Tech

Darum musst du keine Angst vor der Corona-App haben

Noch im April befürchteten Experten, die Bundesregierung würde eine Datenkrake auf unsere Smartphones installieren – ab Dienstag ist die App erhältlich. Wir beantworten hier die wichtigsten Fragen.
15 Juni 2020, 2:08pm
​Menschen sitzen in einer Bar, davor hält jemand ein Smartphone mit der Corona-Warn-App. Die App wurde von Datenschützern kritisiert, gilt aber jetzt als sicher.
Symbolfoto: Hand mit Telefon: imago images | Arnulf Hettric || Bar: imago images || Eckhard Stengel | Collage: VICE

Die deutsche Angewohnheit, allen Veränderungen zuerst mit Skepsis zu begegnen ist berühmt. So sehr, dass es dafür einen international gebräuchlichen Begriff gibt: German Angst. Zu Beginn der Corona-Pandemie ließ sich ihr Ausmaß an der Leere von Supermarktregalen messen. Und in den letzten Wochen an der vielfachen Kritik an der geplanten Corona-Warn-App, mit der Infektionsketten nachvollzogen werden sollen. Nicht ganz zu Unrecht: Datenschützerinnen befürchteten eine Daten hamsternde Tracking-App. Doch dann wurde vieles nachgebessert. Die App, wie sie ab Dienstag, den 16. Juni erhältlich ist, gibt deshalb wenig Anlass zu Kritik. Wir haben hier die wichtigsten Fragen zur kostenlosen App beantwortet, die die Verbreitung von Covid-19 eindämmen soll.


Auch bei VICE: Gefangen auf einem Musikfestival wegen Covid-19


Wie funktioniert die App?

Die Corona-Warn-App tauscht über Bluetooth alle paar Minuten anonyme Codes mit anderen Smartphones in der Umgebung aus – egal ob du im Stadtbus sitzt oder mit Freunden im Park. Dabei registriert die App alle Geräte, die dir für mindestens 15 Minuten näher als zwei Meter gekommen sind. Unterhalb dieses Zeitraums sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung stark. Wird jemand positiv auf Covid-19 getestet, kann er diese Info in der App freigeben. Alle Kontaktpersonen innerhalb des Radius werden dann per Push-Nachricht informiert, dass sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben und aufgefordert, sich testen zu lassen. Das soll dabei helfen, die Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Außerdem teilt die App mit, an welchem Tag der Kontakt stattfand und sie übermittelt einen Risikowert. Dessen Höhe hängt vom Krankheitsverlauf des Infizierten ab, von der Entfernung zwischen infizierter Person und Kontaktperson, von der Dauer des Kontakts und wie lange dieser zurückliegt.

Können mich Behörden mit der Corona-Warn-App überwachen?

Nein. Die deutsche Corona-App setzt auf Tracing statt Tracking. Das ist ein wichtiger Unterschied. Tracking-Apps wie Google Maps oder auch manche Corona-Apps in anderen Ländern erstellen Bewegungsprofile aus Standortdaten, Tracing-Apps tun das nicht. Sie registrieren lediglich, dass es einen Kontakt gab, aber speichern weder persönliche Daten, noch den Standort, an dem die App benutzt wurde.

Wer kann meine Daten einsehen?

Datenschutzexperten kritisierten Ende April den Plan der Bundesregierung, Daten aus der Corona-App zentral zu speichern. Denn dann bestünde immer die Gefahr, dass staatliche Stellen die Informationen zweckentfremden oder sich Kriminelle Zugriff darauf verschaffen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, ein Verfechter dieser Variante, lenkte kurz darauf ein. Jetzt liegen alle Daten dezentral auf den Nutzerhandys. Weder Entwickler noch Betreiber können sie einsehen. Und selbst wenn sie das könnten, wäre der Informationsgehalt begrenzt. Die App generiert per Zufallsprinzip Identifikationsnummern und ändert diese regelmäßig. Wenn ein Mensch in der Nähe eines infizierten Nutzers war, schickt die App beide IDs an einen zentralen Server. Von dort aus aus werden die App-Nutzer informiert, die sich testen lassen sollten. Alle Kontakt-IDs, die älter als zwei Wochen sind, werden automatisch von der App gelöscht.

Dass Datenschutzexpertinnen der App am Ende grünes Licht gaben, hat auch damit zu tun, dass die Entwickler transparent arbeiteten. Auf der Programmierplattform GitHub kann man den gesamten Code der App öffentlich einsehen – und Hintertüren hat bislang niemand der vielen Expertinnen darin gefunden. Der Open-Source-Ansatz hat die App sogar schneller verbessert: Bis Ende Mai gab es dort 260 behobene Meldungen (Issues) und 285 Verbesserungsvorschläge (Pull requests).

Muss ich die App installieren?

Nein. Laut Bundesregierung besteht keine Pflicht, die App zu installieren. User dazu zu zwingen, wäre auch sinnlos, schließlich besitzt nicht jeder ein Smartphone. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber warnte Unternehmen außerdem davor, die App als Druckmittel einzusetzen – denn das wäre Diskriminierung. Betreiber von öffentlichen Verkehrsmitteln sollten erst gar nicht versuchen, nur noch Passagiere mitzunehmen, die die App installiert haben. Außerdem wird das Gesundheitsamt weiterhin bei Infizierten nachfragen, mit welchen Personen sie Kontakt hatten, um diese dann zu informieren. Ganz analog, auch ohne dass sie die App installiert haben.

Was kostet die App?

Die App ist ab Dienstag im App-Store und im Google Play-Store zum freien Download verfügbar. Sie kostet also nichts – außer Steuergelder. Rund 20 Millionen Euro soll die Entwicklung der App gekostet haben. Das Softwareunternehmen SAP hat sie gemeinsam mit der Deutschen Telekom entwickelt. Außerdem beteiligten sich das Helmholtz-, Fraunhofer- und Robert-Koch-Institut von wissenschaftlicher Seite am. Pro Monat kommen dann noch 2,5 bis 3,5 Millionen Euro Betriebskosten dazu.

Gibts trotzdem noch Kritik an der Corona-Warn-App?

Ja. Anke Domscheit-Berg, netzpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, kritisierte, dass zum Release der App kein passendes Gesetz verabschiedet wurde. Denn erst wenn auch wirklich ein Gesetz verbietet, dass Unternehmen die App als Druckmittel verwenden, könnten sich Nutzer auch wirklich darauf verlassen, nicht diskriminiert zu werden, sagte Domscheit-Berg im ZDF. Außerdem kritisierte sie das System, mit dem sich Infizierte über die App melden müssen. Um zu verhindern, dass Trolle sich als Infizierte ausgeben, muss man sich über eine Hotline melden und dort einige Testfragen beantworten. Domscheit-Berg sieht das kritisch, weil dann zumindest die Person am anderen Ende der Hotline die Handynummer des Patienten kennt. Nach dem Gespräch erhält man eine Tan aufs Handy, mit der man sich in der App als infiziert melden kann.

Wie viele Menschen müssen die App installieren, damit das alles klappt?

Um die 60 Prozent der Bevölkerung, also etwa 50 Millionen Menschen, müssten die App benutzen, um die Epidemie zu stoppen, schätzt eine Studie der Uni Oxford. Wenn man davon ausgeht, dass viele Menschen gar kein oder kein kompatibles Smartphone besitzen und selbst populäre Apps wie Instagram auch Jahre nach ihrer Veröffentlichung nicht installieren, wird es schwierig werden, diese ideale Quote zu erreichen. Aber selbst wenn nur 50 Prozent der Bevölkerung die App nutzen, kann das helfen, das Virus einzudämmen. Deshalb gilt: Je mehr Menschen die App installieren, desto besser funktioniert sie.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Anzeige