Hanf wächst in einer Plantage
Fotos: Franziska Lange
Drogen

Wir haben Cannabis-Dealer gefragt, ob bald das Gras ausgeht

"Corona-bedingt produziere ich jetzt etwas mehr. Ich möchte natürlich helfen, Versorgungsengpässen vorzubeugen."
1.4.20

Die Welt im Corona-Lockdown gleicht in gewisser Weise einer wahr gewordenen Kiffer-Fantasie: Plötzlich ist es gesellschaftlich anerkannt, den Tag auf der Couch zu liegen und das Haus nur zu verlassen, um durch den Park zu schlendern. In den Niederlanden nutzten Mitte März viele Menschen ihren Spaziergang, um sich schnell noch mit Cannabis einzudecken. Vor Coffeeshops bildeten sich lange Schlangen und auch im Rest der EU dürften sich unabhängig von der jeweiligen Gesetzeslage viele Menschen einen Grasvorrat angelegt haben. Schließlich erschweren geschlossene Grenzen den Nachschub aus Marokko und Albanien. Also haben wir mit Kleindealern, Plantagenbetreibern und organisierten Großlieferanten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesprochen, um herauszufinden, ob bald das Gras ausgeht. Ihre Namen haben wir aus naheliegenden Gründen geändert.

Jakob liefert in Berlin Gras mit dem Fahrrad an einen kleinen Kundenstamm

VICE: Hast du durch den allgemeinen Hausarrest einen Knick im Geschäft?
Jakob: Ganz im Gegenteil. Die Nachfrage ist gestiegen. Ich mache momentan zwischen fünf und zehn Hausbesuche täglich. Manchmal auch mehr. Ich hatte nie den Anspruch, ein riesiges Business aufzubauen. Bei mir sorgt der Verkauf dafür, dass ich mich auf mein Studium konzentrieren kann und mir keine Sorgen um meine Miete und Lebenshaltungskosten machen muss. Gerade in Krisenzeiten. Die Effekte für mich sind positiv. Auch persönlich.

Was hat sich für dich geändert?
Ich stecke in der gleichen Situation wie jeder andere auch: Der Job strukturiert mich und bedeutet Abwechslung. Ich bin viel an der frischen Luft mit dem Fahrrad unterwegs und unterhalte mich mit interessanten Menschen. Zu Hause würde ich vor Langeweile eingehen. Außerdem hat der Ausnahmezustand viele Leute darauf aufmerksam gemacht, dass es meinen Service überhaupt gibt. Und bei meinen Kunden kommt das Signal an: Da ist jemand, auf den wir uns in jeder Situation verlassen können. Es ist ein Vertrauensbeweis.


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Und die schlechten Seiten an der Corona-Krise?
Der obligatorische Handschlag fällt weg [lacht]. Und ich verbringe weniger Zeit mit meinen Kunden.

Du bekommst Einblicke in das Quarantäne-Leben. Hast du schon die ersten Lagerkoller gesehen?
Nein, ich bin cool mit meinen Kunden. Das ist mir wichtig und ich muss betonen: Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Klientel aus gut situierten Leuten besteht. Sie gehen auch im Homeoffice einer geregelten Arbeit nach, sind freundlich und haben sich im Griff. Einer spekuliert an der Börse und klärt mich darüber auf, welche Aktien er jetzt wo kaufen will. Ein anderer ist Lehrer, muss zu Hause bleiben und bereitet extrem viel für seine Klassen vor – ich finde es immer spannend, ihre Storys zu hören.

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Klingt idyllisch.
Die einzigen Negativbeispiele sind Kunden, die eigentlich nicht mehr konsumieren wollten und sich nun wieder bei mir melden. Jedem wird irgendwann langweilig. In diesem Sinne bin ich ein schlechter Verkäufer: Ich will niemanden reinziehen und habe ein Auge auf diese Dinge. Doch jeder entscheidet selbst, ich bleibe da neutral. Was mich momentan jedoch wirklich nervt, sind die Leute, die mich beliefern.

Inwiefern? Lieferengpässe?
Das nutzen sie als Argument, ja. Inwieweit das stimmt, kann ich nicht prüfen. Es gibt immer jemanden, der versucht, Profit aus der Situation zu schlagen. Sie kommen mit Strategien wie: "Die Nachfrage steigt, deswegen muss das Angebot verknappt oder der Preis erhöht werden."

Wie reagierst du darauf?
Erhöhte Preise wälze ich nicht auf meine Kunden ab. Fairness und Zuverlässigkeit sind Teil meines Geschäftes. Zum Glück habe ich mehrere Kontaktleute, auf die dich zugreifen kann. Vieles kommt bei denen aus der Berliner Umgebung, deswegen wird es auch zukünftig kein Problem sein. Alles entspannt.

Und die Polizei? Hast du Angst, dass es auffällt, weil du allein auf der Straße unterwegs bist?
Die Polizei hat gerade andere Dinge zu tun, glaube ich. Angst ist immer da, aber in diesen Wochen nicht mehr als sonst.

Brennt dir sonst noch was auf der Seele?
Ich würde an dieser Stelle gern meine Empathie für diejenigen ausdrücken, die ihre Geschäfte draußen regeln müssen. Die tun mir leid. Wir sind ja im weitesten Sinne Kollegen. Mein Luxus ist, dass ich Hausbesuche machen kann, mobil bin und eine feste Klientel habe. In diesen Zeiten in einem Park stehen – das stelle ich mir sehr schwierig vor.

Hanf in einer Plantage

Hannes baut in Brandenburg "feinstes regionales Bio-Gras" an und verkauft es

VICE: Wie sieht die aktuelle Versorgungslage aus?
Hannes: Corona-bedingt produziere ich jetzt etwas mehr, wegen der ganzen Kontrollen an den Bundeslandgrenzen. Da möchte ich natürlich helfen, Versorgungsengpässen vorzubeugen. Und das Zeug wird ja schließlich nicht schlecht.

Hat sich durch Corona irgendwas an deinen Verkäufen verändert?
In der Klopapier-Woche haben auch alle Gras gehamstert, aber die Woche danach war dann recht ruhig. Letzten Donnerstag habe ich sogar doppelt soviel verkauft wie sonst. Dafür kam dann Freitag überhaupt niemand vorbei, da hatte ich frei, das war auch schön. Die größte Sorge der Leute war, ob ich meine normalen "Öffnungszeiten" beibehalte. Aber da bleibt alles wie immer, schließlich arbeite ich quasi im Einzelhandel für wichtige Lebensmittel.

Denkst du, Corona wird dein Business beeinflussen oder den Konsum verändern?
Die Finanzkrise habe ich auch schon miterlebt, da waren viele arbeitslos. Einige haben dann weniger Geld und kaufen nicht so viel, andere haben dann mehr Zeit und konsumieren mehr. Ich denke, es wird alles so bleiben wie immer. Wir auf dem Land können auch nach wie vor ziemlich entspannt das Haus verlassen und die Polizeipräsenz ist ebenfalls übersichtlich. Die Leute, die zu mir kommen, sind außerdem Langzeitkunden und wissen genau, was und wie viel sie wollen und brauchen. Daran wird Corona nichts ändern. Viel schlimmer ist Neujahr, weil da immer alle versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Das merkt man im Januar schon, deshalb ist da immer Dealer-Holiday-Time und wir ruhen uns aus. Aber das erwarte ich jetzt nicht bei Corona, weil Gras für viele wie Brot ist: ein Grundnahrungsmittel.

Cannabis auf einer Feinwage

Alex liefert in der Schweiz mit Kollegen größere Mengen Cannabis an Kleindealer

VICE: Merkt ihr durch die Corona-Krise eine Veränderung im Konsumverhalten und der Nachfrage bei Gras?
Alex: Wir verkaufen Großmengen und da merken wir kaum Unterschiede. Aber unsere Ticker erzählen schon, dass die Nachfrage gestiegen ist. Doch nicht in so einem Ausmaß, wie es in Amerika der Fall sein soll, wo die Nachfrage anscheinend sieben- oder achtmal so hoch ist. Was wir definitiv merken: dass kein Gras mehr aus Spanien kommt. Die Grenzen sind dicht. Aber wir hatten eh Probleme mit dem spanischen Zeug, weil du ein Kilo für 3.000 Franken (Anm. d. Red.: ca. 2.800 Euro) kaufen konntest und das hat unseren Growern hier in der Schweiz zu schaffen gemacht; denn das ist schon ein sehr günstiger Preis. Die Nachfrage hat sich also nicht großartig verändert. Aber weil nichts mehr aus dem Ausland kommt, merkt man schon, dass man selbst etwas mehr verkauft. Und Hasch! Hasch verkauft sich wie blöd momentan, weil Marokko gar nichts mehr exportiert.

Spielt ihr mit dem Gedanken, die Preise zu erhöhen, weil die Nachfrage ansteigt und ihr gleichzeitig so etwas wie eine Monopolstellung habt?
Nee, das wäre nicht fair. Alles bleibt von unserer Seite gleich, auch die Preise. Warum gierig werden? Man macht auch so genug Geld, ohne etwas anheben zu müssen.

In der Krise schießen sich Leute ja auf die unterschiedlichsten Produkte ein. Gehen bestimmte Sorten besonders gut weg?
Bei uns kannst du auch zwischen den Sorten auswählen, aber nie in der Dimension wie in Amerika oder Spanien – oder wo auch immer du nicht so aufpassen musst beim Growen. In Deutschland läuft Amnesia Haze megagut. Das läuft bei uns in der Schweiz nie so wirklich, weil es zu hart ballert. Wir können in der Schweiz auch mal spezielle Bestellungen machen und dem Grower sagen: "Hey, wir brauchen 15 Kilo Northern Lights oder 15 Kilo Orange Bud." Das geht, aber bei uns ist es nicht üblich, dass du kontinuierlich alle Sorten kaufen kannst, ist bei uns nicht üblich. Ansonsten sehen wir nur, dass die Ticker vermehrt was auf Kombi haben wollen – also später dafür zahlen –, einfach damit sie ausgerüstet sind, falls hier die Angst ausbricht. Aber auch da haben wir gesagt: Das ist für uns kein Problem.

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Wie sieht es bei euch mit der Logistik und den Vertriebswegen aus? Jetzt wo all die Notregelungen greifen?
Wie gesagt: Spanien und Marokko sind dicht – und gut , die Italiener kommen nicht mehr, die Niederländer kommen nicht mehr, das merken wir auch. Aber ansonsten ist hier in der Schweiz für uns alles top, weil die Polizei momentan andere Sorgen hat.

Die vermehrten Polizeikontrollen treffen euch also gar nicht so sehr?
Genau. Wir sind tendenziell gleich vorsichtig – das heißt: Transporte gehen nur im Feierabend- oder Morgenverkehr. Man passt sich einfach an. Aber das mit den Nachtfahrten und dem In-der-Nacht-leben ist eh Bullshit. Das funktioniert nie. Man muss das wirklich wie eine Firma aufziehen und mit dem Flow gehen. Darum merken wir nicht wirklich viel.

Wie sieht es bei euren Tickern aus? Besteht die Möglichkeit, dass sie sich zurückziehen und nichts mehr verkaufen, weil sie den Kundenkontakt scheuen?
Viele leben ja davon. Sie machen nichts anderes und können eigentlich gar nicht aufhören. Die meisten haben einen 40-Prozent-Job – pro forma sozusagen. Der läuft dann über einen Bekannten oder Freund, der eine Firma hat. Wir haben bei unseren legalen Jobs Kurzarbeit angemeldet. Das heißt, der Staat bezahlt uns die Löhne. Wir nehmen doppelt ein. Also uns spielt der Zustand sogar in die Hände.

Habt ihr Sorge, dass die Produktionskosten steigen könnten, weil in der Krise Dünger und ähnliche Produktionsmittel teurer werden oder ganz fehlen?
Wir produzieren selber und mit Kokoserde. Davon haben wir etliche Tonnen auf Lager. Das ist also kein Problem. Und die Stecklinge sind alles Klone, darum gehen auch die nie aus.

Jemand zählt Geldscheine

Gisela verkauft Cannabis in Wien

VICE: Ist die Nachfrage seit der Corona-Isolation gestiegen?
Gisela: Nein, die ist eigentlich gleich geblieben. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unsere Leute nicht zu der Gruppe gehören, die Hamstereinkäufe erledigen. Haben sie im Supermarkt nicht gemacht und bei uns auch nicht. Vielleicht kaufen bei uns ja die Gscheiteren ein.

Hat sich der Preis verändert?
Der ist kurzzeitig gestiegen, weil doch die Befürchtung da war, dass der Nachschub knapp werden könnte. Dann hat er sich aber sehr schnell wieder normalisiert.

Kaufen eure Kunden und Kundinnen auch was Anderes ein als Weed?
Was anderes können die Hurensöhne woanders kaufen, da sind wir sehr, sehr streng. Bei uns gibt es ausschließlich Weed.

Seid ihr besorgter, weil ihr trotz der Pandemie weiterhin viel Kontakt zu Menschen habt?
Eigentlich nicht. Unsere Leute halten Abstand, husten dir nicht ins Gesicht und wissen einfach, wie man sich in so einer Situation am besten verhält.

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Führt die Polizei mehr Kontrollen durch?
Ah ja, die Bullen. Die haben gerade Anderes im Kopf, deswegen habe ich eher das Gefühl, dass in der Hinsicht weniger passiert. Sie durchsuchen auch nicht mehr jeden, der in einer U-Bahnstation steht, kommt mir zumindest so vor.

Georg verkauft in Mecklenburg-Vorpommern "etwa 1 Kilo Gras im Monat und ein paar Teile"

VICE: Hat sich durch Corona irgendwas an deinen Verkäufen verändert?
Georg: Nicht wirklich, eigentlich ist alles wie immer. Teilweise kaufen die Leute Reserven, halt wie Klopapier, aber das sind nur 20 Prozent der Kundschaft. Der Rest ist tiefenentspannt. Ein paar Leute denken, sie dürfen bald nicht mehr raus und haben Angst, dann ohne was da zu sitzen. Aber zur Not kommt irgendwer bei denen vorbei. Es wird nunmal immer Stoff geben und die Leute werden irgendwie damit versorgt werden. Das Zeug läuft schon immer unter der Hand über geheime Transportwege. Wir sind eigentlich von Haus aus genau auf so eine Situation, wie wir sie jetzt gerade haben, ziemlich gut vorbereitet.

Denkst du, der Konsum wird sich durch Corona verändern?
Gar nichts ändert sich. Wenn keiner mehr raus darf, bleiben eben alle drin und feiern oder konsumieren da. Der Nachschub ist noch eine ganze Weile gesichert, alles safe. Die Leute können sich auf uns verlassen.

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