-Mail-Korrespondenz konnte ich einsehen. Von der Stadtangestellten habe Boll auch die Antwort bekommen, dass die Angehörigen nicht mit Boll arbeiten und kein Interview geben möchten. Mit mir möchte die Frau nicht sprechen.

Es ist in Ordnung, dass trauernde Angehörige einem Regisseur keine Interviews geben wollen. Jeder soll selbst darüber entscheiden, wie er mit Traumata umgeht und zu einem Gespräch verpflichtet ist ohnehin niemand. Trotzdem wirkt es seltsam, dass die Stadt sich vor die Opfer stellt und Anfragen nicht weiterzuleiten scheint.

Mit dem Shitstorm beginnt Boll sich gegen die Vorwürfe und Verbote zu wehren und wird dabei zunehmend wütend, kompromisslos und scheinbar auch verzweifelt. Zwischendrin meldet sich sogar seine Frau auf Twitter zu Wort und nimmt ihn in Schutz. Als Ende März ein kritischer Artikel im Spiegel erscheint, kommt wieder eine Mail, in der er sich aufregt:

Uwe Boll begutachtet sein Werk.

Der Regisseur bei der Arbeit, von hier ruft er Regieanweisungen ans Set

Say Their Names

"DER SPIEGEL suggeriert auch ich hätte wohl nicht mitbekommen, dass nun die Opfer immer im Mittelpunkt zu stehen haben und nicht der Täter. (...) Meine Gegenfrage wäre: Sind Sie sich über diese komplette Idiotie Ihrer Aussage bewusst? Ich mache konkrete Filme, die eben anders sind als elegische, philosophische Dramen." Es ist dieser Satz, bei dem ich mich entschließe, eine feste Meinung zu haben. Nicht über den Film, den kenne ich nicht, aber über die Intention des Regisseurs. Ich meine, diese Härte wird der Ambivalenz, Komplexität und Sensibilität des Themas nicht gerecht. Ja mehr noch: Ich finde, er disqualifiziert sich als ernstzunehmender Gesprächspartner.

Der Terroranschlag von Hanau hat Menschen aus ihrer Heimat gerissen, aus dem Gefühl, da zu Hause zu sein, wo sie geboren wurden, wo sie aufgewachsen sind. Und zwar nicht nur in Hanau, in ganz Deutschland. Ein Rassist hat ihnen dieses Gefühl genommen. Und dieser Rassist bekommt nun abendfüllende Aufmerksamkeit.

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Boll sagt, Hanau sei ein politischer Film. "Es geht um das Problem mit Rechten" und "Nächstes Jahr wird zum Jahrestag niemand mehr nach Hanau kommen, aber meinen Film wird es weiterhin geben."

Uwe Boll wirkt bei seiner Selbstverteidigung ein bisschen wie unsere Väter, die in den 70ern gegen die CDU protestiert haben, freie Liebe leben wollten, und sich bis heute für unangreifbar links halten. Das N-Wort nutzen sie trotzdem und wenn sie von Türken sprechen, klingt da immer so eine ungreifbare Abfälligkeit mit. 

Boll meint es gut, merkt dabei aber nicht, dass der Diskurs an ihm vorbeigezogen ist. Dass man heute nicht mehr über Opfer hinweggeht, dass die Gefühle von Hinterbliebenen ein Faktor sind, der in die Vorbereitung eines Films mit einbezogen gehört. Das macht Boll nicht zum Rassisten, aber es macht ihn zumindest blind für den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft, der in allen Strukturen des Gemeinwesens steckt, Menschen, die "anders" gelesen werden, das Leben zur Hölle macht und der das eigentliche Problem ist - das Problem, gegen das er Filme macht. 

Warum aber will Uwe Boll unbedingt den Täter im Mittelpunkt haben, warum nicht die Opfer? Warum braucht es das? Warum macht er sich auch so angreifbar, dafür wird es doch einen Grund geben. Darüber muss er sich Gedanken gemacht haben. Ich wünsche mir, dass er mich mit seiner Antwort überzeugen kann. "Wenn man einen Film macht, muss man sich auf die Driving Force konzentrieren. Und das war hier der Täter. Ohne den wäre gar nichts passiert. Für mich ist nur wichtig, dass kein Opfer negativ gezeigt wird." Außerdem habe er Wert darauf gelegt, dass die Opfer in den Gesprächsszenen vor der Ermordung alle sympathisch wirken. 

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Ich bin nicht überzeugt. Ich kenne zu viele Filme, in denen Opfer im Mittelpunkt stehen, über die das Unglück hereinbricht. Aber ich bin kein Filmwissenschaftler, ich bin nur ein Typ, der Actionfilme geil findet. Ist das also ein valides Argument? Ich frage Stiglegger. Er erklärt, dass man als Publikum in Filmen Anknüpfungspunkte über Charaktere suche. Und wenn das der Täter ist, werde dieser oft ungewollt glorifiziert. Vor allem, wenn es dabei um Ideologien geht, werde es schwierig. Wie steht der Film zu diesen, ignoriert er sie womöglich? 

Boll sagt, sein Umgang mit der Ideologie bestehe darin, dass er die Pamphlete des Täters vorlesen lässt und diesen dadurch bloßstellt, weil sie so wahnsinnig sind.

Stiglegger kennt nun Uwe Bolls Filme. Meint er, dass Boll das schaffen kann? "Ich kann das nicht beurteilen, der Film existiert ja aktuell noch nicht. Wenn Boll es schafft, uns das Wahnsystem zu zeigen, ohne die Kontrolle zu verlieren, ist das interessant." Ich wünschte, ich könnte es selbst beantworten, ich war immerhin dabei. Allerdings nur an einem Drehtag. Die Szenen, in denen der Täter reflektieren kann, entblößt werden kann, habe ich nicht erlebt.

Was kann der Film denn im besten Fall erreichen? Boll: "Dass Leute sich fragen: Wo falle ich auf Tricks rein, wo werde ich im Internet manipuliert? Dass sie erkennen, dass sie professionellen Medien vertrauen müssen. Das ist die Lehre."

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In seiner Mail Ende März schreibt Uwe Boll: "Ich habe nichts falsch gemacht, habe mich exakt so verhalten, wie es ein verantwortungsvoller Filmemacher tun sollte (...) Wenn die Angehörigen und Opfer des Hanau Attentats mal vernünftig mit mir kommunizieren wollen, dann würde ich mich sehr darüber freuen."

Uwe Boll halbnah

Uwe Boll ist nicht nur streitbar, er streitet auch gern

Boxen gegen die Falschen

Boll wird in diesen Tagen wieder zum Boxer, der seine Gegner umhauen will. Nur verkennt er, dass seine Art, seine Angriffslaune zwar unterhaltsam ist, wenn es um dümmliche Kritiker geht, die er vor Kameras vermöbelt. Wenn es aber Menschen sind, die ihre Kinder, Freunde, Geschwister verloren haben, dann tut das weh. 

Uwe Boll sieht sich als Opfer einer Kampagne. Die Öffentlichkeit urteilt über ihn, seinen Film und seine Intention, ohne dass irgendjemand diesen Film gesehen hätte. Dabei geschieht ihm Unrecht, Fakten biegen sich zu seinen Ungunsten. Das finde ich unfair.

Boll verkennt aber, dass er diesen Shitstorm hätte vermeiden können. Wenn er sich vorher zu den Angehörigen gesetzt hätte. Und er hätte diesem Sturm womöglich auch den Furor nehmen können, wenn er auf die Argumente seiner Gegner eingegangen wäre. Wenn er zugehört hätte. Er hätte sagen können, ja, ihr habt Recht. Ich habe Gefühle verletzt. Er hätte seine Schlüsse daraus ziehen können und wenn diese gewesen wären, dass er den Film trotzdem vollendet, dann hätten seine neuen Erkenntnisse sicherlich Einfluss auf das fertige Produkt genommen. Zumindest hätte er nicht die Stadtverwaltung Hanaus und die Hinterbliebenen der Opfer als seine Gegner zurückgelassen. Stattdessen schreibt er Ende März auf Twitter: "Raben fliegen im Schwarm, Adler fliegen allein!"

Es ist falsch, den Film zu verurteilen, bevor man ihn kennt. Dennoch bekomme ich nach meiner Recherche den Eindruck, dass Uwe Boll nicht der Richtige ist, um das Verbrechen von Hanau zu verfilmen. Zumindest nicht mehr. Denn unabhängig davon, ob sein Film super gut und analytisch, sozialkritisch und klug wird und wir danach anders über Soziale Netzwerke denken, über die einsame Radikalisierung trauriger Weißer Männer, über Rassismus in staatlichen Strukturen und der Gesellschaft allgemein – denn all das ist möglich: Der Schaden ist angerichtet, die Angehörigen fühlen sich missbraucht und die Stadt hintergangen.

Ein Weißer Regisseur darf zwar einen Film über Hanau machen. Jeder darf das, unabhängig auch von seinem Ruf. Es ist sogar wichtig, dass man so relevante Themen behandelt. Gern auch aus allen verschiedenen Blickwinkeln, um sie vollständig auszuleuchten, das Versagen der Gesellschaft in all seinen Facetten zu zeigen. Und die Radikalisierung einzelner muss mehr beachtet werden. Aber das Thema Hanau ist auch sensibel. Wer es behandelt, muss vorsichtig sein. Er muss den Menschen Raum geben, die ihre Verwandten und Freunde vermissen. Wenigstens darf er sie nicht angreifen, sie erneut zu Opfern machen.

Mein Name wird nun mit diesem Film assoziiert sein. Mein Gesicht, meine Stimme, mein Schauspiel. Lieber wäre es mir, wenn es anders wäre. Aber nicht, weil ich meine, dass der Film keine Berechtigung hat. Sondern weil ich finde, dass der Umgang mit der Kritik durch die Angehörigen das Allerletzte war und der Film nun untrennbar mit dieser verbunden sein wird.

Ich hoffe trotzdem immer noch, dass Hanau ein guter Film wird. Ich finde, dass eine Stadt keine Kampagne gegen einen Filmemacher fahren sollte. Ich finde aber auch, dass ein Filmemacher sich seiner Verantwortung bewusst sein sollte, wenn er ein so traumatisches Ereignis verfilmt. Es nutzt weder ihm, noch den Hinterbliebenen, wenn er sie aus Sturheit gegen sich aufbringt. Für mich weiß ich heute jedenfalls, dass ich beim nächsten Mal nachfragen werde, worum es geht, wenn ich vielversprechende Posts im Internet sehe.

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