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Guide: Wenn du dir schon selbst ein Tattoo stichst, dann bitte so

Professionelle Tätowierer und Tätowiererinnen erklären, wie du dir bei dir zu Hause per Stick and Poke am besten Tinte unter die Haut jagst.
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SG
Eine junge Frau präsentiert ihr selbstgestochenes Stick-and-Poke-Tattoo, das Wort "Honey" auf dem Oberarm; drei professionelle Tätowierer und Tätowiererinnen erklären, wie man sich ein solches Tattoo stechen sollte
Photo: Tiana RoyFot

Die Corona-Einschränkungen begleiten unseren Alltag inzwischen schon seit gut einem Jahr. Die Langeweile des Lockdowns hat uns dabei schon zu einigen neuen Hobbys gebracht. Manche Leute backen Brot, andere legen sich zur Ablenkung ein Haustier zu und wieder andere fangen an, sich selbst Stick and Poke-Tattoos zu stechen.

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Stick and Pokes sind quasi die einfachste Form von Tattoos: Ohne maschinelle Hilfe wird die Tinte mithilfe einer einzelnen Nadel unter die Haut gepikst. Wegen dieser rudimentären Art des Stechens sind ausgefeilte Motive kaum möglich, meistens bestehen solche Tätowierungen nur aus kleinen Symbolen oder einzelnen Wörtern. Aber es geht eben recht einfach und die wenigen nötigen Utensilien – Nadeln, Tinte, Latexhandschuhe und Stencils – kann man schnell im Internet als Set bestellen. 

Kein Wunder, dass sich so viele Leute an diesen DIY-Tätowierungen versuchen. So wie ich. Zusammen mit einer Freundin schaute ich mir vor Kurzem ein paar YouTube-Tutorials an und legte direkt los. Zugegeben, das war nicht gerade die beste Idee, denn unsere "Tattoos" zeigten uns schnell auf, wie begrenzt unsere künstlerischen Fähigkeiten sind: Die Linien konnte man kaum als Linien bezeichnen und die schwarzen Tintenpunkte waren ziemlich wirr unter unserer Haut verteilt.

Damit deine erste DIY-Tätowierung nicht auch so ein Reinfall wird, erklären drei Tattoo-Profis, wie du das Stick-and-Poke-Abenteuer richtig angehst. Am vernünftigsten bleibt es aber noch immer, in ein ordentliches Studio zu gehen und dich unter den richtigen hygienischen Bedingungen von erfahrenen Tattoo-Künstlern tätowieren zu lassen.

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Auch bei VICE: Diesen Tätowierern sind Schmerzen wichtiger als das Tattoo


Was ist der Reiz an Stick-and-Poke-Tattoos?

Dass man für Stick-and-Poke-Tattoos nicht so viel Talent benötigt wie für maschinell gestochene Tattoos, bedeutet nicht, dass sie weniger legitim sind. Sie sind genauso für immer unter deiner Haut, haben aber einen ganz eigenen Stil.

"Ich finde, dass diese einfachen Tätowierungen genauso schön aussehen können wie mit einer Maschine gestochene", sagt Vivien Su, eine 21-jährige Tätowiererin aus Singapur. Sie hat letztes Jahr im Lockdown angefangen, Stick-and-Poke-Tattoos zu stechen, und vor Kurzem ihr eigenes Studio eröffnet. 

Vivien vergleicht Stick-and-Poke-Tattoos damit, etwas auf ein Blatt Papier zu zeichnen, während mit einer Maschine gestochene Tätowierungen für sie eher so sind, als würde man auf einem iPad malen. "Mit einer Maschine kriegt man wahrscheinlich ein saubereres Tattoo hin, aber sowas ist bei Stick-and-Poke sowieso eher zweitrangig", sagt sie.

Welches Motiv ist für das erste DIY-Tattoo am besten geeignet?

"Alles, was nicht zu kompliziert ist", sagt Vivien. Ihr erstes Stick-and-Poke-Tattoo war zum Beispiel ein kleiner Blitz. "Das war ein gutes Motiv für meine Premiere, denn es hatte gerade Linien und nur wenige Details."

Ein kleines, rotes Stick-and-Poke-Tattoo zeigt einen Blitz

Foto: Vivien Su

Die 29 Jahre alte Tätowiererin Chua Yi Min aus Malaysia stach für ihr erstes DIY-Tattoo eine kleine Katze auf die Innenseite ihres Oberschenkels. Auch sie empfiehlt Anfängern, sich zuerst an kleinen, einfachen Motiven zu probieren, die vor allem aus geraden Linien bestehen.

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Ein kleines, rotes Stick-and-Poke-Tattoo zeigt eine Katze

Foto: Chua Yi Min

"Ein Wort bietet sich auch immer an", sagt Patrick, ein 39-jähriger Tattoo-Künstler aus London. Bei ihm war das erste Tattoo sogar nur ein einzelner Buchstabe, ein kleines X.

"Als Anfänger sollte man sich auf jeden Fall viel Zeit nehmen. Vor allem, weil man sich mit der Technik noch nicht so gut auskennt", sagt Vivien. "Stick-and-Poke-Tattoos dauern sowieso viel länger als maschinell gestochene Tätowierungen, deswegen am besten klein anfangen."

Wohin sollte man das erste Stick-And-Poke-Tattoo stechen? 

"Das kommt darauf an, wo die Prioritäten liegen", sagt Vivien. Die Tätowiererin empfiehlt die Unterarme oder die Oberschenkel für eine relativ schmerzfreie Erfahrung. Eine Stelle, wo die Haut sowieso schon gespannt ist, eignet sich auch für ein erstes Tattoo. Vivien stach ihre erste Stick-and-Poke-Tätowierung zum Beispiel auf ihren Knöchel. Zwar tut es dort ziemlich weh, aber auf der bereits gespannten Haut lässt sich die Tinte leichter reinstechen.

Patrick empfiehlt ebenfalls die Oberschenkel. "Wenn man sich selbst am Arm tätowiert, kann man nur mit einer Hand arbeiten. Und einhändig zu tätowieren, ist nicht einfach", sagt er. "Deswegen sind die Oberschenkel für das erste selbstgestochene Tattoo eine gute Stelle." 

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Wie gefährlich sind selbst gestochene Stick-and-Poke-Tattoos für die Gesundheit?

Wer sich zu Hause selbst tätowiert, geht natürlich gewisse Gesundheitsrisiken ein. Es kann zum Beispiel zu bakteriellen Infektionen oder zu auf dem Blutweg übertragenen Krankheiten kommen. Deshalb ist es extrem wichtig, auch bei DIY-Tattoos auf die richtigen hygienischen Standards zu achten. Die wichtigste Regel lautet: niemals eine Nadel zweimal benutzen. Zudem sollte das Tattoo-Equipment immer komplett steril sein. "Durch Google findet man schnell weitere hilfreiche Tipps zur Hygiene beim Tätowieren", sagt Patrick.

Alles klar, aber wie sticht man jetzt ein Stick-And-Poke-Tattoo?

Am Anfang ist immer eine Skizze, die auf die Haut aufgetragen wird. Das passiert entweder mit einem Stencil, also einer Art Pauspapier, mit dem das Motiv auf die Haut übertragen wird. Es ist aber auch möglich, das Motiv direkt mit einem Stift auf die Haut zu zeichnen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass man dabei entspannt ist und sich der Körperteil in einer natürlichen Position befindet. So stellst du sicher, dass dein Tattoo später nicht verzerrt aussieht. 

Dann muss die betroffene Hautstelle beim Tätowieren immer gestreckt und frei von Haaren sein. "Das ist das Wichtigste", sagt Patrick, "man muss die glatte Hautstelle richtig auseinanderziehen." Mit der einen Hand stichst du die Nadel unter die Haut, mit der anderen streckst du sie.

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Wenn du die in Tinte getauchte Nadel in die Haut stichst, solltest du sie dabei nicht senkrecht, sondern in einem 45-Grad-Winkel halten. Laut Vivien ist es so einfacher, präzise zu tätowieren. Außerdem spielt es eine Rolle, in welche Richtung du stichst. "Bei einer geraden Linie fange ich immer von unten an und arbeite mich langsam nach oben", erklärt Vivien. Die Tätowiererin findet es so einfacher, eine saubere Linie zu ziehen.

Der wohl schwierigste Teil beim Tätowieren ist die Frage, wie tief du die Nadel in die Haut stechen musst. Wenn du nicht tief genug gehst, kann es passieren, dass die Tinte wieder aus der Haut austritt. Wenn du jedoch zu tief stichst, können die Farbpartikel unter der Haut "explodieren" und sich unschön verteilen. Das Tattoo sieht dann wie verschwommen aus. Vivien, Yi Min und Patrick sind sich einig, dass das richtige Gefühl für die Tiefe mit der Übung kommt. Im Allgemeinen sei es aber immer besser, erstmal nicht zu tief zu stechen.

"Hinterher kann man immer Tinte hinzufügen. Tinte aus der Haut entfernen, geht hingegen nicht", sagt Vivien. Die Tätowiererin hat es selbst auch lieber, wenn sie bei ihren Kunden noch mal nachstechen muss, anstatt beim ersten Mal zu viel zu wollen und dann mit einem unschönen Tattoo abzuschließen.

Du musst zudem bedenken, dass jeder Mensch einen anderen Hauttyp hat. Dementsprechend solltest du beim Stechen darauf achten, wie deine Haut reagiert, und deine Technik dementsprechend anpassen. Yi Min sagt, dass sie bei jedem Tattoo mindestens noch zweimal drüber geht, um eventuelle Lücken zu füllen. Mehr als viermal nachstechen sollte man laut der Tätowiererin aber nicht. 

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Die Tätowiererin Chua Yi Min zeigt bei einem Zoom-Call, wie sie ein Stick-and-Poke-Tattoo sticht

"Wenn man ein Tattoo zu oft nachsticht, schadet das der Haut. Die Stelle schwillt dann richtig an", erklärt Yi Min. Wenn deine Haut beim Stechen also rot und uneben wird, dann solltest du die Nadel eine Weile beiseite legen.

Es ist nicht schlimm, wenn zwischen den gestochenen Punkten erstmal ein paar kleine Lücken sind. Anstatt sofort mit dem Nachstechen zu beginnen, solltest du deinem neuen Tattoo erstmal ein wenig Zeit geben. Es kann nämlich gut sein, dass die Tinte ein bis zwei Wochen braucht, um sich richtig zu setzen. Dann verschwinden die Lücken automatisch.

Wie pflegt man ein Stick-and-Poke-Tattoo richtig?

Jeder tätowierte Mensch hat hier wahrscheinlich eine andere Meinung. Worauf sich aber alle einigen können: Wenn dein Tattoo fertig gestochen ist, muss es erstmal für mehrere Stunden mit Frischhaltefolie abgedeckt werden. Außerdem sind Baden und direkte Sonneneinstrahlung für zwei Wochen tabu, wenn die Tätowierung ordentlich abheilen soll. Patrick findet, dass man die Frischhaltefolie ruhig zwei bis drei Tage auf dem Tattoo lassen kann. "Das ist ja immerhin eine Wunde", sagt er.

Wenn dein Tattoo juckt und sich Grind bildet, ist das ganz normal. Wichtig ist hier nur, dass du nicht kratzt und nichts abzupfst. Und wenn du zwischen den gestochenen Punkten Lücken entdeckst, die du gerne auffüllen möchtest, dann solltest du laut Yi Min damit zwei bis vier Wochen warten. Dann hat sich deine Haut nämlich auf jeden Fall soweit erholt, dass die nächste Session keine Probleme bereiten sollte. In diesem Zeitraum sei es laut der Tätowiererin auch ratsam, auf Aktivitäten zu verzichten, bei denen sich die Hautstelle mit dem frisch gestochenen Tattoo irgendwie aufreiben oder verdrehen könnte.

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Wenn dein erstes DIY-Tattoo schließlich richtig abgeheilt ist, bist du vielleicht dazu verleitet, das Ganze mit maschinell gestochenen, professionellen Tätowierungen zu vergleichen. Das ist sinnlos.

"Ich war total selbstkritisch, als ich mit Stick-and-Poke-Tattoos anfing, und verglich meine Werke immer mit maschinell gestochenen Tattoos. So entstehen aber nur unrealistische Erwartungen", sagt Vivien. "Man sollte nicht davon ausgehen, dass bei der ersten DIY-Tätowierung direkt eine wunderschöne und total detailreiche Arbeit entsteht." Im Grunde geht es ja vor allem um die DIY-Mentalität.

"Die Kultur rund um Stick-and-Poke-Tattoos ist insgesamt ein bisschen freier. Deshalb ist das Ganze ja auch für Laien interessant und so viele Leute versuchen sich daran", sagt Vivien. "Es soll einfach Spaß machen."

Ein schwarzes, selbstgestochenes Stick-and-Poke-Tattoo auf einem Finger zeigt ein kleines Herz

Foto: Koh Ewe

Genau das kann ich auch für mich sagen. Zwei Sessions und fünf hässliche Tattoos später fühlen meine Freundin und ich uns beim Stick-and-Poke-Tätowieren immer wohler. Uns ist relativ egal, wie gut die Tätowierungen letztendlich aussehen, sie sind für uns vor allem eine schöne Erinnerung an die gemütlichen Nachmittage bei ihr im Zimmer.

Eine junge Frau sticht ihrer Freundin ein Stick-and-Poke-Tattoo

Foto: Koh Ewe

"Viele meiner Tattoos sind gar nicht so gut gestochen. Aber genau die gefallen mir am besten", sagt Patrick. "Wenn Leute ihre Freunde bei sich zu Hause tätowieren, dann ist das doch ein schöner zwischenmenschlicher Moment, aus dem ein Mini-Kunstwerk resultiert – selbst wenn es sich dabei nur um einen Punkt oder etwas Kleines handelt. So lange man sich beim Betrachten der Tätowierung auch nach Jahren noch an diesen schönen Moment erinnert, ist doch alles in Ordnung."

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