Die Autorin im Bett mit Messgerät
Fotos: Yasmin Nickel
Menschen

Ich habe versucht, morgens besser aus dem Bett zu kommen

Du hast Corona-Blues oder Frühjahrsmüdigkeit? Ich bin noch nie gut aus dem Bett gekommen. Jetzt habe ich mir Hilfe gesucht.
09 April 2020, 11:28am

Niemand kann behaupten, wirklich mit mir befreundet zu sein, der nicht schonmal:

a) von meinem durchs viele Snoozen scheinbar ewigen Weckerklingeln genervt war;

b) sich mein Genöle darüber anhören musste, dass ich morgens einfach nicht aufwache, obwohl ich das doch so gerne würde und mich überhaupt morgens am besten konzentrieren kann.

Es ist nicht so, dass ich nicht aufstehen will. Ich kann es nicht. Das Problem ist: Morgens, wenn alle Stunden des Tages so neu und rein vor mir liegen, da bin ich am produktivsten. Ich haue zehnseitige Essays runter, weiß endlich den perfekten Dreh für diesen Artikel. Oder sitze einfach glücklich mit meinem Kaffee im Sessel und weiß: Ich bin diesem Tag und mir und der Welt sowieso meilenweit voraus. Das Problem ist nur, dass ich diese Zeit so gut wie nie erlebe. Weil ich schlafe.


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Ich weiß, dass es Menschen gibt, die nicht gut einschlafen. Ich weiß, dass das viel schlimmer ist und ungesünder, als lange zu schlafen. Aber ich habe trotzdem so oft Menschen beneidet, die morgens direkt beim ersten Weckerklingeln wach sind. Deshalb starte ich ein Experiment: Kann ich das Aufwachen lernen?

Konditionierung: "You snooze, you loose"

Eine Seite, die "Mind Hack" heißt, empfiehlt, "den Wecker weit weg vom Bett zu stellen". Pah. Den kann ich halb schlafwandelnd locker zehnmal hintereinander ausmachen. "Lassen Sie die Vorhänge geöffnet", rät die Apotheken Umschau. Gott, sind die süß. "Verabreden Sie sich extra früh am Morgen." Jepp, been there, done that. Freundinnen können ein Lied davon singen, wie sie mich aus dem Café heraus angerufen haben und ich dann eine halbe Stunde später mit eben gerade noch so geputzten Zähnen und Bettfrisur angehetzt kam.

Ich lese mehr Artikel. "You snooze, you loose" heißen sie und rechnen mir vor, wie viele Stunden Lebenszeit ich schon verloren habe: bei einer Stunde Snoozen sind das im Jahr 365 Stunden, das macht neun 40-Stunden-Arbeitswochen! Ich lande auf dem Blog von Steve Pavlina. Der behauptet, mit Willenskraft allein würde es eben einfach nicht funktionieren. Ich fühle mich abgeholt: Ich glaube, niemand will morgens so gerne früh aufstehen wie ich – aber ich schaffe es trotzdem nicht.

Pavlinas Worte klingen einfach zu toll, um nicht wahr zu sein. Er schreibt:

"When my alarm goes off every morning, I turn it off, stretch for a couple seconds, and sit up. I don’t think about it. [...] Even if I want to sleep in, I always get up right away."

Das will ich auch. Steves Rezept lautet: Konditionierung, Pavlinasche Konditionierung quasi. Und das geht so: Ich soll mich tagsüber ins Bett legen, so wie ich das nachts auch tun würde: Zähne putzen, Schlafanzug an, Vorhänge und Augen zu. Ein Wecker klingelt nach zehn Minuten, und dann folgt der Ablauf, den ich verinnerlichen soll: Sobald er klingelt, schalte ich ihn aus, strecke mich und setze mich auf. Dann Aufstehen. Und das mehrmals nacheinander. Gewohnheit siegt über Willenskraft.

Sich selbst zu konditionieren, fühlt sich bescheuert an. Ich probiere es trotzdem. An diesem Abend stelle ich meinen Wecker auf 6:30 Uhr. Und – es ist ein Wunder: Ich stehe auf. An Tag zwei gehe ich sogar morgens Laufen. Am Abend von Tag zwei stelle ich wieder meinen Wecker, male mir aus, was ich am nächsten Morgen alles machen möchte, und weiß, und das ist das wirklich Schöne: Ich werde. Genau. Das. Machen. Weil ich jetzt aufstehen kann.

Doch an Tag drei wache ich nicht vom Wecker auf, sondern weil mein Freund im Wohnzimmer hantiert.

"Wie spät ist es?", rufe ich ihm zu.

"Halb acht, glaube ich", sagt er.

HALB ACHT?! Ich bin fuchsteufelswild.

"HAST DU MEINEN WECKER AUSGEMACHT?"

Ja, hat er. Und das war's dann auch mit mir und der Konditionierung. Es hat funktioniert – zwei Tage lang.

Eine App, die meinen Schlaf überwacht

Weil ich nicht die einzige bin, die sich selbst und ihre Lebenszeit optimieren will, machen mittlerweile viele Firmen viel Geld damit. Schlaf-Apps wollen den eigenen Schlafrhythmus erkennen und einen erst dann wecken, wenn man in einer leichten Schlafphase steckt.

Ich stelle also ein Zeitfenster ein, in dem ich geweckt werden möchte. Die App fängt an, Tonwellen anzuzeigen – so will sie meine Schlafzyklen messen: anhand der Geräusche, die ich nachts mache. Ich glaube nicht, dass das funktioniert, und fühle mich jetzt schon unangenehm überwacht. Ich bin alles andere als gut darin, meine Daten zu schützen, aber wenn mir eine App direkt anzeigt, dass sie meine Geräusche misst und auswertet, macht sogar mich das nachdenklich.

Am nächsten Morgen wecken mich zarte Töne der App. Vielleicht nur, weil das so ungewohnt leise und sanft klingt, höre ich sie überhaupt. Aber wach bin ich nicht. Die App zeigt mir an, wie oft ich gesnoozt habe: 13 Mal. Weil mir das heute wie eine verhältnismäßig eher kleine Snoozing-Aktion vorkam, wird mir klar, wie oft ich vermutlich sonst den Wecker weiter stelle.

Weder traue ich der App zu, meine Schlafzyklen korrekt zu messen, noch will ich ihr meine nächtlichen Schlafgeräusch-Daten überlassen. Seien sie noch so langweilig. Kein Erfolg.

Der Experte und das Messgerät

Es wird Zeit für eine professionelle Beratung. Ingo Fietze ist Schlafmediziner an der Charité in Berlin. Ich rufe ihn an.

"Ich wache morgens einfach nicht auf", sage ich.

"Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf", fragt Professor Fietze.

"26."

"Gut, das ist eine Grauzone", sagt Professor Fietze. "Zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr darf man zwischen 8 und 9 Stunden schlafen. Alles andere ist pathologisch."

Ich schlucke. Pathologisch. Auf zehn Stunden komme ich oft locker.

"Das liegt in den Genen", sagt Ingo Fietze. Und mit dem nächsten Satz raubt er mir alle meine Hoffnungen: "Sie können aus einer Eule eine Lerche machen, also aus einem Spät-ins-Bett-Geher einen Frühaufsteher. Aber sie können niemals aus einem Langschläfer einen Kurzschläfer machen oder umgekehrt." Das sitzt.

Schlafmediziner Fietze bietet zwei Optionen. Man müsse meinen Schlaf messen. Ein Gerät für die Heimmessung kann ich mir bei ihm abholen. Und ich soll mir eine medizinische Lampe besorgen, eine mit 10.000 Lux. "Das ist wie ein Eimer Wasser, nur eleganter", sagt er. "Helles, weißes Licht. Wenn sie es schaffen, das morgens anzumachen und die Augen aufzulassen, dann müssten Sie eigentlich wach sein." Ich habe wieder Hoffnung.

Mit dem umgeschnallten Messgerät sehe ich aus wie eine Mischung aus einer Selbstmordattentäterin und einer Kranken auf der Intensivstation. Ersteres, weil auf meiner Brust ein handtellergroßes Gerät blinkend die Messzeit anzeigt. Letzteres, weil ich mir einen Schlauch in die Nase schieben muss, der den Sauerstoffgehalt meines Atems misst.

Ich kann nicht gut einschlafen und ich werde früh wach, weil der Schlauch verrutscht ist. Zumindest an diesem Tag kann ich also gut aufstehen, aber ausgeruht bin ich nicht.

Die Ergebnisse zeigen: nichts. "Keine Auffälligkeiten", erklärt mir die freundliche Dame, bei der ich das Gerät abgebe und die meine Werte ausliest. Man müsste nun meine Hirnströme messen, um meine Schlafzyklen zu prüfen. Weil ich aber keine Privatpatientin bin, könne man mir das leider nicht anbieten.

Die Lampe: Die Idee einer Erleuchtung

Ich stelle das runde, gar nicht mal so hässliche medizinische Lampending auf meinen Nachttisch und stöpsel es ein. Bis morgen, sage ich, und streichle der Lampe zärtlich über die Plastikoberfläche. Bitte weck mich.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker. Ich snooze mittlerweile tatsächlich seltener als vorher und ich bin manchmal sogar schon vor dem Klingeln wach. Woher das kommt, da bin ich mir absolut nicht sicher. Auf eine Art scheint mein Körper mitbekommen zu haben, dass er das morgendliche Einfach-nicht-aufwachen-können zumindest ein bisschen reduzieren muss. Aber die Lampe anzumachen, dazu kann ich mich einfach nicht aufraffen. Grelles Licht, direkt morgens, direkt in die Augen?! No way. Das Problem ist ja, dass ich diese Lampe erst einmal einschalten muss. Und dazu reicht meine Willenskraft einfach nicht. Versuch gescheitert.

Eine Utopie: So viel schlafen, wie ich will

Eine Kollegin erzählt mir von einer Freundin, die zum Thema Schlaf forscht, und gibt mir ihre Telefonnummer. Sie heißt Lisa Steinmetz, ist Schlafforscherin und lebt in Freiburg. Ich frage sie, wann sie morgens aufsteht und wie gut sie aus dem Bett kommt. Was sie sagt, ändert meine Perspektive komplett: "Ich schlafe eigentlich jeden Tag aus." Könnte ich hier das Emoji einfügen, dessen Hirn explodiert, ich würde es tun. Jeden Tag ausschlafen?! "Wir forschen ja zum Schlaf und deshalb wissen alle an meiner Arbeit, wie wichtig der ist. Wenn ich morgens aufwache und merke, ich bin noch müde, dann schlafe ich weiter."

Klar kann ich das nicht jedem Chefredakteur erklären – sorry, hab's nicht zu Konferenz geschafft, anscheinend brauchte ich mehr Schlaf. Aber ich könnte tatsächlich zu einem Arzt gehen und ausschließen, dass eine Krankheit zu meinem hohen Schlafbedürfnis führt. Ich könnte meine Schlafzyklen analysieren. Oder es geht mir einfach gut. Ich brauche nur mehr Schlaf als andere. Wie Professor Fietze sagte: Man kann aus einer Eule eine Lerche machen. Aber man kann nicht aus einer Langschläferin eine Kurzschläferin machen.

Ich bin ganz sicher einer dieser unangenehmen Menschen, die alles immer noch besser machen wollen. Vielleicht ist mein Schlafbedürfnis einfach ein in mir eingebautes Stoppschild, das gegen diese Optimierungswut revoltiert. "Ich weiche nicht", sagt mir mein Schlaf, und weil er so eine große Macht hat über mein Wohlbefinden, muss ich mich ihm fügen. Ich habe versucht, morgens früher aufzustehen. Und habe gelernt: Schlaf gewinnt gegen Selbstoptimierung. Und das zu verstehen und die einfache Tatsache, dass das viel schöner ist, als immer noch immer mehr zu wollen, ist unglaublich schön und befreiend.

Nach den Experimenten weiß ich: Wenn ich morgens früh aufstehen will, dann muss ich schlicht früher ins Bett gehen.

Und das tue ich an diesem Abend auch. So früh, dass ich diese fiesen neun Stunden schlafen kann, die ich offenbar brauche. Als der Wecker klingelt, hüpfe ich nicht sofort aus dem Bett. Ich möchte gerne noch ein bisschen im Warmen liegen. Aber das Unmögliche ist passiert: Ich bin WACH. Es ist sechs Uhr früh und ich muss nicht durch den Nebel tapern, der normalerweise morgens in meinem Kopf herrscht. Ich bin da.

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