Diego Garijo Drag und Kampf
Foto: Diego in Drag (l.): Amy Ramirez | Diego bei einem Bare-Knuckle-Kampf: Phil Lambert 
Menschen

MMA-Kämpfer und Dragqueen: Warum das für Diego kein Widerspruch ist

"Ich gehe im Kampf nur nach vorne, egal, wie oft ich getroffen werde."
3.12.20

So sieht er also aus, "Donald Trumps schlimmster Alptraum". Diego Garijo, der sich selbst so bezeichnet, trägt auf seiner Haut Knasttätowierungen, aber gerne auch mal Lidschatten und falsche Wimpern. In Guanajuato in Mexiko geboren, hat man ihn als Kind in die USA geschmuggelt. Nach Jahren ohne Papiere wurde er mit Mitte 20 eingebürgert – trotz mehrerer Gefängnisaufenthalte. Die falschen Leute hätten ihn damals in die Kriminalität geführt, sagt Diego, und die richtigen, auch seine Frau, mit der er heute in San Diego lebt, wieder rausgezogen. Schließlich habe er Mixed Martial Arts (MMA) entdeckt. Als Struktur, Ventil, neuen Lebensinhalt. 

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Ab 2006 nahm seine Profikarriere als MMA-Kampfsportler Fahrt auf, bis ihn sechs Jahre später eine Augenerkrankung bremste. Diego "Dos Pistolas" Garijo, sein Kampf-Alter-Ego, habe er aber niemals ganz begraben, sagt er. 2018 kehrte er als Bare-Knuckle-Boxer, also als Boxer ohne Handschuhe, in einen noch blutigeren Kampfsport zurück. Das ist die eine Seite von Diego Garijo.

Diego Garijo, MMA-Kämpfer und Drag-Queen mit freiem Oberkörper und in Make-up

Drag und ultramaskuliner Kampfsport müssen sich nicht ausschließen | Foto: Amy Ramirez

Seine andere Seite erschafft als Künstler und Tätowierer meist düstere Bilder, und tritt seit über einem Jahr als Dragqueen "Lola Pistola" auf. Und diese beiden Seiten, das merkt man beim Videocall mit dem gar nicht so düsteren 41-Jährigen schnell, schließen einander nicht aus. Sie ergänzen sich.

VICE: Hi Diego, was tut mehr weh, ein Schlag ins Gesicht oder sich die Beine waxen zu lassen?
Diego Garijo: Das Waxing war schlimm, aber weißt du, was wirklich furchtbar ist? Wenn dir ein Acryl-Fingernagel abbricht. Das ist ein Albtraum. Schläge ins Gesicht machen mir nicht so viel aus. Zumindest weniger als normalen Menschen. 


Auch bei VICE: Bei der ersten offiziellen Bare-Knuckle-Meisterschaft in den USA


Hast du dich an die Schläge gewöhnt?
Ich kann gut einstecken. Technisch bin ich kein sonderlich versierter Kampfsportler. Aber ich gehe im Kampf nur nach vorne, immer weiter und weiter. Egal, wie oft ich getroffen werde. Oft besiege ich dadurch Gegner, die besser sind als ich. 

Hast du deshalb 2018 mit Bare-Knuckle-Boxen angefangen, einem bis dahin in den USA verbotenen Kampfsport?
Ich suche immer das Extreme und einfach nur kämpfen reichte mir nicht. Ich wollte es ohne Handschuhe probieren. Ich wollte es spüren. 2012 hatte ich mich aus dem Profi-Kampfsport zurückgezogen. Meine Netzhaut löste sich ab. Mein Arzt konnte das Auge zwar retten, aber ich sehe darauf sehr schlecht. Und er warnte mich, dass mit dem anderen Auge dasselbe passieren könnte. Aber ich habe später gemerkt, dass ich noch nicht bereit war, das Kämpfen ganz aufzugeben. So landete ich beim Bare-Knuckle-Boxen.

Diego Garijo kämpft gegen Tom Shoaff

Nach seinem zweiten Bare-Knuckle-Kampf gegen Tom Shoaff verkündete Diego Garijo vorerst seinen Rücktritt aus dem Profi-Kampfsport – und denkt jetzt über ein Comeback nach | Foto: Phil Lambert

Anfang dieses Jahres hast du dann auch deinen Rücktritt aus diesem Ring verkündet.
Ja, aber ich denke schon wieder an meinen Rücktritt vom Rücktritt. Ich liebe das Kämpfen einfach zu sehr. Wahrscheinlich würde ich dafür sogar riskieren, zu erblinden. Das ist ein ständiger Kampf gegen mein Ego.  

"Von Menschen aus der Drag-Szene und der Trans- und Gay-Community habe ich viel Liebe erfahren. Aber auch von harten Kampfsportlern."

Hat dir deine Kampferfahrung geholfen, vor deinem ersten Auftritt als Dragqueen weniger nervös zu sein?
Vor meiner ersten Drag Show habe ich mich genau wie vor einem Kampf gefühlt. Am Anfang deiner Karriere wartest du oft mit deinem Gegner in der gleichen Umkleide auf den Kampf. Man sitzt da und schaut sich den anderen an. Kann ich ihn besiegen? Bei meiner ersten Drag Show, einem Wettbewerb, war es genauso. Ein winziger Raum, acht Erwachsene und alle ziehen sich gleichzeitig um. Nur ich kam schon aufgedonnert an, weil ich dafür noch Hilfe brauchte. Also saß ich wieder da und fragte mich, ob ich die anderen besiegen kann. Nervös war ich aber nicht. Ich habe starke Nerven. Oder ich bin einfach zu dumm, um Angst zu haben. 

Hast du an diesem Abend gewonnen?
Ich wurde Zweiter! Aber die Siegerin gab mir einen Teil des Preisgelds und sagte: "Du hast gewonnen, Baby!" Sie sei nur vor mir gelandet, weil die Juroren sie kannten und ich zum ersten Mal teilgenommen hatte.

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Hat dich die Drag-Community gleich akzeptiert?
Von Menschen aus der Drag-Szene und der Trans- und Gay-Community habe ich viel Liebe erfahren. Aber auch von harten Kampfsportlern. Vielleicht weil sie in ihrem Leben auch etwas verstecken, zu dem sie gerne mehr Bezug hätten. Jeder hat seine Geheimnisse, das ist ganz normal.

Ich habe gelernt, dass die Menschen um einiges besser sind, als wir oft denken. Es kann sein, dass jemand gegen die Ehe für Alle ist, gegen Trans- oder Gender-Themen. Aber wenn man mit ihm von Mensch zu Mensch spricht, zeigt er oft mehr Verständnis. Erst in der Gruppe entwickeln wir uns zum Negativen.

MMA-Lämpfer und Drag Queen Diego Garijo in Drag und vor seinem Bare-Knukcle-Kampf mit Tom Shoaff | Foto: Amy Ramirez (l.), Phil Lambert

Wie kamst ausgerechnet du als zutätowierter MMA-Kämpfer zum Drag?
Es gibt ein Foto von mir als Sechsjährigem, darauf hatte ich mich mit einem BH und einem Slip meiner Mutter verkleidet. Meine Mutter zog mich alleine auf und ich hatte ein paar schwule Cousins. Maskulinität im Sinne traditioneller Stereotype gab es da nicht. Vielleicht kann ich deshalb sehr feminin sein. Im Fitnessstudio vibe ich manchmal zu Whitney Houston und wenn sich deshalb jemand fragt, ob ich schwul bin, hat er einfach nicht verstanden, dass Weiblichkeit und auf wen du stehst zwei komplett verschiedene Dinge sind. Ich kann feminin sein und gleichzeitig das absolute Gegenteil.

Dein Weg zur Dragqueen war also gar nicht so lang?
Vor ein paar Jahren habe ich einen Kurs zu emotionaler Intelligenz gemacht. Wir sollten unsere Komfortzone verlassen. Und meine ist riesig. Ich mag es, vor vielen Leuten zu sprechen und im Mittelpunkt zu stehen. Aber als mir das Wort "Drag" in den Sinn kam, wusste ich: Verdammt, das ist es! Ich habe mich voll reingestürzt. Ich nahm Tanzunterricht, ließ mir die Ohren piercen, meinen ganzen Körper entwachsen, lernte, in Highheels zu laufen und jemand half mir mit den Outfits. 

MMA-Kämpfer und Drag Queen Diego Garijo blutend in einem Boxring

"Ich hätte den Kampf noch gewinnen können", sagt Diego Garijo über den Moment, als sein Trainer bei seinem letzten Bare-Knuckle Kampf das Handtuch warf | Foto: Phil Lambert

Siehst du Gemeinsamkeiten zwischen Profi-Kampfsport und Drag?
Im Kampfsport zeigt sich die schöne Fähigkeit von uns Menschen, große Widerstände zu überwinden. Beim Drag ist es das Überwinden von toxischer Männlichkeit. Vielen Männern, die davon betroffen sind, würde es gut tun, sich verletzlich zu zeigen. Diese toxischen Männer, die gegen Black Lives Matter demonstrieren, müssen verstehen, dass es nicht schlimm ist, wenn jemand anders ist. Besonders Trans-PoC zählen für mich zu den unterdrücktesten Menschen überhaupt. Und sie haben eine der höchsten Suizidraten. Man sollte sie unterstützen, anstatt sie auszugrenzen. 

Als hypermaskuliner MMA-Kämpfer und hyperfeminine Dragqueen bewegst du dich gleichzeitig in zwei gegensätzlichen Genderklischees. Willst du andere dadurch mit ihren Vorurteilen konfrontieren?
Hundertprozentig. Ich will Menschen herausfordern. Es ist voll OK, nette Kunst für die Massen zu produzieren. Aber ich will keine IKEA-Kunst machen. Ich will, dass du etwas spürst, wenn du dich mit meiner Kunst beschäftigst. Das siehst du in meinen Bildern, aber auch im Drag. Als ich mit einer Freundin in L.A. war, um High Heels zu kaufen, die an meine großen Füße passen, sagte sie beim Verlassen des Geschäfts: "Zieh sie an." Ich hatte ganz normale Klamotten an und fragte sie, ob sie das ernst meint. Sie sagte: "Zieh die verdammten Heels an und fang an zu üben!" Also bin ich damit den Hollywood Boulevard entlang gelaufen. Und plötzlich war da dieser kleine Junge, dessen Gesichtsausdruck ich niemals vergessen werde. Er hielt die Hand seines Vaters und sah mich an. Hoch und runter. Hoch und runter. Und er konnte die beiden Bilder, der tätowierte, bärtige Mann und die High Heels, einfach nicht verarbeiten. Das war großartig.

Es wirkt auf mich so, als ob du dich zum Extremen hingezogen fühlst.
Als Kind war ich sicher, dass die Welt bald untergeht. Mit sechs Jahren, als wir noch in Mexiko lebten, war ich allein zu Hause, als ein Missionar an der Tür klingelte. Durch die geschlossene Tür zitierte er die Offenbarung des Johannes und erzählte mir, dass wir in der Endzeit leben. Das hat sich eingebrannt. Wenn die Nachrichten von einer Naturkatastrophe berichteten, war ich sicher, dass die Welt untergeht. Dann brach ich in Panik aus. Vielleicht bin ich deshalb ein sehr impulsiver und abenteuerlustiger Mensch. In meinem Leben war noch nie irgendwas normal. Alles was ich tue ist extrem.

Das ist also keine bewusste Entscheidung? 
Viele Dinge, die ich tue, haben damit zu tun, dass ich als Kind gemobbt wurde. Dadurch habe ich mich klein gefühlt, als Außenseiter. Ich habe mich eigentlich immer für alles geschämt. Vielleicht habe ich mir deshalb eine Persönlichkeit zugelegt, die es mir erlaubt, mich für fast überhaupt nichts mehr zu schämen. Wenn ich in einem Kampf spüre, dass ich verliere, gebe ich nicht auf. Als Kind wurde ich so lange erniedrigt, bis ich mir schwor, dass ich das nie wieder erleben will. Deshalb mache ich im Kampf einen Schritt nach vorne, wenn andere einen Schritt zurück machen würden. 

MMA-Lämpfer und Drag Queen Diego Garijo liegt in Drag auf einer Couch

Foto: Amy Ramirez

Ist das eine positive Reaktion auf das Mobbing oder eher nicht?
Na ja. Es ist hart, ich zu sein. Eine Woche vor diesem Interview wollte ich mich selbst in eine Klinik einweisen. Ich war depressiv. Sie haben mich nur deshalb nicht aufgenommen, weil ich die Frage verneint habe, ob ich Suizid begehen will. Das würde ich meinen Kindern nie antun. Sie verschrieben mir ein paar Therapiestunden. Aber dann hat ein Instagram-Account Fotos von mir in Drag gepostet. Und seitdem hatte ich die beste Woche meiner Karriere als Künstler und habe so viele Bilder verkauft wie noch nie. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich bin stolz auf die Person, die ich geworden bin. Aber das Trauma meiner Kindheit trage ich bis heute mit mir herum. Damit kämpfe ich jeden Tag.

Immerhin scheinst du Ventile für deine Probleme gefunden zu haben.
Ja. Kunst und Kampf. An einem schlechten Tag gehe ich zum Training und sparre. Aber nicht, weil ich jemanden schlagen will. Ich will selbst ein paar abbekommen. Dann geht es mir besser.

Warum das?
In einem Kampf sind all deine anderen Probleme bedeutungslos. Dann geht es nur darum, den Kampf zu überstehen. Wenn ich jemanden tätowiere, geht es mir ähnlich. Dann bin ich so konzentriert, dass für die nächsten Stunden alles andere egal ist.

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