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„Sie leiden ihr Leben lang”: die Elefantenretterin von Thailand

Elefanten sind in Thailand eine echte Touristenattraktion. Doch um den Willen der wilden Tiere zu brechen, werden sie jahrelang gequält. Sangduen „Lek" Chailert ist die Gründerin des Elephant Nature Park und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die...

von Pip Usher
06 Mai 2016, 7:29am

Photo courtesy of Elephant Nature Park

Sobald die Gründerin des Elephant Nature Park den Fuß in die Auffangstation setzt, fangen 20 ehemalige Straßenhunde umgehend an zu jaulen. Sie schüttelt amüsiert den Kopf. Nachdem sie sich 20 Jahre lang um die Tiere in ihrer Auffangstation gekümmert hat, ist es Sangduen „Lek" Chailert gewohnt, dass sie Tiere in allen Größen und Formen um sich herum hat, die um ihre Aufmerksamkeit wetteifern. Aber ein Rudel Hunde, die nacheinander schnappen, ist nichts im Vergleich zu 70 Elefanten, die sich, wenn sie sie ruft, donnernd in Bewegung setzen.

Foto: Elephant Nature Park

„Wenn ich auf das Feld komme, rufe ich sie normalerweise und alle Elefanten kommen und ‚umarmen' mich", sagt sie. Auf ihrem T-Shirt steht groß: „Der Teufel trägt Elfenbein." Henrik Enevoldsen, ein langjähriger Unterstützer des Elephant Natur Park, beschreibt das Verhältnis zwischen Lek und den Tieren so: „Wenn sie mit den Elefanten spricht, lassen sie sie nicht wieder gehen. Sie wollen ständig in ihrer Nähe sein. Oft können wir gar nicht mit Lek auf das Feld gehen, wenn wir zu Besuch sind, weil sonst alle Elefanten auf einmal zu ihr kommen."

Foto: Elephant Nature Park

Seit zwanzig Jahre ist diese kleine Frau die Stimme des größten Tieres Thailands. 1996 hat Lek den Elephant Nature Park gegründet. Heute erstreckt sich der Park im Norden Thailands über mehr als einen Quadratkilometer. Seit es die Auffangstation gibt, versucht Lek sowohl die lokale Bevölkerung als auch Thailands boomende Touristenindustrie über die Not der asiatischen Elefanten aufzuklären. Die Intention hinter dem Park ist schnell umschrieben: Er soll notleidenden Elefanten, die von Menschen gequält oder schlecht behandelt wurden, Zuflucht bieten. Das heißt: keine Elefantenhaken, keine Ketten, keine Sattel und ausreichend Platz, damit sie sich frei bewegen können. Die meisten ihrer Elefanten verbringen hier ihren Lebensabend und haben dort ersten Mal die Möglichkeit, ein artgerechtes Leben zu führen.

Fotos: Pip Usher

Genau wie die zahlreichen Besucher des Elephant Nature Park war auch Lek schon immer von den „sanften Riesen" fasziniert. Aufgewachsen ist Lek in einem Bergdorf im Norden Thailands. Dass Elefanten leiden, hat sie als Teenager zum ersten Mal erfahren. Damals hat sie eine Gruppe von Missionaren auf ihrer Reise in den Dschungel begleitet hat, um Elefanten zu beobachten, die dort von der Holzindustrie als Arbeitstiere missbraucht wurden.

„Ich habe einen verletzten Elefantenbullen gesehen, der immer weiter zur Arbeit angetrieben wurde", erinnert sie sich. „Er fing an zu schreien. Ich habe den Besitzer gefragt, ob sich der Elefant ausruhen könnte und er meinte, dafür hätten sie keine Zeit. Erst wenn sie sterben, müssen sie nicht mehr arbeiten."

Sie fährt sich mit der Hand durch das Gesicht. Man sieht ihr an, dass ihr die Erinnerung an dieses Erlebnis immer noch nahegeht. Ihre Stimme klingt belegt: „Als sie ihn geschlagen haben, damit er weiter arbeitet, habe ich gesehen, wie wütend und traurig der Elefant war", sagt sie. „Er schrie. Es war unglaublich. Das ging mir sehr nahe. Das werde ich niemals vergessen."

Fotos: Elephant Nature Park

In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Elefantenpopulation in Gefangenschaft lebt, handelt es sich bei solchen Vorfällen leider um keinen tragischen Einzelfall. Eigentlich sind die besagten Holzfällercamps seit 1989 in Thailand verboten, trotzdem werden einige von ihnen auch heute noch rechtswidrig betrieben. Die Elefanten werden dazu gezwungen, die gefällten Bäume aus dem Dickicht des Dschungels abzutransportieren und durchleiden während ihrer Arbeit Tag für Tag körperliche wie auch psychische Qualen. Viele von ihnen werden brutal geschlagen, ausgehungert oder von Landminen entlang der Grenze zwischen Thailand und Burma verstümmelt. Die Schließung der Holzfällercamps hat ihre Leiden jedoch nicht beendet, sondern hat nur zu neuen Problemen geführt. Ihre Besitzer, die die täglichen Kosten für 180-270 Kilo Futter für ihre Elefanten zu tragen haben, waren gezwungen, eine neue Beschäftigung für die Tiere zu finden. Infolgedessen gibt es in Thailand immer mehr Elefanten, die ausgefallene Tricks vorführen, Touristen auf ihrem Rücken herumtragen oder durch Bangkok geführt werden, um nach Geld zu betteln.

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Touristen sind sich meistens gar nicht bewusst, welchen Schaden ihr Geld anrichtet. Es ist natürlich unterhaltsam, einem Elefant dabei zuzusehen, wie er mit seinem Rüssel Wasserfarben malt oder wie Dumbo im Zirkus auftritt, aber all diese Kunststücke sind das Resultat jahrelanger Folter. Jeder domestizierte Elefant durchläuft ein Ritual namens Phajaan, bei dem der Wille des Tiers gebrochen werden soll. Dieses Ritual existiert in Asien bereits seit mehreren hundert Jahren.

Meist werden die Kälber schon früh von ihren Müttern getrennt. Oft kommt es vor, dass bei diesem Vorgang 4-5 Mitglieder einer Herde getötet werden. Die Babyelefanten werden anschließend in hölzernen Käfigen festgebunden. Im Laufe der darauffolgenden Woche werden sie wiederholt mit Elefantenhaken und Metallstangen geschlagen, ausgehungert, verbrannt, vom Schlafen abgehalten und so mit Seilen fixiert, dass ihre Gliedmaßen auseinander gehalten werden. Irgendwann, wenn sie dem Tode nahe sind, ist ihr Wille gebrochen. Erst dann bringt der Mahout (die Person, die mit dem Elefanten arbeitet) dem Tier die erste Futterration—und so beginnt die Beziehung zwischen einem Menschen und einem Tier, die von Anfang an durch körperlichen Missbrauch und mentale Folter geprägt ist. Immer wieder rasten Elefanten aus—erst vor kurzem wurde ein britischer Tourist von einem Elefanten auf einer Wandertour zu Tode getrampelt.

Fotos: Pip Usher

Wenn die Tiere im Elephant Nature Park ankommen, sind die meisten nur ein Schatten ihrer selbst. „85 Prozent der Elefanten haben bei ihrer Ankunft psychische Probleme", sagt Lek. „Einige von ihnen starren vor sich hin wie Zombies. Sie sind traumatisiert von der Arbeit, behindert, verletzt, blind und lahm, aber das Schlimmste sind die psychischen Qualen. Viele von ihnen bleiben komplett apathisch stehen. Einige drehen sich ständig um sich selbst. Sie schreien und laufen weg, wenn sie andere Elefanten sehen. Ihr Verstand ist vollkommen hinüber."

Kuba, eine schwerfällige Riesin, die die Touristengruppen geduldig bespaßt—in der Hoffnung, dass sie von ihnen Wassermelonen bekommt—, ist auch ein solcher Fall. Sie wurde aus der thailändischen Holzindustrie gerettet. Eines ihrer Beine ist komplett hinüber. Was aber noch schlimmer ist, ist dass sie seit ihrer Ankunft in der Auffangstation keinen Anschluss zu anderen Elefanten gefunden hat. Vielleicht wird sie es überhaupt nicht mehr schaffen, sich in eine Herde zu integrieren.

„Sie leiden ihr Leben lang", sagt Lek. „Sie sind groß, aber unter der Hand des Menschen, müssen sie leiden. Wir behandeln sie wie Sklaven."

Lek ist eine Aktivistin mit Leib und Seele, die bereits alle möglichen Unternehmen geführt hat—vom Wäschereigeschäft bis hin zum Reiseunternehmen. Mit dem Elephant Nature Park hat sie den Weg für ein ganz neues Geschäftsmodell geebnet. Sie befriedigt die Neugier der Touristen für Elefanten und bietet den Besuchern des Parks die Möglichkeit, die Bewohner der Auffangstation in einer sicheren und ethisch vertretbaren Umgebung zu füttern und zu baden. Angeboten werden unter anderem Tagestouren, Übernachtungen und einwöchige Aufenthalte für freiwillige Helfer. Alle Einnahmen durch die Besucher fließen zurück in die Finanzierung des Parks. „Wenn ich Reis anbauen möchte, kann ich auch nicht auf den Regen warten. Dasselbe gilt für die Pflege der Elefanten", sagt Lek. „Ich kann nicht auf Spenden warten. Ich brauche Geld, um das Unternehmen zu finanzieren."

Sie lässt ihren Blick über das Feld streifen und entdeckt eine ruhig vor sich hin wankende 77-jährige Elefantendame. Vor zwei Jahren wurde das Tier gerettet. Jetzt wird sie ihre letzten Jahre damit verbringen, durch die Parklandschaft der Auffangstation zu trotten—ohne Ketten und ohne Angst vor Gewalt. „Sie sieht mittlerweile so unglaublich schön aus", sagt Lek. „Ich bin stolz auf sie."